SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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herabgefallenes Deckbett herausstellt. In sehr missliche Situationen sieht sich der Träumer versetzt, wenn ihn etwa eine schiefe Lage des Bettes mit der Gefahr herauszufallen bedroht. Er klettert dann an einer hohen Mauer herab oder sieht sich über einem tiefen Abgrund u. s. w. Die zahllosen Träume, in denen man etwas sucht und nicht findet, oder bei der Abreise etwas vergessen hat, kommen von unbestimmteren Störungen des Gemeingefühls her. Unbequeme Lage, geringe Athembeklemmungen, Herzklopfen können solche Vorstellungen wachrufen. Die Beziehung der- selben zu dem sinnlichen Eindruck wird hier durch das sinnliche Gefühl vermittelt, das vermöge seiner Vieldeutigkeit sehr verschiedenartige Asso- ciationen zulässt, bei denen nur immer der Gefühlston derselbe bleibt. Darum wird in diesem Fall bloß die allgemeine Richtung der Vorstellungen durch die Empfindung bestimmt, während ihr besonderer Inhalt aus sonstigen Quellen, theils aus der Reproduction theils aus anderweitigen Sinneseindrücken, herstammt. Bei allen von Tast- und Gemeinempfin- dungen ausgehenden Traumvorstellungen erweist sich endlich noch ein Vorgang wirksam, der dem Traume vorzugsweise eigen ist und in ähn- licher Weise nur noch in Fällen hochgradiger geistiger Zerrüttung vorzu- kommen scheint: er besteht darin, dass die Gemeinempfindungen objectivirt werden, indem der Träumer sein eigenes Befinden in eine phantastische Form umgesetzt auf andere Personen oder überhaupt auf äußere Gegenstände überträgt. Dabei können diese äußeren Vorstellungen entweder durch freie Reproduction der Eindrücke des wachen Lebens oder selbst aus unmittelbaren Sinneseindrücken entstanden sein. Fälle solcher Objectivirung haben wir kennen gelernt in den Wasserträumen, den Trink- und Essträumen, welche letztere oft ganz auf eine fremde Gesellschaft bezogen werden. Auch bei der Deutung der Athmungen als Flugbewegungen versetzt der Träumer die Vorstellung nicht selten aus sich heraus: er sieht einen Engel niederschweben, oder er deutet das Lichtchaos auf fliegende Vögel. Eine leise Uebelkeit wird zur Vorstellung eines Ungeheuers oder eines hässlichen Thieres objectivirt, das seinen Rachen gegen den Schläfer aufsperrt. Knirscht dieser mit den Zähnen, so sieht er ein Gesicht vor sich, welchem furchtbar lange Zähne aus den Kiefern wachsen, u. dergl.

Mit den durch Sinnesreize erweckten Vorstellungen vermengen sich so theils durch unmittelbare Assimilation theils durch successive Asso- ciation in der mannigfachsten Weise Erinnerungsbilder. Die Erlebnisse der verflossenen Tage, namentlich solche, die einen tieferen Eindruck hervorbrachten oder mit einem Affecte verbunden waren, bilden die ge- wöhnlichsten Bestandtheile unserer Träume. Jüngst verstorbene Ange- hörige oder Freunde erscheinen vermöge des tiefen Eindrucks, den Tod 656 Anomalien des Bewusstseins.

und Leichenbegängniss auf uns hervorbringen, ganz gewöhnlich im Traume; daher der weitverbreitete Glaube, dass die Gestorbenen in der Nacht ihren Verkehr mit den Lebenden fortsetzen. Oft genug wiederholen sich uns aber auch andere Begegnisse des täglichen Lebens mit mehr oder minder bedeutender Verschiebung der Umstände, oder wir anticipiren Ereignisse, denen wir mit Spannung entgegensehen. Die Freiheit, mit der dabei der Traum überall von der Wirklichkeit abweicht, erklärt sich theils aus den Associationen, die sich an jede einzelne Vorstellung knüpfen können, und die, während sie im wachen Leben wirkungslos verklingen, im Traume unmittelbar Gestalt gewinnen, theils aus den Sinneserregungen, die fort- während in der vorhin geschilderten Weise zu phantastischen Vorstellungen verarbeitet werden, und die, ebenso wie sie selbst der Reproduction ihre Richtung geben, doch auch wieder die Vorstellungen durchkreuzen und neue Reproductionen veranlassen. Außerdem können aber neuere Ein- drücke, die sich uns im Traume wiederholen, durch Association frühere Erlebnisse zurückrufen. Wer z. B. in den letzten Tagen einer Schul- prüfung angewohnt hat, sieht sich selbst auf die Schulbank zurückversetzt, um nun alle Pein eines unvorbereiteten Examens zu bestehen, wo sich dann als nähere Ursache für diese besondere Richtung des Affectes ge- wöhnlich die unbequeme Lage des Träumers, Athembeklemmung u. dergl. herausstellen wird. Wahrscheinlich in allen Fällen, wo uns längst ver- gangene Ereignisse, Scenen der Kindheit u. s. w. im Traume vorkommen, ist solches durch derartige Associationen verursacht, deren Fäden einer aufmerksamen Beobachtung selten entgehen werden1.

1 Es sei mir gestattet, diese Verwebung der verschiedenen Ursachen, die auf solche Weise zusammenwirken können, an einem Beispiel zu veranschaulichen. Vor dem Hause stellt sich, so träumte mir, ein Leichenzug auf, an dem ich Theil nehmen soll: es ist das Begräbniss eines vor längerer Zeit verstorbenen Freundes. Die Frau des Ver- storbenen fordert mich und einen andern Bekannten auf, uns auf dem jenseitigen Theil der Siraße aufzustellen, um an dem Zuge Theil zu nehmen. Als sie fortgegangen, be- merkt der Bekannte, »das sagt sie nur, weil dort drüben die Cholera herrscht; deshalb möchte sie diese Seite der Straße für sich behalten!« Nun versetzt mich der Traum plötzlich ins Freie. Ich befinde mich auf langen, seltsamen Umwegen, um den gefähr- lichen Ort, wo die Cholera herrschen soll, zu vermeiden. Als ich endlich nach ange- strengtem Laufen am Haus ankomme, ist der Leichenzug schon weggegangen. Noch liegen aber zahlreiche Rosenbouquets auf der Straße, und eine Menge von Nachzüglern, die mir im Traume als Leichenmänner erscheinen, sind alle gleich mir im eiligen Lauf begriffen, den Zug einzuholen. Diese Leichenmänner sind sonderbarerweise alle sehr bunt, nament- lich roth gekleidet. Während ich eile, fällt mir außerdem noch ein, dass ich einen Kranz vergessen habe, den ich auf den Sarg legen wollte. Darüber erwache ich denn mit Herz- klopfen. — Der ursächliche Zusammenhang dieses Traumes ist folgender. Tags zuvor war mir der Leichenzug eines bekannten Mannes begegnet. Ferner hatte ich in der Zeitung gelesen, dass in einer Stadt, in der sich ein Verwandter aufhielt, die Cholera ausgebrochen sei; und endlich hatte ich über die im Traume erscheinende Dame mit dem betreffenden Bekannten geredet, wobei mir dieser einige -Thatsachen erzählte, aus denen der eigen- nützige Sinn derselben hervorging. Dies sind die Elemente der Reproduction. Der ge- sehene Leichenzug erweckte offenbar die Erinnerung an das Begräbniss des vor einiger Schlaf und Traum. 5c y Die Traumvorstellungen können nun weiterhin auch eine Miterregung der motorischen Centraltheile hervorbringen. Am häufigsten combi- niren sich mit ihnen Sprachbewegungen, seltener pantomimische Bewe- gungen der Arme und Hände. Nur in Zuständen, die sich bereits den pathologischen nähern, führt aber der Traum zusammengesetzte Hand- lungen mit sich. In diesem Fall entwickelt sich dann aus dem Träumen das Nachtwandeln. Bei diesem verrathen die Handlungen meist deut- lich die illusorische Natur der Traumvorstellungen. Der Nachtwandler steigt zum Fenster hinaus, weil er es für die Thür hält; er wirft den Ofen um, in welchem er einen kämpfenden Gegner sieht, u. dergl. Mög- licherweise mag es auch vorkommen, dass die gewohnte Beschäftigung des Tages, wie in den Vorstellungen, so in den Handlungen in ziemlich normaler Weise sich fortsetzt, dass also z. B. der nachtwandelnde Haus- knecht seine Stiefeln putzt oder gar der nachtwandelnde Schüler die an- gefangene Aufgabe zu Ende schreibt. Doch sind die Berichte über derartige Begebenheiten natürlich mit großer Vorsicht aufzunehmen. Jedenfalls liegt es viel mehr in der Natur des Traumes, dass er zu ver- kehrten, als dass er zu zweckmäßigen Handlungen führt. Dies folgt nicht nur aus der Beschaffenheit der einzelnen Phantasmen, sondern auch aus ihrem ganzen Zusammenhang, der sich von dem regelmäßigen Verlauf im wachen Zustande durch den meist springenden oder planlos schweifen- den Charakter der Traumbilder weit entfernt. Der Grund dieses Unter- schieds wurde schon oben berührt. Er liegt in der Eigenschaft des Traumes, zwischentretende Eindrücke und Associationen alsbald halluci- natorisch zu gestalten. Hierdurch entsteht jene Zusammenhangslosigkeit, die wahrscheinlich zugleich die meisten Träume für immer unserm Ge- dächtniss entzieht. Sie ruft aber auch in den geordneteren Träumen, an die wir uns erinnern können, einen fortwährenden phantastischen Wechsel der Scenen und Bilder hervor. Genau hiermit hängt ferner der Mangel an Besinnung und Urtheil im Traume zusammen. Wir reden vollkommen fertig alle möglichen Sprachen, von denen wir in Wirklichkeit eine aus- nehmend geringe Kenntniss besitzen. Klingt uns dann beim Erwachen etwa noch die letzte Phrase im Ohr, so entdecken wir, dass sie Zeit verstorbenen Freundes, daran schließt sich die Frau desselben; die Erzählung des Bekannten über sie verwebt sich mit der Nachricht über die Cholera. Die weiteren Be- standtheile des Traumes gehen dann vom Gemeingefühl und von Sinneserregungen aus. Herzklopfen und Angstgefühl lassen mich zuerst den gefährlichen Ort umlaufen, dann dem abgegangenen Leichenzug nacheilen, und als dieser beinahe eingeholt ist, erfindet die Phantasie den vergessenen Kranz, dessen Vorstellung durch die auf der Straße liegen- den Rosensträuße nahe gelegt ist, um das Motiv für das vorhandene Angstgefühl nicht ausgehen zu lassen. Die zahlreichen Rosensträuße und der Schwärm der bunt gekleideten Leichenmänner endlich werden wohl in dem Lichtchaos des dunkeln Gesichtsfeldes ihre Ursache haben.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 42 Anomalien des Bewusstseins.

vollkommen sinnlos ist, oder dass die Wörter gar nichts bedeuten. Oder wir halten eine Rede über eine wissenschaftliche Entdeckung, deren Trag- weite wir nicht genug zu schätzen wissen, und beim Erwachen stellt sich die Sache als vollendeter Unsinn heraus, u. s. w. Dieser Mangel an Urtheil reicht manchmal noch einigermaßen in den wachen Zustand hin- über, und erst bei hellem Tageslicht erweist sich die anscheinend geist- reiche Bemerkung als ein höchst trivialer Gedanke. Mit dieser Besinnungs- losigkeit steht denn auch wohl die Erscheinung in Verbindung, dass wir unsere eigenen Gefühle und Empfindungen objectiviren, dass wir Persön- lichkeiten, zwischen denen sich irgend eine Association herstellt, mit einander vertauschen, oder dass uns unsere eigene Persönlichkeit als ein Anderer erscheint, der uns gegenüber steht1. Die Verbindungen der Vorstellungen im Traume haben demnach ebenfalls jenen Charakter der Illusionen, der den meisten einzelnen Traum Vorstellungen zukommt: wir sind, so lange wir träumen, die Opfer einer vollständigen Täuschung; wir zweifeln niemals, wie sehr auch unsere Traumbilder den Erlebnissen des wachen Bewusstseins widersprechen mögen. Auch der Zustand einer bewussten Erinnerungsthätigkeit kommt im Traume selten oder nie vor; und wenn er eintritt, so bezeichnet dies in der Regel zugleich den Augen- blick des Erwachens.

c. Theorie der Traumvorstellungen.

Ueber die Entstehung der Träume und ihre Beziehungen zu dem Zustand des wachen Bewusstseins sind mannigfache, zum Theil höchst phantastische Theorien aufgestellt worden. Sehen wir von diesen ab, so ist die unbefangene psychologische Betrachtung vorzugsweise von der zuletzt hervorgehobenen Incohärenz der Traumbilder ausgegangen. In diesem Sinne hat man dann den Traum auf einen Mangel des Selbst- bewusstseins bei überwiegender. Gemüthsthätigkeit ~ oder auch auf eine Unterbrechung der logischen Denkfunctionen 3 zurückgeführt. Aber ob- gleich die erstere Ansicht in -der zuweilen vorkommenden Objectivirung subjectiver Empfindungen, in der Verdoppelung der Persönlichkeit und ähnlichem eine gewisse Stütze zu finden scheint, so lässt sich doch wohl von der überwiegenden Zahl der Träume sagen, dass wir uns in ihnen unserer eigenen Persönlichkeit deutlich bewusst sind und sogar bis zu einem gewissen Grade immerhin dem Charakter dieser unserer Persön- lichkeit P'emäß reden und handeln. Ebenso fehlt es dem Traum keines- 2 H. Spitta, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele 2, S. 74 ff.

3 Paul Radestock, Schlaf und Traum, S. 145 ff.

Schlaf und Traum. 5SQ wegs an dem logischen Band der Gedanken. Wir stellen Ueberlegungen an, beurtheilen die Reden und Handlungen Anderer: selbst höhere Grade willkürlicher geistiger Anstrengung nebst dem deutlichen Gefühl derselben können vorkommen. Meistens bleiben freilich auch dann noch die Prä- missen unserer Schlüsse falsch, oder diese selbst sind verkehrt; aber es kann doch darum nicht behauptet werden, dass das logische Denken oder die active Willensthätigkeit überhaupt aufhöre. Die eigentliche Quelle der Täuschungen im Traum liegt vielmehr offenbar darin, dass wir uns durchaus den unmittelbar im Bewusstsein auftauchenden Vor- stellungen hingeben, ohne diese anders, als es durch die fortwährend wirk- samen Associationen von selbst geschieht, mit früheren Erfahrungen in Beziehung zu setzen. Auch unser Selbstbewusstsein ist nur insofern ein verändertes, als jene Beziehung auf den Inhalt bisheriger Erlebnisse mangelhaft ist; darum kann selbst in einer und derselben Reihe von Traumvorstellungen unser Ich einen veränderten Charakter gewinnen. Alle diese Thatsachen weisen auf eine partielle Aufhebung der Functionen der Apperception hin, vermöge deren die der passiven Apperception sich aufdrängenden Associationen die Herrschaft gewinnen, und die logischen Gedankenverbindungen nur insoweit disponibel bleiben, als sie zu festen associativen Verbindungen geworden sind. Nicht zu übersehen ist aber außerdem, dass die Traumtäuschung durch den hal- lucinatorischen Charakter der Traumvorstellungen wesentlich begün- stigt wird.

Zur Erklärung dieses, letzteren Momentes lassen sich nun theils directe, neurodynamische, theils indirecte, vasomotorische Wirkungen gel- tend machen, von denen wir annehmen dürfen, dass sie durch den Zu- stand des Schlafes herbeigeführt werden. Nach den Vorstellungen, zu denen die Mechanik der Nervensubstanz gelangt ist, sind die Nerven- zellen, abgesehen von ihren directen Nervenfunctionen, zugleich chemische Werkstätten, in denen fortwährend eine Ansammlung jener Kräfte statt- findet, die, zum Theil an die Nervenfasern abgegeben, die Leistungen des gesammten Nervensystems unterhalten1. Die Functionsruhe des Schlafes ist aber eine Zeit der Ansammlung vorräthiger Arbeitskräfte, während der zugleich gemäß dem allgemeinen Zusammenhang dieser Molecular- vorgänge der Uebergang derselben in actuelle Energie gehemmt ist. Der Zusammenhang der nervösen Elemente, in welchem den Nervenfasern ebensowohl die Rolle von Leitern der Erregungen wie von Vertheilern der Energiewerthe zukommt, wird es nun mit sich bringen, dass, sobald in diesem System an irgend einem Punkt eine actuelle Kraftleistung 66o Anomalien des Bewusstseins.

ausgelöst wird, die Größe derselben nicht bloß durch ihren eigenen Energie- vorrath, sondern auch durch den ihrer benachbarten krafterzeugenden Elemente bestritten wird, und dass von diesen hinwiederum ihnen um so mehr Arbeitsvorrath zugeführt werden kann, je größer in ihnen selbst die Ansammlung vorräthiger Energie ist. Vermöge dieser neurodynamischen Wechselwirkungen wird also gerade wegen der im Schlafe stattfindenden Functionsruhe und namentlich wegen der extensiv beschränkten Aus- breitung der Erregungsvorgänge da, wo diese eintreten, eine gesteigerte Erregbarkeit vorhanden sein. Diese neurodynamische wird dann wahr- scheinlich zugleich durch eine sie begleitende vasomotorische Wechsel- wirkung gesteigert werden, da überall Gefäßinnervation und Function der Organe durch die Wirkungen des Gefäßnervensystems in einer Wechsel- beziehung stehen, vermöge deren Steigerung der Function Gefäßerweite- rung und also verstärkten Blutzufluss, Abnahme der Function dagegen Gefäßverengerung und Abnahme des Blutzuflusses zur Folge hat, ebenso wie umgekehrt diese vasomotorischen wieder die entsprechenden functio- nellen Wirkungen nach sich ziehen1.

Suchen wir hiernach die ursächlichen Bedingungen des Traumes zu- sammenzufassen, so können dieselben in primäre und secundäre unter- schieden werden. Als primäre Bedingung erweist sich die den Schlaf herbeiführende und zunächst mit einer Aufhebung des Bewusstseins ver- bundene Functionsruhe der Sinnescentren und des Apperceptionsorgans, vielleicht bis zu einem gewissen Grade auch die eintretende Hyperämie des Gehirns und die partielle Respirationshemmung. Dazu kommt dann als secundäre Bedingung die in Folge der Functionsruhe eintretende Steigerung latenter Energie, welche den zunächst vereinzelt eintretenden Erregungen eine ungewöhnliche Stärke verleiht, die durch die begleiten- den vasomotorischen Wirkungen noch weiter erhöht wird. Durch diese Rückwirkungen wird die im Schlafe entstandene Bewusstlosigkeit wieder aufgehoben; aber das so eingetretene Bewusstsein ist ein gestörtes, denn es steht unter dem Einfluss der Hemmung der Apperceptionsfunctionen, und überdies besitzen die assimilirten Sinnesreize und die reproducirten Vorstellungen vermöge der veränderten Bedingungen der centralen Reiz- barkeit den Charakter der Illusionen und Hallucinationen.

Die ältere Physiologie betrachtete den Schlaf entweder als eine Ermü- dungs- und Erholungserscheinung, oder sie begnügte sich, ihn ganz allgemein 1 Vgl. über dieses Princip der neurodynamischen Wechselwirkungen und seine An- wendung auf den Traum: Hypnotismus und Suggestion, Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 38, Separat- Ausgabe S. 51 ff.

Schlaf und Traum. 55 1 mit den periodischen Lebenserscheinungen in Verbindung zu bringen1. Die in neuerer Zeit gemachten Versuche, über die näheren Ursachen und Erschei- nungen desselben Rechenschaft abzulegen, gehen von unsern allgemeinen Kenntnissen über die thierischen Zersetzungsvorgänge aus. Da die Anhäufung von Zersetzungsproducten im Blute Störungen des Bewusstseins oder Bewusst- losigkeit hervorrufen kann, so vermuthet man, die im wachen Zustande er- folgte Anhäufung solcher Stoffe sei die Bedingung des Schlafeintritts. Schon Purkinje hat auf eine derartige Analogie des normalen Schlafes mit der Wir- kung der narkotischen Mittel hingewiesen2. Zunächst liegt es hier nahe an die Wirkung der Kohlensäure, des Endproductes der Respiration, zu denken3. In der That suchte Pflüger diese Vermuthung mit gewissen allgemeinen An- schauungen über die Functionen des Nervensystems in nähere Beziehung zu bringen. Auf den morphologischen Zusammenhang des gesammten Nerven- systems gestützt, nimmt er eine analoge Verbindung der dasselbe bildenden chemischen Molecüle an. Indem er weiterhin von der Erfahrung ausgeht, dass die Erschöpfung an Sauerstoff zunächst eine Herabsetzung der Erregbar- keit der Nervenelemente, und die Verbrennung zu Kohlensäure ein völliges Erlöschen derselben herbeiführe, betrachtet er die durch den intramolecularen Sauerstoff bei seiner Verbindung herbeigeführten Wärmeschwingungen als die Ursache des wachen Zustandes, den Schlaf aber als das Ergebniss eines theil- weisen Verbrauchs an Sauerstoff und dadurch herbeigeführter Abnahme der nach Pflüger explosionsartig unterhaltenen Oscillationen. Während des Schlafes erfolge dann wieder eine allmähliche Aufnahme von disponiblem Sauerstoff sowie der die potentielle Energie des Thierkörpers repräsentirenden kohle- haltigen Brennstoffe. Auch durch die Kälte könne eine Abnahme jener intra- molecularen Oscillationen herbeigeführt werden; und umgekehrt durch sehr hohe Temperatur ein rascher Verbrauch der potentiellen Energie. Pflüger erklärt auf diese Weise den Winter- sowie den Sommerschlaf gewisser Am- phibien4. Auch diese Hypothese berücksichtigt jedoch nicht sowohl die un- mittelbaren Ursachen als die entfernteren Bedingungen des Schlafes, und sie gibt, wie es scheint, über die successive Betheiligung der Centraltheile keine zureichende Rechenschaft. Nach Pflüger ist der Schlaf von Anfang an ein Zustand des Gesammtnervensystems, ja des gesammten Organismus. Man kann zugeben, dass nicht nur an den Bedingungen des Schlafes alle Organe theil- nehmen, sondern dass auch der Zustand desselben bald auf sie alle zurück- wirkt. Aber darüber ist doch nicht zu vernachlässigen, dass, zusammenhän- gend mit seinen unmittelbaren äußeren Entstehungsbedingungen, der Schlaf von einem bestimmten Centralgebiet auszugehen scheint, und dass daher wohl schon in dem centralen Nervensystem primäre und secundäre Erschei- nungen des Schlafes zu sondern sind.

Den secundären Erscheinungen haben wir nun auch den Traum und 1 J. Müller, Handbuch der Physiologie, Bd. 2, S. 579. Purkinje, Wachen, Schlaf, Traum und verwandte Zustände, Handwörterb. d. Physiol. Bd. 3, 2, S. 412.

3 Dass die Milchsäure, der Preyer (Ueber die Ursache des Schlafes, 1877) eine ähnliche Bedeutung beilegen wollte, eine schlaf machende Wirkung überhaupt nicht be- sitzt, ist durch wiederholte Untersuchungen erwiesen worden. Vgl. Lothar Meyer, Virchows Archiv, Bd. 66, S. 120. Fischer, Zeitschr. f. Psychiatrie, Bd. 32, S. 720.

4 Pflügers Archiv, Bd. 10, 1875, S. 468. Vgl. auch ebend. S. 251 ff.

56 2 Anomalien des Bewusstseins.

die ihn begleitenden centralen Veränderungen zugezählt. So sehr wir bei ihm bis jetzt auf die Beobachtung der psychischen Seite der Erscheinungen be- schränkt sind, so kann doch kaum ein Zweifel daran aufkommen, dass die Veränderungen des Bewusstseins ihre körperliche Grundlage in den Hemmun- gen der centralen Functionen finden, die der Schlaf herbeiführt. Zweifelhafter kann man rücksichtlich des hallucinatorischen Charakters der Traumvorstellun- gen sein. Ich selbst war früher geneigt, denselben aus der in Folge der Hemmungen der Circulation eintretenden Anhäufung von Zersetzungsproducten des Stoffwechsels abzuleiten1. Die Analyse der verwandten Erscheinungen der Hypnose lässt mir jetzt die oben dargelegte Hypothese als die wahr- scheinlichere erscheinen, um so mehr da die allgemeine Annahme einer Stei- gerung der Reizbarkeit centraler Elemente über die eigenthümliche Mischung von Hemmungs- und Erregungserscheinungen, die den Schlaf und Traum aus- zeichnet, keine Rechenschaft gibt. Dagegen dürfte der im Schlafe eintreten- den Hyperämie des Gehirns die Rolle eines mitwirkenden Factors zukommen.

Zu Auffassungen, die zu den hier vertretenen in diametralem Gegensatze stehen, neigte in der Regel die spiritualistische Psychologie, indem sie den Traum als eine zeitweise Befreiung der Seele von den Schranken der Körper- lichkeit, als eine Entfaltung ihres eigensten inneren Wesens u. dgl. mehr auf- fasste. Namentlich in der ScHELLiNG'schen Schule und innerhalb der un- verwandten Richtungen wurden solche Ideen gepflegt, und noch in neuerer Zeit sind sie nicht ganz verschwunden2. Doch ist anzuerkennen, dass auch von psychologischer Seite aus eine sorgfältigere Zergliederung der wirklichen Traum erscheinungen mehr und mehr diesem phantastischen Traumcultus den Boden entzogen hat3.

Vielfach ist die Frage erörtert worden, ob der Mensch während des Schlafes immer träume oder nicht. Einige Beobachter versichern, dass sie sich jedesmal beim Erwachen bewusst seien geträumt zu haben4. Dieser An- gabe würde aber wahrscheinlich leicht eine große Zahl entgegengesetzter Wahrnehmungen gegenübergestellt werden können. Wegen der großen Schnel- ligkeit, mit der die Träume aus dem Gedächtniss verschwinden, lässt sich natürlich die Frage nicht endgültig entscheiden. Die objective Beobachtung Schlafender spricht jedenfalls gegen ein immerwährendes Träumen, da die mimischen Bewegungen, durch die sich der Traum verräth, im tiefen Schlaf zu fehlen pflegen. Meistens hat man auch aus speculativen Gründen dem permanenten Träumen das Wort geredet, da man von der Ansicht ausging, die Seele müsse immer ihre Thätigkeit fortsetzen5. Alles was wir oben über die 1 Vgl. die 3. Aufl. dieses Werkes S. 446 f.

2 Vgl. noch aus neuerer Zeit J. H. Fichte, Psychologie, Bd. 1, S. 528 fr. J. Volkelt, Die Traumphantasie, 1875. Uebrigens ist Volkelt, wie aus seinen neueren Veröffent- lichungen hervorgeht, jetzt von vielen der in dieser Schrift vertretenen Ansichten zurück- gekommen.

3 Vgl. außer den schon oben angefahrten Schriften L. Strümpell, Die Natur und Entstehung der Träume, 1874. H. Siebeck, Das Traumleben der Seele, 1877. (Virchow- Holtzendorffs Sammlung wissensch. Vorträge.) Bixz, Ueber den Traum, 1878. J. Del- boeuf, Le sommeil et les reves, 1885.

4 Kant, Anthropologie (Werke Bd. 7), S. 93. Chr. H. Weisse. Psychologie und Unsterblichkeitslehre, hrsg. von R. Seydel, 1869, S. 198. Exner, Hermanns Physiologie.

Hypnotische Zustände. 56 ^ physiologischen Entstehungsbedingungen des Traumes erfahren haben, macht die entgegengesetzte Ansicht zur wahrscheinlicheren. In der Neigung zum Träumen spielen übrigens offenbar individuelle Dispositionen und Gewohn- heiten eine große Rolle. In erster Linie hängt dieselbe jedoch, wie die statisti- schen Untersuchungen Heerwagens1 lehren, von der gewohnheitsmäßigen Tiefe des Schlafes ab. Menschen mit leichtem Schlaf träumen viel, solche mit tiefem wenig, oder, falls sie träumen, so erinnern sie sich dessen meistens nicht. Außerdem träumen im allgemeinen Frauen mehr als Männer, sie haben aber auch einen leichteren Schlaf. Umgekehrt dagegen träumen jugendlichere Per- sonen mehr und lebhafter als ältere, obgleich diese bekanntlich weniger tief schlafen. Diese Ausnahme von der allgemeinen Regel erklärt sich leicht aus den oben entwickelten Voraussetzungen, nach denen ja neben den Verände- rungen der Reizbarkeit vor allem auch die auf der Leistungsfähigkeit der Nervencentren beruhende neurodynamische Wechselwirkung bei der Entstehung von Träumen in Betracht kommt.

3. Hypnotische Zustände.

a. Aeußere Bedingungen der Hypnose. Arten und Grade hypnotischer Zustände.