4.76 Bewusstsein und Vorstellungsverlanf.
gleicher Ordnung wie die bei der automatischen Mitbewegung beobachte- ten sind, was indirect den Schluss auf den automatischen Charakter der ver- kürzten Reactionsformen bestätigt.
Einen von dem DoNDERs'schen sowie von dem obigen abweichenden Weg zur Bestimmung der Erkennungs- und Wahlzeiten schlugen Tigerstedt und Bergqvist ein1. Indem sie sich der Auffassung anschlössen, dass bei der ^-Methode von Donders noch ein Wahlact vorhanden sei, modificir- ten sie die letztere in der Weise, dass sie in einer Anzahl von Versuchen nur auf einen einfachen Lichtreiz, in einer andern auf zusammengesetzte Eindrücke nach der ^-Methode reagirten; der Unterschied entsprach dann voraussichtlich der Apperceptionszeit des zusammengesetzten Objects im Ver- hältniss zum einfachen Eindruck. (Modificirte ^-Methode.) In einer andern Versuchsreihe veränderten sie die oben beschriebene Unterscheidungsmethode (^/-Methode) dahin, dass unregelmäßig wechselnd eine weiße Fläche und 1- 3 stellige Zahlen dargeboten wurden; die Differenz sollte dann wieder einer Unterscheidungszeit entsprechen. (Modificirte */- Methode.) Doch gab das Verfahren in beiden Fällen keine merklichen Unterscheidungszeiten, offenbar weil bei der Reaction auf eine weiße Fläche, wenn diese unregelmäßig mit einer schwarzen wechselt, bereits ein Unterscheidungsact, nämlich der zwi- schen Schwarz und Weiß, stattfindet, zwischen dem und der Auffassung von Zahlen erst dann merkliche Differenzen eintreten, wenn die Zahlen gelesen werden sollen, was in diesen Versuchen nicht der Fall war. Uebrigens haben Tigerstedt und Bergqvist das Verdienst, dass sie zuerst die Forderung der Tagesbeleuchtung bei den Reactionsversuchen auf optische Eindrücke geltend machten, während viele der älteren Beobachtungen im Dunkeln ausgeführt und daher durch die Netzhautadaptation ungünstig beeinflusst waren. (Vgl. Bd. 2, S. 171 ff., und oben S. 400 f.)
3. Verlauf reproducirter Vorstellungen.
a. Allgemeine Eigenschaften reproducirter Vorstellungen, Die reproducirten Vorstellungen oder Erinnerungsbilder, wie sie auch mit einer alle Sinnesgebiete umfassenden Erweiterung des Begriffs »Bild« genannt werden, sind begreiflicher Weise einer exacten Untersuchung ihrer Eigenschaften viel schwerer zugänglich als ihre »Urbilder«, die di- recten Sinnes Vorstellungen. Diese lassen sich zwar wegen der fortwäh- renden Veränderungen der Aufmerksamkeit und des Bewusstseinsinhaltes ebenfalls nicht in irgendwie constanter Beschaffenheit festhalten, sondern sie wechseln, wie alles psychische Geschehen, von Moment zu Moment. Aber indem sich bei ihnen wenigstens die äußeren Bedingungen ihrer Entstehung fixiren oder nach Willkür verändern lassen, sind sie immer- hin, eben mittelst solcher Variationen, einer Untersuchung weit zugäng- 1 Tigerstedt und Bergqvist, Zeitschr. f. Biologie, Bd. 19, S. 5 ff.
Verlauf reproducirter Vorstellungen. 477 licher. Bei den Erinnerungsvorstellungen scheint zunächst jedes Hülfs- mittel zu fehlen, sie irgendwie in der Beobachtung festzuhalten. Sie gehen und kommen meist ohne unser Wissen und Wollen. In dem Augenblick, wo sich die Selbstbeobachtung ihrer bemächtigen will, sind sie bereits entschwunden und durch andere verdrängt worden. Da ist es denn kein Wunder, dass schon über die fundamentalste Frage, über die nach den wesentlichen und charakteristischen Unterschieden der reproducirten und der directen Vorstellungen, sehr unsichere und unzulängliche Meinungen selbst unter den Psychologen verbreitet sind. Die gewöhnliche Art, in der man sich mit dieser Frage abfindet, ist die, dass man die directen Sinnesvorstellungen für die starken, die reproducirten für die schwachen erklärt. Je nachdem eine Vorstellung stark oder schwach ist, sollen wir also darüber entscheiden, ob sie der wirklichen Welt oder bloß unserer Erinnerungswelt angehöre. Im übrigen aber, ihrer Qualität und Zusammen- setzung nach, sollen Sinneswahrnehmungen und Erinnerungsbilder im wesentlichen identisch sein; denn es ist die herrschende Meinung, dass das Wort »Reproduction« auf die Vorstellungen angewandt im wörtlichsten Sinne zu nehmen sei. Die Vorstellungen gelten danach selbst als Objecte, die in das Bewusstsein ein- und wieder aus ihm austreten, und die sich im allgemeinen ebenso viel oder so wenig wie die äußeren Gegenstände, auf die sie sich beziehen, verändern. Sie sollen so zu sagen Doubletten der wirklichen Dinge sein, die durch ihre Ablagerung in der Seele ihre Frische verlieren, auch allmählich ganz in Verlust gerathen mögen, aber, so lange sie da sind, einen wohl assortirten Vorrath bilden, aus dem ab und zu ein altes, abgeblasstes Exemplar aus Anlass irgend eines neuen Eindrucks zum Vorschein komme. Man sollte denken, dass sich eine Vorstellungs- weise, die im übrigen so weit von einander abweichende Psychologen wie Herbart und Herbert Spencer für eine ausgemachte Thatsache ausgeben, wenigstens durch eine gewisse Uebereinstimmung mit den That- sachen rechtfertigen lasse1. Gleichwohl wird niemand, der sich irgend einen Verlauf reiner Erinnerungsbilder unbefangen vergegenwärtigt, diese 1 Herbert Spencer baut in seiner gewohnten Vermengung von Psychologie, Er- kenntnisstheorie und Metaphysik auf diesen einen Unterschied des »starken« und des »schwachen Aggregates« die weittragendsten, namentlich erkenntnisstheoretischen Folge- rungen. Unter den von ihm weiter aufgezählten, im übrigen nur auf den äußeren Zu- sammenhang der Vorstellungen, nicht auf diese selbst sich beziehenden Unterschieds- merkmalen sei hier nur dies hervorgehoben, dass die reproducirten Zustände durch den Willen verändert werden könnten, die directen aber nicht, ein Gedanke, dem man auch sonst wohl in psychologischen Erörterungen begegnet, der aber gleichwohl falsch ist, wie dies die Beeinflussung der directen Sinneserregungen durch willkürliche Aufmerksamkeits- vorgänge, nicht minder aber der Zwang, mit dem die Reproductionen jeder willkürlichen Veränderung widerstehen können, schlagend beweist. (Herbert Spencer, Psychologie, deutsch von B. Vetter, Bd. 2, S. 467 ff.)
478 Bewusstsein und Vorstelkmgsverlauf.
Behauptungen bestätigen können. Von sehr viel geringerer Intensität als die directen Sinnesempfindungen sind allerdings in der Regel die Er- innerungsbilder, obgleich gerade dieses Merkmal, wie wir sogleich sehen werden, keineswegs immer zutrifft. Was aber diese Gebilde vor allem kennzeichnet, das ist nicht dies, sondern die fortwährend wechselnde und meist fragmentarische Beschaffenheit der Vorstellungsgebilde. So kommt es denn auch, dass diese den vorangehenden directen Sinnes- wahrnehmungen, auf die sie etwa von uns bezogen werden, niemals gleich und in sehr vielen Fällen kaum ähnlich sind. Man kann sich von dieser Eigenschaft besonders deutlich gerade in solchen Fällen über- zeugen, wo das conventioneil angenommene Merkmal der geringeren Empfindungsintensität gelegentlich einmal nicht zutrifft. Dies ist nament- lich bei Gesichtsvorstellungen der Fall, die man im Dunkeln willkürlich zu erzeugen sucht. Einer der treuesten Beobachter dieser subjectiven Lichtphänomene, Goethe, schildert sie folgendermaßen: »Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schloss und mit niedergesenktem Haupt mir eine Blume dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie legte sich aus einander, und aus ihrem Innern ent- falteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen Blättern; es waren keine natürlichen Blumen, sondern phantastische, jedoch regel- mäßig wie die Rosetten der Bildhauer. Es war unmöglich, die hervor- quellende Schöpfung zu fixiren, hingegen dauerte sie so lange als mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte sich nicht« u. s. w.1. Ich finde diese Schilderung in eigenen Beobachtungen durchaus bestätigt, nur dass mir statt Blumen und Rosetten besonders leicht Gesichter, meist mit leb- haftem Farbeneindruck, erscheinen, die aber ebenfalls keinen Moment stille halten, sondern fortwährend wechseln, frazzenhafte Formen annehmen und selten nur irgend einem der mir geläufigen Gesichter ähnlich sehen. Wahrscheinlich ist es der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes, der das Auftauchen dieser Phänomene im Dunkeln begünstigt, ja hier allein mit einiger Lebhaftigkeit möglich macht, so dass es also auch in diesem Fall irgend eine, wenngleich noch so schwache directe Sinneserregung ist, an die sich das Phänomen anschließt. Das Verhalten, wie es an der obigen Stelle Goethe schildert, ist jedoch nicht ganz das unserer gewöhnlichen Erinnerungsbilder: es weicht darin ab, dass man ein bestimm- tes Bild willkürlich unter Bedingungen, die eine besondere Intensität der Empfindung begünstigen, festzuhalten sucht. Hier hat dann der Wille zwar nicht die ihm manchmal zugeschriebene Wirkung, dass eine 1 Goethe, Das Sehen in subjectiver Hinsicht (Besprechung der gleichnamigen Schrift Purkinjes, 1819), Goethes Werke, Weimarer Ausg., 2. Abth. Bd. 11, S. 282.
Verlauf reproducirter Vorstellungen. 47Q beliebige Vorstellung dauernd festgehalten wird, wohl aber die, dass man einer Reihe reproducirter Vorstellungen eine bestimmte Richtung, wie z. B. die auf eine Blume, auf ein menschliches Angesicht, geben kann, worauf sich nun in diesem Schema der kaleidoskopartige Wechsel der Bilder bewegt. Das Verhalten unter gewöhnlichen Verhältnissen und in der die Erinnerungsbilder zu schattenhafter Blässe herabdrückenden Tagesbeleuch- tung ist daher dies, dass nun nicht bloß die Inhalte einer einzelnen Vor- stellung, sondern die ganzen Vorstellungen fortwährend zerfallen und wechseln, während ihre Empfindungsintensität zugleich gegenüber der der directen Sinneseindrücke stark vermindert ist. Hat man erst die Be- obachtungsgabe für den Verlauf der Erinnerungsbilder unter jenen für ihre Dauer und Stärke günstigsten Bedingungen geübt, so gelingt es dann leicht, dieses überaus wandelbare, nie auch nur einen Moment fest- zuhaltende Spiel der Reproductionen unter den gewöhnlichen Verhältnissen zu constatiren, während unbefangene Beobachter ohne diese Vorbereitung- leicht geneigt sind zu behaupten, dass sie bei solch ungezwungenem Ver- halten überhaupt nichts wahrnehmen. Auch wenn man die willkürliche Vergegenwärtigung bestimmter Vorstellungen zu Hülfe nimmt, zeigen übrigens nicht bloß die verschiedenen Sinne, sondern auch bei einem und demselben Sinnesgebiet verschiedene Individuen, wie es scheint, ziemlich große Abweichungen. Doch dürften dabei die bei jeder Re- production wirksam werdenden Hülfsassociationen und Complicationen mindestens eine ebenso große Rolle spielen wie die Sinneserregungen selbst. So zeigen willkürlich reproducirte Töne durchaus nicht jenes Zerfiattern und Zerfließen der Gesichtsbilder. Vielmehr ist man leicht im stände, einen einzelnen Ton ziemlich lange unverändert festzuhalten. Weit weniger gelingt das schon bei einem Accord oder zusammenge- setzten Geräusch, wo man ein fortwährendes Hin- und Hergehen zwischen den Theiltönen wahrnimmt. Vermuthlich hat diese Begünstigung der Re- production einzelner Tonempfindungen darin ihren Grund, dass unwillkür- liche Mitbewegungen der Stimmorgane eintreten: unwillkürlich singt man gewissermaßen den reproducirten Ton leise mit, wodurch er zunächst in seiner Stärke gehoben, dann aber auch, so lange die Spannung der Stimmmuskeln die gleiche bleibt, in seiner Höhe fixirt wird. Bei zu- sammengesetzten Schallvorstellungen versagt natürlich diese Hülfsassociation, wenigstens für die Masse der Schallelemente, und diese zeigen daher nun die ähnliche unruhige und zerfließende Beschaffenheit wie die reproducirten Gesichtsbilder. Dass die Reproductionen der niederen Sinne, namentlich des Geruchs und Geschmacks, vielleicht überhaupt nur in den Repro- ductionen der mit directen schwachen Muskelerregungen verbundenen inneren Tastempfindungen bestehen, welche die Sinnesreize begleiten, ist 480 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
schon früher bemerkt worden1. Individuelle Unterschiede in der Beschaf- fenheit der Erinnerungsbilder sind übrigens bis jetzt hauptsächlich beim Gesichtssinn, und zwar vorzugsweise in der Lebhaftigkeit der Farbenre- productionen beobachtet worden. Manche Personen geben an, ihre Re- productionen seien völlig farblos, andere versichern, willkürlich intensive Farbenvorstellungen hervorbringen zu können2. Auch wird angegeben, in der Jugend und bei Naturvölkern seien diese lebhafter als im höheren Alter und bei Gelehrten u. dergl.3. Doch bedürfen diese Beobachtungen theils mit Rücksicht auf die bestehende Farbentüchtigkeit überhaupt, theils hinsichtlich der näheren Bedingungen der Beobachtung noch der Nach- prüfung. Farbenblindheit verschiedenen Grades muss natürlich auch die Farbenbeschaffenheit der Erinnerungsbilder entsprechend beeinflussen. Im Dunkeln und bei Tagesbeleuchtung verhalten sich ferner, wie oben schon angedeutet, bei allen Menschen reproducirte Farbenempfindungen wesent- lich abweichend. Den Meisten, die im ersten Fall kaum Spuren von Farben wahrnehmen, werden sie daher im zweiten Fall nicht fehlen.
Die erörterten Eigenschaften der reproducirten Vorstellungen, ihre unter normalen Verhältnissen geringe Intensität, besonders aber ihr con- tinuirliches Zerflattern und Zerfließen, erschwert nun auch in hohem Grade eine exacte Untersuchung ihres Verlaufs und lässt hier höchstens eine partielle Lösung der Probleme erwarten. Von vornherein wird aber da- bei eine doppelte Forderung für die der experimentellen Untersuchung zu stellenden Fragen festzuhalten sein: erstens kann es sich in diesem Falle noch mehr als bei den directen Sinnesvorstellungen nur um die allgemeinsten und zugleich einfachsten Verhältnisse des formalen Vor- stellungsverlaufs handeln; und zweitens kann dieser nur in seinem Ver- hältniss zu den directen, durch äußere Reize erregten Vorstellungen, deren Reproduction er ist, Gegenstand der Untersuchung sein. Nun gibt es solcher Fragen, deren Beantwortung mit den uns zu Gebote stehenden Hülfsmitteln unter verhältnissmäßig einfachen Bedingungen möglich ist, wesentlich drei. Sie beziehen sich: 1) auf das Verhältniss irgend einer durch einen äußeren Reiz erregten einfachen - Sinnesempfindung, 2) auf das einer räumlichen Wahrnehmung von einfacher Beschaffen- heit, und 3) auf das einer unmittelbaren Zeitvorstellung zu ihren Reproductionen. Diese drei Fälle entsprechen aber zugleich den drei allgemeinen Componenten unserer Vorstellungen, da jeder auf irgend ein äußeres Object bezogene Vorstellungsinhalt einerseits aus gewissen qua-^ litativ bestimmten Empfindungen besteht, anderseits irgend eine räumliche 1 Vgl. oben Cap. XVI, S. 133.
2 Fechner, Psychophysik, Bd. 2, S. 468 ff.
Verlauf reproducirter Vorstellungen. ^gj und zeitliche Form hat. Dabei wird es sich zur Vereinfachung der Pro- bleme wieder um die Untersuchung dieser Componenten unter den ein- fachsten Bedingungen handeln, also zunächst um die Reproductionen ein- facher Empfindungen, nicht irgend welcher Empfindungscomplexe, wie sie in die meisten unserer wirklichen Vorstellungen eingehen; und ebenso um die Reproductionen einfacher Raum- und Zeitstrecken, wie sie nach den früheren Untersuchungen am günstigsten durch zwei ein leeres oder »reiz- freies« Intervall begrenzende Lichtpunkte oder Schalleindrücke gewonnen werden. Die Untersuchung wird dann nach allgemeinen experimentellen Grundsätzen in jedem dieser drei Fälle so auszuführen sein, dass, wenn wir mit a, b, c, d, e...eine Reihe durch willkürlich bestimmte Zeit- intervalle getrennte Momente bezeichnen, einem im Moment a einwirken- den directen Reiz (in diesem Fall also einer Empfindungsqualität, einer Raum- oder Zeitstrecke) in verschiedenen Versuchen nach den Intervallen brc, d...ein zweiter, dem ersten ähnlicher, jedoch in wechselnder Weise gegen ihn variirbarer Reiz folgt, der eine Reproduction des ersten Reizes a auslöst. Nennen wir den ursprünglichen Eindruck den Normalreiz, den in den Intervallen b, c, d...ihn reproducirenden den Vergleichsreiz, so wird dann aus den objectiven Unterschieden, die zwischen Nor- mal- und Vergleichsreiz vorhanden sein müssen, damit diese in den abge- stuften Zeitintervallen b, c, d...jedesmal einander gleich erscheinen, sowohl auf die allmähliche Veränderung der Reproductionsschärfe, wie auf die Richtung und Größe der Veränderungen, welche die reproducirte gegen- über der ursprünglichen Vorstellung erfährt, zurückzuschließen sein.
Hierbei ist nun selbstverständlich nicht zu übersehen, dass das so gewonnene Maß der Veränderung der Vorstellungen bei der Reproduction, betrachtet als Function der zwischen ihr und dem Eindruck verflossenen Zeit, erstens nur bei den einfachsten Inhalten und Formen der Vor- stellungen anwendbar ist, die oben als solche hervorgehoben wurden, dass aber auch zweitens specifische Bedingungen eingeführt worden sind, die in dem gewöhnlichen Verlauf unserer Erinnerungsbilder nur in gewissen Grenzfällen zutreffen. Diese Bedingungen bestehen darin, dass der die Reproduction auslösende Reiz dem ursprünglichen Eindruck hinreichend ähnlich ist, um eine mittelst der psychophysischen Methoden auszuführende exacte Vergleichung möglich zu machen. Annäherungen an diese Be- dingungen können natürlich auch gelegentlich in dem gewöhnlichen Verlauf der Vorstellungen vorkommen. Aber es ist dies doch ein Aus- nahmefall gegenüber, der viel häufigeren Erscheinung, dass die die Er- innerungsbilder auslösenden Reize von den Urbildern weit abweichen, oder dass sie überhaupt nicht aufzufinden sind, ein Fall, den man dann als das »freie Aufsteigen der Vorstellungen« bezeichnet hat. Nichts desto Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. -^ I A$2 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
weniger wird man auch hier berechtigt sein, in jenen unter den einfach- sten Bedingungen sich darbietenden Beziehungen zwischen den Urbildern und ihren nach gemessenen Zeitintervallen sich einstellenden Reproduc- tionen allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Vorstellungsverlaufs überhaupt zu erblicken. Dass diese in den concreten Erscheinungen durch den Zu- sammenfiuss zahlreicher Mit- und Nebenbedingungen entweder ganz ver- schwinden oder nur in ungefähren Annäherungen zur Geltung gelangen, ist freilich wieder eine nothwendige Folge der ungeheuren Verwickelungen des wirklichen seelischen Lebens. Eben darum wird es dann aber auch erforderlich sein, nachdem wir die Reproductionserscheinungen in der in diesen einfachsten Fällen sich darbietenden formalen Gesetzmäßigkeit be- trachtet haben, schließlich wenigstens auf die wesentlichsten unter jenen complicirenden Bedingungen einen Blick zu werfen. Dagegen werden wir hier alle diejenigen Erscheinungen ausscheiden, bei denen das Repro- ductionsphänomen durch andere, mit ihm zusammenwirkende associative und apperceptive Functionen bestimmt ist, wie z. B. das »Memoi-iren* und die sonstigen Gedächtnissfunctionen1.
b. Reproduction einfacher Sinnesempfindungen.
Unter den drei oben erwähnten, in gewissem Sinne durch ihre ab- stracte Allgemeinheit ausgezeichneten Fällen der Reproduction ist der erste, die Reproduction einer reinen Sinnesempfindung, wieder der denk- bar einfachste. Das zweckmäßigste Material für die Untersuchung der Reproductionsgesetze bildet hier die Ton reihe, theils wegen ihrer ste- tigen und dabei einfachsten, eindimensionellen Beschaffenheit, theils weil sich neben der Qualität auch die Intensität und Dauer der Eindrücke am vollkommensten beherrschen lassen. Erzeugt man einen Ton von einer bestimmten Höhe, Stärke und Dauer, so wird die Wiedererkennung des- selben nach einer Zwischenzeit von i, 2, 3, 4...Secunden mehr oder weniger treu, keineswegs aber immer gleich treu sein, sondern es ist von vornherein nach allgemeinen Erfahrungen vorauszusetzen, dass diese Treue mit der Verlängerung der Zwischenzeit abnimmt. Die Aufgabe ist nun, zu ermitteln, nach welchem Gesetze sie abnimmt. Zu diesem Zweck lässt man in einer Reihe von Versuchen zuerst den als Normalreiz gewählten Ton und nach einer bestimmten Zwischenzeit einen dem ur- sprünglichen Ton gleichen oder von ihm um einen bekannten Höhen- unterschied abweichenden als Vergleichsreiz einwirken, und ermittelt, mit welcher Feinheit die Abweichungen von der Gleichheit erkannt werden.
Man ist damit von selbst auf die Methode der richtigen und falschen 1 Vgl. über diese Cap. XIX, 4.
Verlauf reproducirter Vorstellungen. 483 Fälle hingewiesen, die hier mit einer den Umständen entsprechenden Modifikation angewandt werden kann. Besonders geeignet sind dazu die früher beschriebenen APPUNN'schen Tonmesser, deren Töne in den tieferen Octaven in Stufen von je 2, in den höheren in solchen von je 4 Schwingungen abgestuft sind1. Die Intensität der Töne wird möglichst constant erhalten, ebenso die Dauer (am besten 1 Secunde). Zur Messung der zwischen dem Normalton und dem Vergleichston liegenden Zwischen- zeit dient ein Metronom oder Chronometer. Die Versuche werden hier- nach in folgender Weise ausgeführt: Ein Ton wird angegeben, und nach der voraus bestimmten Zeit wird entweder derselbe Ton wiederholt, oder ein anderer etwas höherer oder tieferer erzeugt. Die Versuchsperson schreibt ihre Urtheile zunächst nach den zwei Rubriken: gleich (=) und verschieden (v) nieder. Sind die Töne ungleich, so kann außerdem der zweite höher (0) oder tiefer [u] als der erste zu liegen scheinen, oder die Tonhöhe kann zweifelhaft bleiben (0). Den Tonunterschied in den Fällen, wo verschiedene Töne zur Vergleichung geboten werden, nimmt man am zweckmäßigsten gleich 4, 8 oder 12 Schwingungen in der Secunde und lässt ihn während einer Versuchsgruppe constant, nur dass er bald positiv, bald negativ ist, bald mit dem Unterschied Null abwechselt. Damit sich das Gehör nicht zu sehr an bestimmte Töne gewöhne, lässt man ferner den ersten oder Normalton innerhalb engerer Grenzen wechseln. Wer- den solche Beobachtungen in großer Zahl ausgeführt, so gewinnt man schließlich in der Procentzahl richtiger Fälle der Schätzung oder allgemein in dem Quotienten — ein Maß für die Genauigkeit derselben unter be- stimmten constant erhaltenen Bedingungen, und die Veränderungen dieser Größe unter wechselnden Bedingungen lassen auf entsprechende Ab- weichungen der Reproduction zurückschließen.
Als erste und wichtigste der verändernden Bedingungen ergab sich nun in den auf diese Weise von K. H. Wolfe ausgeführten Versuchen die Größe der zwischen Eindruck und Reproduction verfließen- den Zeit. Hier zeigt sich nämlich zunächst, dass eine gewisse Zeit von etwa 2* nach stattgehabtem Eindruck verfließen muss, ehe die Reproduction ihre größte Sicherheit erreicht. Von da an sinkt sie zuerst rasch und dann langsamer; bei 60* ist sie bereits so unsicher geworden, dass die Richtigschätzungen nur noch wenig die Zahl der Falschschätzungen über- wiegen. Die Fig. 370 stellt diesen Verlauf nach den Versuchen eines der betheiligten Beobachter (/,.) dar: die Abscissen entsprechen den Zeiten von o — 60*, die Ordiilaten der Zahl richtiger Fälle, wenn die Gesammt- zahl aller Fälle = 1000 gesetzt wird. Willkürliche Reproduction des Bewusstsein und Vorstellun^sverlauf.
Tones in der Zwischenzeit hat, wie F. Angell und H. Harwood in ähn- lichen Versuchen fanden, eher einen störenden als fördernden Einfluss auf die Wiedererkennung; und demnach wird auch die Sicherheit der letzteren bei einer Ausfüllung des Intervalls mit disparaten Reizen, die solche willkürliche oder zufällige Reproductionen verhindern, vergrößert, nicht vermindert1. In diesen allgemeinen Verlauf greifen außerdem aber, wie die Fig. 370 zeigt, regelmäßig Schwankungen doppelter Art ein: erstens kürzere und schneller auf einander folgende, die in der ersten Zeit zu bemerken sind und Zu- und Abnahmen der Reproductionsschärfe erkennen lassen, welche mehrmals in Perioden von etwa 2S auf einander folgen; und zweitens länger dauernde, die in einem späteren Stadium des Verlaufs, meist 10 — 20* nach dem Normaleindruck, eintreten und zuweilen noch einmal nach einer eleichen Periode sich zu wiederholen scheinen: soo Fig- 37°- Abnahme der Reproductionsschärfe bei Tonempfindungen.
sie entsprechen einem etwa 10* lang anhaltenden Zunehmen der Repro- ductionsschärfe. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass diese bei allen Beobachtern im wesentlichen in gleicher Art wiederkehrenden Erschei- nungen mit den früher (S. 366) besprochenen Schwankungen der Auf- merksamkeit im Zusammenhang stehen. Auch kann man bei der Ausfüh- rung derartiger Versuche leicht subjectiv wahrnehmen, dass unwillkürlich nach kurzer Zeit die auf den neuen Eindruck gerichtete Spannung er- lahmt, dann wiederkehrt, um nach kurzer Zeit abermals zu sinken, u. s. w. Fällt nun der Vergleichston in die Periode der wachsenden Spannung der Aufmerksamkeit, so wird sich dies in einer schärferen Auffassung, fällt er in eine Periode der sinkenden, so wird es sich in einer ungenaueren Re- production der Tonhöhe verrathen.
1 F. Angell and H. Harwood, Amer. Journ. of Psychol. vol. 11, 1899, p. 67.
Verlauf reproducirter Vorstellungen.