Annahme sogenannter Kräftepunkte in reale Atome, die atomistische Hypo- these stark in den Vordergrund trat, so hat sie gleichwohl, geschichtlich betrachtet, nie einen integrirenden Bestandtheil der neuen Naturanschauung gebildet, sondern immer nur die Rolle einer für gewisse Erscheinungs- gebiete nützlichen Hypothese gespielt, neben der andere Hypothesen als möglich zugestanden wurden. Diese veränderte Stellung des atomistischen Gedankens hängt mit einem anderen, vielleicht noch wesentlicheren Unter- schiede von der antiken Atomistik auf das engste zusammen. Diese be- trachtet oder betrachtete wenigstens ursprünglich, bevor Epikur seine theils teleologische, theils skeptische Modification des demokritischen Systems vornahm, die atomistische Constitution der Materie gewissermaßen als eine denknothwendige, mindestens aber als eine solche Voraussetzung, ohne die eine streng causale mechanische Weltbetrachtung nicht bestehen könne. In der Stellung, die schon in der naturwissenschaftlichen Welt- anschauung der Renaissancezeit die Atomistik neben anderen Vorstellungen einnimmt, kommt, wenn auch zunächst noch nicht deutlich ausgesprochen, so doch thatsächlich anerkannt, der Gedanke zur Geltung, dass andere als hypothetische Aussagen über die Constitution der Materie nicht Mechanik und Energetik. ÖOQ möglich seien, und dass daher nicht aus einer bestimmten Vorstellung über dieselbe die Erscheinungen abzuleiten, sondern im Gegentheil Hypothesen über die Materie nur als Hülfsmittel für die Verknüpfung der Erscheinun- gen nothwendig seien. Das ist die Auffassung, die schon aus Galileis Ausführungen über die Natur der Körper deutlich durchschimmert. Moch- ten darum immerhin zuweilen die Atome wiederum als eine unaufhebbare Voraussetzung betrachtet werden, so lag das Motiv dazu doch nur darin, dass man ihrer aus empirischen Gründen nicht glaubte entrathen zu kön- nen. Freilich ist zu Zeiten auch hier die Hypothese zum Dogma erstarrt. Gleichwohl darf man dies im Hinblick auf die gesammte geschichtliche Entwicklung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung als eine Ver- irrung betrachten, die vielleicht nicht ganz ohne den nachwirkenden Ein- fluss der antiken Atomistik entstand, die aber den wahren Charakter des in der Naturwissenschaft zur Entwicklung gelangten Begriffs der Materie im ganzen nur vorübergehend getrübt hat.
Was in Wahrheit die im Zeitalter der Erneuerung der Wissenschaften entstandene und seitdem herrschend gebliebene naturwissenschaftliche Weltanschauung mit der demokritischen Atomistik verbindet, das ist darum nicht die atomistische Hypothese, sondern die Auffassung der Natur als eines mechanischen Systems, dessen letzte Erklärungsgründe in den allgemeinen Bewegungsgesetzen enthalten seien. Indem die neue Wissen- schaft der Mechanik diese Gesetze nach dem Vorbilde der Geometrie aus wenigen allgemeingültigen Voraussetzungen entwickelte, vollzog sie aber zugleich die Umwandlung der qualitativen in eine quantitative Mechanik der Naturvorgänge, die freilich, wie dies Descartes' Unternehmen einer mechanischen Physik zeigte, in ihrer strengen Durchführung noch für lange Zeit ein bloßes Postulat blieb. Dennoch findet der exacte, überall auf die Feststellung quantitativer Beziehungen gerichtete Zug der neuen Weltanschauung schon von ihren Anfängen an in dem oft wiederholten, am eindringlichsten von Galilei verkündeten Satz seinen Ausdruck, dass alle Naturerscheinungen auf mathematische Gesetze zurückzuführen seien, und dass es demnach außerhalb der Begriffe von Raum, Zeit, Zahl und Bewegung nichts gebe, was zu dem Wesen der Objecte selber gehöre. Darin wurzelt zugleich der Gegensatz gegen das energetische Weltbild des Aristoteles, welches vielmehr von den qualitativen Unterschieden der Erscheinungen ausgegangen und bemüht gewesen war, diese in eine natür- liche Ordnung von Urqualitäten einzureihen.
Dass die tiefer liegenden Motive, auf denen dieser Gegensatz be- ruht, in der neuen mechanischen Weltanschauung überall deutlich her- vortreten, darf, man nun freilich um so weniger erwarten, als nicht bloß pen Begründern derselben, sondern auch denen, die ihnen auf der neu yOO Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
eröffneten Bahn folgten, diese Motive selbst nur theilweise zum Bewusst- sein kommen mochten. Selbst da, wo man über sie Rechenschaft zu geben suchte, blieben sie meist hinter allgemeinen Forderungen verborgen, die an und für sich nicht als unbedingt zwingende gelten können. Dahin gehört in erster Linie schon jene Voraussetzung, dass das mathematisch Erkennbare allein objective Wahrheit besitze; und nicht minder die andere, dass eine Weltanschauung unser Bedürfniss nach Einheit und Harmonie des Universums befriedigen, und dass man dem veränderlichen Sinnenschein nicht vertrauen, sondern auf das Bleibende im Wechsel zurückgehen müsse. Dazu kam, dass sich die mechanische Naturanschauung selbstverständlich nur sehr allmählich auf die verschiedenen Gebiete der Naturforschung an- wenden ließ, und dass sie daher fortan vielfach mit vorläufigen, theils be- streitbaren, theils unzulänglichen und erst später durch bessere ersetzten Annahmen arbeitete. So konnte es nicht ausbleiben, dass das neue Weltbild zunächst den Charakter einer kühnen, nur auf wenige sicher er- forschte Thatsachen gegründeten Verallgemeinerung besaß. Die mechani- sche Naturanschauung als Ganzes hat sich eben nicht anders entwickelt, als wie sich wissenschaftliche Theorien auch im Einzelnen zu entwickeln pflegen: ihre Voraussetzungen sind vielfach der Untersuchung vorausge- eilt, und diese hat darum wieder auf jene mannigfach erweiternd und be- richtigend zurückgewirkt. Darum werden wir nun auch die entscheiden- den logischen Motive der neuen Anschauung nicht dem unzulänglichen Ausdruck entnehmen dürfen, den sie bei ihrer ersten Begründung gewon- nen, sondern man wird alles das, wodurch die spätere Forschung bis auf unsere Tage herab jene ursprüngliche Begründung vervollständigt hat, hinzunehmen müssen. Insbesondere wird aber die vielfach inadäquate teleologische oder theologische Formung der Gedanken auf ihren wahren logischen Ursprung zurückzuverfolgen sein, wenn man den wirklichen und bleibenden Beweggründen der neuen Weltanschauung gerecht werden will. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, sind es nun wiederum em- pirische und allgemeinere erkenntnisstheoretische Erwägungen, die bei ihrer Entstehung und weiteren Ausarbeitung zusammenwirkten. Doch jene wie diese waren gegenüber dem System der antiken Atomistik wesentlich andere geworden, und sie waren zugleich in eine engere Verbindung mit einander getreten. Empirisch bildete das System der kosmischen Be- wegungen, wie es zuerst in der kopernikanischen Weltansicht niedergelegt war und dann in den KEPLER'schen Gesetzen und deren mechanischer Interpretation durch NEWTON seinen einheitlichen Ausdruck fand, die erste und wirksamste Grundlage der neuen Anschauung. Einerseits wies die in diese Interpretation eingehende Beziehung zu der Bewegung irdischer Körper auf die universelle Bedeutung der mechanischen Gesetze hin.
Mechanik und Energetik. -0i Anderseits bildete die Bewährung der kopernikanischen Lehre von Anfang an ein Zeugniss wider die unmittelbare Wahrheit der sinnlichen Wahr- nehmung, das. daran mahnte, auch in jedem anderen Erscheinungsgebiet die wirklichen Vorgänge von der Art zu unterscheiden, wie sie uns erscheinen. Mit Misstrauen tritt daher von nun an der Naturforscher der Erscheinung gegenüber. Die sinnlichen Empfindungen betrachtet er nicht mehr, wie es die aristotelische Physik gethan, als die Urqualitäten der Dinge selbst, son- dern als subjective Zeichen, die auf die Objecte hinweisen, bei denen aber die eigene Natur dieser Objecte durch die Wirkung auf unsere Sinne ver- ändert werde. So bildet sich, von der Astronomie auf die Physik übertragen, die Maxime der Elimination des Sinnenscheins als ein allgemeines Postulat der Forschung. Diese Maxime erfährt zugleich bei jener Ueber- tragung eine überaus wichtige Ausdehnung, indem sie von der Sinnes- wahrnehmung auf die Sinnesempfindung übergeht. Es ist das Haupt- verdienst Galileis, diesen folgenreichen Schritt zuerst mit dem klaren Bewusstsein seiner Bedeutung gethan zu haben. Die kopernikanische Astronomie hatte den Empfindungsinhalt der Anschauung unverändert be- stehen lassen; sie verlangte nur, dass der Wahrnehmende diesem Inhalt gegenüber seinen Standpunkt wechsle. Die GALILEl'sche Physik ging weiter: sie verlangte, dass der Wahrnehmende den Empfindungsinhalt selbst als einen subjectiven Schein betrachte, hinter dem sich das überall nur in geometrischen und mechanischen Verhältnissen bestehende Sein der Dinge verberge.
d. Empirische und logische Grundlagen der mechanischen Natur an schauung.
Die ganze Entwicklung der neueren Naturwissenschaft bis auf unsere Tage bildet nun eine Reihe fortlaufender Bestätigungen dieses zunächst von GALILEI klar ausgesprochenen Postulates. Die Qualität der Empfindung enthüllt sich ihr überall als ein Veränderliches, von subjectiven, den Gegen- ständen selbst fremden Bedingungen Abhängiges, dem gegenüber als das Constante, nur aus dem gesetzmäßigen Zusammenhang des objectiven Ge- schehens selbst zu Begreifende die geometrischen und mechanischen Bezie- hungen übrig bleiben. Hatte frühe schon die physikalische Forschung als das objective Substrat der Töne eine von mechanischen Gesetzen abhängige schwingende Bewegung nachgewiesen, von der die Tonempfindung selbst nichts wiedererkennen lässt, und für die sie nur ein unsicheres, der sub- jectiven Täuschung unterworfenes Maß abgibt, so sind Licht und Farbe, Wärme, Aggregatzustände und chemische Vorgänge, Elektricität und Magnetismus successiv diesem Vorbilde gefolgt, und überall hat dabei zugleich die mechanische Analyse Beziehungen zwischen den verschiedenen j02 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
Erscheinungsgruppen festgestellt, bei denen die Wirkungen auf unsere Sinne im Hinblick auf den objectiven Charakter der Vorgänge als zufällige Nebeneffecte erscheinen mussten, die zwar gelegentlich auf ein objectives Geschehen hinweisen, über die Natur desselben aber nichts aussagen können. So gibt es Wärmevorgänge, auf die wir nicht mit Temperatur- empfindungen reagiren, Lichtschwingungen, die unsere Netzhaut nicht empfindet. Chemische, elektrische und magnetische Veränderungen vollends geben sich nur in höchst veränderlichen sinnlichen Merkmalen zu erkennen, die weder einem bestimmten Sinnesgebiet zugeordnet noch überhaupt von eindeutiger Beschaffenheit sind. Dagegen erweist sich überall, wo diese Er- scheinungen objective Beziehungen zu einander erkennen lassen, der Begriff der Bewegung als das verbindende Mittelglied. In diesem Sinne sucht die mechanische Wärmetheorie die Brücke zu schlagen zwischen den Wärmeerscheinungen und den mit ihnen eng verbundenen Aggregations- und Disgregationsprocessen; ebenso die elektromagnetische Lichttheorie zwischen den elektrischen und optischen Fernewirkungen. In dem Maße, als jene specifischen Materien, die als eine Art rückständiger Nachwirkung der aristotelischen Qualitätenlehre in der älteren Physik ihr Dasein fristeten, das Wärmefluidum, die elektrischen und magnetischen Flüssigkeiten, denen sich auch bereits der sogenannte Lichtäther anzuschließen beginnt, aus den neueren Anschauungen verschwinden, im selben Maße ist auch das mechanische Weltbild ein einheitlicheres, und sind zugleich die empirischen Motive zur Einführung der mechanischen Naturanschauung zwingendere geworden. Je mehr aber auf diesem Wege der Begriff der Materie selbst wieder ein einheitlicher zu werden beginnt, wie ihn in richtiger Vor- ahnung der künftigen Entwicklung bereits GALILEI erfasst hatte, um so mehr stellt er sich zugleich als ein hypothetischer Grenzbegriff heraus, dem außer der Function, als Substrat der Bewegungsvorgänge zu dienen, und den hierin begründeten räumlich-zeitlichen Eigenschaften, auf die sich die Naturerscheinungen nach ihrem objectiven Charakter zurückführen lassen, kein anderer Inhalt gegeben werden kann. Wenn Galilei dereinst die Materie die einzige Qualitas occulta nannte, welche die Physik an Stelle der vielen verborgenen Urqualitäten des ARISTOTELES zurückbehalte, so hat er diesem Verhältniss in der Sprache seiner Zeit einen vollkommen treffenden Ausdruck gegeben. So lenkt hier, nachdem gerade der Begriff der Materie einem naturwissenschaftlichen und philosophischen Dogmatis- mus, der aus der mechanischen Weltanschauung erwachsen ist, einen Rückhalt geboten, eine spätere Zeit wieder in jene Anfänge zurück. Suchen wir aber den immerhin mangelhaften Ausdruck, den die Grund- lagen der neuen Naturanschauung hier gefunden, aus den praktisch ge- übten und in der kommenden Entwicklung als erfolgreich bewährten Mechanik und Energetik. 703 Maximen der Forschung zu ergänzen, so wird man als das entscheidende erkenntnisstheoretische Motiv die Elimination der rein subjectiven Elemente der unmittelbar gegebenen Naturerscheinungen und die widerspruchslose Verknüpfung der danach übrig bleiben- den objectiven Elemente betrachten dürfen. Die beiden Bestand- teile dieses Princips, der negative und der positive, stehen insofern in engem Zusammenhange mit einander, als bei der Verknüpfung der Naturerscheinungen jeder Versuch einer Objectivirung der subjectiven Elemente oder einer Hypostasirung derselben zu Urqualitäten der Dinge, wie eine solche die aristotelische Energetik vorgenommen hatte, unaus- bleiblich zu Widersprüchen führt, und damit also jene durchgängige cau- sale Verbindung unmöglich macht, die sich die Naturforschung nach Maßgabe des Princips des Erkenntnissgrundes als Aufgabe gestellt hat. In diesem Sinne kann man sagen, dass die strenge Anwendung dieses Princips selbst einerseits durch die in ihm enthaltene positive Forderung einer logischen Verknüpfung der Erscheinungen, und anderseits durch die hierin eingeschlossene negative der Elimination des Widerspruchs, zur me- chanischen Naturanschauung in ihren neueren Gestaltungen geführt hat1.
e. Die Selbständigkeit der Psychologie ein Postulat der mechanischen Naturlehre.
Jenes negative Kriterium der Elimination des Widerspruchs hat nun aber zugleich einen weiteren positiven Erfolg mit sich geführt. Indem sich die Bewegung im Raum als der einzige widerspruchslos gegebene Inhalt der objectiven Erfahrung herausstellte, ließ die neuere Physik die Frage nach der Natur und nach den Beziehungen der subjectiven Ele- mente der Wahrnehmung völlig dahingestellt. Hiermit waren diese von selbst einer besonderen, von der Physik specifisch verschiedenen, sie aber zugleich in der Erforschung des Gesammtinhalts der Erfahrung ergänzen- den Wissenschaft zugewiesen: der Psychologie. Daraus ergab sich ein weiterer Gegensatz zur aristotelischen Naturlehre. Dieser waren, gemäß 1 Wenn eine in der neueren Naturwissenschaft verbreitete erkenntnisstheoretische Richtung, die vornehmlich in Ernst Mach ihren Vertreter hat, die Interpretation des empirischen Zusammenhangs unserer Empfindungen als die positive Aufgabe der Natur- wissenschaft bezeichnet, so verhüllt daher, wie mir scheint, diese Definition jene Aufgabe mehr, als sie dieselbe erläutert. Denn die ganze Entwicklungsgeschichte der neueren Naturforschung legt ein laut redendes Zeugniss dafür ab, dass nicht sowohl die Verbindung als die Elimination des subjectiven Inhalts der Empfindungen das treibende Motiv die- ser Entwicklung gewesen ist. Eben dieses Motiv aber hat mit Nothwendigkeit zu jenem hypothetischen Begriff eines- direct nicht in der Empfindung gegebenen Substrats der Na- turerscheinungen geführt, den Mach mit Gründen bekämpft, die nicht sowohl den unent- behrlichen heuristischen Gebrauch dieses Begriffs, als vielmehr seine dogmatische Erstarrung und seine Vermengung mit den Substanzbegriffen der Philosophie treffen. Vgl. Mach, Principien der Wärmelehre, 1896, S. 422 ff.
yOd Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
der allumfassenden Bedeutung ihres energetischen Grundgedankens, die Seelenvermögen die höchsten Stufen der Naturordnung selbst, die Psycho- logie war ihr daher der Abschluss der Physik gewesen. Die neue me- chanische Naturlehre scheidet scharf beide Gebiete als solche, die einer verschiedenen Betrachtungsweise der Dinge, oder die, wie man es statt dessen zunächst auszudrücken pflegte, specifisch verschiedenen Bestand- theilen der Erfahrung angehören. Mochte auch unter der Nachwirkung der antiken Atomistik, und zum Theil wohl auch des aristotelischen Ein- heitsgedankens, in der naturalistisch gerichteten Philosophie der Versuch, das psychische Geschehen dem mechanischen Naturbegriff einzuordnen, immer von Zeit zu Zeit wiederkehren, der Naturwissenschaft als solcher lagen solche Gebietsüberschreitungen ferne; und auch die Philosophie hat sich trotz des mächtigen Einflusses der Naturwissenschaft in ihren vor- herrschenden Richtungen von denselben frei gehalten. Wohl aber führte hier das Vorbild der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu einer die Einheit der Erfahrung willkürlich aufhebenden, zum Theil auf alte, plato- nische Vorstellungen von halbmythologischem Charakter zurückgehenden Begriffsscheidung. Der Materie stellte die cartesianische Philosophie die Seele als ein von jener specifisch verschiedenes, doch gleich ihr behar- rendes objectives Substrat der seelischen Vorgänge gegenüber. So ent- stand, als ein auf das Geistige übertragener Atombegriff, der substan- tielle Seelenbegriff der neueren speculativen Psychologie, in den dann überdies noch aus der aristotelischen Energetik die Begriffe der Seelen- vermögen theilweise herübergenommen wurden. Immerhin blieb in allen diesen Bestrebungen das von der mechanischen Naturwissenschaft ge- wonnene Princip maßgebend, als objectiv gegeben ausschließlich die- jenigen Elemente der Erfahrung anzuerkennen, die sich in aller Wahr- nehmung widerspruchslos als gegeben behaupten. Man ersieht hieraus, wie sehr später die Kritik Kants, als sie mit gutem Grund die Rechtmäßigkeit des substantiellen Seelenbegriffs bestritt, doch der Natur- wissenschaft gegenüber das wirkliche Verhältniss auf den Kopf stellte, wenn sie die subjectiven Empfindungen als das Gegebene, und dagegen Zeit, Raum, Causalität und Substanz als reine Erkenntnissformen betrach- tete. Gewiss ist es ja richtig, dass jene Anschauungen und Begriffe, die für uns als unaufhebbare Principien der Naturerklärung stehen bleiben, ohne unsere Erkenntnissfunctionen für uns nicht existiren würden. Eben darum nöthigt uns aber diese thatsächlich unaufhebbare Beschaffenheit der principiellen Erkenntnissformen, sie als das wirklich Gegebene, und demnach, sofern wir von dem objectiv Wirklichen die subjective Er- kenntniss desselben unterscheiden, unsere Erkenntnissfunctionen als adäquat diesen allgemeingültigen Erkenntnissinhalten anzusehen. Alles das hin- Mechanik und Energetik.
gegen, was dieser objectiven Constanz und Allgemeingültigkeit entbehrt, also Kants ganze »Materie der Empfindung«, kann eben darum nicht als objectiv gegeben betrachtet werden. Daraus erwächst dann der Phy- sik, die es nur mit dem objectiv Gegebenen zu thun hat, die Aufgabe, diese subjectiven Elemente aus ihrer Interpretation der Naturerscheinun- gen zu eliminiren, der Psychologie aber die andere, den Zusammenhang eben dieser subjectiven Elemente der Sinneswahrnehmung unter sich und mit den sonstigen, rein subjectiven Thatsachen unserer unmittelbaren Er- fahrung zu analysiren. Das ist die wahre Coordination von Naturlehre und Psychologie, die auf der einen Seite aus der Entwicklung der neue- ren mechanischen Naturwissenschaft, auf der andern aus der in Kants Kritik zum Ausdruck kommenden Selbstzersetzung des substantiellen Seelenbegriffs hervorgegangen ist.
f. Die Entwicklung der neueren Energetik.
Die Vorherrschaft, die sich die mechanische Naturbetrachtung in der Naturwissenschaft der Renaissancezeit errungen, hatte nicht vermocht, das teleologische Gedankensystem ganz zu verdrängen. Dieses fristete nicht nur in den abweichenden Richtungen der Philosophie fortan sein Dasein, sondern ganz konnte sich die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung selbst seinen Nachwirkungen nicht entziehen. Diese teleologische Strömung beginnt, ohne dass man sich ihrer deutlich bewusst wird, schon in den An- fängen der neueren mechanischen Naturphilosophie. Sah man doch auch den Vorzug des kopernikanischen Weltbildes zunächst vornehmlich darin, dass es das Streben nach der »Einheit und Harmonie des Universums« befriedige. Bald aber erwuchs aus dieser zunächst nur auf die gegebene Constitution des Weltganzen gerichteten Einheitsidee auch die Forde- rung nach einem universellen Gesetz des Geschehens. Dass ein sol- ches den mechanischen Principien nicht entnommen werden konnte, lag in dem logischen Charakter dieser Principien eingeschlossen. Aus der Analyse einzelner Erscheinungen hervorgegangen, mussten sie in eine Anzahl selbständiger Sätze zerfallen, und konnten sie ihrerseits wiederum nur der Analyse des Einzelnen dienen. Die Einheit aller Naturvorgänge aber, wie sie selbst ein teleologischer Begriff ist, konnte nur in einer all- gemeinsten teleologischen Gesetzmäßigkeit ihren Ausdruck finden. Der Erste, der eine solche aufstellte, war Descartes, als er das Princip der »Erhaltung der Quantität der Bewegung« als das universellste der Natur- gesetze formulirte. Es war in der That das einzige der im übrigen von ihm der mechanischen Naturlehre seiner Zeit entnommenen Principien, das sich auf die Summe aller Bewegungen, also direct auf den Gesammt- verlauf alles Geschehens bezog. Dass Descartes selbst, der als der Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. _jr 706 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
eifrigste Vorkämpfer einer streng mechanischen Naturerklärung aus dieser alle Zwecke verbannt wissen wollte, die teleologische Natur seines obersten Princips verkannte, war begreiflich, da ihm auf Grund der Stoßphäno- mene die causale Bedeutung desselben einleuchtend zu sein schien. In Wahrheit aber war es nur die, wie wir oben sahen, in dem gemeinsamen Erkenntnissursprung des Causal- und Zweckprincips begründete Thatsache, dass beide einander nicht sowohl ausschließen als vielmehr einschließen, die in diesem Verhältniss zur Geltung kam. Dabei blieb freilich die all- gemeine Formulirung des Princips eine teleologische, und musste es bleiben, indess die causale Deutung desselben immer nur auf einzelne Bewegungsphänomene beschränkt blieb. Geschichtlich hat jedoch das Princip seinen teleologischen Charakter darin bewährt, dass es der Aus- gangspunkt einer teleologischen Strömung in der neueren Naturwissen- schaft geworden ist, die im 18. Jahrhundert die mechanische Naturlehre selbst erfasste. An die Kritik des cartesianischen Princips knüpfte Leibniz die Formulirung seines eigenen, von hypothetischen Voraussetzungen freie- ren und in Folge der Einführung des auf die Gleichgewichtsbedingungen mechanischer Systeme gegründeten Begriffs der potentiellen Bewegungen ungleich fruchtbareren Princips der Erhaltung der Kraft. Nicht in der nur für gewisse Grenzfälle zutreffenden Constanz der Bewegung, sondern in der Constanz der Summen actueller und potentieller Energie im Uni- versum, der vires vivae und mortuae, wie er es nannte, sah LEIBNIZ das universelle Naturgesetz, wobei er zugleich nicht die Quantität der Be- wegung, das Product von Masse und Geschwindigkeit, sondern das der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit als das durch das Trägheits- princip geforderte Maß der Energie nachwies1. Weitsichtiger als Des- CARTES erkannte er aber zugleich den durchaus teleologischen Charakter des Erhaltungsgesetzes. Freilich gründete er darauf auch Speculationen über den Ursprung desselben, die von einer angemessenen Auffassung des Verhältnisses causaler und teleologischer Interpretation weit abführten und auf lange hinaus die Naturwissenschaft in die Bahnen einer fal- schen Teleologie lenkten. In dem Zweckcharakter seines Princips sah er 1 Wenn in den Darstellungen der Geschichte der Mechanik meist nur das soge- nannte »Princip der Erhaltung der lebendigen Kräfte« auf Leibniz zurückgeführt wird, so ist dies demnach insofern nicht ganz zutreffend, als er in den zahlreichen, in Gerhardts Ausgabe der mathematischen Werke enthaltenen Ausführungen über das Kräftemaß aus- drücklich das Energieprincip in der oben angedeuteten Form als das universelle, alle Verwandlungen der Naturkräfte beherrschende Gesetz formulirt. Will man die Geschichte des Energieprincips bis zu seinen ersten Anfängen zurückverfolgen, so wird man also sagen müssen: die Idee der Constanz rührt von Descartes her; eine dem heutigen In- halt entsprechende Formulirung des Princips hat aber zuerst Leibniz gegeben. Freilich waren ihm die Transformationen der Naturkräfte im einzelnen noch unbekannt. Er half sich hier mit der allgemeinen Annahme eines Uebergangs endlicher in unendlich kleine Bewegungen und umgekehrt.
Mechanik und Energetik. 707 nämlich den unmittelbaren Hinweis auf eine zwecksetzende Intelligenz, aus deren Walten die Naturgesetze überhaupt zu begreifen seien, worauf dann erst aus diesen Zweckgesetzen der causale Zusammenhang der Natur- erscheinungen abzuleiten sei. Leibniz war sich selbst klar bewusst, wie ihn diese teleologische Deutung des Weltzusammenhangs wieder in enge Fühlung mit der aristotelischen Energetik brachte. Doch er betrachtete es als seine Aufgabe, »den Aristoteles mit dem Demokrit zu ver- söhnen«, die Entelechien des ersteren in die mechanische Weltanschauung des letzteren und der mit ihm übereinstimmenden neuen Naturwissenschaft hinüberzutragen. Ist aber auch dieser bewusste Rückgang des ersten Urhebers des neueren Energieprincips auf jene ältere Energetik sicherlich ein bedeutsames Zeugniss für die Verwandtschaft der Anschauungen, so trat doch diese Verwandtschaft schon bei Leibniz und noch mehr in der ihm zunächst folgenden teleologischen Richtung der neueren Naturwissenschaft in den Hintergrund, weil die Verbindung, in die hier Teleologie und Me- chanik mit einander gebracht waren, eine äußerliche blieb. Der Teleo- logie wurde der transcendente Hintergrund, der Mechanik die empirische Wirklichkeit der Erscheinungen zugetheilt. Die Teleologie war daher durch und durch theologisch gerichtet; und in der Mechanik erfreute