SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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wie in den einfachsten Fällen, in ihren elementaren Bedingungen zugleich aus Quellungs-, Diffusions- und chemischen Wirkungen erklärbar sein mögen oder nicht, den allgemeinen Typus psychophysischer, d. h. auf 1 Ed. Pflüger, Die teleologische Mechanik der lebendigen Natur, Archiv für die ges. Physiologie,. Bd. 15, 1877, S. 57 ff.

750 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

ein psychisches Anfangsglied zurückführender Erscheinungen. Denn sie lassen Selbstregulirungen erkennen, die ihre nächste Analogie in denjeni- gen Lebensäußerungen des Menschen und der höheren Thiere haben, die mit bewussten Empfindungen, Gefühlen und Triebbewegungen zu- sammenhängen. Indem nun bei diesen stets der Gesichtspunkt fest- zuhalten ist, dass Zweckmotiv und Zweckerfolg im allgemeinen niemals zusammenfallen, im einzelnen aber vielfach weit auseinandergehen können, wird es zugleich begreiflich, dass, sofern nur ein erster psychischer Im- puls vorliegt, der ein solches Zweckmotiv enthält, einer ganzen Folge weiterer Erscheinungen der nämliche Charakter des Zweckvollen auf- geprägt bleiben kann, weil die physischen Bedingungen, die jenem ur- sprünglichen Motiv entgegentreten oder sich mit ihm verbinden, durch die einmal eingeschlagene Richtung die Enderfolge so gestalten, dass diese eine teleologische Betrachtung herausfordern. Auf diese Weise lässt es sich wohl verstehen, dass bei den Pflanzen zwar die gesammte Formentwicklung in viel höherem Maße auf äußere Bedingungen ihrer Entstehung hinweist, dass aber gleichwohl in der Abfolge dieser Be- dingungen der ursprüngliche psychophysische Ausgangspunkt in dem Sinne nachwirkt, dass die Verhältnisse der Organisation fortan eine teleologische Beurtheilung nahe legen. Indem bei den Thieren die psychischen Einflüsse dauernder wirksam bleiben, begreift sich dagegen hieraus nicht bloß im allgemeinen deren wesentlich abweichende, gegen- über der überall auf äußere formende Einflüsse hinweisenden pflanzlichen Organisation mehr aus inneren Bedingungen heraus erfolgende Entwick- lung, wie nicht minder die größere Vielgestaltigkeit der Formen im ganzen und der Differenzirungen der Organe im einzelnen1.

c. Physiologische Interpretation psy chophysischer Lebensvorgänge.

Der psychophysischen Betrachtung der Lebensvorgänge steht nun als erste, aus der Scheidung der Wissenschaftsgebiete sich ergebende Sonderbetrachtung die rein physiologische, die ausschließlich den Standpunkt der Naturwissenschaft zur Geltung bringt, gegenüber. Nach dem gleichen Postulat der Elimination aller subjectiven Inhalte unserer Erfahrung, mit dem die Physik von der Licht-, Wärme-, Druckempfindung abstrahirt, kann die rein physiologische Analyse der Lebenserscheinungen Triebe, Willensregungen u. dergl. nimmermehr als adäquate Erklärungs- gründe verwenden, oder sie wird doch nur diejenigen Bestandtheile der- selben als solche gelten lassen dürfen, die als objective Inhalte, nach 1 Vgl. hierzu einige nähere Ausführungen: Biologische Probleme, a. a, O. S. 356 ff., und System der Philosophie2, S. 529 ff. Dazu den Aufsatz von B. Schmid, Der Wille in der Natur, Philos. Stud. Bd. 20, 1902. S. 308 ff.

Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge. 7c I Abzug der subjectiven psychischen Elemente, stehen bleiben. Physio- logisch gesprochen können aber die unmittelbar nach außen tretenden Bewegungserscheinungen nur aus den physikalisch-chemischen Molecular- vorgängen innerhalb der lebenden Substanz, bei den höheren Organismen speciell der Nervensubstanz, abgeleitet werden, da jeder physische Natur- vorgang in den begleitenden und vorausgehenden Bedingungen gleicher Art seinen zureichenden Grund haben muss. Wo eine solche physika- lisch-chemische und daher in letzter Instanz mechanische Interpretation Lücken aufzeigt, da können diese nur als Lücken unserer Erkennt- niss, sie können niemals als Lücken in dem objectiven Zusammenhang der Erscheinungen selbst oder, was damit principiell übereinstimmen würde, als ein plötzlicher Uebergang in eine abweichende und in diesem Sinne dem Naturbegriff gegenüber transcendente Causalität angesehen werden. So begreift es sich denn auch, dass gerade bei den einfachsten Lebensvorgängen, z. B. bei den Ortsbewegungen der Elementarorganismen unter dem Einfluss äußerer Reize, bei den die Befruchtungsvorgänge ver- mittelnden Bewegungen der Pflanzen und Protozoen, dieselben Erschei- nungen, die vom Standpunkt der psychophysischen Betrachtung aus den Charakter von Triebbewegungen darbieten, vielfach zugleich als Diffusions-, Quellungs- und damit verbundene chemische Wirkungen gedeutet werden können. Vermag auch eine solche Deutung nur einzelne Glieder einer zusammengehörigen Erscheinungsreihe zu umfassen, so ist doch hier wiederum nicht zu übersehen, dass sich das Ganze aus seinen Gliedern zusammensetzt. Darum darf die oben hervorgehobene Thatsache, dass es in diesem ganzen Gebiet specifisch biologischer Vorgänge keinen einzigen gibt, der nicht sein Analogon und, namentlich im Hinblick auf die typischen Vorgänge chemischer Wechselwirkungen, seine Vorstufe inner- halb der unorganischen Natur findet, als eine zureichende empirische Legitimation dafür gelten, dass vom Standpunkt der Physiologie aus hinter jeder psychophysischen Interpretation von Lebensvorgängen die Forderung steht, die in eine solche eingehenden psychischen Glieder durch physische zu ersetzen.

Diese Forderung findet noch in zwei bemerkenswerthen Thatsachen ihre Bestätigung. Erstens hat die psychophysische Betrachtung bei den irgend folgenreichen biologischen Vorgängen in der unmittelbaren Erfah- rung im allgemeinen nur insoweit eine Stütze, als es sich um den Ur- sprung bestimmter Veränderungen handelt. Sobald irgend welche Trieb- handlungen sich wiederholen und die durch sie gesetzten Veränderungen sich häufen, so greift aber in weitem Umfang jenes Princip der »Mecha- nisirung der Willenshandlungen« Platz, das uns bei der Entwicklung des Willens als ein wichtiger Factor dieser Entwicklung begegnet ist •jz2 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

(Cap. XVII, S. 279). Indem die Willenshandlungen durch die sie beglei- tenden Veränderungen der lebenden Substanz bleibende Nachwirkungen hinterlassen, gewinnt diese Substanz die Fähigkeit, auf äußere wie auf innere, chemische Reize, die durch die Lebensprocesse entstehen, im selben Sinne zweckmäßig, aber ohne begleitende Zweckvorstellung zu reagiren. Wollte man hier eine »unbewusste« Zweckvorstellung annehmen, so hieße dies nur, eine allgemeine physiologische Eigenschaft der leben- den Substanz auf ein anderes Gebiet übertragen. Denn augenscheinlich besteht dieser ganze, überall der sogenannten Uebung zu Grunde liegende Process lediglich darin, dass dem psychophysischen Vorgang das psycho- logische Zwischenglied, das er ursprünglich enthält, verloren geht, wäh- rend die mit dem letzteren verbundenen physischen Wirkungen fortan in der gleichen, aber durch die Wiederholung erleichterten Weise sich ab- spielen. Indem sich nun aber an die so gewonnenen mechanisirten Willensvorgänge neue, bewusste Willensacte anschließen, steigert sich fortan der zweckmäßige Charakter der Erscheinungen und treten dieselben zugleich in jenen Zusammenhang einer continuirlichen Zweckreihe, wie er das charakteristische Merkmal der organischen Entwicklungen ausmacht. Hiermit hängt eine zweite Thatsache zusammen, die man wohl mit gutem Grund als ein äußeres Zeugniss dafür ansehen darf, dass die end- gültige Lösung der biologischen Aufgaben für den physiologischen Stand- punkt der Betrachtung nur eine physikalisch -chemische oder in letzter Instanz eine mechanische sein kann. Diese Thatsache besteht darin, dass. alle theoretischen Speculationen über dasjenige Problem, das den ge- sammten Zusammenhang der organischen Entwicklung beherrscht, über das Problem der Vererbung, falls sie nicht auf platonische Ideen, einen ursprünglichen Schöpfungsplan oder ähnliche transcendente Begriffe hin- auskommen, sondern aus der Natur selbst und den ihr immanenten Eigenschaften die Naturerscheinungen begreifen wollen, mit innerer Not- wendigkeit bei rein physiologischen Voraussetzungen stehen bleiben. Mögen auch den neueren Vererbungstheorien die Spuren des alten Vita- lismus vielfach noch darin anhaften, dass sie physische Elemente mit denselben complexen Eigenschaften ausstatten, die wir an den Organismen selbst kennen, und die nur aus der ungeheuren morphologischen und chemischen Zusammensetzung schon der einfachsten organischen Formen einigermaßen begreiflich werden, so sucht doch jede Theorie, die sich irgendwie auf den Boden der Naturforschung stellt, die Uebertragung der Eigenschaften auf irgend eine Continuität von Substanzelementen mit be- stimmten physischen Eigenschaften zurückzuführen. Hierzu nöthigt aber das Vererbungsproblem eben durch den Umstand, dass alle in dessen Bereich fallenden Erscheinungen der psychischen Zwischenglieder absolut entbehren, Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge. yo daher denn auch eine psychophysische so wenig wie eine psychologische Betrachtung auf sie angewandt werden kann. Unter den individuellen Lebenserscheinungen sind es nun offenbar gerade die Uebungsvorgänge in jenem Stadium ihres Verlaufs, in dem sie bereits mechanisirt sind, aber in der ihnen einmal gegebenen Zweckrichtung nach physischen Bedingungen weiter wirken, die den Vererbungserscheinungen am näch- sten stehen. So hat jene Beziehung der individuellen zur generellen Entwicklung, die man als die Wiederholung der Phylogenese in der Ontogenese zu bezeichnen pflegt, allem Anscheine nach ihren Ausgangs- punkt in einem entgegengesetzt gerichteten Process: in der Ausdehnung der im individuellen Leben bereits beginnenden Mechanisirung ursprüng- lich psychophysischer Vorgänge auf die Folge der Generationen. Gerade die physiologischen Eigenschaften der lebenden Substanz machen es uns aber im allgemeinen verständlich, dass die Ausübung der Function die Functionsfähigkeit steigert, und dass mit dem letzteren Vorgang wieder Rückwirkungen der Function auf ihre Substrate verbunden sind, die diese zu immer vollkommeneren Leistungen befähigen. Insofern nun alle Zeugungsvorgänge schließlich auf Spaltungsprocesse zurückgehen, bei denen in den Producten solcher Spaltung die Eigenschaften der Muttersubstanzen im allgemeinen erhalten bleiben, ist es augenfällig, dass das Vererbungsproblem genau im selben Sinne ein rein physiologisches Problem ist, wie jene Processe der Mechanisirung individueller Func- tionswirkungen solche Probleme sind. Gemäß diesem Zusammenhang der Vererbungs- mit den Uebungsvorgängen dürften aber freilich auch bei den ersteren die functionellen Momente in den Vordergrund zu stellen sein, statt der in den herrschenden Theorien in der Regel aus- schließlich zur Geltung kommenden substantiellen. Die bloße Ueber- tragung einer Substanz kann an sich niemals verständlich machen, wie eine Reihe physischer Processe auf andere von gleicher Art, die ihr folgen, einwirkt. Vielmehr kann sich hier Process nur an Process knüpfen, und die substantiellen Veränderungen, die durch die Processe entstehen, werden, wie bei den einfachsten mechanischen oder chemischen Re- actionen, immer nur nach Maßgabe der verändernden Processe verständ- lich werden1.

d. Psychologischer Standpunkt.

Als eine letzte, aus der isolirenden Analyse der psychophysischen Lebensvorgänge entspringende Betrachtungsweise tritt endlich die psy- chologische der rein physiologischen gegenüber. Sie ergänzt hier wie 1 Näheres hierzu vgl. Biologische Probleme, a. a. O. S. 364 fr. System der Philo- Wundt, Grundzüge. III. s- Aufl. 48 754 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

überall den naturwissenschaftlichen Standpunkt in dem Sinne, dass sie eben jene subjectiven Elemente der Erfahrung, die der erstere aus seiner Interpretation des objectiven Seins und Geschehens ausschaltet, aufnimmt, und ihre Aufgabe darin sieht, aus den Verbindungen dieser Elemente den sfesammten Thatbestand der unmittelbar und eben in dieser Un_ mittelbarkeit auf das wahrnehmende Subject selbst bezogenen Erfahrung zu begreifen. Damit wird dann die psychologische Betrachtung zu einer ebenso einheitlichen, wie die physiologische es ist. Aber da sie sich überall auf die unmittelbaren Bewusstseinsinhalte bezieht, so ist sie zu- gleich in allen ihren Bestandtheilen concret und anschaulich. Sie ist concret, insofern sie überall nur einzelne unserer Wahrnehmung ge- gebene Thatsachen enthält. Sie ist anschaulich im weiteren Sinn dieses Wortes, insofern sie eben auf das uns in der Erfahrung Gegebene ohne alle begrifflichen Abstractionen und Restrictionen gerichtet ist, im Gegen- satze zur Physiologie, die als Naturwissenschaft wegen der in ihrer Auf- gabe liegenden Elimination der subjectiven Elemente der Wahrnehmung nur die formalen Bestandtheile derselben, den Raum und die Zeit, als das anschaulich Gegebene zurückbehält, indess sie für den materiellen Inhalt des objectiven Geschehens auf abstracte begriffliche Feststellungen an- gewiesen ist. Von der psychophysischen Betrachtungsweise trennt sich aber die psychologische insofern, als die psychophysische Analyse bereits den physiologischen Standpunkt einnimmt, so dass für sie die psychi- schen Zwischenglieder nur eine stellvertretende Bedeutung besitzen. Dem gegenüber lässt die rein psychologische Auffassung die Erscheinungen in ihrer unmittelbaren, anschaulichen Wirklichkeit bestehen. So treten bei der Betrachtung der Willenshandlungen hier an die Stelle der Nerven- erregungen, der Muskelbewegungen und ihrer weiteren objectiven Folge- wirkungen lediglich auf einander folgende Bewegungsvorstellungen, zu- sammen mit Gefühlen, Empfindungen und den der Handlung als Motive vorausgehenden Zielvorstellungen, lauter Bestandtheile, die unmittelbare Bewusstseinsinhalte sind. Da nun diese Inhalte ihrerseits wieder ein in sich zusammenhängendes Ganzes von mehr oder minder regelmäßigen Gründen und Folgen bilden, so ergibt sich hier ein rein psychischer Causalzusammenhang, der, gleich dem rein physiologischen, ein homogener ist. So sehr nun aber die physiologische und die psycholo- gische Auffassung darin übereinstimmen, dass sich jede von ihnen einer streng durchgeführten Sonderung befleißigt, so sehr unterscheiden sich beide schon in den allgemeinen formalen Eigenschaften der beiden Cau- salreihen, die durch diese Sonderung entstehen. Denken wir uns, es wäre gelungen, den Verlauf einer Willenshandlung, unter Ersetzung der der psychophysischen Betrachtung ' eigenen psychischen Hülfsglieder, Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge. ycc vollständig in seine physischen Elemente zu zerlegen, so würden Ausgangs- und Endpunkt eines solchen Vorganges zwar durch alle Zwischenglieder und die sie begleitenden Nebenbedingungen eindeutig verbunden, aber diese Verbindung würde immer nur als eine rein causale zu denken sein. Die dem Zweckprincip eigene Verknüpfung des Endpunktes mit dem Anfang der Reihe würde erst nach dem wirklichen Durchlaufen derselben möglich werden, gemäß dem allgemeinen Charakter teleologischer Ver- knüpfung, die eben in dieser Umkehrung der causalen ihr charakteristi- sches Merkmal hat. Davon unterscheidet sich nun der psychische Zusammenhang zwischen Motiv und Erfolg sehr wesentlich dadurch, dass zwar auch hier in dem Motiv noch nicht der wirkliche Erfolg enthalten ist, dass aber jenes bereits die Richtung enthält, in der sich die den Erfolg herbeiführende Causalreihe bewegt. In diesem Sinne ist jede psychische Verknüpfung unmittelbarer Bewusstseinsinhalte Causal- und Zweckreihe zugleich, und sie ist Zweckreihe nicht bloß in dem all- gemeinen, für die gesammte Naturcausalität geltenden regressiven Sinne, sondern auch in jenem progressiven, in welchem der Zweck selbst zur Ursache wird und als solche der Wirkung vorausgeht. Identisch mit der Wirkung ist freilich dieser als Motiv vorausgehende Zweck auch hier nicht, und insofern bleibt der Causalität auch in diesem Fall ein Spiel- raum, der über die Causalität des Zwecks hinausreicht. Gerade aus dieser Discrepanz von Zwecksetzung und Zweckerfolg geht aber zugleich auf psychischem Gebiet die Zweckbeurtheilung hervor. Denn sie geht überall darauf aus, einerseits die Erfolge mit den Motiven zu ver- gleichen, welche die Richtung auf jene enthalten, und anderseits die Motive mit Rücksicht auf die zu erwartenden Folgen zu würdigen. Auf diese Weise entsteht die dem psychologischen Gebiet eigene Werth- beurtheilung, die vermöge der erwähnten Bedingungen selbst wieder in einer doppelten, einer subjectiven und einer objectiven Form, mög- lich ist. Die subjective Werthbeurtheilung misst die Motive nach ihrer natürlichen Folgewirkung: sie ist daher eine Werthbeurtheilung der Ge- sinnungen, und, insofern die Gesinnung eines Menschen in erster Linie den Werth seiner Persönlichkeit ausmacht, eine Werthbeurtheilung der Persönlichkeiten. Die objective Werthbeurtheilung dagegen misst die Erfolge der Handlungen nach ihrer Bedeutung für die allgemeinen Motive und Zwecke menschlichen Thuns überhaupt: sie hat daher die Gesinnun- gen und die Persönlichkeiten nur mittelbar, insofern jene die Ausgangs- punkte und diese die natürlichen Träger aller Zweckhandlungen sind, im Auge. Ihre Beurtheilung der Erfolge ist aber, im Hinblick auf den nirgends unterbrochenen Zusammenhang menschlicher Zwecksetzungen, immer in erster Linie auf die Wirkungen der Handlungen gerichtet, unter dem 756 Principien der Psychologie.

Gesichtspunkt zugleich, dass jeder Erfolg selbst wieder zum Quell neuer Motive wird und auf solche Weise in die gesammte Entwicklung des geistigen Lebens eingreift. Da alle Entwicklung im Grunde von der Idee der Vervollkommnung und eben damit von der Idee des Wer- thes bestimmt ist, so hat daher der Gedanke der Entwicklung selbst seine eigentliche Heimath auf dem Gebiet der geistigen Entwicklung. von dem er erst auf die Außenwelt und hier wieder zunächst auf die- jenigen Naturvorgänge hinübergewan'dert ist, die mit der geistigen Ent- wicklung in nächster Beziehung stehen, auf die Lebensvorgänge. Auch in dieser Hinsicht sind aber psychische und physische Causalität nicht Erkenntnissformen, die sich aufheben, sondern die sich ergänzen, da sie eben beide lediglich verschiedenen, sich ergänzenden Standpunkten einem und demselben Erfahrungsinhalte gegenüber angehören.

Zweiunclzwanzigstes Capitel.

Principien der Psychologie.

i. Der Begriff der Seele.

a. Die Seelensubstanz.

Von der Urzeit mythologischen Denkens an bis in die philosophi- schen Systeme der Gegenwart erstreckt sich die Anschauung, alles was wir in uns erleben, unser Vorstellen, Fühlen und Wollen, entspringe aus den Handlungen eines selbständigen Wesens, das von unserem körper- lichen Dasein verschieden, wenn auch zeitweilig oder dauernd mit ihm verbunden sei. Das mythologische Denken betrachtet dieses Wesen als einen Geist oder Dämon, an den es seine Furcht und seine Hoffnungen knüpft. Indem die Philosophie frühe schon dieses mythologische Gebilde in den Begriff der Seelensubstanz umwandelte, eliminirte sie aus diesem alle die Attribute, mit denen die Phantasie ihre Seelenvorstellungen ausgestattet hatte. Sie behielt nur die zurück, die dem begrifflichen Denken als die wesentlichen und darum bleibend werthvollen erschienen: die Selbstän- digkeit gegenüber dem Leibe, und das Beharren im Wechsel der inne- ren seelischen Zustände wie der Beziehungen zur äußeren Körperwelt. In dieser Bedeutung; hat sich der Bee-riff der substantiellen Seele bei allem Der Begriff der Seele.

sonstigen Wandel der Anschauungen im wesentlichen unverändert erhalten von Plato an bis herab auf Descartes und die Gegenwart. Frühe schon freilich hat die Philosophie Schwierigkeiten theils in der metaphysischen Fassung dieses Begriffs theils in seiner Anwendung auf die Erfahrung ge- funden. Zwei Wege sah man vor sich, auf denen es möglich schien, diesen Schwierigkeiten auf der Grundlage des Substanzbegriffs selbst zu begegnen. Entweder, man erklärte: es gibt nur eine Art von Substanzen, und das sind die Körper; alles seelische Geschehen ist im Grunde ein körperliches; um seinen Zusammenhang zu verstehen, muss man es auf dieses zurückführen. Oder man sagte wiederum: es gibt nur eine Sub- stanz, diese ist aber die geistige; die Körper selbst sind nichts anderes als die Vorstellungen eines Geistes oder vieler Geister. Und wer keinen dieser nächsten Wege beschreiten mochte, dem stand schließlich noch ein dritter offen. Man sagte: es gibt überhaupt keine Körper noch Geister als selbständige Substanzen, sondern es gibt in Wahrheit nur eine einzige, ihrer eigenen Natur nach übersinnliche Substanz, deren getrennte und doch in allen ihren Aeußerungen auf einander bezogene Erscheinungs- weisen die Körper und Geister sind. Auch diese Anschauung war dann wieder in einer doppelten Form möglich. Entweder man nahm an, jene übersinnliche Substanz sei nur einmal, in einem einzigen, unendlichen Wesen möglich: das war die Substanz Spinozas. Oder man behauptete, sie existire in unzähligen einfachen Wesen, durch deren Beziehungen zu einander die Erscheinungen zu stände kämen, die wir die körperliche und die geistige Welt nennen: das waren die Substanzen LElBNizens. Diese brachte schließlich Herbart auf ihre einfachste Formel, indem er un- räumliche, qualitativ absolut einfache Substanzen annahm, die sogenannten »Realen«, deren Zusammensein je nach Umständen als physisches oder als psychisches Geschehen erscheinen sollte. Gemeinsam ist diesen letzten einheitlichen Gestaltungen des Substanzbegriffs, mit ihren trüben und phan- tastischen mythologischen Anfängen verglichen, dies, dass sie eine abstracte und transcendente Mythologie ersinnen, die insofern das gerade Widerspiel jener wilden Mythologie der Vorzeit ist, als sie, um das theoretische Den- ken zu befriedigen, ohne es zu wollen die praktischen Forderungen zu nichte macht, denen die Seelensubstanz ihren Ursprung und ihre zähe Lebensdauer verdankt hatte. In der absoluten unendlichen Substanz Spi- nozas verschwindet die Persönlichkeit als ein vergänglicher Modus des Seins, und die einfache Seele Herbarts ist ein inhaltsleerer Begriff, sobald das Zusammensein mit den einfachen Substanzen ihres Leibes aufhört. So führen diese folgerichtigsten Gestaltungen des philosophischen Begriffs beide zu seiner Auflösung. Die Substanz ist in ihnen aus der wirklichen Welt in eine überwirkliche hinübergewandert. Was blieb übrig, wenn diese 758 Principien der Psychologie.

überwirkliche Substanz, nachdem sich die Mythologisirung der Erscheinun- gen ins Transcendente verflüchtigt hatte, selber beseitigt wurde? Es blieb die Wirklichkeit selbst als ein zusammenhängendes Geschehen. Damit war der Standpunkt erreicht, den die Naturwissenschaft einnimmt, wenn sie die Substanzbegriffe fortan nur noch als hypothetische Hülfsmittel für die Interpretation der Erscheinungen gelten lässt, und dem von ihrem Standpunkte aus die Psychologie zugeführt wird, wenn sie an die Stelle der Seelensubstanz den Actualitätsbegriff der Seele treten lässt.

b. Die actuelle Seele.

Der Begriff der actuellen Seele ist zwar jünger als die in das mytho- logische Denken zurückreichende Annahme einer specifischen Seelensub- stanz. Doch ist auch er keineswegs erst neueren Ursprungs. Für die Motive, aus denen er hervorging, ist es aber bedeutsam, dass er uns zum ersten Mal in klar ausgeprägter Gestalt in dem Augenblick entgegen- tritt, wo der erste ernsthafte Versuch unternommen wird, die Psychologie als Wissenschaft zu behandeln. Die Schrift des ARISTOTELES über die Seele, dieses älteste System der Psychologie, ist zugleich das erste, das die Seele als die »zweckthätige Actualität des lebenden Körpers« bezeich- net und sie damit nicht als eine von diesem gesonderte Substanz, sondern als das Ganze der Lebensvorgänge selbst auffasst, wobei es dann freilich an den nothwendigen Grenzbestimmungen für das eigentliche Gebiet des Psychischen noch mangelt. Auch konnte ARISTOTELES in seiner Meta- physik und Theologie der selbständigen Seelensubstanz immerhin nicht entrathen; und so führte er sie am Schluss der Psychologie durch eine jener Begriffskünste ein, in denen er Meister war. Der Seele, der Actu- alität des lebenden Körpers, das höchste der »Seelenvermögen«, die thätige Vernunft, als die Actualität der Seele selbst gegenüberstellend, construirte er sich in dieser Seelenpotenz höherer Stufe wiederum ein selb- ständiges, vom Leibe trennbares Wesen, das nun auch den künftigen, im Banne seiner Philosophie lebenden Zeiten die Möglichkeit bot, Actualität und Substantialität so zu verbinden, dass man sich jeder von ihnen da bediente, wo man ihrer bedurfte. Dieses Verhältniss ist maßgebend ge- blieben bis in die neueste Zeit. Selbst der gewaltige Umschwung, den die mechanische Weltanschauung der Renaissancezeit herbeiführte, hat daran nichts wesentliches geändert. Denn als DESCARTES unter dem Eindruck dieser Weltanschauung den vooc, ironqTixtfs, die denkende Ver- nunft, allein noch als eigentliche Seele gelten ließ, um die niederen Seelenthätigkeiten dem mechanischen Getriebe der körperlichen Vorgänge zuzuweisen, da blieb es doch dabei, dass er und seine Nachfolger diese transcendente Seelensubstanz eigentlich nur der Metaphysik reservirten, um,