SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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man sich an der teleologischen Formulirung der Principien, um, wie der Streit um Maupertuis' berühmtes »Princip der kleinsten Action« zeigt, je nach dem sonstigen philosophischen Glaubensbekenntniss entweder die »Weisheit des Schöpfers« oder die »Weisheit der Natur« zu bewundern. In der Biologie aber lebten die aristotelischen Entelechien in der Form der verschiedenen Lebenskräfte oder gelegentlich wohl auch in einem Animismus wieder auf, der den Seelenbegriff des Aristoteles zu er- neuern suchte.

Als um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts der Siegeslauf der neueren analytischen Mechanik in ihrem Einfluss auf die verschiedensten physikalischen Einzelgebiete, und mit ihr zusammenwirkend die neuere quantitative und atomistische Richtung der Chemie diese der mechanischen Naturanschauung äußerlich angefügte falsche Teleologie beseitigte, da war es dann allein die Physiologie, die eine Zeit lang noch der wiederum beginnenden antiteleologischen Strömung widerstrebte, bis jene auch hier, unter dem immer dringender sich erhebenden Postulat, die Lebensvor- gänge in ihre physikalischen und chemischen Componenten aufzulösen, der mechanischen Richtung Platz machte. Freilich geschah dies selten nur mit dem Anspruch, die Probleme des Lebens jemals auf dem Weg mechanischer Analyse vollständig lösen zu können, aber doch mit dem mehr und mehr zur Geltung gebrachten Grundsatz, dass diese Probleme eben nur in dem Maße lösbar seien, als sie der physikalisch-chemischen 708 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

und damit in letzter Instanz der mechanischen Interpretation zugänglich gemacht seien. So bezeichnet das 19. Jahrhundert, namentlich in den um die Mitte desselben herrschenden Anschauungen, eine zweite Periode der Vorherrschaft mechanischer Betrachtungsweise in der neueren Natur- wissenschaft. Als daher in dieser Zeit das große teleologische Erhaltungs- princip, das die frühere Mechanik seit DESCARTES und Leibniz als univer- selles Naturgesetz formulirt hatte, in der ihm im wesentlichen schon von Leibniz gegebenen Form wiederum auftauchte, da war es begreiflich, dass solche Versuche in den Kreisen der exacten Naturforschung einem viel- seitigen Misstrauen begegneten. In diesem Misstrauen mochte sich viel- leicht schon die dunkle Ahnung regen, die energetische Qualitäten- lehre des ARISTOTELES könne in neuer Gestalt wieder auferstehen, um der mechanischen Naturanschauung ihren Besitz streitig zu machen. Um so mehr zeugt es von der Fruchtbarkeit jenes teleologischen Grundge- dankens, dass diese Bedenken bald schwanden. Freilich verdankte das Energieprincip diese glückliche Wendung zu einem wesentlichen Theil auch dem Umstände, dass die Physiker, die den Gedanken Robert Mayers aufnahmen und weiterbildeten, dasselbe als eine Ausdehnung des mechanischen Princips der Erhaltung der lebendigen Kräfte nachzuweisen suchten, so dass man in ihm fortan eine Bestätigung des Postulats der Reduction der Naturerscheinungen auf mechanische Vorgänge erblicken konnte. Immerhin bewährte sich dabei der Werth des neuen Princips vornehmlich gerade in derjenigen Eigenschaft, die es seinem teleologi- schen Charakter verdankte, in der vieldeutigen Verknüpfung nämlich, die es, gemäß der regressiven Form der Zweckbeziehungen, bei dem Problem der sogenannten »Wechselwirkung der Naturkräfte« zuließ. In- dem es gebot, bei den Umwandlungen der Energie an der Voraussetzung festzuhalten, dass die Quantität der Energie erhalten bleibe, ließ es das wie dieser Erhaltung dahingestellt. So gestattete es denn, auch solche Naturvorgänge dem Energieprincip zu subsumiren, bei denen die Art der Energieverwandlung dahingestellt bleiben musste. Begreiflich daher, dass die ersten Begründer der neueren Energetik, Mayer wie Helmholtz, zunächst zur Aufstellung des Princips durch die Betrachtung der Lebens- erscheinungen geführt worden waren, eines Gebiets, bei dem eine solche vieldeutige teleologische Verknüpfung überhaupt der einzig mögliche Weg schien, um dasselbe dem Zusammenhang der Naturerscheinungen einzuordnen. Gleichwohl wurde dabei von jenen Männern, auch von Robert Mayer, die Voraussetzung einer Einheit der sogenannten Natur- kräfte festgehalten, welche als Correlat der quantitativen Constanz eine qualitative Gleichartigkeit verlangte," eine Voraussetzung, die von selbst die Wege dieser teleologisch-energetischen in die der causal-mechanischen Mechanik und Energetik. lOQ Betrachtungsweise zurücklenkte, während sie es zugleich freistellte, überall da, wo der letzteren unüberwindliche Schwierigkeiten begegneten, einst- weilen bei der energetischen Lösung der Probleme stehen zu bleiben.

g. Ve rsuche zur Wiedererneuerung einer allgemeinen energetischen Weltanschauung.

Indessen vollzog sich in der Entwicklung der neueren naturwissen- schaftlichen Anschauungen eine Krisis, die in dieses friedliche Verhältniss, das sich zwischen dem neuen regulativen Princip und der überlieferten mechanischen Naturanschauung hergestellt hatte, störend eingriff, und die in ihren weiteren Folgen zu einer Erneuerung jenes Gegensatzes zwischen Mechanik und Energetik geführt hat, wie er schon einmal in dem Zeit- alter der Erneuerung der Wissenschaften die Anhänger der aristotelischen Oualitätenlehre und die Verkünder der neueren mechanischen Physik entzweite. Allerdings bewährt es sich auch hier, dass die gleichen Gegensätze in der Wissenschaft niemals in unveränderter Gestalt wieder- kehren. Hatte dort die aristotelische Energetik in der Macht des Sinnenscheins und in der Gewöhnung an eine zum Dogma gewordene Tradition ihre Hauptstützen gefunden, so gab die neue Energetik den Sinnenschein bereitwillig preis; der mittlerweile selbst zum Dogma ge- wordenen mechanischen Naturanschauung aber stellte sie die Prätension einer völlig dogmenfreien und eben darum auch hypothesenfreien Natur- beschreibung entgegen. Vorurtheilslos will sie das in der Erfahrung Ge- gebene verknüpfen, und dazu bietet sich ihr von selbst als das überall bereitstehende Hülfsmittel dasjenige Princip der modernen Naturforschung, das die qualitative Natur der einzelnen Erscheinungen dahingestellt lässt, indem es lediglich die quantitativen Verhältnisse bestimmt, die den Wechsel derselben regeln. Indem die mechanische Naturansicht zu Hypo- thesen über das materielle Substrat der Ercheinungen nöthigte, die nach den jeweils durch die experimentelle und die mathematische Analyse ge- wonnenen Gesichtspunkten wechselten, konnte es nicht ausbleiben, dass diese Hypothesen in der mannigfachsten Weise unter einander in Confiict geriethen. War es doch keineswegs ausgeschlossen, dass man auf völlig von einander abweichenden Wegen über die gleichen Thatsachen Rechen- schaft zu geben suchte, oder dass man der Materie zum Behuf der Inter- pretation verschiedener Erscheinungen ganz abweichende Eigenschaften zuschrieb, wenn man es nicht etwa vorzog, fundamental verschiedene ma- terielle Substrate friedlich neben einander bestehen zu lassen. Dieser Zustand wäre allenfalls zu dulden gewesen, wenn man sich stets nicht nur der hypothetischen Natur aller dieser Vorstellungen, sondern auch des provisorischen Charakters der meisten unter ihnen bewusst gewesen wäre.

yiO Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Dem stand aber zumeist die Dogmatisirung der überkommenen mecha- nischen Naturanschauung hindernd im Wege. Indem man die erkenntniss- theoretischen Grundlagen der letzteren, statt sie zu klären und zu ver- tiefen, allmählich vergaß oder unter dem Einfluss einseitiger philosophi- scher Erkenntnisstheorien durch aprioristische Constructionen verfälschte, wurde die Materie zu einem ungeheuerlichen, proteusartigen Begriffs- gebilde, an dessen Realität man bald glaubte, bald nicht glaubte, ohne sich immer darüber Rechenschaft zu geben, wo überhaupt das Hypothe- tische anfange oder aufhöre, oder wo sich die berechtigte Hypothese in eine willkürliche Fiction verwandle. Dieser dogmatische Zug der neueren, aus der mechanischen Naturanschauung erwachsenen Physik war es, der als eine berechtigte und nothwendige Reaction hinwiederum eine skepti- sche Stimmung wachrief, welche die Elimination der Hypothesen über- haupt und jene Beschränkung auf die »einfachste Beschreibung« ver- langte, die wir oben bereits als eine schließlich gegen das Causal- princip sich richtende Programmstellung kennen lernten. Indem nun aber diese skeptische Strömung gleichwohl die im Dienste der mechanischen Naturlehre ausgebildete mathematische Analyse der Erscheinungen fortan als ein unentbehrliches Hülfsmittel anerkennen musste, suchte sie dieses Hülfsmittel selbst möglichst der mechanischen Bedeutung der Symbole und ihrer Verknüpfungen zu entkleiden. Aus der Noth eine Tugend machend, sah sie in jenen interpolatorischen Verfahrungsweisen der Ana- lysis, bei denen das mathematische Instrument des Denkens gewisser- maßen nach seinen eignen, nicht mehr Schritt für Schritt anschaulich interpretirbaren Gesetzen arbeitet, das Ideal einer rein begrifflichen, grundsätzlich auf die Deutung durch anschauliche Bewegungsphänomene verzichtenden Analyse der Erscheinungen. Indem diese Analyse eine »phänomenologische« genannt wurde, lag dann freilich in dieser Be- zeichnung, die den rein beschreibenden Standpunkt der Betrachtung hervor- heben sollte, zugleich ein merkwürdiger, eUvas an den »lucus a non lu- cendo« erinnernder Widerspruch zu dem grundsätzlichen Verzicht auf die Anschauung, dessen sich diese Auffassung der mathematischen Analyse als einer bloßen Begriffstechnik befleißigte.

Indem aber diese skeptische und dabei doch eines Anflugs neo- scholastischer Begriffsdialektik nicht entbehrende naturphilosophische Strömung mit der wachsenden Anerkennung zusammentraf, deren sich das Energiegesetz auf allen Gebieten der neueren Naturforschung erfreute, lag der Gedanke nahe genug, die mechanische Naturanschauung über- haupt zu verlassen und zu einer rein energetischen Weltbetrachtung überzugehen, die an die Stelle der als- letztes Substrat aller Naturerschei- nungen angenommenen Materie als des »Beweglichen im Räume« den Mechanik und Energetik.

Begriff der Energie, an die Stelle des Postulats der Reduction aller Natur- erscheinungen auf Mechanik das der Subsumtion unter den Energiebegriff setzte. Indem man dabei die Natur der von der alten Physik sogenannten »Naturkräfte«, wie Schwere, Wärme, Licht, Elektricität, chemische Affinität u. s. w., völlig dahingestellt ließ, und die Untersuchung der Wechselbe- ziehungen derselben lediglich dem Princip der Erhaltung der Energie bei ihren Verwandlungen unterstellte, wurde so einerseits die Auffassung der einzelnen Naturerscheinungen eine rein begriffliche, bei der auf die Veranschaulichung der nicht unmittelbar selbst als Bewegungen im Räume gegebenen Phänomene grundsätzlich verzichtet war, und blieb anderseits die Unterscheidung einer Reihe an sich undefinirbarer, lediglich durch ihre unmittelbare oder mittelbare Wirkung auf die Sinnesempfindung erkenn- barer Urqualitäten der Dinge stehen. Hatte Galilei dereinst nach seinem eigenen Ausdruck die ungezählt vielen Qualitates occultae der aristotelischen Physik durch die eine Qualitas occulta der Materie ersetzt, so würde daher dieser Versuch einer neuen energetischen Physik mit vollem Recht von sich sagen können, er habe die eine Qualitas occulta der Materie wieder in unbestimmt viele einzelne Qualitates occultae zerlegt. Freilich machte sich in der Unterscheidung der letzteren der mittlerweile einge- tretene ungeheure Fortschritt der physikalischen Forschung darin geltend, dass nicht mehr die Sinnesqualitäten selbst als solche Urqualitäten der Dinge betrachtet wurden, sondern dass die Empfindung nur noch als ein »Zeichen« galt, das, an sich von der sogenannten »specifischen Energie« der Sinne abhängig, direct oder indirect auf jene Urqualitäten hinweise. So wurde die Wärme zu einer nur gelegentlich und unter be- sonderen Bedingungen in der Wärmeempfindung sich kundgebenden, im übrigen aber nur aus der Verfolgung der allgemeinen Energie in ihren Verwandlungen erkennbaren Energieform. Das Licht wurde zur »strahlen- den Energie«, die als eine Unterform auch die Wärmestrahlung und die elektrischen und magnetischen Strahlungserscheinungen in sich schloss, indess allen diesen strahlenden Energiearten zugleich die weitere Eigen- schaft der oscillatorischen Bewegung im Räume zugeschrieben wurde, u. s. w.

h. Verhältniss der modernen zur aristotelischen Energetik.

Man könnte angesichts solch bedeutsamer Unterschiede zweifeln, ob die Beziehung dieser neuen Anschauungen zur aristotelischen Energetik nicht bloß eine äußerliche sei, die nur auf der zufälligen Identität des Wortes »Energie« beruhe. Aber wenn man sich die principielle Be- deutung der beiden Begriffssysteme vergegenwärtigt, so zeigt sich doch, dass in Wahrheit die Uebereinstimmung eine tiefere ist, und dass sich die modernen Versuche einer rein energetischen Naturlehre zu der aristotelischen -7 12 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Physik nicht wesentlich anders verhalten, als wie sich die neuere mechanische Weltanschauung zur demokritischen Atomistik verhält. Wie diese eine bloß qualitative Mechanik, so ist die aristotelische Physik eine qualitative Energetik. Da sie die Transformationen der Energie noch nicht erkannt hatte, und da ihr der Gedanke einer Messung der Energiegrößen noch fern lag, so begreift es sich zunächst, dass sie die Sinnesempfindungen im allgemeinen für die Urqualitäten selbst hielt, nicht für bloße Zeichen, die auf solche hinweisen, und dass das herrschende Princip bei ihr der für eine qualitative teleologische Betrachtungsweise nächstliegende Begriff der Vollkommenheit war. Dagegen stimmen alte und neue Energetik durchaus darin überein, dass das Problem der Entstehung und Umwand- lung der Energien hier wie dort auf die nämlichen Hülfsbegriffe zurück- führt. So leben die Potentia und der Actus der aristotelischen Physik, natürlich mit den durch die Anpassung an die heutige physikalische Erfah- rung gebotenen Modificationen, in der potentiellen und actuellen Energie der modernen Energetik wiederum auf1. Auch die durch nichts beschränkte Möglichkeit mannigfaltiger, das Gebiet der empirischen Naturforschung beliebig überschreitender Energieformen, die dereinst der christlichen Scholastik ihre Dienste geleistet hatte, kehrt in dem Sinne wieder, dass man gelegentlich die Denkbarkeit irgend welcher unserer Erfahrung unzu- gänglicher Energien bereitwillig zugesteht, oder wohl auch das Psychische der Reihe der Energieformen einordnet, insofern neben den empirisch nachweisbaren Transformationen der Energie immer noch beliebige andere, direct nicht nachweisbare Zwischenglieder denkbar seien. Denn nimmt man an, eine solche anonyme Energieform gehe einerseits aus bestimmten messbaren Energiegrößen hervor, und wandle sich ihrerseits in weitere, ebenfalls messbare Energien um, so fügt sich eine solches Zwischenglied ohne weiteres dem Princip der Aequivalenz der Verwandlungen, ohne doch selbst messbar zu sein. Vielmehr kann es sich entweder nur durch gewisse qualitative Erscheinungen verrathen, wie z. B. die »psychische Energie«, oder es könnte eventuell auch ganz verborgen bleiben2.

Liegt in dieser Unbestimmtheit und dem abstract begrifflichen Charakter des Energiebegriffs, die zu solchen metaphysischen Anwendungen verführen, die Verwandtschaft der modernen mit der antiken Energetik offen zu Tage, so trennen sich nun aber freilich beide weit von einander in dem, was jener ihren naturwissenschaftlichen Werth verleiht, in der 1 Dass statt des Ausdrucks »potentielle Energie« auch andere gebraucht werden, wie »Ergal«, »Quantität der Spannkräfte«, »Energie der Lage«, »Distanzenergie« und ähnliche, thut natürlich nichts zur Sache. Die »Potentia«, das »Vermögen« im Gegen- satze zu dem actuellen, in irgend einer wahrnehmbaren Veränderung bestehenden Vor- gang, bleibt immer das wesentliche Merkmal.

2 Ostwald, Vorlesungen über Naturphilosophie, 1902, S. 372 ff.

Mechanik und Energetik. 7 t -i quantitativen Fixirung der Begriffe. An die Stelle des qualitativen Princips der Vollkommenheit ist das quantitative der Erhaltung der E-nergie große getreten, während zugleich die kinetische Energie oder die geleistete Arbeit, messbar durch das Product eines Gewichts in seine Erhebungshöhe, das allgemeine Maß der Energiegröße abgibt. Dieses quantitative Princip ist von jenem die ältere Energetik beherrschenden Vollkommenheitsbegriff so sehr verschieden, dass es den mit diesem eng verbundenen Gedanken der Entwicklung sogar auszuschließen scheint. Denn ein System, das unter dem Grundgesetz der absoluten Constanz steht, ist mindestens hinsichtlich der Summe der Energien entwicklungslos. In dem Umstand, dass man des Entwicklungsgedankens nicht völlig ent- rathen möchte, liegt dann aber auch wohl der Grund, dass die consequente Energetik gerade das Moment, aus dem die Energetik eigentlich ent- sprungen ist, das Constanzprincip, zurücktreten lässt, indem sie ausdrück- lich betont, nicht in ihm, sondern in dem Energie begriff als solchem liege der Schwerpunkt der neuen Anschauung x; und ganz von selbst fällt nun das größere Gewicht auf ein zweites Princip, dem man wohl auch geradezu die Bedeutung eines neuen Entwicklungsgesetzes zuschreibt: auf den sogenannten zweiten Hauptsatz der Energetik2. Wie der erste Hauptsatz auf das Ganze und sein Beharren, so geht dieser zweite auf das Einzelne und seinen Wechsel, indem er den Verwandlungen der Energie eine bestimmte Richtung und damit dem gesammten Process dieser Verwandlungen ein bestimmtes Endziel zeigt. Trotz der allge- meinen, von jeder besonderen Energieform abstrahirenden Fassung, die sich auch diesem Satze geben lässt3, liegt nämlich, im Gegensatze zum ersten, seine praktische Wichtigkeit und damit seine Bedeutung als Ent- wicklungsgesetz in den Erscheinungen, die lange vor der Anerkennung des allgemeinen Energieprincips bereits zu seiner Aufstellung geführt hatten: in den Beziehungen der Wärme zu den übrigen Energien, namentlich zur mechanischen oder kinetischen. Nach dem diese Beziehungen aus- drückenden CARNOT'schen Satze können andere Energieformen, z. B. mechanische Arbeit, zwar vollständig in Wärme, diese aber kann niemals vollständig in andere Energien, also wieder in mechanische Arbeit, über- gehen, so dass bei allen Verwandlungen, bei denen Wärme auftritt — und es gibt, so weit bekannt, keine Energieverwandlung, bei der dies nicht der Fall wäre — die Energie der Wärme stets in einen verwand- lungsfähigen und in einen gebundenen, zu weiteren Verwandlungen un- fähigen Bestandtheil zerfällt. Hieraus ergibt sich, dass in jedem in sich G. Helm, Die Energetik nach ihrer geschichtlichen Entwicklung, 1S9S, S. 214 ff.

Ostwald, Vorlesungen über Naturphilosophie, S. 246 ff.

Vgl. über' diese besonders Mach, Principien der Wärmelehre, S. 238 ff.

n\A Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

abgeschlossenen System und demnach auch in dem Universum, sofern es als ein solches gedacht wird, die Summe der gebundenen, nicht mehr verwandlungsfähigen Energie fortwährend auf Kosten der verwandlungs- fähigen zunehmen muss, bis ein Zustand erreicht wird, in dem überhaupt alle Energie in die gebundene Form übergegangen und demnach absolute Stabilität eingetreten ist. So kommt schließlich, ihrem teleologischen Charakter entsprechend, auch die moderne Energetik auf ein Entwicklungs- gesetz. Freilich aber hat dieses, am Vollkommenheitsbegriff gemessen, gewissermaßen einen entgegengesetzten Inhalt.- Denn sofern man einen Zustand, bei dem Arbeit oder eventuell in Arbeit umzuwandelnde Energie fortwährend erzeugt wird, immerhin als den vollkommeneren ansehen wird gegenüber einem permanenten Gleichgewicht, in welchem überhaupt nichts mehr geschieht, sagt das in dem zweiten Satz der Energetik ent- haltene Entwicklungsgesetz offenbar aus, dass der Energiezustand des Universums immer unvollkommener werde. Es ist wohl nicht unnütz zu bemerken, was bei der Formulirung der Energieprincipien als »univer- seller Naturgesetze« nicht immer geschieht, dass selbstverständlich diese Principien, ebenso wie die aus ihnen gezogenen Folgerungen, nur so lange gültig bleiben, als das Universum als ein geschlossenes System gedacht wird. Im übrigen können die praktischen Bedenken, die man gegen ein solches retrogrades Entwicklungsgesetz hegen mag, an sich keinen Ein- wand gegen das energetische Weltbild begründen, obgleich der Gedanke, dass am Ende der Dinge alle actuelle Energie in den gebundenen Zustand übergegangen ist, etwas befremdendes hat, weil das Bestehen eines solchen Zustandes selbst die absolute Unmöglichkeit zur Bildung des Energiebegriffs in sich schließen würde. Doch die Frage, ob Energetik oder Mechanik, ist nicht nach solchen subjectiven Motiven, sondern, namentlich wenn sie im Sinne einer Ablehnung der mechanischen Naturanschauung verstanden wird, nur dadurch zu entscheiden, dass man prüft, welche von beiden Anschauungen von dem Zusammenhang der Naturerscheinungen voll- ständiger Rechenschaft gibt, 'und welche den erkenntnisstheoretischen Forderungen, die an jede objective Naturbetrachtung zu stellen sind, besser gerecht wird. Damit kommen wir wiederum auf den doppelten Gesichtspunkt zurück, der jeder Art von Interpretation der Natur gegen- über geltend zu machen ist: den empirischen und den erkenntnisstheoretischen.

i. Vorzüge und Nachtheile der energetischen Naturbetrachtung.

Nun hat in empirischer Hinsicht die energetische Betrachtung unver- kennbar den einen Vorzug vor der mechanischen, dass sie ein univer- selles Princip aufstellt, das ebensowohl auf das Ganze der Natur wie auf Mechanik und Energetik.

den Zusammenhang der einzelnen Erscheinungen anwendbar ist, und dass sie auch solche Beziehungen umfasst, die für jetzt oder möglicher Weise für immer einer eindeutigen mechanischen Causalerklärung entzogen sind. Aber dieser Vorzug, den das Princip seinem teleologischen Charakter und der in diesem begründeten Vieldeutigkeit der Beziehungen verdankt, ist gerade so gut der auf dem Boden der mechanischen Naturbetrachtung stehenden Anwendung desselben wie der reinen Energetik eigen, und es kann darum hieraus kein specifisches Argument für die letztere abgeleitet werden. Anders steht es mit der Frage, ob die Energetik mit Hülfe ihrer beiden Hauptsätze auch über die Naturerscheinungen im einzelnen zureichende Rechenschaft geben kann. Dass dies zunächst nicht der Fall ist, darüber kann wohl bei den Energetikern selbst kein Zweifel be- stehen. Alle Naturerscheinungen lassen sich schließlich in drei Factoren zerlegt denken: in räumliche, in zeitliche Eigenschaften, welche beide der objectiven Anschauung angehören, und in Größenbegriffe irgend welcher Art, die, wie man sie auch bestimmen möge, als soge- nannte »Kräfte«, als »Massen« oder als »Energien«, selbst nicht unmittel- bare Anschauungen sind, von denen wir aber jederzeit verlangen, dass sie zweckmäßige Hülfsmittel abgeben, um die in der Anschauung, also in Raum und Zeit gegebenen Erscheinungen in einen verständlichen Zu- sammenhang zu bringen. Von diesen drei Seiten berücksichtigt nun die Energetik nur die dritte, die an sich rein begriffliche. Sie gibt daher über die Größenverhältnisse der eintretenden Verwandlungen und (mittelst des zweiten Hauptsatzes) auch über ihren allgemeinen Verlauf Rechen- schaft, die Richtung und die Zeit dieser Verwandlungen lässt sie aber im allgemeinen unbestimmt. Auch bleiben die einzelnen Energien selbst, soweit sie nicht mittelst des allgemeinen Transformationsprincips dem Energiebegriff subsumirbar sind, disparate Begriffe: so neben der Be- wegungs- und Distanzenergie und den dem Inventar der alten Naturlehre entnommenen Energien, Wärme, Elektricität, Magnetismus, Licht, chemi- scher Energie, noch die Volumenergie (bei Gasen), die Flächenenergie (bei der Capillarität), die Formenergie (bei der Elasticität).

Gleichwohl muss zugestanden werden, dass, wenn die bisherigen Principien der Energetik zu einer vollständigen Interpretation der Natur- erscheinungen nicht zureichen, immer noch die Möglichkeit bleibt, es könnten, ähnlich wie der CARNOT'sche Satz vom Wärmeaustausch zu einem energetischen Hauptsatz erhoben worden ist, so auch noch andere, schon vorhandene oder neue Hülfssätze aufgefunden werden, die eben das leisteten, was die beiden Hauptsätze der Energetik bis dahin nicht leisten. Wenn es aber ein Gebiet gibt, das zu dieser Probe sich eignet, so ist es sicherlich vor allen andern das der Mechanik selbst.

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