SigPhi · Edmund Husserl

Logische Untersuchungen, Band I (Prolegomena zur reinen Logik)

German

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Vgl. die Erörterungen des § 22 in Kap. IV, besonders S. 67 f.

als skeptischer Relativismus. 143 sinnig und als solche falsch, so muß auch jedes actuelle Urtheil, dessen Inhalte sie sind, unrichtig sein; denn richtig heißt ein Urtheil, wenn,das was es urtheilt', d. i. sein Inhalt, wahr, also unrichtig, wenn derselbe falsch ist.

Ich betonte soeben jedes Urtheil, um aufmerksam zu machen, daß der Sinn dieser strengen Allgemeinheit jede Einschränkung, also auch die auf menschliche oder andersartige Gattungen urtheilender Wesen eo ipso ausschließt. Ich kann Niemanden zwingen, einzusehen, was ich einsehe. Aber ich selbst kann nicht zweifeln, ich sehe ja abermals ein, daß jeder Zweifel hier, wo ich Einsicht habe, d. i. die Wahrheit selbst erfasse, verkehrt wäre; und so finde ich mich überhaupt an dem Punkte, den ich entweder als den archimedischen gelten lasse, um von hier aus die Welt der Unvernunft und des Zweifels aus den Angeln zu heben, oder den ich preisgebe, um damit alle Vernunft und Erkenntnis preiszugeben. Ich sehe ein, daß sich dies so verhält, und daß ich im letzteren Falle — wenn von Vernunft oder Unvernunft dann noch zu reden wäre — alles vernünftige Wahrheitsstreben, alles Behaupten und Begründen einstellen müßte.

Mit all dem finde ich mich nun freilich in Widerstreit mit dem ausgezeichneten Forscher. Er fährt nämlich fort: „Unbedingt wäre die so begründete Notwendigkeit der formalen Grundsätze...nur dann, wenn unsere Erkenntnis derselben verbürgte, daß das Wesen des Denkens, das wir in uns finden und durch sie ausdrücken, ein unveränderliches, oder gar das einzig mögliche Wesen des Denkens wäre, daß jene Bedingungen unseres Denkens zugleich die Bedingungen jedes möglichen Denkens wären. Wir wissen jedoch nur von unserem Denken. Ein von dem unseren verschiedenes, also auch ein Denken überhaupt als Gattung zu solchen verschiedenen Arten des Denkens zu construiren sind wir nicht im Stande. Worte, die ein solches zu beschreiben scheinen, haben keinen von uns vollziehbaren Sinn, der dem Anspruch genügte, <len dieser Schein erwecken soll. Denn jeder Versuch, das, 144 Der Psychologismus was sie beschreiben, herzustellen, ist an die Bedingungen unseres Vorstellens und Denkens gebunden, bewegt sich in ihrem Kreise."

Würden wir so verfängliche Reden, wie die vom „Wesen unseres Denkens" in rein logischen Zusammenhängen überhaupt gelten lassen, würden wir sie also nach Maßgabe unserer Analysen durch die Summe der Idealgesetze fassen, welche die formale Einstimmigkeit des Denkens umgrenzen, dann würden wir natürlich auch den Anspruch erheben, das strenge erwiesen zu haben, was Erdmann für unerweisbar hält: daß das Wesen des Denkens ein unveränderliches, ja gar das einzig mögliche wäre u. s. w. Aber freilich ist es klar, daß Erdmann, während er dies leugnet, jenen allein berechtigten Sinn der fraglichen Redeweise nicht innehält, es ist klar, daß er (die weiter unten folgenden Citate lassen es noch schroffer hervortreten) die Denkgesetze als Ausdrücke des realen Wesens unseres Denkens, somit als Realgesetze faßt, als ob wir mit ihnen eine unmittelbare Einsicht in die allgemein menschliche Constitution nach ihrer Erkenntnisseite gewönnen. Leider ist dies gar nicht der Fall. Wie sollten auch Sätze, die nicht im Entferntesten von Realem sprechen, die nur klar legen, was mit gewissen Wortbedeutungen oder Aussagebedeutungen sehr allgemeiner Art unabtrennbar gesetzt ist, so gewichtige Erkenntnisse realer Art, über das „Wesen geistiger Vorgänge, kurz unserer Seele" (wie wir weiter unten lesen) gewähren?

Andererseits, hätten wir durch solche oder andere Gesetze Einsicht in das reale Wesen des Denkens, dann kämen wir doch zu ganz anderen Consequenzen, wie der verdiente Forscher. „Wir wissen nur von unserem Denken." Genauer gesprochen, wissen wir nicht nur von unserem individuelleigenem Denken, sondern, als wissenschaftliche Psychologen, auch ein klein wenig vom allgemein -menschlichen, und noch viel weniger vom thierischen. Jedenfalls ist aber ein in diesem realen Sinne andersartiges Denken und sind ihm zugeordnete Species denkender Wesen für uns gar nicht denkunmögals skeptischer Relativismus. 145 lieh, sie könnten sehr wol und sinnvoll beschrieben werden^ ganz so wie dergleichen bei fictiven naturwissenschaftlichen Species nicht ausgeschlossen ist. Böcklin malt uns die prächtigsten Centauren und Nixen mit leibhaftiger Natürlichkeit. Wir glauben sie ihm — mindestens ästhetisch. Freilich ob sie auch naturgesetzlich möglich sind, wer wollte dies entscheiden. Aber hätten wir die letzte Einsicht in die Complexionsformen organischer Elemente, welche die lebendige Einheit des Organismus gesetzlich ausmachen, hätten wir die Gesetze, welche den Strom solchen Werdens in dem typisch geformten Bette erhalten, so könnten wir den wirklichen Species mannigfaltige objeetiv mögliche in wissenschaftlich exaeten Begriffen anreihen, wir könnten diese Möglichkeiten so ernsthaft discutiren, wie der theoretische Physiker seine fingirten Species von Gravitationen. Jedenfalls ist die logische Möglichkeit solcher Fictionen auf naturwissenschaftlichem wie auf psychologischem Gebiet unanfechtbar. Erst wenn wir die (xeräßaaiq slq ällo ykvoq vollziehen, die Eegion der psychologischen Denkgesetze mit der der rein logischen verwechseln, und nun die letzteren selbst in psychologistischem Sinne mißdeuten, gewinnt die Behauptung, andersartige Denkweisen vorzustellen seien wir außer Stande, die Worte, die sie zu beschreiben scheinen, hätten für uns keinen vollziehbaren Sinn, einen Anschein von Berechtigung.

Mag sein, daß wir uns von solchen Denkweisen,keine rechte Vorstellung' zu machen vermögen, mag sein, daß sie auch in absolutem Sinn für uns unvollziehbar sind; aber diese Unvollziehbarkeit wäre in keinem Falle die Unmöglichkeit im Sinne der Absurdität, des Widersinns.

Vielleicht ist folgende Ueberlegung zur Klärung nicht unnütz. Theoreme aus der Lehre von den AßEi/schen Transscendenten haben für ein Wickelkind, und sie haben ebenso für den Laien (das mathematische Kind, wie die Mathematiker scherzhaft zu sagen pflegen) keinen „vollziehbaren" Sinn. Das liegt an den individuellen Bedingungen ihres Vorstellen s und Denkens. Genau so wie wir Reifen zum Kinde, wie der Hüssebl, Log. Unters. I. 10 146 Der Psychologismm Mathematiker zum Laien, so könnte sich allgemein eine höhere Species denkender Wesen, sagen wir Engel, zu uns Menschen verhalten. Deren Worte und Begriffe hätten für uns keinen vollziehbaren Sinn, gewisse specifische Eigenheiten unserer psychischen Constitution ließen es eben nicht zu. Der normale Mensch braucht, um die Theorie der AßEi/schen Functionen, ja auch nur um deren Begriffe zu verstehen, einige, sagen wir fünf Jahre. Es könnte sein, daß er, um die Theorie gewisser englischer Functionen zu verstehen, bei seiner Constitution eines Jahrtausends bedürfte, während er doch im günstigen Falle ein Jahrhundert kaum erreichen wird. Aber diese absolute, durch die gesetzlichen Schranken der specifischen Constitution bedingte Unvollziehbarkeit wäre natürlich nicht diejenige, welche uns die Absurditäten, die widersinnigen Sätze zumuthen. In einem Falle handelt es sich um Sätze, die wir schlechterdings nicht verstehen können; dabei sind sie an sich betrachtet einstimmig und sogar giltig. Im anderen Falle hingegen verstehen wir die Sätze sehr wol; aber sie sind widersinnig, und darum,können wir an sie nicht glauben', cl. h. wir sehen ein, daß sie als widersinnige verwerflich sind.

Betrachten wir nun auch die extremen Consequenzen, welche Erdmann aus seinen Prämissen zieht. Gestützt auf das „leere Postulat eines anschauenden Denkens" müssen wir nach ihm „die Möglichkeit zugeben, daß ein Denken, welches von dem unsrigen wesensverschieden ist, stattfinde", und er zieht daraus den Schluß, daß somit „die logischen Grundsätze auch nur für den Bereich dieses unseres Denkens gelten, ohne daß wir eine Bürgschaft dafür hätten, daß dieses Denken sich seiner Beschaffenheit nach nicht ändern könnte. Denn es bleibt demnach möglich, daß eine solche Aenderung eintrete, sei es daß sie alle, sei es daß sie nur einige dieser Grundsätze träfe, da sie nicht alle aus einem analytisch ableitbar sind. Es ist belanglos, daß diese Möglichkeit in den Aussagen unseres Selbstbewußtseins über unser Denken keine Stütze als skeptischer Relativismus. 147 findet, die ihre Verwirklichung vorhersehen ließe. Sie besteht trotz alledem. Denn wir können unser Denken nur hinnehmen, wie es ist. Wir sind nicht in der Lage, seine zukünftige Beschaffenheit durch die gegenwärtige in Fesseln zu schlagen. Wir sind insbesondere unvermögend, das Wesen unserer geistigen Vorgänge, kurz unserer Seele so zu fassen, daß wir aus ihr die Unveränderlichkeit des uns gegebenen Denkens deduciren könnten."1 Und so können wir nach Eedmann „nicht umhin einzugestehen, daß alle jene Sätze, deren widersprechende Gedanken von uns unvollziehbar sind, nur unter der Voraussetzung der Beschaffenheit unseres Denkens nothwendig sind, die wir als diese bestimmte erleben, nicht aber absolut, unter jeder möglichen Bedingung. Unseren logischen Grundsätzen also bleibt auch hiernach ihre Denknothwendigkeit; nur daß sie nicht als absolute, sondern als hypothetische [in unserer Redeweise: relative] angesehen wird. Wir können nicht anders, als ihnen zustimmen — nach der Natur unseres Vorstellens und Denkens. Sie gelten allgemein, vorausgesetzt daß unser Denken dasselbe bleibt. Sie sind nothwendig, weil wir nur unter ihrer Voraussetzung denken können, so lange sie das Wesen unseres Denkens ausdrücken."2 Nach den bisherigen Ausführungen brauche ich nicht zu 1 Vgl. a. a. 0. Nr. 369 sub e. S. 377—78. — Hatte man sich mit der Möglichkeit einer Veränderung des logischen Denkens einmal vertraut gemacht, so lag der Gedanke einer Entwicklung desselben nicht mehr fern. Nach G. Feruero, les lois psychologiques du Symbolisme, Paris 1895, „soll die Logik" — so lese ich in einem Eeferat A. Lasson's in der Zeitschrift f. Philos. Bd. 113, S. 85 — „positiv werden und die Gesetze des Schließens je nach dem Alter und der Entwicklungsstufe der Cultur darstellen; denn auch die Logik ändere sich mit der Entwicklung des Gehirns.. Daß man früher die reine Logik und die deductive Methode vorgezogen habe, sei Denkfaulheit gewesen, und die Metaphysik sei das kolossale Denkmal dieser Denkfaulheit bis zum heutigen Tage geblieben, glücklicherweise nur noch bei einigen Zurückgebliebenen nachwirkend".

148 Der Psychologismus sagen, daß meines Erachtens diese Consequenzen zu Recht nicht bestehen können. Gewiß gilt die Möglichkeit, daß ein von dem unsrigen wesensverschiedenes Seelenleben stattfinde. Gewiß können wir unser Denken nur hinnehmen, wie es ist, gewiß wäre jeder Versuch thöricht, aus „dem Wesen unserer geistigen Vorgänge, kurz unserer Seele" ihre Unveränderlichkeit deduciren zu wollen. Aber daraus folgt mit Nichten jene toto coelo verschiedene Möglichkeit, daß Veränderungen unserer specifischen Constitution, sei es alle oder einige Grundsätze träfen, und daß somit die Denknoth wendigkeit dieser Sätze eine bloß hypothetische sei. Vielmehr ist all das widersinnig, widersinnig in dem prägnanten Sinne, in dem wir das Wort (natürlich ohne jede Färbung, als rein wissenschaftlichen Terminus) hier allzeit gebraucht haben. Es ist der Unsegen unserer vieldeutigen logischen Terminologie, daß dergleichen Lehren noch auftreten und selbst ernste Forscher täuschen können. Wären die primitiven begrifflichen Unterscheidungen der Elementarlogik vollzogen und auf Grund derselben die Terminologie geklärt, würden wir uns nicht mit so elenden Aequivocationen herumschleppen, wie sie allen logischen Terminis — Denkgesetz, Denkform, reale und formale Wahrheit, Vorstellung, Urtheil, Satz, Begriff, Merkmal, Eigenschaft, Grund, Notwendigkeit u. s. w. — anhaften, wie könnten so viele Widersinnigkeiten, darunter die des Relativismus, in Logik und Erkenntnislehre theoretisch vertreten werden und in der That einen Schein für sich haben, der selbst bedeutende Denker blendet?

Die Möglichkeit von variablen „Denkgesetzen" als psychologischen Gesetzen des Vorstellens und Urtheilens, welche für verschiedene Species psychischer Wesen mannigfach differiren, ja in einer und derselben von Zeit zu Zeit wechseln, das giebt einen guten Sinn. Denn unter psychologischen besetzen' pflegen wir,empirische Gesetze' zu verstehen, ungefähre Allgemeinheiten der Coexistenz und Succession, auf Thatsächkeiten bezüglich, die in einem Falle so, im anderen anders sein können. Auch die Möglichkeit von variablen Denkgesetzen als skeptischer Relativismus. 149 als normativen Gesetzen des Vorstellens und Urtheilens gestehen wir gerne zu. Gewiß können normative Gesetze der specifischen Constitution der urtheilenden Wesen angepaßt und daher mit ihnen veränderlich sein. Offenbar trifft dies die Regeln der practischen Logik als Methodenlehre, so wie es auch die methodischen Vorschriften der Einzelwissenschaften trifft. Die mathematisirenden Engel mögen andere Rechenmethoden haben als wir — aber auch andere Grundsätze und Lehrsätze? Diese Frage führt uns denn auch weiter: Widersinnig wird die Rede von variablen Denkgesetzen erst dann, wenn wir darunter die rein-logischen Gesetze verstehen (an welche wir auch die reinen Gesetze der Anzahlenlehre, der Ordinalzahlenlehre, der reinen Mengenlehre u. s. w. angliedern dürfen). Der vage Ausdruck „normative Gesetze des Denkens'', mit dem man auch sie bezeichnet, verführt allgemein dazu, sie mit jenen psychologisch fundirten Denkregeln zusammenzuwerfen. Sie aber sind rein theoretische Wahrheiten idealer Art, rein in ihrem Bedeutungsgehalt wurzelnd und nie über ihn hinausgehend. Sie können also durch keine wirkliche oder fictive Aenderung in der Welt des matter of faet berührt werden.

Im Grande hätten wir hier eigentlich einen dreifachen Gegensatz zu berücksichtigen: nicht bloß den zwischen pr actischer Regel und theoretischem Gesetz, und wieder den zwischen Idealgesetz und Realgesetz, sondern auch den Gegensatz zwischen exactem Gesetz und „empirischem Gesetz" (sc. als Durchschnittsallgemeinheit, von der es heißt: „keine Regel ohne Ausnahme"). Hätten wir Einsicht in die exacten Gesetze des psychischen Geschehens, dann wären auch sie ewig und unwandelbar, sie wären es, wie die Grundgesetze der theoretischen Naturwissenschaften, sie würden also gelten, auch wenn es kein psychisches Geschehen gäbe. Würden alle gravitirenden Massen vernichtet, so wäre damit nicht das Gravitationsgesetz aufgehoben, es bliebe nur ohne Möglichkeit factischer Anwendung. Es sagt ja nichts über die Existenz gravierende r 150 Der Psychologismus Massen, sondern nur über das, was gravierenden Massen als solchen zukommt. (Freilich liegt, wie wir oben l erkannt haben, der Statuirung exacter Naturgesetze eine idealisirende Fiction zu Grunde, von der wir hier absehen, uns an die bloße Intention dieser Gesetze haltend.) So wie man also nur zugesteht, daß die logischen Gesetze exacte sind und nur als exacte eingesehen werden, ist schon die Möglichkeit ihrer Aenderung durch Aenderungen in den Collocationen des thatsächlichen Seins und die dadurch gesetzten Umbildungen der naturhistorischen und geistigen Species ausgeschlossen, somit ihre „ewige" Geltung verbürgt.

Von psychologistischer Seite könnte Jemand unserer Position entgegenhalten, daß wie alle Wahrheit, so auch die der logischen Gesetze in der Erkenntnis liegt, und daß die Erkenntnis als psychisches Erlebnis selbstredend psychologischen Gesetzen untersteht. Aber ohne hier die Frage erschöpfend zu erörtern, in welchem Sinne die Wahrheit in der Erkenntnis liegt, weise ich doch darauf hin, daß keine Aenderung psychologischer Thatsächlichkeiten aus der Erkenntnis einen Irrthum, aus dem Irrthum eine Erkenntnis machen kann. Entstehen und Vergehen der Erkenntnisse als Phänomene hängt natürlich an psychologischen Bedingungen, so wie das Entstehen und Vergehen anderer psychischer Phänomene, z. B. der sinnlichen. Aber wie kein psychisches Geschehen es je erreichen kann, daß das Roth, das ich eben anschaue, statt einer Farbe vielmehr ein Ton, oder daß der tiefere von zwei Tönen der höhere sei; oder allgemeiner gesprochen, so wie alles, was in dem Allgemeinen des jeweiligen Erlebnisses liegt und gründet, über jede mögliche Aenderung erhaben ist, weil alle Aenderung die individuelle Einzelheit angeht aber für das Begriffliche ohne Sinn ist: so gilt das Entsprechende auch für die,Inhalte' der Erkenntnisacte. Zum Begriff der Erkenntnis gehört, daß sein Inhalt den Charakter der Wahrheit habe. Dieser als skeptischer Relativismus. 151 Charakter kommt nicht dem flüchtigen Erkenntnisphänomen zu, sondern dem identischen Inhalte desselben, dem Idealen oder Allgemeinen, das wir alle im Auge haben, wenn wir sagen: ich erkenne, daß a -f- b = b + a ist, und unzählige Andere erkennen dasselbe. Natürlich kann es sein, daß sich aus Erkenntnissen Irrthümer entwickeln, z. B. im Trugschluß; darum ist nicht die Erkenntnis als solche zum Irrthum geworden, es hat sich nur causal das Eine an das Andere angereiht. Es kann auch sein, daß sich in einer Species urtheilsfähiger Wesen überhaupt keine Erkenntnisse entwickeln, daß alles, was sie für wahr halten, falsch, und alles, was sie für falsch halten, wahr ist. In sich blieben Wahrheit und Falschheit aber ungeändert; sie sind wesentlich Beschaffenheiten der bezüglichen Urtheilsinhalte, nicht solche der Urtheilsacte; sie kommen jenen zu, ob sie auch von Niemandem anerkannt werden: ganz so, wie Farben, Töne, Dreiecke u. s. w. die wesentlichen Beschaffenheiten, die ihnen als Farben, Tönen, Dreiecken u. s. w. zukommen, allzeit haben, ob Jemand in aller Welt es jemals erkennen mag oder nicht.

Die Möglichkeit also, die Erdmann zu begründen versucht hat, nämlich daß andere Wesen ganz andere Grundsätze haben könnten, darf nicht zugestanden werden. Eine widersinnige Möglichkeit ist eben eine Unmöglichkeit. Man versuche nur einmal auszudenken, was in seiner Lehre liegt. Da gäbe es vielleicht Wesen eigener Art, s. z. s. logische Uebermenschen, für welche unsere Grundsätze nicht gelten, vielmehr ganz andere Grundsätze, derart, daß jede Wahrheit für uns, zur Falschheit wird für sie. Ihnen gilt es recht, daß sie die psychischen Phänomene, die sie jeweils erleben — nicht erleben. Daß wir und daß sie existiren, mag für uns wahr sein, für sie ist es falsch u. s. w. Freilich würden wir logischen Alltagsmenschen urtheilen: solche Wesen sind von Sinnen, sie reden von der Wahrheit und heben ihre Gesetze auf, sie behaupten ihre eigenen Denkgesetze zu haben, und sie leugnen diejenigen, an welchen die Möglich- 152 Der Psychologismus keit von Gesetzen überhaupt hängt. Sie behaupten und lassen zugleich die Leugnung des Behaupteten zu. Ja und Nein, Wahrheit und Irrthum, Existenz und Nichtexistenz verlieren in ihrem Denken jede Auszeichnung voreinander. Nur merken sie ihre Widersinnigkeiten nicht, während wir sie merken, ja mit lichtvollster Einsicht als solche erkennen. — Wer dergleichen Möglichkeiten zugesteht, ist vom extremsten Skepticismus nur durch Nuancen geschieden; die Subjectivität der Wahrheit ist, statt auf die einzelne Person, auf die Species bezogen. Er ist specifischer Relativist in dem von uns oben definirten Sinne und unterliegt den erörterten Einwänden, die wir hier nicht wiederholen. Im Uebrigen sehe ich es nicht ein, warum wir bei den Grenzscheiden fingirter Rassenunterschiede Halt machen sollen. Warum nicht die wirklichen Rassenunterschiede, die Unterschiede zwischen Vernunft und Wahnsinn und endlich die individuellen Unterschiede als gleichberechtigt anerkennen?

Vielleicht wendet ein Relativist gegen unsere Berufung auf die Evidenz, bezw. auf den evidenten Widersinn der uns zugemutheten Möglichkeit den oben mitcitirten Satz ein, es sei „belanglos, daß diese Möglichkeit in den Aussagen des Selbstbewußtseins keine Stütze findet", es sei ja selbstverständlich, daß wir nicht unseren Denkformen zuwider denken können. Indessen, unter Absehen von dieser psychologistischen Interpretation der Denkformen, die wir schon widerlegt haben, weisen wir darauf hin, daß solche Auskunft den absoluten Skepticismus bedeutet. Dürften wir der Evidenz nicht mehr vertrauen, wie könnten wir überhaupt noch Behauptungen aufstellen und vernünftig vertreten? Etwa mit Rücksicht darauf, daß andere Menschen ebenso constituirt sind wie wir, also vermöge gleicher Denkgesetze auch zu ähnlicher Beurtheilung geneigt sein möchten? Aber wie können wir dies wissen, wenn wir überhaupt nichts wissen können. Ohne Einsicht kein Wissen.

Es ist doch recht sonderbar, daß man so zweifelhaften Behauptungen, wie es die über das Allgemeinmenschliche sind, Vertrauen schenken will, nicht aber jenen puren Trivialitäten, als skeptischer Relativismus. 153 die zwar sehr gering sind an inhaltlicher Belehrung, aber für das Wenige, was sie besagen, uns klarste Einsicht gewähren; und darin ist jedenfalls von denkenden Wesen und ihren specifi sehen Eigenthümlichkeiten schlechterdings nichts zu finden.

Der Relativist kann auch nicht dadurch eine, wenn auch nur vorläufig gebesserte Position zu erringen hoffen, daß er sagt: Du behandelst mich als extremen Eelativisten, ich aber bin es nur hinsichtlich der logischen Grundsätze; alle anderen Wahrheiten mögen unangefochten bleiben. So entgeht er den allgemeinen Einwänden gegen den speeifischen Relativismus jedenfalls nicht. WTer die logischen Grundwahrheiten relativirt, relativirt auch alle Wahrheit überhaupt. Es genügt auf den Inhalt des Satzes vom Widerspruch hinzublicken und die naheliegenden Consequenzen zu ziehen.

Solchen Halbheiten bleibt Erdmann selbst durchaus ferne: den relativistischen Wahrheitsbegriff, den seine Lehre fordert, hat er seiner Logik in der That zu Grunde gelegt. Die Definition lautet: „Die Wahrheit eines Urtheils besteht darin, daß die logische Immanenz seines Gegenstandes subjeetiv, specieller objeetiv gewiß, und der prädicative Ausdruck dieser Immanenz denknothwendig ist."1 So bleiben wir freilich im Gebiet des Psychologischen. Denn Gegenstand ist für Erdmann das Vorgestellte, und dieses wiederum wird ausdrücklich identificirt mit Vorstellung. Ebenso ist die „objeetive oder iUlgemeingewißheit" nur scheinbar ein Objectives, denn sie „gründet sich auf die allgemeine üebereinstimmung der Urtheilenden". 2 Zwar den Ausdruck „objeetive Wahrheit" vermissen wir bei Erdmann nicht, aber er identificirt sie mit „Allgemeingiltigkeit", d. i. Giltigkeit für Alle. Diese aber zerfällt ihm in Gewißheit für Alle, und wenn ich recht verstehe, auch in Denknothwendigkeit für Alle. Eben dies meint auch die obige Definition. Bedenklich möchte man werden, wie wir in einem einzigen Falle zur berechtigten Behauptung der objeetiven Wahrheit in diesem 154 Die psychologistischen Sinne kommen, und wie wir dem unendlichen Regressus entgehen sollen', der durch die Bestimmung gefordert und auch von dem hervorragenden Forscher bemerkt worden ist. Leider reicht die Auskunft, die er ergreift, nicht hin. Gewiß sind, wie er sagt, die Urtheile, in denen wir die Uebereinstimmung mit Anderen behaupten, nicht diese Uebereinstimmung selbst; aber was kann dies nützen, und was die subjective Gewißheit, die wir dabei haben? Berechtigt wäre unsere Behauptung doch nur dann, wenn wir von dieser Uebereinstimmung wüßten, und das heißt wol, ihrer Wahrheit inne würden. Man möchte auch fragen, wie wir auch nur zur subjectiven Gewißheit von der Uebereinstimmung Aller kommen sollten, und endlich, um von dieser Schwierigkeit abzusehen, ob es denn überhaupt zu rechtfertigen ist, die Forderung der Allgemeingewißheit zu stellen, als ob die Wahrheit bei Allen und nicht vielmehr bei einigen Auserwählten zu finden ist.

Achtes Kapitel. Die psychologistischen Vorurtheile.

Bisher haben wir den Psychologismus vorzugsweise aus seinen Consequenzen bekämpft. Wir wenden uns nun gegen seine Argumente selbst, indem wir die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, auf die er sich stützt, als täuschende Vorurtheile nachzuweisen suchen.

§ 41. Erstes Vorurtheil.

Ein erstes Vorurtheil lautet: „Vorschriften zur Regelung von Psychischem sind selbstverständlich psychologisch fundirt. Demgemäß ist es auch einleuchtend, daß die normativen Gesetze der Erkenntnis in der Psychologie der Erkenntnis gründen müssen."

Vorurtheile. 155 Die Täuschung verschwindet, sowie man statt im Allgemeinen zu argumentiren an die Sachen selbst herantritt.

Zunächst thut es noth, einer schiefen Auffassung beider Parteien ein Ende zu machen. Wir weisen nämlich darauf hin, daß die logischen Gesetze, an und für sich betrachtet, keineswegs normative Sätze sind in dem Sinne von Vorschriften, d. i. Sätzen, zu deren Inhalt es gehört, auszusagen wie geurtheilt werden solle. Man muß durchaus unterscheiden: Gesetze, welche zur Normirung der Erkenntnisthätigkeiten dienen, und Regeln, welche den Gedanken dieser Normirung selbst enthalten und sie als allgemein verpflichtend aussagen.

Betrachten wir ein Beispiel, etwa das bekannte Princip der Syllogistik, welches von Alters her in die Worte gefaßt wird: Das Merkmal des Merkmals ist auch Merkmal der Sache selbst. Die Kürze dieser Fassung wäre empfehlenswerth, wenn sie nicht einen sichtlich falschen Satz als Ausdruck des intendirten Gedankens böte.1 Um ihn zu correctem Ausdruck zu bringen, werden wir uns schon zu mehr Worten bequemen müssen. „Für jedes Merkmalpaar A B gilt der Satz: Hat jeder Gegenstand, welcher das Merkmal A hat, auch das Merkmal B, und hat irgend ein bestimmter Gegenstand S das Merkmal A, so hat er auch das Merkmal B.u Daß nun dieser Satz den geringsten normativen Gedanken enthalte, müssen wir entschieden bestreiten. Wir können ihn freilich zur Normirung verwenden, aber darum ist er nicht selbst eine Norm. Wir können auf ihn auch eine ausdrückliche Vorschrift gründen, z. B. „Wer immer urtheilt, daß jedes A auch B sei und daß ein gewisses SA sei, der muß (soll) urtheilen, daß dieses S auch B sei." Aber Jedermann sieht, daß dies nicht mehr der ursprüngliche logische Satz ist, sondern aus ihm durch Hineintragung des normativen Gedankens erst erwachsen ist.

1 Sicherlich ist das Merkmai des Merkmals, allgemein gesprochen, nicht ein Merkmal der Sache. Meinte das Princip, was die Worte klar besagen, so wäre ja zu schließen: Dies Löschblatt ist rotli, roth ist eine Farbe, also ist dies Löschblatt eine Farbe.

156 Die psychologistischen Und dasselbe gilt offenbar von allen syllogistischen Gesetzen, wie von allein „rein logischen" Sätzen überhaupt.1 Aber nicht für sie allein. Die Fähigkeit zu normativer Wendung haben ebenso die Wahrheiten anderer theoretischen Disciplinen, vor Allem die rein mathematischen, die man ja gewöhnlich von der Logik zu trennen pflegt.2 Der bekannte Satz besagt z. ß., daß das Product aus der Summe und Differenz zweier beliebiger Zahlen gleich ist der Differenz ihrer Quadrate. Hier ist keine Rede von unserem Urtheilen und der Art, wie es verlaufen soll, wir haben ein theoretisches Gesetz und nicht eine practische Regel vor uns. Betrachten wir hingegen den correspondirenden Satz: „Um das Product aus Summe und Differenz zweier Zahlen zu bestimmen, bilde man die Differenz 1 In dieser Ueberzeugung, daß der normative Gedanke, das Seinsollen, nicht zum Inhalt der logischen Sätze gehört, treffe ich zu meiner Freude mit Natorp zusammen, der sie jüngst in der Socialpädagogik (Stuttgart 1899, § 4) kurz und klar ausgesprochen hat: „Logische Gesetze sagen, nach unserer Behauptung, ebensowenig, wie man thatsächlich unter solchen und solchen Umständen denkt, als, wie man denken soll." Mit Beziehung auf das Beispiel des Gleichheitsschlusses,,wenn A = B und B = C, so ist A = Ö", heißt es: „Dies sehe ich ein, indem ich nichts als die zu vergleichenden Termini und deren dadurch zugleich gegebene Eelationen vor Augen habe, ohne irgend an den, sei es thatsächlichen oder seinsollenden Verlauf oder Vollzug eines entsprechenden Denkens dabei denken zu müssen" (a. a. 0. S. 20, bezw. 21). — Auch in einigen anderen, nicht minder wesentlichen Punkten berühren sich meine Prologomena mit diesem Werke des scharfsinnigen Forschers, welches mir für die Bildung und Darstellung meiner Gedanken leider nicht mehr hilfreich sein konnte. Dagegen konnten auf mich zwei ältere Schriften Natorp's, der oben citirte Aufsatz aus den Phil. Monatsh. XXIII und die Einleitung in die Psychologie anregend wirken — wie sehr sie mich auch in anderen Punkten zu Widerspruch reizten.

2 Die „reine" oder „formale Mathematik", so wie ich den Terminus gebrauche, befaßt die gesammte reine Arithmetik und Mannigfaltigkeitslehre, nicht aber die Geometrie. Dieser entspricht in der reinen Mathematik die Theorie der EucLimsctien Mannigfaltigkeit von drei Dimensionen, welche Mannigfaltigkeit die Gattungsidee des Raumes, nicht aber dieser selbst ist.

Vorurtheile. 157 ihrer Quadrate", so haben wir umgekehrt eine practische Regel und nicht ein theoretisches Gesetz ausgesprochen. Auch hier wandelt sich allererst durch die Einführung des normativen Gedankens das Gesetz in die Regel, die seine selbstverständliche apodictische Folge, jedoch nach dem Gedankengehalt von ihm verschieden ist.

Wir können noch weiter gehen. Es ist ja klar, daß in gleicher Weise jede allgemeine Wahrheit, welchem theoretischen Gebiete sie angehören mag, zur Begründung einer allgemeinen Norm richtigen Urtheilens dienen kann. Die logischen Gesetze zeichnen sich in dieser Hinsicht in keiner Weise aus. Ihrer eigenen Natur nach sind sie nicht normative,, sondern theoretische Wahrheiten und können als solche, so gut wie Wahrheiten irgendwelcher anderer Disciplinen, zur Normirung des Urtheilens dienen.

Andererseits ist freilich auch dies unverkennbar: Die allgemeine Ueberzeugung, welche in den logischen Sätzen Normen des Denkens sieht, kann nicht ganz haltlos, die Selbstverständlichkeit, mit der sie uns sofort einleuchtet, nicht reiner Trug sein. Ein gewisser innerer Vorzug in Sachen der Denkregelung muß diese Sätze vor anderen auszeichnen. Aber muß die Idee der Regelung (des Sollens) darum im Inhalt der logischen Sätze selbst liegen? Kann sie nicht in diesem Inhalt mit einsichtiger Notwendigkeit gründen? Mit anderen Worten: Können nicht die logischen und rein mathematischen Gesetze einen ausgezeichneten Bedeutungsgehalt haben, der ihnen einen natürlichen Beruf zur Denkregelung verleiht?

Wir sehen aus dieser einfachen Betrachtung, wie in der That auf beiden Seiten hier Unrecht vertheilt ist.

Die Antipsychologisten irrten darin, daß sie Regelung der Erkenntnis sozusagen als die Essenz der logischen Gesetze hinstellten. Darum kam der rein theoretische Charakter der formalen Logik und in weiterer Folge ihre Gleichstellung mit der formalen Mathematik nicht zu gebührender Geltung. Man sah richtig, daß die in der traditionellen Syllogistik abgehandelte 158 Die psychobgistischen