SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Worten eine doppelte Causalität an: eine mechanische oder physikalische, bei der Ursache und Wirkung eindeutig verknüpft sind, und eine teleo- logische oder biologische, bei der sie vieldeutig verknüpft sein sollen, indem sich die Wirksamkeit der Ursachen jeweils den variabeln Neben- bedingungen anpasst, so dass die teleologischen Ursachen bei sonst ver- schiedenen Bedingungen doch gleiche Wirkungen hervorbringen können. Während also die mechanische Causalität eine nothwendige und bei einem gegebenen Complex von Bedingungen unabänderliche Verkettung der Erscheinungen ist, erscheint die teleologische als eine von der Rück- sicht auf den Enderfolg abhängige Auswahl unter verschiedenen Mitteln. Dass, wo diese zweite Form der Causalität Platz greift, die erste nicht 1 Zum ersten Mal klar formulirt hat, wie mir scheint, das Princip der Entwicklungs- mechanik W. His in seiner Schrift: Unsere Körperform und das Problem ihrer Entstehung, 1874. Sodann gehören hierher W. Roux, Gesammelte Abhandlungen zur Entwicklungs- mechanik, Bd. 1 und 2, 1895, und zahlreiche Arbeiten aus dem Archiv für Entwicklungs- mechanik der Organismen, 1895 ff. Hinsichtlich des für die Mechanik der Wachsthums- vorgänge besonders lehrreichen botanischen Gebiets vgl. die Darstellung W. Pfeffers im 2. Bande seiner Pflanzenphysiologie2, 1901.

n az Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

möglich ist, das erhellt ohne weiteres. Das teleologisch Bedingte kann nicht zugleich mechanisch bedingt sein. Das unterscheidende Merkmal zwischen beiden Causalitätsformen aber bleibt dies, dass die eine, die mechanische, nach dem üblichen Ausdruck »blind« wirkt, d. h. dass sie von der hervorgebrachten Wirkung unabhängig ist, während die zweite insofern eine providentielle Eigenschaft hat, als die Ursachen von den Wirkungen abhängen. Dies tritt denn auch deutlich in den beiden Formen teleologischer Naturbetrachtung hervor, in denen sich dieser wesentliche Charakter des zur Causalität gewordenen Zwecks mehr als in der vita- listischen erhalten hat: in der theologischen und in der animistischen. Denn die erstere erblickt jene Providenz der Zweckursachen in der gött- lichen Providenz für das gesammte Universum; diese sieht sie in seelischen Motiven, die den Zweckmotiven des menschlichen Handelns conform sind. Der Vitalismus hat sich nun der mechanischen Naturanschauung zu nähern und mit ihr vereinbar zu werden geglaubt, indem er die formalen Eigenschaften dieser providentiellen Causalität beibehielt, die in- haltlichen beseitigte. Was so zurückblieb, konnte jedoch nur ein mon- ströser, in sich widerspruchsvoller Begriff sein, der, wenn man sich über seine Eigenschaften näher besinnt, nur durch einen Salto mortale in eine mystische Metaphysik zur Noth denkbar gemacht werden kann.

Die Quelle dieser Irrungen liegt in dem Begriff der »Zweckursache«, der die teleologische Verknüpfung der Erscheinungen aus ihrer berechtig- ten Anwendung entfernt, indem er sie der causalen substituirt, während sie doch nur die Umkehrung dieser ist, so dass Causalität und Teleologie überall einander ergänzen. Bei dieser Ergänzung kommt es dann natür- lich auf die besonderen Verhältnisse an, ob man die eine oder andere Verknüpfungsweise oder beide neben einander anwendet. Hat die causale, wie früher erörtert, den Vorzug der Eindeutigkeit, so liegt eben hierin ihr Anspruch, so weit wie nur immer möglich zur Interpretation der Naturerscheinungen verwendet zu werden. Dem gegenüber besitzt die teleologische mit ihrer regressiven Bewegung von der Folge zum Grunde den andern Vorzug, dass sie in unzähligen Fällen anwendbar ist, wo die progressive versagt, weil unsere Kenntniss der Bedingungen eine allzu mangelhafte ist. Dahin gehören schon zahlreiche Zusammenhänge der leblosen Natur, bei denen sich eben darum das Energieprincip, das ja an sich ein teleologisches Princip ist, fruchtbar erweist. Besonders aber zählen hierher die Lebenserscheinungen, wie sich dies auch darin aus- spricht, dass der allgemeine Zusammenhang derselben in den Bezieh- ungen der chemischen Energien zu den Wärmeausgaben und der mechanischen Arbeit des Organismus dem Energieprincip unterzuordnen ist, ohne dass die hierbei stattfindenden Transformationen Schritt für Schritt Mechanismus und Vitalismus.

einer causalen Interpretation zugänglich wären. Vor allem zählen endlich hierher die Zeugungs- und Entwicklungsvorgänge, bei denen wir zwar überall, von den als Endeffecte entstehenden Formbildungen ausgehend, teleologisch die vorangehenden Processe zu begreifen vermögen, wo- gegen die causale, von den mechanischen und chemischen Bedingungen zu den eintretenden Veränderungen progressiv fortschreitende Ableitung immer nur innerhalb einzelner Glieder dieser so mannigfach verketteten Vorgänge möglich ist. Gleichwohl wird auch hier durch die teleologische Betrachtung die causale nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr gefor- dert. Beide ergänzen sich auch in diesem Falle, gerade so wie in der praktischen Mechanik, in dem Sinne, dass das Verständniss der Zweck- beziehungen das der ursächlichen Verknüpfungen nicht bloß vorbereitet, sondern neben ihm seinen Werth behält. Denn da die teleologische Be- trachtung nur die Umkehrung der causalen ist, so ist eine vollständige Erkenntniss eines gegebenen Zusammenhangs eigentlich immer erst dann gewonnen, wenn er von diesen beiden möglichen Richtungen her durch- schaut ist. Auch wo das regressive Verfahren niemals oder wenigstens vorläufig noch nicht in ein progressives umgewandelt werden kann, da darf aber selbstverständlich nimmermehr jenes erstere an die Stelle des letzteren in der Weise gesetzt werden, dass man das Endglied, von dem die teleologische Verknüpfung ausgehen muss, zum Anfangsglied einer causalen macht, um damit auch noch die nur der ersteren zukommende Vieldeutigkeit auf die letztere zu übertragen. Diesen doppelten Fehler begeht der Vitalismus und begeht jede teleologische Deutung von Natur- erscheinungen, die sich als ausschließliche für ein bestimmtes Gebiet zu behaupten sucht. Wo uns ein endgültiges causales Verständniss der Lebensvorgänge versagt ist, da bilden immerhin jene Analogien und Vorstufen, deren oben gedacht wurde, wenigstens insofern einen unvoll- kommenen Ersatz, als sie die causale Möglichkeit bestimmter verwickelter Lebensvorgänge darthun und dabei zugleich die Richtung andeuten, in der ein tiefer eindringendes Verständniss derselben zu suchen ist. In der That ist das der Weg, den die neuere »Entwicklungsmechanik« ein- geschlagen hat. Nicht eine Herüberleitung derselben auf vitalistische Bahnen, wie sie von den Neovitalisten verlangt wird, sondern eine Er- gänzung durch eine »Entwicklungschemie« im Sinne der oben versuchten fragmentarischen Andeutungen dürfte aber hier eine der Hauptaufgaben der künftigen Biologie sein.

"iaa. Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

4. Causalität und Teleologte psychophysischer Lebensvorgänge.

a. Die Willenshandlungen als Grundlagen psychophysischer Vorgänge.

Ist eine teleologische Erklärung von Naturerscheinungen nur in dem Sinne zulässig, dass sie nichts anderes sein will, als eine rückwärts ge- richtete Betrachtung causaler Zusammenhänge, so bleibt nun aber doch ein Gebiet übrig, auf dem man wohl geneigt sein könnte, der »Zweck- ursache« ausnahmsweise eine rechtmäßige Bedeutung zuzuerkennen. Das ist das Gebiet jener psychophysischen Lebensvorgänge, die in ihrem uns unmittelbar gegebenen empirischen Verlauf mit einem psychischen Anfangsglied, nämlich mit einer gewöhnlich als Motiv bezeichneten ge- fühlsstarken Vorstellung beginnen, um dann, nach einer wechselnden Zahl von Mittelgliedern, mit einer physischen Wirkung, einer äußeren Be- wegung zu endigen. Es sind die Willenshandlungen in jenem weite- sten Sinne, in dem sie Trieb-, Willkür- und Wahlhandlungen umfassen (Cap. XVII, S. 254 ff.), die uns in diesem Sinne, von den einfachsten spontanen Bewegungen der Protozoen an bis hinauf zu den höchsten Lebensäußerungen des Menschen, als typische Formen psychophysischer Vorgänge entgegentreten. Wie die menschlichen Willenshandlungen psychologisch allem Anscheine nach die Grundlagen für die Bildung des Causal- wie des Zweckbegriffs gebildet haben (S. 726), so scheinen sie demnach schließlich auch als diejenigen Erscheinungen zurückzubleiben, für die der Begriff der »Zweckursache« eine bedingte Geltung bewahrt. Zwei Gründe scheinen nämlich hier für eine gewisse Ausnahmestellung des Zweckprincips zu sprechen. Erstens sind die Willenshandlungen keine rein physischen Vorgänge, sondern durch ihr Anfangsglied, die Zweck- vorstellung oder, wenn sich eine solche noch nicht ausgebildet haben sollte, durch die irgend einen Reiz begleitende gefühlsbetonte Empfindung werden sie zu psychophysischen Vorgängen gestempelt, — dies natürlich auch dann, wenn man zugesteht, dass bei jenem Anfangsglied irgend ein physisches Substrat in der Form eines centralen physiologischen Nerven- processes nicht fehlt. Zweitens aber scheint die Beobachtung der Willens- vorgänge unmittelbar zu lehren, dass hier wirkliche Zweckvorstellungen, nicht bloß nach ihrer Analogie angenommene transcendente Ideen, eine causale Bedeutung gewinnen. Gleichwohl wird durch diese Momente die Frage noch keineswegs entschieden. Vielmehr wird ihre Beantwortung davon abhängen, welche Stellung solchen psychophysischen, auf der Grenze körperlicher und geistiger Lebensvorgänge stehenden Erscheinungen einerseits der physiologischen oder naturwissenschaftlichen und Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge. 74c anderseits der psychologischen Betrachtung gegenüber anzuweisen sei. Diese Stellung lässt sich nun der Natur der Sache nach wieder unter einem dreifachen Gesichtspunkte betrachten: erstens unter dem der unmittelbaren empirischen Verknüpfung der Thatsachen überhaupt, gleichgültig ob wir diese dem physischen oder dem psychischen Gebiete zurechnen mögen, — wir wollen diesen Gesichtspunkt der Einfachheit wegen den psychophysischen nennen; zweitens unter dem der aus- schließlichen Berücksichtigung der physischen Lebensvorgänge, wie ihn die Physiologie als eine Naturwissenschaft, in Folge der von der letzteren durchweg geübten Abstraction von den subjectiven Elementen der un- mittelbaren Erfahrung, streng genommen überall anwenden muss, — dem physiologischen; und endlich drittens unter dem der ausschließlichen Verknüpfung der subjectiven, unserem Vorstellungs- und Gefühlsleben angehörenden Thatsachen, — dem psychologischen.

b. Psy chophysis che Betrachtung der Willenshandlungen.

Unter diesen drei Gesichtspunkten ist der erste, der psychophysi- sche, derjenige, dessen wir uns nicht bloß im praktischen Leben, für das die auf isolirender Abstraction beruhenden Gebietsscheidungen der Wissen- schaft zumeist noch nicht existiren, immer bedienen, sondern dessen An- wendung auch die wissenschaftliche Forschung überall da als eine be- rechtigte anerkennen muss, wo uns innerhalb der beiden hier in Connex tretenden Causalverknüpfungen die Glieder der einen oder andern nur unvollständig gegeben sind, so dass wir zu einer Reihe physischer Vor- gänge bestimmte Anfangs- oder Zwischenglieder nur als unmittelbare psychische Erlebnisse, oder aber umgekehrt wohl auch zu einer psychi- schen Causalreihe irgend welche die Verbindungen ergänzende Glieder nur als physiologische Processe oder ihre Nachwirkungen kennen. Ein solcher Fall ist nun offenbar, und zwar zunächst in der ersten dieser Formen der Ergänzung, bei den Willenshandlungen verwirklicht. Zu der centralen Nervenerregung, die physiologisch als der erste Ausgangspunkt einer Willensbewegung nachweisbar ist, müssen wir nothwendig weitere physiologische Vorbedingungen voraussetzen. Aber diese sind uns vor- läufig noch ganz unbekannt, und sie werden uns voraussichtlich allezeit nur sehr unvollständig bekannt sein. Es hieße jedoch offenbar der physiologischen Untersuchung unleidliche Schranken ziehen, wollte man diese nothwendig anzunehmenden Ausgangsbedingungen als nicht existirend an- sehen. Wir nehmen also, mit dem Bewusstsein allerdings, dass hier die physiologische Causalerklärung auf ein anderes, ihr unmittelbar nicht adäqua- tes Gebiet übergeht, ein psychisches Anfangsglied an, dem wir dem- nach auch, im Hinblick auf die endgültigen Aufgaben der physiologischen n 46 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Analyse, eine stellvertretende Function zuschreiben können. So entsteht eine »psychophysische Causalreihe «, die zwar nach den allge- meinen Principien der Naturcausalität keine endgültige sein kann, die jedoch in dieser ihrer stellvertretenden Bedeutung so lange angewandt werden darf, als sie nicht durch ein physisches Functionsverhältniss zu ersetzen ist. Selbst wo das letztere der Fall sein sollte, wird sie aber im allgemeinen als ein der unmittelbaren Beobachtung leicht zugänglicher Ausdruck für eine solche Function fortan ihre Dienste leisten können. In diesem Sinne wird dann diese Substitution in dem ganzen Umfang jener Lebensgebiete zulässig sein, in denen, sei es nach dem Zeugniss unserer eigenen unmittelbaren Erfahrung, sei es nach dem gesammten Charakter der uns in objectiver Beobachtung gegebenen Erscheinungen, Willens- vorgänge in die Lebenserscheinungen eingreifen; und die thatsächlich gegebenen psychischen Momente samt den von ihnen hervorgebrachten vorübergehenden und bleibenden physischen Wirkungen werden dem- nach mit jenem Vorbehalt der Stellvertretung als legitime Hülfsmittel der biologischen Interpretation gelten dürfen. Kann nun auch eine solche auf psychische Ausgangs- oder Zwischenglieder zurückgreifende biologische Deutung in gewissem Sinne wiederum eine »Zweckerklärung« genannt werden, so weicht sie doch in doppelter Beziehung von den Zweckerklärungen des Vitalismus wesentlich ab, und sie setzt sich nicht, wie diese es thut, mit den allgemeinen Principien der Naturforschung in Widerspruch. Erstens ist hier der Begriff der »Zweckursache« ein durchaus empirischer. Er besteht nicht in einer willkürlichen Zurück- verlegung der letzten Wirkung einer Reihe causal verbundener Vorgänge in ihren Anfang, sondern in einer Thatsache, die, wenn auch allerdings nur in psychologischer Form, als das wirkliche Antecedens der Reihe gegeben ist, so dass diese durchaus die formalen Erfordernisse einer Causalreihe besitzt. Nur wo solche empirische Zweckvorstellungen samt den an sie gebundenen Gefühlen wirklich als Motive äußerer Bewegungen auftreten oder nach Analogie mit den Handlungen des Menschen und der höheren Thiere mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden dürfen, nur da haben daher diese psychischen Zweckursachen physischer Wir- kungen eine Stelle. Demnach besteht ihr wesentlicher Unterschied von den mystischen Vitalkräften der falschen biologischen Teleologie darin, dass sie weder unbekannte physische Ursachen sind, die nach Analogie geistiger Kräfte wirken, noch auch unbewusste, also niemals empirisch nachweisbare geistige Potenzen, noch endlich transcendente schöpferische Ideen jenseits der empirischen Wirklichkeit. Will man den Begriff der Schöpfung auf die organische Natur anwenden, so kann dies in der That vom Standpunkt der Naturwissenschaft aus. nur in dem Sinne geschehen, Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge. 747 dass man die entwickelten Lebensformen als Erzeugnisse einer Selbst- schöpfung betrachtet, zu deren Ursachen vor allem die Willenshandlun- gen thierischer Wesen gehören.

Ein zweiter fundamentaler Unterschied dieser zweckthätigen Wirksam- keit der die Triebe der Lebewesen lenkenden Zweckmotive von den Zweckursachen des Vitalismus ergibt sich sodann aus der für die Willens- vorgänge überhaupt geltenden Verknüpfung von Motiv und Erfolg. Die Zweckmotive sind nicht, wie die Vitalkräfte, Anticipationen ihrer Wirkun- gen, so dass alles, was in diesen zum Vorschein kommt, in der ursprüng- lichen Zweckidee schon gelegen wäre, sondern sie sind lediglich Ursachen neben andern, die zwar dem Verlauf der Erscheinungen einen zweck- mäßigen Charakter verleihen, ohne dass jedoch jenes Zweckmotiv selbst schon den schließlich erreichten Erfolg als Vorstellung des handelnden Wesens in sich enthält. Das Thier, das im Kampf um die Nahrung seine Organe übt und dadurch den äußeren Bedingungen entsprechend modificirt, oder das andere, das im Kampf um die Fortpflanzung all- mählich Eigenschaften gewinnt, die seine eigene Selbsterhaltung und da- mit die der Species, der es angehört, unterstützen, — sie haben bei ihren immer nur auf den nächsten objectiven Erfolg gerichteten Handlungen keine Ahnung von diesen Rückstrahlungen des ursprünglich in ganz anderem Sinne zweckthätigen Thuns auf das handelnde Wesen selbst. Mögen aber auch in andern Fällen zuweilen die die Motive begleitenden Vorstellungen ihren letzten Wirkungen näher liegen, immer reichen die Erfolge der Handlungen in einem vorher nicht vorauszusehenden Umfang über die in den ursprünglichen Motiven enthaltenen und zumeist selbst nur als dunkle Begleiter von Trieben vorhandenen Zweckvorstellungen hinaus. Diese »Heterogonie der Zwecke«, die wir unten als ein wichtiges Princip psychischer Entwicklung kennen lernen werden, gilt nun in erster Linie auch für diejenigen Motive, die sich an der psychophysischen Causa- lität der Lebensvorgänge betheiligen, weil gerade hier die Triebe, aus denen die zweckthätigen Bewegungen entspringen, im allgemeinen nur dunkel bewusste und nur auf die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse ge- richtete Triebe sind, während die letzten, das Leben des Individuums weit übersteigenden Wirkungen dieser Triebhandlungen der objectiven Beobachtung deutlich als organische Bildungen entgegentreten, die zwar mit jenen ursprünglichen Zweckmotiven meist in ihrer allgemeinen Rich- tung zusammenhängen, im übrigen aber sich so weit von ihnen entfernen, dass die gewöhnliche teleologische Interpretation, die sie zu dem organischen Zusammenhang aller Lebensfunctionen in Beziehung zu bringen sucht, von dem wirklich als psychophysisches Causalmoment anzuer- kennenden Willensmotiv in der Reeel nichts mehr enthält. Mit dieser 74g Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Discrepanz von Zweckmotiv und erreichtem Endzweck hängt es dann aber auch zusammen, dass in jene psychophysische Zweckcausalität der organi- schen Triebe nicht bloß zahlreiche rein physische Bedingungen mit ein- gehen, sondern dass auch diese in vielen Fällen selbst in ihren Wirkungen einen zur teleologischen Interpretation herausfordernden Charakter ge- winnen, indem sie in ihrem Zusammenwirken mit den Triebmotiven ge- wissermaßen von der Zweckcausalität der letzteren ergriffen werden. So ist es wohl zunächst eine physische Wirkung der Umgebung, wenn der Axolotl im tiefen Wasser die Kiemen seiner ersten Entwicklung bewahrt, und dagegen diese verkümmern lässt und Lungen ausbildet, wenn er auf das trockene Land versetzt wird. Aber diese rein causale Wirkung der Umgebung würde nicht möglich sein, wenn nicht unter allen Umständen der mit dem allgemeinen Nahrungstrieb zusammenhängende Lufthunger die Function unterhielte und sie jedesmal in die Richtung lenkte, die durch die äußeren Bedingungen mitbestimmt ist.

Wie weit über den Umfang der mit Sicherheit oder großer Wahr- scheinlichkeit in der Form von ausgesprochenen Willensmotiven und von Trieben, die wir muthmaßlich auf solche zurückführen dürfen, dieses psychische Anfangsglied einer Interpretation der Lebensvorgänge, die wir danach eine causal-teleologische nennen können, auszudehnen sei, ist nun begreiflicher Weise, bei unserer Unkenntniss der psychischen Eigenschaften niederster Lebewesen schwer zu beantworten. Aber man wird doch die Tragweite des Princips psychophysischer Interpretation der Lebensvorgänge weit über die den psychischen Einflüssen gewöhnlich eingeräumten Gren- zen ausdehnen müssen, wenn man sich erinnert, dass den niedersten Lebe- wesen die wesentlichen Eigenschaften thierischer Elementarorganismen zukommen, und dass die Reactionen, die sie auf äußere Einwirkungen erkennen lassen, vielfach deutlich den Charakter von Triebbewegungen besitzen, die auf Empfindungen und begleitende Gefühle zurückschließen lassen. Auch liegt nicht der geringste Grund vor, diese psychophysischen Reactionen als »unbewusste« aufzufassen, da ja ihre Merkmale gerade die von Bewusstseinsvorgängen sind. Der einzige Unterschied bleibt der, dass die Continuität der Bewusstseinsvorgänge solcher niederer thierischer Wesen aller Wahrscheinlichkeit nach eine höchst unvollkommene ist, indem sie sich jeweils nur über kurze Zeiträume erstreckt. Wir können also ver- muthen, dass das Bewusstsein auf diesen Stufen ein relativ »dunkles« sei. Aber wir würden das Prädicat des Psychischen, das war den Handlungen der Elementarorganismen nach ihrem ganzen Verhalten beilegen müssen, wieder aufheben, wenn wir es ein »bewusstloses« nennen wollten. In der That fällt der Begriff eines nach Analogie von Bewusstseinsmotiven erfolgenden psychischen Geschehens, 'das aber gleichwohl bewusstlos ist, Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge. 7AQ vollständig mit dem Begriff der Lebenskräfte des Vitalismus zusammen. Zwischen einer solchen Ableitung primitiver Lebens Vorgänge aus einer unbewussten psychischen Thätigkeit und aus transcendenten Zweckideen existirt daher eigentlich nur ein Unterschied im Ausdruck, wie sich auch darin verräth, dass diese animistische Spielart des Vitalismus mit der ge- wöhnlichen Form desselben die falsche Vermengung der vorausgehenden Zweckvorstellung mit dem schließlich eintretenden zweckmäßigen Erfolg theilt, während für eine wirkliche, die Bewusstseinsvorgänge selbst zu Grunde legende Analyse nichts gewisser sein kann, als dass beide, An- fangs- und Endglied einer Zweckreihe, gerade auf diesen frühesten Stufen organischer Entwicklung weit auseinanderfallen. Wenn ein Wesen im Kampf mit seinen Feinden und mit sonstigen Hindernissen, die der Be- friedigung seiner Triebe im Wege stehen, seine Bewegungsorgane immer vollkommener ausbildet, so liegt der so erreichte Zweck weit ab von den nächsten Zweckmotiven der Triebe, aus deren fortgesetzter Aeußerung diese Wirkungen hervorgehen.

Im Sinne dieser psychophysischen Auffassung der organischen Zweck- mäßigkeit darf man aber wohl die Thatsache, dass in ihren Anfängen die pflanzliche und die thierische Entwicklung von übereinstimmenden Punkten ausgehen, und dass die niedersten Organismen, und in gewissem Maße dauernd alle organisirten Formelemente auf den frühesten Stufen ihrer Bildung den animalischen Charakter besitzen, als eines der bedeutsamsten Momente für die Erkenntniss des Zusammenhangs der Lebensvorgänge überhaupt betrachten. Die Pflanzen sind, wie es, von der Betrachtung der Stoffwechselvorgänge ausgehend, Pflüger schon ausgesprochen hat, gewissermaßen einseitig differenzirte Thiere1. Sie sind, physiologisch betrachtet, weder, wie es sich die ältere schematisirende Naturphilosophie gedacht hat, Vorstufen, noch auch, wie die systematische Naturgeschichte es darstellt, ein den Thieren coordinirtes Reich lebender Wesen. Wie die Stoffwechselvorgänge, die in allen Elementarorganismen ursprünglich nach dem Typus der thierischen Assimilations- und Zersetzungsvorgänge erfolgen, so stimmen aber auch die Reactionen derselben auf äußere Reize in allen wesentlichen Merkmalen überein. Denn diese Reactionen zeigen durchaus den Charakter thierischer Triebbewegungen, und wie das »animal« von der »anima« seinen Namen trägt, so besitzen sie, gleichgültig ob sie,