wo nicht äußere Sinneseindrücke die Erreger bilden, was dann dem Gebiet der Illusion zufällt, aus der Reproduction entspringen. Meistens ist also, dies scheint aus der Schilderung der Hallucinationen geistig Gesunder und Kranker hervorzugehen, nicht eine wirkliche Reizung, sondern nur eine gesteigerte Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen der Aus- gangspunkt der Hallucination. Dabei prädisponirt zwar die Ausbreitung der Veränderung zu Phantasmen bestimmter Art, in ihrer besonderen Erscheinungsform werden aber diese immer erst hervorgerufen durch den Hinzutritt bestimmter Associationen oder äußerer Sinneseindrücke, die in Folge der centralen Veränderung in ungewöhnlicher Weise assimi- lativ umgestaltet werden, oder wohl noch öfter durch die Verbindung dieser beiden Ursachen. Wegen dieses Zusammenwirkens der verschiede- nen Momente steht die Hallucination einerseits mit dem Phantasiebild und anderseits mit der Illusion in naher Beziehung. Namentlich von der letzteren ist eine Unterscheidung schwer möglich, da in jener gesteigerten Reizbarkeit der Centraltheile, welche die Hallucination begründet, auch die Disposition zur Entstehung der Illusion liegt. Wo dieselbe einmal vorhanden ist, da müssen sich aber aus äußeren Sinneseindrücken eben- sowohl wie aus reproductiven Elementen Phantasmen gestalten. Beide vermischen sich dann innig, weil auch bei der Illusion alles was zum äußern Sinneseindruck hinzukommt aus der Reproduction stammt. Sie lassen sich deshalb höchstens daran unterscheiden, dass die eigentlichen Hallucinationen mit der Bewegung ihren Platz wechseln und nicht an Elementarstörungen des Bewusstseins. 647 bestimmten äußeren Sinneseindrücken festhaften1, was für die »Pseudo- hallucinationen«, unter welchem Namen man Illusionen und andere Re- productionen von ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zusammenfasst, nicht zutrifft, da insbesondere bei den Illusionen der äußere Sinneseindruck in der Regel eine festere Localisation bedingt2. Wie nun aber schon beim peripheren Nerven die Steigerung der Reizbarkeit, sobald sie eine gewisse Größe erreicht, unmittelbar zur Reizung wird, so lässt sich wohl auch bei den centralen Sinnesflächen das ähnliche voraussetzen. Bei jenen intensivsten Phantasmen, bei denen sich der Kranke von Flammen oder von lebhaft bewegten Gestalten ohne feste Associationsbeziehungen um- geben sieht, oder wo er fortwährend wirre Geräusche um sich hört, wird man daher an eine solche primäre Reizung zu denken haben. Da es sich aber hier überall nur um Grenzfälle handelt, die als solche wahrschein- lich sehr selten vorkommen, so wird für die große Mehrzahl der Hallu- cinationen vorauszusetzen sein, dass sie sich nur quantitativ, nicht qualitativ von den Illusionen unterscheiden. Wir nennen ein Phantasma dann eine Hallucination, wenn der auslösende Sinneseindruck so schwach oder an Ausdehnung so beschränkt ist, dass er nicht bemerkt wird3.
b. Illusionen.
b. Illusionen.
Illusionen nennt man hallucinatorische Vorstellungen, die von einem äußeren Sinneseindruck ausgehen. Von dem Gebiet der Illusion in dem hier festgehaltenen Sinne schließen wir daher alle diejenigen Sinnes- täuschungen aus, die in der normalen Structur urid Function der Sinnes- organe ihren Grund haben, wohin z. B. die normalen Täuschungen des Augenmaßes, die Farbenveränderungen durch Contrast u. s. w. ge- hören4. Der grundlegende psychophysische Vorgang bei der Illusion ist 1 In einem mir bekannt gewordenen Fall sah z. B. ein von Gehirnkrankheit heim- gesuchter Waldaufseher aller Orten Holzstöße liegen; aber trotzdem, sagte er, sehe er die andern Gegenstände, Möbel, Tapete des Zimmers u. s. w., vollkommen deutlich. Dies ist zugleich ein schönes Beispiel für den Einfiuss der Reproduction, der sich an der Hervor- rufung von Vorstellungen zu erkennen gibt, die der gewohnten Beschäftigung des Mannes angehören.
2 Ueber »Pseudohallucinationen« überhaxtpt vgl. Störring, a. a. O. S. 61 ff. Nicht zu verwechseln mit der eigentlichen Hallucination sind auch die bei Geisteskranken, wie es scheint, nicht seltenen Fälle, in denen Phantasiebilder oder Träume in der Erinnerung für wirkliche Erlebnisse gehalten werden. Hier kann natürlich leicht die Vermuthung entstehen, die Erzählungen des Kranken beruhten auf Hallucinationen, die er gehabt. In Wahrheit handelt es sich aber nur um falsche Auslegungen von Erinnerungsbildern, ver- anlasst durch bestimmte Wahnideen. Es scheint mir daher nicht gerechtfertigt, wenn Kahlbaum: für diesen Fall annimmt, die Erinnerungsbilder würden selbst zu Hallucinatio- nen (Zeitschr. f. Psychiatrie, Bd. 23, S. 41). Das Erinnerungsbild wird als solches erkannt, aber es wird auf vergangene Ereignisse statt auf Phantasiebilder bezogen.
4 Die Unterscheidung der Illusion und Hallucination rührt her von Esquirol (Des 648 Anomalien des Bewusstseins.
die Assimilation: die anomale oder phantastische Illusion ist eine Assimilation von hallucinatorischem Charakter. Wie alle Assimilationen, so sind daher auch die Illusionen associative Elementarprocesse, was sich gerade auch bei ihnen deutlich darin zu erkennen gibt, dass sie im all- gemeinen niemals auf bestimmte einzelne unter den vorausgegangenen Vorstellungen bezogen werden können. Sobald in Folge der gesteigerten Reizbarkeit der Sinnescentren die Disposition zu Phantasmen gegeben ist, so werden naturgemäß die normalen äußeren Sinnesreize die Erreger von Illusionen. Dabei erscheint theils die Intensität der Sinnesreize verstärkt, theils werden die Wahrnehmungen in ihrer Qualität und Form auf das mannigfaltigste phantastisch verändert. Der Hallucinirende hält ein leises Pochen an der Thüre für Grollen des Donners, das Sausen des Windes für himmlische Musik. Wolken, Felsen und Bäume nehmen die Formen phantastischer Geschöpfe an. In seinem eigenen Schatten sieht er Ge- spenster oder verfolgende Thiere. Vorübergehende Menschen betrachten ihn, wie er glaubt, mit feindlichen Blicken oder schneiden ihm Fratzen; ihre Gespräche hält er für Schimpfreden, die sich auf ihn beziehen, u. dergl. Am freiesten kann natürlich die Einbildung mit den Sinneseindrücken schalten, wenn diese sehr unbestimmt sind, daher auch die Phantasie des Gesunden sich mit Leichtigkeit in die verschwimmenden Umrisse der Wolken, in die regellosen Anhäufungen ferner Gebirge und Felsmassen die verschiedensten Gestalten hineindenkt1. Aus demselben Grunde ist hauptsächlich die Nacht die Zeit der phantastischen Vorstellungen. In der Nacht wird dem Gespenstergläubigen ein Stein oder Baumstumpf maladies mentales, t. 1. 1838. p. 159, 202). Man hat zwar mehrfach diese Eintbeilung angefochten (vgl. Leubuscher, Ueber die Entstehung der Sinnestäuschung, 1852, S. 46). Aber wenn auch beide Formen der Phantasmen im einzelnen Fall oft schwer von einander zu sondern sind und sicherlich oft neben einander vorkommen, so lässt sich doch das eine nicht bestreiten, dass es Fälle gibt, in denen die phantastische Vorstellung nicht von äußern Sinneseindrücken ausgeht, und andere, in denen dies stattfindet. Uebrigens hat Esquieol selbst die Illusion noch nicht genügend unterschieden einerseits von den- jenigen Sinnestäuschungen, die nicht centralen Ursprungs sind, und anderseits von den Wahnideen, bei denen bloß das an sich richtig Wahrgenommene falsch beurtheilt wird. Vgl. zu dem Ganzen James Sully, Illusions, a psycholog. study, 1881, deutsch in der internat. Bibl. 1883 (in welchem Werke übrigens auch die normalen Sinnestäuschungen mit behandelt sind). Kraepelin, Vierteljahrsschr. f. wiss. Phil. Bd. 5, 1881, S. 205, 349 ff. Parish, Ueber Trugwahrnehmungen, Schriften der Ges. für psych. Forschung, 7. u. 8. Heft, 1894. Kraepelin, Psychiatrie6, Bd. 1, S. 106 ff. Störring, Vorlesungen über Psycho- pathologie, S. 50 ff.
1 Die Phantasiebilder aus Wolken schildert Shakespeare in der Scene zwischen Polonius und Hamlet, 3. Act, Schluss der 2. Scene, die phantastischen Naturgestalten Goethe in dem bekannten Wechselgesang der Blocksbergsscene: »Seh' die Bäume hinter Bäumen, wie sie schnell vorüberrücken, und die Klippen, die sich bücken, und die langen Felsennasen, wie sie schnarchen, wie sie blasen!« J. MÜLLER erzählt, wie er sich in seiner Kindheit stundenlang damit beschäftigt, in der theil weise geschwärzten und ge- sprungenen Kalkbekleidung eines dem Fenster seiner Wohnung gegenüberliegenden Hauses die Umrisse der verschiedensten Gesichter zu sehen, die dann freilich Andere nicht er- kennen wollten. (Phantastische Gesichtserscheinungen, S. 45.)
Schlaf und Traum.
zur Spukgestalt, und im Rauschen der Blätter hört er unheimliche Stimmen. Dabei ist, wie schon bei der Hallucination, die begünstigende Wirkung des Affectes nicht zu verkennen. Alle diese Phantasmen der Nacht existiren nur für den Furchtsamen; dem Auge und Ohr des Besonnenen halten sie nicht Stand. Ebenso ist der Einfluss geläufiger Associationen oft deutlich zu bemerken. So wird aller Orten von den Gespenster- gläubigen mit Vorliebe ein kürzlich Verstorbener in den Schattenbildern der Nacht gesehen.
2. Schlaf und Traum.
a. Ursachen und Begleiterscheinungen des Schlafes.
Die physiologischen Ursachen des Schlafes sind noch in Dunkel gehüllt. Nur dies kann mit einiger Sicherheit über ihn ausgesagt werden, dass er zu den periodischen Lebensvorgängen gehört, und dass daher seine nächste Quelle, wie die der bekannteren periodischen Functionen, z. B. der Athem- und Herzbewegungen, in dem centralen Nervensystem zu suchen ist. Die allgemeinen Bedingungen seines Eintritts machen außerdem die Annahme wahrscheinlich, dass die Erschöpfung der im Nervensystem disponibeln Kräfte, sobald sie einen gewissen Grenzwerth erreicht, in dem Schlaf einen Zustand herbeiführt, in welchem durch die stattfindende Muskelruhe und die verminderte Wärmebildung die erforder- liche Ansammlung neuer Spannkräfte stattfindet. Doch sind diese all- gemeinen Erwägungen keineswegs genügende Erklärungsgründe. Dies ergibt sich namentlich daraus, dass ein hoher Grad von Ermüdung nicht nothwendig den Eintritt des Schlafes herbeiführt, und dass dieser auch ohne merkliche Ermüdung eintreten kann. Denn als eine zweite Be- dingung von psycho- physischer Natur, welche der Ermüdung bald ent- gegenarbeitet bald mit ihr in gleichem Sinne wirkt, ist die Beeinflussung der Aufmerksamkeit anzusehen. Thiere verfallen fast mit Sicherheit in Schlaf, wenn man die gewohnten Sinneserregungen von ihnen abhält T; und bei Menschen, die wenig gewohnt sind sich intellectuell zu beschäftigen, kann man die nämliche Erscheinung beobachten2. Aehnlich dem Mangel äußerer Eindrücke können aber auch gleichförmig sich wiederholende Sinnesreize wirken; ja in diesen Fällen ist die Wirkung eine noch sicherere, weil sie die Aufmerksamkeit von intellectuellen Beschäftigungen ablenken. Alle diese Thatsachen machen es wahrscheinlich, dass die Erschöpfung der Nervencentren nur die allgemeine Bedingung des Schlafes ist, von 2 Ueber einen interessanten Fall dieser Art berichtet A. Strümpell, ebend. Bd. 15, Anomalien des Bewusstseins.
der namentlich auch seine Dauer und Tiefe vorzugsweise abhängt, dass aber die nächste Entstehungsursache desselben stets auf einer directen centralen Veränderung beruht, die normaler Weise bei aufgehobener oder herabgesetzter Aufmerksamkeit zu entstehen pflegt. Durch eine solche directe Veränderung werden überdies am leichtesten gewisse krankhafte Schlafzustände1 sowie die Wirkungen der schlaferregenden Stoffe begreif- lich, von welchen wohl vorauszusetzen ist, dass sie vorzugsweise jenes Centralgebiet alteriren, an dessen functionelle Veränderung zunächst der Eintritt des Schlafes geknüpft ist. Wo dieses hypothetische »Schlaf- centrum« anzunehmen sei, bleibt vorerst dahingestellt, doch ist es wohl nach den normalen Entstehungsbedingungen des Schlafes am nahe- liegendsten, das Apperceptionsorgan selbst als dasselbe anzusehen. Die im Gefolge des Schlafes auftretenden Erscheinungen beweisen dann aber, dass von diesem Centrum Wirkungen ausgehen, die das gesammte centrale Nervensystem ergreifen. Die Beschaffenheit dieser Wirkungen ist nun offenbar von sehr zusammengesetzter und wechselnder Beschaffenheit. Während die secretorischen Processe und die Erscheinungen der sensorischen Erregbarkeit durch äußere Reize herabgesetzt werden, lassen sich in den respiratorischen und vasomotorischen Functionen keine regelmäßigen Veränderungen nachweisen. In der Regel scheinen sich die Herzbewegungen zu verlangsamen, um sich später zu beschleunigen. Ebenso wird die Athmung häufig vertieft und verlangsamt, und sie wirkt dadurch mehr als im wachen Zustand auf die vasomotorische Innervation herüber. Ueberhaupt zeigt die letztere namentlich im Moment des Einschlafens un- gewöhnlich starke Schwankungen, wie sich dies in den Undulationen des Volumpulses ausspricht2. Auch die Blutfülle und die Temperatur des Gehirns zeigen nach den Beobachtungen an Menschen mit Trepanations- öffnungen des Schädels meist einen plötzlichen Anstieg im Anfang des Schlafes, um dann während der Dauer desselben nur wenig die normale Höhe des wachen Zustandes zu überschreiten3. Beim Erwachen tritt die entgegengesetzte Veränderung ein, nämlich eine plötzliche Abnahme des Hirnvolums durch Rückströmung des Blutes. Doch können sich hier die Erscheinungen abweichend gestalten, wenn das Erwachen mit einer Affecterregung verbunden ist, wo nun die früher (S. 226 ff.) geschilderten Affectsymptome offenbar modificirend eingreifen4.
Das äußerlich am meisten hervortretende unter diesen Symptomen des Schlafes ist die Herabsetzung der Reizbarkeit für Sinnesreize.
1 Vgl. hierüber Fr. Siemens, Archiv f. Psychiatrie, Bd. 9, S. 72.
2 Brodmann, Journal für Psychologie und Neurologie, Bd. 1, 1902, S. noff.
Schlaf und Traum. 5^1 Sie gibt daher auch unmittelbar ein Maß ab für die Tiefe des Schlafes. Bezeichnet man diejenige Reizstärke, die erfordert wird, um Erwachen herbeizuführen, nach Analogie mit der Reizschwelle, als die" Weck- schwelle, so lassen sich die Veränderungen dieser der Schlaftiefe um- gekehrt proportional setzen. Die über die Größe der Weckschwelle ausge- führten Versuche zeigen nun, dass der Schlaf bald nach dem Einschlafen seine größte Tiefe erreicht, auf der er aber meist nur kurze Zeit verharrt, um hierauf in einen mehrere Stunden lang andauernden leiseren Schlum- mer vor dem Erwachen überzugehen1. Dabei ist er wahrscheinlich in vielen Fällen ein Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit, ähnlich wie dieser auch in der Ohnmacht besteht. Doch die allgemeine Hemmung der centralen Functionen, die seinen Eintritt herbeiführt, bedingt nun weiterhin eine Reihe secundärer Veränderungen, in Folge deren der Zustand vollständiger Be- wusstlosigkeit gehoben wird, und an seiner Stelle ein eigenthümlich ver- ändertes Bewusstsein entsteht. Dieses veränderte, namentlich in der Periode geringerer Schlaftiefe zu beobachtende Bewusstsein ist der Zu- stand des Traumes.
Die Veränderungen, die sich beim Eintritt des Schlafes und während desselben im Gehirn, namentlich in der Blutfülle dieses Organs, einstellen, sind vielfach Gegenstand der Untersuchung und der Discussion gewesen. Nachdem zuerst Mosso2 aus seinen plethysmographischen Versuchen am Arm geschlossen, dass das Volum peripherer Organe während des Schlafes zu- und demnach, durch compensatorische Blutvertheilung, das Gehirnvolum abnehme, und nachdem auch Donders3 durch eine bei Thieren angelegte Trepan- öffnung eine Verengerung der kleinen Arterien bei Eintritt des Schlafes be- obachtet hatte, war man eine Zeit lang geneigt, Anämie des Gehirns als eine regelmäßige Begleiterscheinung des Schlafes vorauszusetzen. Dagegen wurden jedoch sehr bald theils auf Grund von Versuchen an Thieren theils aus An- lass von Beobachtungen an Menschen mit Trepanationsöffhungen des Schädels entgegengesetzte Beobachtungen laut4. Auch wurde später von Mosso selbst erklärt und von andern Beobachtern bestätigt, dass die Volumpulse des Ge- hirns und die der peripheren Körpertheile, z. B. des Arms, ganz unabhängige, offenbar an jeder Stelle durch directe vasomotorische Innervationen bedingte Veränderungen zeigen5. Dagegen scheint eine Eigenthümlichkeit der Volum- pulse des Gehirns vor allem in ihrer großen Veränderlichkeit zu bestehen, 1 Kohlschütter, Zeitschr. f. rat. Med., 3. R., Bd. 17, S. 209. Mönninghoff und Piesbergen, Zeitschr. f. Biologie, Bd. 19, S. 114 ff. Michelson, Untersuchungen über die Tiefe des Schlafs, Diss. Dorpat, 1S91.
2 Mosso, Ueber den Kreislauf des Blutes im menschlichen Gehirn, 1SS1.
3 Donders, Nederl. Lancet, 1850. Auszug in Schmidts Tahrbb. der Med. Bd. 49, 4 C. Binz, Archiv f. eNperim. Pathologie, Bd. 6, S. 310. MAYS, VlRCHOWS Archiv, 5 Mosso, Temperatur des Gehirns, S. 135. Brodmann, a. a. O. S. 35 ff. Die weitere ziemlich reiche Litteratnr über den gleichen Gegenst. vgl. ebend. S. 70 f.
(5 c 2 Anomalien des Bewusstseins.
wodurch, wie die directen Versuche an Trepanöffnungen beweisen, besonders die größeren Undulationen der Volumcurve ein viel schwankenderes Bild dar- bieten als am Arm. Mil dem Vorhandensein einer gewissen Hyperämie des Gehirns während des Schlafes stimmt schließlich auch die Beobachtung über- ein, dass die Pupillen stets verengt sind, während nach den Versuchen von Kussmaul und Tenner die Absperrung des Blutzuflusses nach dem Gehirn eine starke Erweiterung derselben hervorbringt1.
Zur Bestimmung der Weckschwelle pflegt man Schallreize, z. B. fallende Kugeln, anzuwenden. In den von Michelson unter Kraepelins Leitung aus- geführten Versuchen war Bedacht darauf genommen, störende Wirkungen mög- lichst fernzuhalten. Der Schlafende war getrennt von dem Experimentator und begab sich, da die Versuche über viele Monate zerstreut waren, zur Ruhe, ohne zu wissen, ob in der nämlichen Nacht ein Weckversuch statt- finden werde. Die Curve, die den Gang der »Weckschwelle« bei normalem Verlauf des Schlafs versinnlicht, verläuft nach den Versuchen Michelsons bis zur zweiten Viertelstunde ganz niedrig, steigt dann steil an und erreicht schon nach etwa 3/4 St. ihr Maximum. Auf diesem verharrt sie aber nur 1/2 St., um hierauf zuerst rascher und dann langsamer zu sinken und so sich mit einigen Schwankungen der Abscissenlinie zu nähern. Dem Erwachen und Wiedereinschlafen pflegt, wie Kohlschütter fand und Michelson bestätigte, eine schneller vorübergehende Vertiefung zu folgen. Als eine Erhöhung der Reizschwelle lässt sich übrigens die Veränderung nicht betrachten, da der Erweckungsreiz nicht mit dem sonstigen Begriff der Reizschwelle sich deckt. Ein Reiz, der kein Erwachen herbeiführt, kann nämlich gleichwohl percipirt und sogar appercipirt werden; wie theils die illusorische Umgestaltung zu Traumvorstellungen, theils der Einfluss solcher unter der Weckschwelle ge- legener Reize auf die Athmung und den Puls beweisen2.
b. Veränderungen des Bewusstseins im Traume.
Indem im Traume Vorstellungen reproducirt, Sinneseindrücke assi- milirt und appercipirt werden, erscheinen in ihm die Functionen des Be- wusstseins wiederhergestellt. Aber dieses Bewusstsein ist in doppelter Beziehung ein verändertes: erstens besitzen die Erinnerungsvorstellungen einen hallucinatorischen Charakter, und die Assimilationen äußerer Ein- drücke sind daher nicht normale- Sinneswahrnehmungen, sondern Illusionen; und zweitens ist die Apperception eine veränderte, so dass die Beurtheilung der Erlebnisse des Bewusstseins wesentlich alterirt erscheint.
Die Mehrzahl der Phantasmen des Traumes besteht nun jedenfalls nicht in eigentlichen Hallucinationen, sondern in Illusionen, die von den niemals im Schlafe erlöschenden Sinneseindrücken ausgehen. Eine unbe- queme Lage des Schlafenden verkettet sich mit der Vorstellung einer 1 Rählmann und Wittkowski, Archiv für Physiologie, 1878, S. 109. W. Sander, Archiv für Psychiatrie, Bd. 9, S. 129. Kussmaul und Tenner, Untersuchungen über Ur- sprung und Arten der fallsuchtartigen Zuckungen u. s. w., 1857, S. 19.
Schlaf und Traum.
mühseligen Arbeit, eines Ringkampfes, einer gefährlichen Bergbesteigung u. dgl. Ein leichter Intercostalschmerz wird als Dolchstich eines be- drängenden Feindes oder als Biss eines wüthenden Hundes vorgestellt. Eine steigende Athemnoth wird zur furchtbaren Angst des Albdrückens, wobei der Alb bald als eine Last, die sich auf die Brust wälzt, bald als gewaltiges Ungeheuer erscheint, das den Schläfer zu erdrücken droht. Unbedeutende Bewegungen des Körpers werden durch die phantastische Vorstellung ins Ungemessene vergrößert. So wird ein unwillkürliches Ausstrecken des Fußes zum Fall von der schwindelnden Höhe eines Thurmes. Den Rhythmus der eigenen Athembewegungen empfindet der Träumer als Flugbewegung z. Eine wesentliche Rolle spielen ferner wahr- scheinlich bei den Traumillusionen jene subjectiven Gesichts- und Gehors- empfindungen, die uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos des dunkeln Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen u. s. w. bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjectiven Netzhauterregungen. So er- klärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz übereinstimmende Objecte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dergl. sehen wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen, und die zahlreichen Licht- punkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem Traum zu ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Licht- chaos als bewegte Gegenstände angeschaut werden. Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Thiergestalten, deren Formenreichthum sich der besonderen Form der subjectiven Licht- bilder leicht anschmiegt. Dabei ist dann außerdem der sonstige Zustand des Träumenden, namentlich insoweit er durch Hautempfindungen und 1 Scherner, Das Leben des Traumes, 1861, S. 165. Radestock, Schlaf und Traum, 1879. H. Spitta, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele, 1882. Giess- ler, Aus den Tiefen des Traumlebens, 1890. Sante de Sanctis, Die Träume, medicinisch- psychol. Untersuchungen, deutsche Ausg., 1901. Freud, Ueber den Traum, 1901. (Grenz- fragen des Nerven- und Seelenlebens, Bd. 8.) W. Weygandt, Entstehung der Träume, Diss. Leipzig (1893), und Beiträge zur Psychologie des Traumes, Philos. Stud. Bd. 20, 1902, S. 456 ff. Das Werk Scherners enthält, neben vielen zweifelhaften Deutungen, manche treffende Beobachtung. Verfehlt ist natürlich das Streben des Verfassers, überall dem Traum eine symbolisirende Eigenschaft beizulegen. So leitet er z. B. das Fliegen im Traum nicht einfach aus der Empfindung der Athembewegungen ab, sondern er meint: weil die Lunge selbst zwei Flügel habe, so müsse sia in zwei Flugorganen sich darstellen; sie müsse die Flugbewegung wählen, weil sie sich selbst in der Luft bewege, u. dgl. Sorgfällig ist der Einfluss der äußeren Reize und der Gemeinempfindungen von Weygandt, zum Theil unter Zuhülfenahme experimenteller Beeinflussungen, untersucht worden. Er kommt auf Grund der Analyse einer großen Zahl selbsterlebter Träume zu dem Resultat, dass wahrscheinlich alle Träume sogenannte »Reizträume« seien. Auch Giessler scheint anzunehmen, dass die ersten gestaltlos unbestimmten, meist in Farbenempfindungen be- stehenden Anfangsstadien (er nennt sie »Kernbilder«) physiologische Ausgangspunkte haben 654 Anomalien des Bewusstseins.
Gemeingefühl bestimmt ist, von nachweisbarem Einflüsse. Derselbe sub- jective Lichtreiz, der sich bei gehobenem Gemeingefühl zu den Bildern flatternder Vögel und bunter Blumen gestaltet, pflegt sich, sobald eine unangenehme Hautempfindung hinzutritt, in hässliche Raupen oder Käfer zu verwandeln, die an der Hand des Schlafenden emporkriechen wollen. Oder dieser wird, wie ich einmal beobachtete, von Krebsen geängstigt, die ihm mit ihren Scheeren alle Fingergelenke umfassen; erwachend findet er die Finger in krankhafter Beugestellung: hier hat also offenbar die Druckempfindung in den Gelenken die Gesichtsvorstellung nach sich geformt1.
Diesen Fällen, in denen theils objective theils subjective Sinnes- erregungen unmittelbar zu Illusionen verarbeitet werden, schließen sich solche an, in denen der Eindruck zunächst eine dunkle Vorstellung des damit zusammenhängenden Körperzustandes wachruft, worauf dann Phan- tasmen entstehen, die sich entweder direct auf diesen Zustand beziehen oder durch einfache Associationen mit demselben verbunden sind. So. hat SCHERNER bemerkt, dass die Hauptursache jener vielen Träume, in denen das Wasser eine Rolle spielt, der Urindrang des Schlafenden sei. Bald sieht dieser einen Brunnen vor sich, bald sieht er von einer Brücke in den Fluss hinab, auf dem vielleicht gar, vermöge einer weiteren nahe liegenden Association, zahllose Schweinsblasen hin- und hertreiben2. Hier hat dann wahrscheinlich der subjective Lichtstaub des Auges diese spe- cielle Form der Vorstellung angenommen; anderemale wandelt sich dieser, durch das Bild des Flusses angeregt, in zahllose glänzende Fische um. So kommt es, dass die Fische, und zwar fast immer in der Mehrzahl, bei manchen Menschen ein häufiger Bestandtheil der Träume sind. Nicht minder knüpfen die Traumvorstellungen an wirkliche Hunger- und Durst- empfindungen an, oder sie sind durch die Beschwerden einer allzu reichlichen Abendmahlzeit verursacht. Der durstige Träumer sieht sich in eine Trinkgesellschaft versetzt, der hungrige isst selbst oder sieht Andere essen, ebenso der Uebersättigte; oder er sieht Esswaaren in großer Menge vor sich ausgestellt. Wenn Schwindel und Uebelkeit sich hinzugesellen, so glaubt er sich wohl plötzlich auf einen hohen Thurm versetzt, von dem er sich in schwindelnde Tiefe hinab erleichtert. Endlich gehören hierher auch jene häufigen Verlegenheitsträume, bei denen der Träumer in höchst mangelhafter Toilette auf der Straße oder in einer Gesellschaft erscheint, Träume, als deren unschuldige Ursache sich insgemein ein 1 Ueber die charakteristischen Eigentümlichkeiten der die narkotischen Intoxicatio- nen (Opium, Alkohol, Haschisch u. s. w.) begleitenden Träume vgl. C. Binz, Ueber den Traum, Vortrag, 1878, S. 13 ff.
Schlaf und Traum. 5^5