In der That hat nun H. Hertz in der Einleitung zu seinen »Prin- cipien der Mechanik« einen solchen Versuch zwar nicht durchgeführt, jedoch angedeutet; und er hat dabei zugleich die Gründe entwickelt, die ihn von dem Unternehmen abstehen ließen1. Hertz spricht hier von drei »Bildern«, die er versuchsweise successiv den Betrachtungen der Me- chanik zu Grunde gelegt habe. Das erste Bild ist das hergebrachte mit den NEWTON'schen Axiomen und Definitionen; das zweite ist das energeti- sche Weltbild; das dritte ist das von HERTZ selbst gewählte: es besteht in einer vereinfachenden Modification des ersten Bildes, indem der Kraft- begriff durch die sinnreiche Einführung beliebiger hypothetischer Massen- elemente eliminirt ist, so dass neben Raum und Zeit nur der Begriff der Masse verwendet wird. Für uns kommen hier nicht die principiell un- erheblicheren Unterschiede des ersten und dritten Bildes, sondern nur ihrer beider Gegensatz zu dem zweiten, dem energetischen, in Betracht. Um diesen Gegensatz richtig zu würdigen, darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, dass der Ausdruck »Bilder« hier im uneigentlichen Sinne ge- braucht ist, insofern wir nämlich unter einem Bild etwas verstehen, was unmittelbar in der Anschauung gegeben ist. In diesem strengen Sinne liegt nur der »Kinematik«, die sich mit den räumlich-zeitlichen Eigen- schaften der Bewegung allein beschäftigt, ein wirkliches, das heißt durch- aus anschauliches Bild zu Grunde. Die Mechanik als die Lehre von den in der Natur vorkommenden Bewegungen bedarf aber unter allen Um- ständen gewisser Hülfsbegriffe, die selbst nicht unmittelbar anschaulich gegeben sind, die jedoch allerdings sämmtlich die Eigenschaft besitzen müssen, dass sie schließlich anschaulich interpretirbar sind. Solche Hülfs- begriffe sind die Kraft und die Masse bei dem ersten, die Masse allein bei dem dritten der HERTZ'schen Bilder (ohne dass freilich auch bei ihm auf die nachträgliche Einführung des Kraftbegriffs verzichtet wird), end- lich die Energie bei dem zweiten. Hertz macht nun zum entscheiden- den Kriterium für die Wahl zwischen diesen verschiedenen »Bildern« die »Einfachheit und Zweckmäßigkeit«, wobei die letztere nicht bloß aus der Beschaffenheit der Begriffe selbst resultirt, deren Definition vorausgesetzt wird, sondern auch aus derjenigen der sonstigen allgemeinen Sätze, deren man zur Interpretation der Bewegungen bedarf. Hier erweist sich aber bei dem energetischen Bild der Mechanik das sogenannte HAMlLTOx'sche Princip als das dem Energieprincip selbst zunächst adäquate Hülfsprincip. Der HAMlLTOX'sche Satz beschränkt nämlich die Bewegungen eines ge- gebenen Systems durch die Bedingung, dass die Differenz zwischen actu- eller, kinetischer Energie und potentieller im Mittel so klein ausfalle wie 1 H. Hertz. Die Principien der Mechanik, 1894, S. 5 ff. (Bd. 3 der gesammelten Werke.)
Mechanik und Energetik.
möglich. HERTZ findet nun diesen Satz nicht nur schwierig und compli- cirt, sondern theilweise selbst zweifelhaft in seiner Anwendung, und es scheint ihm außerdem bedenklich, die Beschreibung gegebener Bewegun- gen von einem zu erreichenden Endziel, also eigentlich von der Zukunft abhängig zu machen. Was das letztere betrifft, so muss hierzu wohl be- merkt werden, dass eben das Energieprincip selbst schon, wie oben ge- zeigt wurde, ein teleologisches ist, und dass daher ein ihm zuzuordnendes Hülfsprincip logischer Weise ebenfalls einen teleologischen Charakter be- sitzen, d. h. wegen der regressiven Richtung aller Teleologie, wie Hertz es ausdrückt, das Gegenwärtige vom Zukünftigen abhängig machen muss. Wenn jedoch HERTZ zu dem Ergebniss gelangt, dass eine energetische Mechanik unausführbar sei, falls man die Forderungen der »Einfachheit und Zweckmäßigkeit« als maßgebend ansehe, so lässt sich weiterhin die Frage erheben, ob diese Kriterien der Einfachheit und Zweckmäßigkeit überhaupt die einzigen seien, denen die Darstellung eines Zusammenhangs von Naturerscheinungen zu genügen habe. In der That scheint es un- zweifelhaft, dass es noch ein drittes Kriterium gibt, das im allgemeinen von der exacten Naturforschung seit dem Zeitalter GALILEIS und NEWTONS befolgt worden ist. Es lässt sich in dem Satze aussprechen: »das Bild, das wir von den Naturerscheinungen entwerfen, soll stets so wenig wie möglich von den Erscheinungen selbst abweichen, und es soll demnach, da alle Erscheinungen in der Anschauung gegeben sind, so anschaulich wie möglich sein«. Unter »Anschauung« ist aber hierbei, in Anbetracht der Aufgabe der Naturforschung, das in der objectiven Anschauung Ge- gebene zu verstehen, also das Räumlich-Zeitliche. Wir können dieses dritte, von Hertz übergangene Kriterium das der Anschaulichkeit nennen. Der Grad, in dem ein System der Mechanik dem Postulat der Anschaulichkeit entspricht, wird demnach darin zum Ausdruck kommen, ob und wie die von ihm verwendeten, unmittelbar nicht anschaulichen Hülfsbegrifife in Anschauungen übertragen werden können. An diesem Maßstabe gemessen unterscheiden sich nun die Hülfsbegriffe des ersten und des dritten von denen des zweiten der oben erwähnten Bilder, die einfachen Begriffe der Kraft und der Masse, dadurch, dass sie direct an- schaulich interpretirbar sind, während die der actuellen und potentiellen Energie dies nicht sind, sondern besten Falls erst durch die Zer- legung in gewisse Factoren in anschaulich interpretirbare Elemente über- gehen. So kann die Kraft als Beschleunigung eines Körpers, die Masse als Veränderung einer einem Körper mitgetheilten Geschwindigkeit unmittelbar vorgestellt werden; aber die kinetische Energie — mv* ist weder ein ein- facher noch ein unmittelbar anschaulicher Begriff. Ein energetisches System der Mechanik würde also muthmaßlich zu einem Versuch sich 718 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
gestalten, mittelst complexer logischer Begriffe von nicht anschaulicher Beschaffenheit die in der Anschauung gegebenen Bewegungen der Körper zu interpretiren.
Trotzdem ist es nicht bloß dieser complicirtere Charakter der Hülfs- begriffe, der die energetische von der mechanischen Naturbetrachtung unterscheidet, sondern ihr specifisches Gepräge empfängt jene nun erst durch die weitere Forderung einer hypothesenfreien Naturlehre oder, richtiger ausgedrückt, einer Naturlehre, die außer der in der Voraussetzung der Allgemeingültigkeit des Energieprincips enthaltenen Hypothese keine weiteren Hypothesen erfordert. Damit wird jeder Versuch principiell aus- geschlossen, der darauf ausgehen möchte, über regelmäßige Zusammen- hänge, die nicht gerade dem Energieprincip selbst subsumirbar sind, irgendwie Rechenschaft zu geben. Offenbar hängt es hiermit zusammen, dass z. B. in Ostwalds »Vorlesungen über Naturphilosophie«, diesem geistvollen und interessanten Versuch zur Durchführung einer energetischen Weltanschauung, das Wort »merkwürdig« eine Rolle spielt, die man selbst eine merkwürdige nennen könnte. So wird es als eine merkwürdige That- sache bezeichnet, dass die Wärme und keine andere Energieform die Eigenschaft besitzt, fortwährend in wachsendem Maße jene Form »ge- bundener Energie« zu erzeugen, deren Anhäufung den Lauf des Ge- schehens bestimmt u. s. w. Allerdings, um solche Zusammenhänge zu deuten, kann man eben hypothetischer Hülfsvorstellungen, d. h. mechanischer Molecularhypothesen, nicht entbehren. Verzichtet man aber grund- sätzlich auf die Lösung aller dieser Probleme, so bleibt wiederum nur übrig, die Energieformen als ursprünglich geschiedene Qualitäten stehen zu lassen, und die Befriedigung des Erkenntnissbedürfnisses nicht sowohl darin zu sehen, dass jene Formen zu einander in eine anschauliche oder irgendwie sonst verständliche Beziehung gesetzt, als darin, dass sie dem Allgemeinbegriff der Energie subsumirt werden. Eben das ist aber die Qualitätenlehre der aristotelischen Physik, übertragen in moderne, quantita- tive Begriffe.
Trotz allem dem wird eine unbefangene Beurtheilung nicht anstehen dürfen, diesen Versuchen einer rein energetischen Naturbetrachtung ihre Bedeutung und in gewisser Beziehung ein bleibendes Verdienst zuzuge- stehen. Sie sind nicht nur an sich von hohem Interesse, sondern sie haben auch zweifellos vieles dazu beigetragen, die in die mechanische Weltanschauung eingehenden Begriffe und Voraussetzungen zu klären, Diese waren, wie jede wissenschaftliche Lehre, die zur unbestrittenen Herrschaft gelangt ist, allmählich der dogmatischen Erstarrung anheim- gefallen. Sie mussten durch den Kampf mit einer ihr entgegengesetzten Betrachtungsweise wieder, um ein Wort Kants zu gebrauchen, »aus dem Mechanik und Energetik.
dogmatischen Schlummer geweckt werden«. Indem die moderne Ener- getik den Versuch machte, die in jenem Kampf der Weltanschauungen, der den Anbruch der Neuzeit bezeichnet, unterlegene und, wie man lange geglaubt, für immer beseitigte Qualitätenlehre mit den Mitteln, die indessen die mechanische Naturlehre selbst zur Verfügung gestellt hatte, neu zu beleben, hat sie zwar nicht die Haltbarkeit ihres eigenen Gebäudes, wohl aber den hypothetischen und in vielen Beziehungen stark mit völlig will- kürlichen Fictionen behafteten Charakter aller der Anschauungen ans Licht gebracht, die sich auf den Begriff der Materie beziehen. Das Dogma, dass die Materie ein Ding sei, das wir unmittelbar wahrzunehmen und nach Elimination der in die Sinneswahrnehmung eingehenden Täuschun- gen durch die physikalische und chemische Forschung als das so lange von der Philosophie vergeblich gesuchte wahre Sein der Dinge zu er- kennen vermöchten, dieses Dogma wenigstens ist durch die neuere Ener- getik und die mit ihr zusammenhängenden Bestrebungen einer rein begriff- lichen und hypothesenfreien Deduction der Naturerscheinungen gründlich erschüttert worden. Die Materie erweist sich klar als das, was sie nach der ganzen, nur auf den Zusammenhang der objectiven Erfahrung gehen- den Richtung der Naturforschung allein sein kann: als das räumliche Substrat der Erscheinungen, auf dessen Eigenschaften wir nur, inso- fern sie räumlich-zeitliche sind, zurückschließen können. Da aber solche Rückschlüsse vieldeutig sind, wie jedes von der Folge zum Grunde auf- steigende logische Verfahren, so bewahrt jenes Substrat im letzten Grunde stets einen hypothetischen Charakter. Denn mögen auch gewisse Aus- sagen über die Bewegungsvorgänge desselben als sichergestellt gelten, und mögen mit dem Fortschritt der Forschung diese Aussagen die der ob- jectiven Erkenntniss zugänglichen Erscheinungen immer vollständiger er- schöpfen, so bleibt doch der Natur der Sache nach immer dahingestellt, inwieweit jenes »Bewegliche im Raum« Eigenschaften besitzt, die nicht in den der physikalischen Analyse zugänglichen Bewegungen zum Ausdruck kommen. Indem daher jede Zurückführung der Naturerscheinungen auf bestimmte Bewegungsvorgänge einen Rest lässt, der eben das bewegliche Object selbst ist, ohne das wir eine Bewegung weder anschaulich noch begrifflich denken können, bleibt schließlich jede Interpretation der Natur bei diesem irreduciblen hypothetischen Grenzbegriff eines uns lediglich in seinen Bewegungen und deren Wechselbeziehungen gegebenen Substrates stehen. In der That ist das derjenige Grenzbegriff, den auch die ener- getische Betrachtungsweise zurückbehält. Denn wenn sie als das Endziel ihrer Bestrebungen »die Auflösung der Materie in einen räumlich zu- sammengeordneten Complex von Energien« bezeichnet, so wird diese angebliche Auflösung der Materie zu einer.correcten Definition derselben -720 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
auch im Sinne der mechanischen Naturauffassung, wenn man in dieser Formulirung den Begriff der »Energien« durch den minder bestreitbaren der »Erscheinungen« ersetzt. Durch diese Reduction des Begriffs der Materie auf seine letzten, unentbehrlichen Elemente ist nun aber endlich auch diejenige Verbindung desselben vollständig gelöst, die den wesent- lichsten Antheil an den Trübungen und Missverständnissen gehabt hat, denen er bis in die neueste Zeit unterworfen war: seine Verbindung mit den philosophischen Substanzbegriffen. Dass HüME und nach ihm Kant das hypothetische Substrat der Naturerscheinungen mit demselben Namen nannten, mit dem Descartes, Spinoza und LEIBNIZ ihre transcendenten metaphysischen Wesen bezeichnet hatten, das war geschichtlich verständ- lich; aber es war dennoch ein verhängnissvoller Schritt, weil es sich hier in Wahrheit um völlig verschiedene Begriffe handelte, indess der überein- stimmende Ausdruck doch immer wieder zu einer Vermengung beider verführte.
k. Mechanik und Energetik in ihrem Verhältniss zu den allgemeinen Bedingungen der Naturerk enntniss.
Neben der Frage, welche der beiden Betrachtungsweisen, die me- chanistische oder die energetische, dem empirischen Zusammenhang der Erscheinungen im Einzelnen besser gerecht wird, ist die zweite, erkenntniss- theoretische Frage, welche von ihnen mit den allgemeinen Bedingungen unserer Naturerkenntniss übereinstimmt, nicht minder von Bedeutung. Denn eine noch so vollständige Interpretation der Erfahrung würde schließlich unhaltbar sein, wenn sie mit den Principien der Erkenntniss, also z. B. mit den Gesetzen des logischen Denkens oder mit der An- nahme constanter Eigenschaften des Raumes und ähnlichen, im Wider- spruch stünde. In der That hat nun die Energetik dieses Argument der Unvereinbarkeit mit den Erkenntnissprincipien vielfach gegen die mecha- nistische Betrachtungsweise ins Feld geführt, da die letztere durchgängig der Materie nicht nur Eigenschaften beilege, die den empirischen Körpern nicht zukommen, sondern vielfach in den verschiedenen Hypothesen sogar solche, die einander widerstreiten, z. B. absolute Starrheit und absolut flüssige Beschaffenheit, Untheilbarkeit der letzten Elemente und unendliche Theilbarkeit. Diesen Einwänden wird jedoch der Anhänger der mecha- nischen Betrachtungsweise mit Recht entgegenhalten, dass erstens alle diese speciellen Hypothesen für die mechanische Naturanschauung als solche unwesentlich sind, da diese an sich an keinen jener hypothetischen Hülfsbegriffe, sondern eben nur daran gebunden ist, die Materie als das Bewegliche im Raum zu denken; und dass zweitens die Forderung der Uebereinstimmung mit den allgemeinen Erkenntnissformen zwar auch die- Mechanik und Energetik. 121 jenige Uebereinstimmung mit den allgemeinen Eigenschaften einschließt, ohne die wir uns keine Naturobjecte denken können, zu welchen Eigen- schaften eben der Raum gehört, dass sie aber keineswegs eine Ueberein- stimmung mit den selbst wieder sehr von einander abweichenden Eigen- schaften einzelner Körper, z. B. dem festen oder dem flüssigen Zustand, in sich enthält. Da die Materie nicht selbst eine sinnliche Erscheinung, sondern ein Begriff ist, zu dessen Bildung der Versuch, über den Zu- sammenhang der Naturerscheinungen Rechenschaft zu geben, mit Noth- wendigkeit führt, so kann die Möglichkeit nicht bestritten werden, dass eben dieser Zusammenhang dazu nöthigen könnte, jenem Begriff Eigen- schaften beizulegen, die keinem einzigen der uns in der Erfahrung ge- gebenen Körper zukommen. Diese Eigenschaften müssen nur stets in der Raumanschauung möglich sein, weil ohne diese die Materie nicht mehr das allgemeine Substrat der im Räume gegebenen Erscheinungen wäre. Alles was über diese allgemeine Bedingung hinausgeht, ist aber Aufgabe einer Begriffsbildung, die lediglich die Uebereinstimmung der aus den Voraussetzungen entwickelten Folgerungen mit den Erscheinungen zu ihrem Regulativ hat. Insoweit dieses Regulativ keine eindeutige Fixirung der Begriffe möglich macht, ist die Materie ein hypothetischer Begriff von heuristischem Werthe, indem die unter seiner Anleitung gewonnenen Er- gebnisse zugleich neue regulative Hülfsmittel abgeben, nach denen die gemachten Voraussetzungen berichtigt oder verändert werden, so dass sich auf dem Wege dieser fortschreitenden Regulationen allmählich immer mehr constitutive, durch die fortschreitende Berichtigung nicht mehr zu beseitigende Elemente des Begriffs ergeben. So ist auf dem Wege solcher Regulationen an die Stelle des specifischen Wärmefluidums die Auffassung der Wärme als einer Bewegung, so an die Stelle der von den leuchtenden Körpern ausströmenden Theilchen die oscillatorische Bewegung der Materie getreten, und so ist die Physik gegenwärtig im Begriff, für die früher auf gesonderte Bewegungen zurückgeführten optischen, elektrischen und magnetischen Strahlungs- und Schwingungs- erscheinungen eine einheitliche Vorstellungsweise zu entwickeln, die jene als Theilphänomene in sich schließt und zugleich über ihre Beziehungen Rechenschaft gibt. Wenn aus dieser Entwicklung der physikalischen Anschauungen ein Schluss gezogen werden kann, so ist es allem Anscheine nach der, dass nicht die einmalige und plötzliche Beseitigung des hypothetischen Begriffs der Materie, sondern die allmählich erfolgende Ersetzung der hypothetischen Elemente, die der fortschreitenden Regu- lation der physikalischen Erkenntnisse dienen, durch endgültige Fest- stellungen die eigentliche Aufgabe der naturwissenschaftlichen Untersuchung ist. Dieser thatsächlichen Entwicklung der Wissenschaft gegenüber ist Wundt, Grundzüge. III. 3. Aufl. 46 ~j22 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
dann die Frage, ob das Ende dieses fortschreitenden Processes jemals erreichbar sei, eine müßige, weil nicht zu beantwortende.
Erscheinen hiernach die Einwände gegen den hypothetischen Cha- rakter der letzten Voraussetzungen der mechanischen Naturlehre deshalb nicht als berechtigt, weil dabei ebenso der regulative Werth der Hypo- thesen, wie die fortwährende Umwandlung hypothetischer Elemente in positive übersehen wird, so gehen jene Einwände nun aber anderseits an den logischen Motiven, die von Anfang an bei der Bildung der mechanischen Naturanschauung wirksam waren, achtlos vorüber. Oben schon ist darauf hingewiesen worden, dass, als Galilei die Abstraction von den Sinnesqualitäten als bloß subjectiven Bestandtheilen der Wahr- nehmung, und die Reduction der Naturerscheinungen auf die mathemati- schen Eigenschaften der Gegenstände forderte, dem die wohlberechtigte Erwägung zu Grunde lag, jene Objectivirung der Sinnesqualitäten, wie sie in der aristotelischen Physik herrschend war, führe zu unerträglichen Widersprüchen mit der Erfahrung. Indem nun auch die neuere Energetik diese Widersprüche nicht beseitigt, sondern nur dadurch zu umgehen sucht, dass sie die Thatsachen, in denen sie zum Ausdruck kommen, als Fälle eines nicht weiter zu erklärenden Zusammentreffens bestehen lässt, lässt sie jene zwingenden logischen Motive für die Unterscheidung der ob- jectiven, durchgehends auf geometrische und phoronomische Bestimmungen zurückführenden Elemente der Erscheinungen und der subjectiven, quali- tativen wieder völlig aus dem Auge. Obgleich daher die heutige Energetik nicht mehr mit der aristotelischen die subjectiven Sinnesqualitäten selbst zu Urqualitäten der Dinge erhebt, so weicht sie doch nur insoweit von dieser ab, als die angenommene Allgemeingültigkeit des Princips der Er- haltung der Energie dazu nöthigt, einzelne Energieformen, wie z. B. die Wärme, über das Gebiet einer bestimmten Sinnesqualität übergreifen zu lassen, oder bei andern, wie z. B. bei Elektricität, chemischer Energie u. s. w., eine mehrdeutige Beziehung zwischen den Energien und den Sinnesempfindungen zu statuiren. Man hilft sich dann hier meist mit dem axiomatisch angenommenen Satze, dass unsere Sinnesempfindungen Zeichen oder Symbole seien, und dass die Wissenschaft keine andere Aufgabe habe als die, diese Zeichen in einen für unser praktisches Handeln zureichenden Zusammenhang zu bringen1. Nun steht aber dieses angebliche Axiom ebenso sehr im Widerspruch mit unserer unmittelbaren Auffassung der Dinge, wie mit der ganzen Geschichte des wissenschaft- lichen Denkens. Unmittelbar sind uns unsere objectiven Sinnesempfin- dungen nicht Zeichen der Dinge, sondern die Dinge selbst; und die 1 Auch abgesehen von der Energetik ist dies eine gegenwärtig unter Naturforschern weit verbreitete Vorstellungsweise, die z. B. auch von Mach und von Hertz vertreten wird.
Mechanik und Energetik. 12X Wissenschaft ist von Anfang- an darauf ausgegangen, theoretisch den Zusammenhang der Erscheinungen zu begreifen, die Rücksicht auf das praktische Handeln stand ihr stets erst in zweiter Linie. Das Grundmotiv aller wissenschaftlichen Forschung ist daher das Postulat wider- spruchsloser Verknüpfung" der Thatsachen. An diesem Postulat gemessen versagt die Energetik, weil dasselbe bei ihr in Wahrheit durch ein anderes, rein begriffliches ersetzt wird, nämlich durch das der Sub- sumtion des Gegebenen unter einen übereinstimmenden Allgemeinbegriff. Dieses Princip der Subsumtion ist in der That die früheste, in der griechischen Naturphilosophie von den ältesten Zeiten an hervortretende Form, in welcher der Einheitstrieb der menschlichen Ver- nunft Befriedigung suchte. Den vollendeten Abschluss dieser, in dunklerem Drang bereits in den älteren Lehren vom einheitlichen Weltstoff sich regenden Bestrebungen bildet die aristotelische Physik. Als Meister der Subsumtion hat sich Aristoteles vor allem auch in seiner Physik be- währt, wo er unter den Begriffen von Stoff und Form, Potentia und Actus alle Thatsachen der leblosen und lebenden, der physischen und geistigen Welt in einer sinnreich fortschreitenden Reihe meist dichotomischer Subsumtionen ordnete. Die große That der Begründung der neueren Physik bestand aber darin, dass sie an Stelle dieser Subsumtion unter Allgemein- begriffe die Interpretation der Erscheinungen durch ihre Verknüpfung nach allgemeingültigen Principien einführte. Auch als erkenntnisstheoretisches Postulat galt ihr daher nicht mehr, wie der alten Physik, die unter- schiedslose Subsumtion des Einzelnen unter die gleichen Allgemein- begriffe, sondern seine widerspruchslose Verknüpfung. An die Stelle der Aufhebung der Gegensätze durch ihre Einordnung in logische Kate- gorien setzte sie das Princip der Elimination des Widerspruchs durch die sachgemäße Interpretation der Thatsachen. Die aristotelische Physik hatte neben dem Zweck- und Gesetzmäßigen dem Zufälligen, neben der Regel der Ausnahme ruhig einen Platz eingeräumt. Sie fand das Er- kenntnissbedürfniss befriedigt, wenn nur schließlich alles jenen Allgemein- begriffen untergeordnet war, die an sich vermöge ihrer umfassenden Natur zum Verständniss des Einzelnen kaum etwas beitrugen. Die mechanische Physik Galileis lässt völlig dahingestellt, ob es wenige oder viele Principien der Erscheinungen gibt, und am allerwenigsten empfindet sie irgend eine Nöthigung, nach einer letzten Ursache oder nach einem letzten Zweck der Dinge zu fragen. Aber sie verlangt ausnahmslose Ge- setzmäßigkeit der Erscheinungen, und diese schließt in sich, dass die verschiedenen Principien, die man als Erklärungsgründe aufstellt, einander nicht widersprechen, und dass daher mit ihrer Hülfe der Zusammenhang der Erscheinungen selbst als ein widerspruchsloser sich darstellt. Indem J2£ Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
die neue Energetik die letzte Aufgabe der Naturforschung wiederum in der Anwendung eines einzigen allumfassenden Begriffs erblickt, lässt sie das erkenntnisstheoretische Postulat der Galilei' sehen Naturlehre, das des widerspruchslosen Zusammenhangs, leise zu Boden gleiten. Damit fällt aber auch die unmittelbare Folge dieses Postulats, die Elimination der subjeetiven Elemente der Wahrnehmung aus dem objeetiven Weltbilde, und mit ihr die mechanische Weltanschauung. Denn ihre erkenntniss- theoretische Grundlage hat diese eben darin, dass nach jener Elimination der subjeetiven Elemente der Wahrnehmung lediglich die geometrischen und phoronomischen und die aus diesen durch die Berücksichtigung des gesetzmäßigen Verlaufs der Erscheinungen gewonnenen dynamischen Principien zurückbleiben. Als das der subjeetiven Bestimmungen ent- kleidete Substrat der Erscheinungen ergibt sich dann aber der Begriff der Materie als ein unentbehrlicher Hülfsbegriff.