SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

German

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Und derselbe grosse Denker hat auch bereits bemerkt, dass Urtheile, welche das eine Mal im eigentlichen Sinne erschlossen, das andere Mal nur erfahrungsmässig oder (wie wir, um Missverständnisse zu vertiieiden, uns vielleicht besser ausdrücken werden) vermöge der Gewohnheit, unvermittelt gefällt werden. Gewohnheit ist es, die ihre Kraft zeigt, wenn gewisse, häufig angewandte, aber nichts weniger als selbstverständliche Principieiji uns unmittelbar einleuchtend scheinen, indem sie sich mit einer fast unabweisbaren Macht uns aufdrängen; und wiederum ist es vielleicht Gewohnheit und nichts Anderes, wenn Thiere in ähnlichen Fällen Aehnliches erwarten. Was aber hier eine erworbene, könnte anderwärts eine angeborene Disposition zu unmittelbaren Urtheilen bewirken ^), und wir hätten auch dann Unrecht, von unbewussten Schlüssen, d. h. von Schlüssen, deren Prämissen unbewusst geblieben sind, zu sprechen.

Wenn man fragt, inwieweit die verschiedenen hieher gehörigen Beweisversuche für die Existenz unbewusster psychischer Phänomene dieser dritten Bedingung genug gethan haben, so nehme ich keinen Anstand zu sagen, dass kein einziger ihr gebührend Rechnung trug, und will dies an den wichtigsten unter ihnen im Einzelnen nachweisen.

^) Ein so genanntes „instinctives** Urtheilen.

144 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

V' Hamilton^) und mit ihm viele Andere haben die Annahme unbewusster Vorstellungen daraus gefolgert, dass bei der Erneuerung eines früheren Gedankenzuges in der Erinnerung zuweilen ekie ganze Reihe von Mittelgliedern übersprungen erscheint. Diese Thatsache wäre ohne Zweifel mit den Gesetzen der Association in Einklang gebracht, wenn man annähme, dass die betreffenden Zwischenglieder auch hier vermittelt hätten, aber nicht in's Bewusstsein getreten wären. Allein weder Hamilton noch Andere haben gezeigt oder auch nur zu zeigen versucht, dass dies die einzig mögliche Erklärungsweise sei. In Wahrheit ist dies keineswegs der Fall. J. St. Mill, wo er Hamilton kritisirt^), konnte leicht zwei andere angeben; und da, wo wir von der Association der Ideen handeln, werden wir sehen, dass die Zahl dieser möglichen Hypothesen, von denen bald die eine, bald die andere eine ganz überwiegende Wahrscheinlichkeit besitzt, sich noch bedeutend vermehren lässt.

Lange ^) bemerkt hinsichtlich der Erscheinungen des blinden Fleckes, von welchen auch wir später zu sprechen haben werden, das Auge schliesse auf die Farbe, die ihn scheinbar ausfülle, und mache bei längeren, in geeigneter Weise fortgesetzten Experimenten die Entdeckung, dass es sich getäuscht habe. Da hätten wir also wieder ein unbewusstes Denken; denn wir sind uns des vermittelnden Schlussverfahrens in keiner Weise bewusst^). Ich lasse es *) Examination of Sir W. Hamilton^s Philos. eh. 15 und James Mill, Anal, of the Phenom. of the Human IVlind, 2. edit. note 34. L ») Ge8ch. d. Material. 1. Ausg. S. 494 ff.* Vgl. auch E. H. Weber, Ueber den Raumsinn und die Empfindungskreise in der Haut und im Auge (Ber. d. K. Sachs. Ges. d. Wissensch. 1852, p. 158).

*) Es ist nicht ganz klar, ob Lange wirklich einen vermittelnden Vorgang, ähnlich dem bewussten Schliessen, anerkennen will. S. 494 sagt er: „Das Auge macht gleichsam einen Wahrscheinlichkeitsschluss, einen Schlnss aus der Erfahrung, eine unvollständige Induction.'* Und S. 495: „Das Auge kommt gleichsam zu dem Bewusstsein, dass an dieser Stelle nichts zu sehen ist, und corrigirt seinen Capitel 2. Vom iuneren Bewusstaein. 145 dahingestellt, ob die von Lange gegebene Erklärung auch nur der Bedingung entspricht, dass sie selber nach jeder Seite hin möglich erscheint, obwohl Manches ist, was hier zum Zweifel berechtigt. Jedenfalls aber hat Lange es unterlassen, die Möglichkeit jeder anderen Hypothese auszuschliessen. Hätte er auf die Gesetze der Association geachtet, so würde er gefunden haben, was wir an einem späteren Orte finden werden, dass diese Gesetze das Auftreten wie das Verschwinden der Erscheinung, und das eine ohne unbewussten Fehlschluss,, das andere ohne unbewusste Berichtigung, mit Leichtigkeit begreifen lassen.

Des gleichen Versäumnisses habeü sich Helmholtz^), Zöllner ^) und ausnahmslos auch die übrigen, wie auch immer tüchtigen Forscher schuldig gemacht, welche die Raumvorstellungen, die wir in Folge früherer Erfahrungen mit den gesehenen Farben verbinden, und eine Reihe anderer optischer Erscheinungen auf unbewusste Schlüsse zurückführten. Sie trugen niemals den Mitteln Rechnung, welche die Psychologie auch heute schon bietet, um ohne solche unbewusste Zwischenglieder den Thatsachen gerecht zu werden. Es wäre unzweckmässig, auf diese Mittel schon hier näher einzugehen; erst spätere Erörterungen werden uns damit bekannt machen. Für jetzt genügt es hervorgehoben zu haben, dass die angeblichen Folgerungen aus unbewussten Schlüssen so lange keinen Beweis für das Dasein unbewusster psychischer Thätigkeit liefern können, als der Nachweis der Unmöglichkeit oder überwiegenden Unwahrscheinlichkeit jeder anderen Auffassung nicht gefuhrt wird, und dass dieser Bedingung bis jetzt von Niemand entsprochen wurde. Es gilt dies bei den vorerwähnten optischen Erscheinungen; es gilt ebenso da, wo man den in zartem Alter schon vorhandenen Glauben an die Existenz der Aussenwelt einer unbewussten Induction ursprünglichen Trugschluss.'* Doch spricht er ebendaselbst davon als von einem Vorgange im rein sinnlichen Gebiet, welcher „mit den Verstandesschiüssen wesensverwandt" sei.

2) Ueber die Natur der Cometen, S. 378 ff.

Brentano, Psychologie. I. 10 &■ X46 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

zuschrieb^), und wiederum da, wo man jede Wiederkehr eines Gedankens im Gedächtnisse als Folge unbewusster Processe begreifen wollte, eben so langwierig und eben so verwickelt wie die, welche wir zuweilen durchlaufen, wenn wir uns besinnen und, von einem zum anderen Gedanken fortschreitend, einem früheren Erlebnisse nachspüren. Hartmann ''^) hat dies gethan und auch Maudsley ^) scheint der Ansicht. Nur der Umstand, dass dieser jeden in uns auftauchenden Gedanken, der nicht die Folge eines absichtlichen und angestrengten Suchens ist, ohne Weiteres als ein Product unbewusster Seelenthätigkeit fasst, lässt ihn zu dem schon erwähnten Schlüsse gelangen, „dass -der wichtigste Theil der Seelenthätigkeit, der wesentliche Process, von dem das Denken abhängt, in einer unbewussten Thätigkeit der Seele besteht*)."

Lewes, Maudsley und Ulrici machen zu Gunsten unbewusster Seelenerscheinungen noch eine andere Gruppe von Thatsachen geltend; Ulrici freilich nur, indem er, wie gesagt, einen anderen Begriff mit dem Unbewussten verbindet, Lewes und Maudsley dagegen in eben dem Sinne, in welchem wir davon reden. Und in der That könnte man geneigt sein, um ihretwillen solche Thätigkeiten anzunehmen. Wir haben bei der Untersuchung über die Methode bereits von diesen Erscheinungen gesprochen, wollen aber hier nochmals darauf zurückkommen.

Es geschieht häufig, dass wir, mit irgendwelchem Gedanken beschäftigt, auf unsere Umgebung nicht Acht haben. Sie scheint in solchem Falle keine Empfindung in uns zu erwecken, und dennoch zeigen die Folgen, dass wir wirklich Empfindungen gehabt haben. „Jeder, der sorgfältig auf seine Träume Acht gibt'*, sagt Maudsley, „wird finden, dass viele von den scheinbar unbekannten Dingen, mit denen seine Seele im Traume beschäftigt ist, und welche ihm als neue, 5) Physiol. u. Pathol. d. Seele, S. IG ff.

Capitol 2. Vom inneren Bewusstsein. 147 uubekannte Vorstellungen erecheinen, sich auf solche unbewusste Assimilationen während des Tages zurückführen lassen. Hieher gehören Geschichten wie die wohlbekannte, welche Coleridge von einem Dienstmädchen erzählt, das im Fieberdelirium lange Stellen in hebräischer Sprache recitirte, die es nicht verstand und in gesunden Tagen nicht wiederholen konnte, die es aber, als es bei einem Geistlichen wohnte, diesen laut vortragen gehört hatte. D4s wunderbare Gedächtniss von gewissen Idioten, welche trotz sehr geringer Intelligenz die längsten Geschichten mit der grössten Genauigkeit wiederholten, liefert auch einen Beweis für solche unbewusste Seelenthätigkeit, und die Art und Weise, in welcher Erregung durch einen grossen Kummer oder andere Ursachen, wie z. B. das letzte Aufflackern des erlöschenden Lebens, oft bei Idioten Kundgebungen von einem Seelenleben hervorrufen, dessen sie immer unfähig schienen, machen es sicher, dass Vieles von ihnen unbewusst assimilirt wurde. • was sie gar nicht äussern konnten, was aber Spuren in der Seele zurückgelassen hatte ^)."

Ulrici gibt einige andere merkwürdige Beispiele verwandter Erscheinungen. „Oft genug", sagt er, „begegnet es uns, dass Jemand mit uns spricht, wir aber zerstreut sind und daher im Augenblick nicht wissen, was er sagt; einen Augenblick später indess sammeln wir uns, und nun kommt uns zum Bewusstsein, was wir gehört haben. Wir gehen durch eine Strasse, ohne auf die Aushängeschilder, die wir sehen, auf die Namen und Ankündigungen derselben zu achten; wir vermögen unmittelbar nachher keinen dieser Namen anzugeben; und doch erinnern wir uns, vielleicht einige Tage später, wenn uns einer derselben anderweitig begegnet, dass wir ihn auf einem Aushängeschild gelesen haben. Wiederum also müssen wir die Gesichtsempfindung gehabt haben so vollständig wie jede andere, deren wir uns unmittelbar bewusst werden; soi>st könnten wir uns ihrer offenbar nicht erinnern. Ebenso erinnern wir uns oft mehrere Tage später, ^) Ebend. S. H.

148 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

beim Schreiben oder Sprechen^ einen Fehler gemacht zu haben, dessen wir uns während des Schreibens selbst nicht bewusst wurden. Auch hier muss ich das falsch geschriebene Wort gesehen, die Gesichtsempfindung vollständig gehabt haben; aber weil ich während des Schreibens nur auf die niederzuschreibenden Gedanken und die Verknüpfung der sie ausdrückenden Worte geachtet hatte, so bemerkte ich den Schreibfehler, d. h. die falschen Schriftzeichen, nicht. Gleichwohl war die Sinnesempfindung zum Momente meiner Seele geworden, und als ich daher hinterdrein nicht mehr auf die niederzuschreibe*nden Gedanken, sondern auf die wirklich niedergeschriebenen Worte reflectirte, kam mir die gehabte Sinnesänderung des falschgeschriebenen Wortes zuni Bewusstsein ^)."

Es ist leicht zu erkennen, dass diese und ähnliche Argumente unkräftig sind, wenn man eine in unserem Sinne unbewusste Seelenthätigkeit dadurch begründen will. Die Annahme unbewusster psychischer Phänomene ist nicht die einzige Hypothese, aus welcher sich die Erscheinungen erklären lassen. Für das erste und dritte Beispiel, die ich Ulrici entnommen, genügt die Annahme, dass etwas mit Bewusstsein empfunden und später in dem Gedächtniss erneuert wurde, und dass bei diesem zweiten Auftreten gewisse Associationen und andere Seelenthätigkeiten an die Erscheinung sich knüpften, die das erste Mal in Folge besonderer hindernder Umstände unterblieben waren. In dem einen Beispiele war mit den gehörten Worten nicht ihre Bedeutung verbunden worden, in einem anderen hatte man das unrichtig geschriebene Wort gesehen, aber keine Reflexion über seine Uebereinstimmung mit den Regeln der Orthographie daran geknüpft 2). Der Fall mit den Aushängeschildern ist noch einfacherer Art Er beruht einzig darauf, dass nicht ^) Gott und der Mensch, I. S. 286.

*) Es ist etwas Anderes „den Schreibfehler'*, und etwas Anderes „die falschen Schriftzeichen'* nicht bemerken. Ulrici hat mit Unrecht beides identificirt.

I Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 149 bloss die Aufnahme eines Eindruckes ini Gedächtnisse, sondern auch seine wirkliche Erneuerung an gewisse Bedingungen geknüpft ist, welche das eine Mal 'fehlen, das andere Mal aber vorhanden sind. Die spätere ähnliche Erscheinung rief die frühere nach einem bekannten Gesetze der Ideenassociation hervor, welches sich, so lange die Vorbedingung fehlte, natürlich nicht.wirksam erwiesen hatte.

Etwas ganz Aehnliches gilt hinsichtlich des ersten von Maudsley erbrachten Beispiels. Dem Dienstmädchen, von dem er erzählt, kamen Worte, ^ deren es sich zu einer Zeit nicht erinnern konnte, zu einer anderen von selbst in's Gedächtniss zurück, offenbar unter Umständen, welche Vorbedingungen der Association enthielten, die im ersten Falle gefehlt hatten; Umständen, die unserer Analyse nicht unterworfen sein mögen, von denen wir aber annehmen müssen, dass sie der betreffenden Association so günstig waren, dass sie den Nachtheil einer verhältnissmässig schwachen Vorbereitung aufwogen. Dass das Dienstmädchen gehört habe, ohne sich seines Hörens bewusst zu sein, folgt sicher nicht daraus, dass es den Sinn der gehörten Worte nicht verstand. In derselben Weise zeigt es sich, dass die Erscheinungen von starkem Gedächtnisse, welche bei Idioten, sei es während sei es nach ihrem geisteskranken Zustande, hervortreten, keinen Schluss auf unbewusste Seelenerscheinungen gestatten ^).

*) Was Maudsley ebend. S. 19 f. über den unbewussten Einfluss von inneren Stimulis sagt, d. h. über die unbewusste Seelenthätigkeit in Folge der Einwirkung innerer Organe, z. B. der Sexualorgane, auf das Gehirn, erledigt sich in analoger Weise, wie die im Texte angeführten, auf einen unbewussten Einfluss äusserer Stimuli abzielenden Bemerkungen. Die Einwirkungen rufen bewusste Empfindungen hervor, an welche sich in dem speciell erwähnten FaUe lebhafte Affecte knüpfen, die dann das ganze psychische Leben mächtig beeinflussen.

Lewes führt die nicht gerade seltenen Fälle an, in welchen einer während der Predigt einschläft und bei ihrer plötzlichen Beendigung erwacht; was beweise, dass er die Schallempfindungen gehabt habe, aber unbewusst, denn sonst hätte er wissen müssen, was gesprochen worden. Durch unsere Antwort auf die von Ulrici und Maudsley erbrachten Beispiele sind auch diese Fälle erledigt. Dass die Empfin- 150 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Auch von Gefühlen der Zuneigung und Liebe sagt man Avohl manchmal, dass man, nachdem man sie lange schon gehegt, sich ihrer plötzlich bewusst werde ^). Die Wahrheit ist, dass man sich jedes einzelnen Actes bew\jsst war, als man ihn übte, dass man aber nicht in einer Weise darüber reflectirte, welche die Gleichartigkeit der Seelenerscheinung mit denjenigen, welche man gemeinsam mit diesem Namen zu bezeichnen pflegt, erkennen liess.

Man sagt auch oft, es wisse einer selbst nicht was er wolle; denn nachdem er lange nach etwas verlangt, sei er verdriesslich wenn es ihm zu Theil werde *). Man übersieht aber, dass diese Erscheinung sich leicht daraus erklärt, dass dem Verlangen nur die Licht-, nicht auch die Schattenseite des verlangten ^Gegenstandes vorgeschwebt hatte, so dass die Wirklichkeit der Erwartung nicht entsprach, oder daraus, dass dieselbe Veränderungslust das Ferne herbeiwünschen und das Gegenwärtige von sich stossen lässt, und dass so auch noch andere Hypothesen der Thatsache genügen können.

Häufig haben blosse Vorstellungen oder Gefühle, die von keinem bewussten Willen begleitet sind, körperliche Bewegungen zur Folge. Man glaubte daraus auf ein unbewusstes düng vorhanden war, ist erwiesen; dass sie unbewusst vorhanden war, ist nicht erwiesen. — Lewes erzählt auch, wie er einmal in einer Restauration einen Kellner mitten im Lärm eingeschlafen gefunden und ihn vergebens beim Namen und Vornamen gerufen habe. Sobalfl er jedoch das Wort „Kellner** ausgesprochen, sei derselbe erwacht! Darauf, dass der Kellner auch das frühere Rufen gehört habe, lässt sich mit Recht schliessen, nicht aber darauf, dass es unbewusst geblieben sei. Der Grund, wesshalb der eine Ruf weckte, während die anderen es nicht thaten, war, dass sich an ihn durch die Gewohnheit sehr stark begründete Associationen und zwar nicht bloss von Vorstellungen, sondern auch von Gefühlen, knüpften, die trotz der Hindernisse, welche im Zustande des Schlafes gegeben waren, zu einer mächtigen £rregung der Seelenthätigkeiten führten. Dem gleichen Umstände ist es zuzuschreiben, wenn Admiral Codrington als Seedienst - Aspirant nur durch das Wort „Signal'* aus tiefem Schlafe erweckt werden konnte. (Lewes, Physiol. of com. life, tom II.)

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein, 151 Wollen schliessen zu dürfen, welches auf dieselben gerichtet sei; denn das Wollen sei es, welches nach Aussen wirke ^). Es ist aber nicht im Geringsteh unwahrscheinlich, dass auch an andere Phänomene eine solche Wirkung sich knüpft 2). Es würde ermüdend sein*, wollte ich noch weitere Beispiele häufen. Nur eine Bemerkung sei darum beigefügt. Selbst wenn man in gewissen Fällen zugestehen müsste, dass wir ohne die Annahme der Einwirkung unbewusster psychischer Phänomene unfähig seien eine Erscheinung zu begreifen: würde der Beweis keine Kraft haben, so lange diese Unfähigkeit aus der Mangelhaftigkeit unserer Kenntniss des betrejQfenden Gebietes sich unschwer erklären lässt. Es ist ein allzukühnes Wort, wenn Hartmann behauptet ^), die Vermittelung zwischen dem Willen und der dem Willen gehorchenden Bewegung könne unmöglich eine mechanische sein; sie setze also unbewusste geistige Zwischenglieder, insbesondere die unbewusste VorsteUung der Lage der entsprechenden motorischen Nervenendigungen im Gehirne voraus. Kein besonnener Physiologe wird ihm hier Zeugniss geben. Einen Theil der Vermittelung können wir als mechanisch nachweisen, und erst da endet die Möglichkeit des Nachweises, wo das bis jetzt so wenig zugängjiche Gebiet der Gehirnphysiologie beginnt. Auch die Psychologie selbst ist, wie wir schon wiederholt bekennen mussten, noch in einem sehr zurückgebliebenen Zustande; und es ist darum recht wohl denkbar^ dass, was man als Folge unbewusster Thätigkeit betrachten zu müssen glaubt, bei vollkommenerer Erkenntniss der psychischen Gesetze auf die bewussten Phänomene allein als genügende Ursache zurückgeführt werden könne.

§. 5. Der zweite Weg, auf welchem sich, wie wir sagten^ ein Nachweis unbewusster psychischer Acte versuchen liess, *) Hartmann*s Gründe für das Gegentheil (a. a. 0. S. 93) sind eip Muster von willkürlicher aprioristischer Speculation, in grellem Gegensatze zu den im Eingange gemachten Verheissungen naturwissenschaftlicher Methode.

152 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

war der Schluss von der Ursache auf die Wirkung. Wepn eine gegebene Thatsache eine Seelenerscheinung nothwendig als Wirkung nach sich zieht, so ist man, wenn dennoch keine im Bewusstsein auftritt, zur Annahme eines unbewussten Phänomens berechtigt.

Auch hier gibt es aber gewisse Bedingungen, die nicht ausser Acht gelassen werden dürfen. Einmal muss feststehen, dass das zu erwartende psychische Phänomen nicht im Bewusstsein aufgetreten und dann sofort vergessen worden ist. Ferner muss nachgewiesen sein, dass in dem betreffenden Falle eine den anderen Fällen völlig gleiche Ursache vorlag. Und endlich ist, obwohl eigentlich in dem vorigen Punl^te mitenthalten, insbesondere noch die Fordenmg des Nachweises geltend zu machen, dass die Ursachen, welche hier das begleitende Bewusstsein verhinderten, und welche offenbar in /den anderen Fällen nicht vorhanden waren, nicht auch dem psychischen Phänomene, dessen Existenz erschlossen werden soll, entgegenwirkten, und dass überhaupt für dieses keine besonderen Hindemisse bestanden.

Legen wir diesen Maassstab an die wenigen hiehergehörigen Beweisversuche, so ergibt sich, dass auch von ihnen nicht ein einziger gelungen ist. Wir wollen auch dies im Einzelnen zeigen.

Wenn die Meeres woge an das Ufer schlägt, so hören wir das Getöse ihrer Brandung, und sind uns des Hörens bewusst. Wenn aber nur ein Tropfen bewegt wird, glauben wir kein Geräusch zu hören. Und dennoch, sagt man, müssen wir annehmen, dass wir auch in diesem Fall eine Schallempfindung haben; denn die Bewegung der Woge ist eine gleichzeitige Bewegung ihrer einzelnen Tropfen, und nur aus den Schallempfindungen, welche die Tropfen hervorbringen, kann sich die Empfindung der rauschenden Woge zusammensetzen. Wir hören also, aber wir hören unbewusst^).

^) Dieses Argument geht bis auf Leibnitz zurück; ja, wenn man wiU, so kann man sagen, dass schon Zeno der Eleate daran gerührt habe, nur benützte dieser die Schwierigkeit in anderem Sinne. (Simplicius zu Arist. Phys. VII. 5.)

'V Capitel 2. Vota inaereu Bewusstsein. ' 153 I Der Fehler dieses Arguments ist handgreiflich. Es verstösst gegen die zweite der von uns aufgestellten Bedingungen. Eine Summe von Kräften unterscheidet sich in ihrer Wirkung nicht bloss quantitativ, sondern sehr oft auch qualitativ von den einzelnen Summanden. Eine geringere Abkühlung als Null Grad verwandelt das Wasser nicht theilweise oder in einem geringeren Maasse in Eis; eine geringere Erwärmung als achtzig Grad führt nicht zu einem bloss quantitativ verschiedenen Gaszustande. So nmss auch, wenn der grössere physische Reiz eine Schallempfindung erzeugt, der kleinere nicht nothwendig die Erscheinung eines Geräusches zur Folge haben, das nur seiner Intensität nach geringer ist.

Aehnlich ist der folgende Beweisversuch. „Wir vermögen", sagt Ulrici, „sehr kleine Objecte, deren Grösse noch nicht den zwanzigsten Theil einer Linie beträgt, nicht wahrzunehmen...Gleichwohl muss auch von solchen Objecten nothwendig eine Reizung des Nervus opticus und somit ein Sinneseindruck ausgehen. Denn auch grössere Gegenstände werden ja nur dadurch sichtbar, dass jeder kleinste (für sich allein unsichtbare) Punkt einer leuchtenden, gefärbten Fläche einen Lichtstrahl in das Auge sendet, und dieser den über die Retina ausgebreiteten Nerven afficirt, — dass also die stärkere, merkbare, zum Bewusstsein kommende Gesichtsempfindung sich gleichsam zusammensetzt aus einer Menge schwacher, unmerklicher Sinneseindrücke ^)." So gefasst, ist der Schluss auf unbewusste Empfindungen aus dem oben besprochenen Grunde ungültig. Man könnte ihm aber eine etwas andere Wendung geben. Man könnte sagen, die Intensität des Reizes ist häufig in solchen Fällen nachweisbar gross genug, um eine Empfindung zu erzeugen. Denn im Mikroskope betrachtet werde oft das Unsichtbare sichtbar, und doch werde der Lichtreiz beim Durchgange durch die brechende Linse nicht verstärkt, im Gegentheile geschwächt, und auch durch die Vertheilung des Reizes auf eine grössere Fläche müsse die Reizung jeder einzelnen Stelle vermindert .f \tk ■ 154 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

f-jf-i if / werden. So sei es denn sicher, dass ohne Peihalfe des Instruments ebenfalls eine Farbenerscheinung, ja eine lebhaftere und nur etwa minder ausgedehnte Farbenerscheinung,, empfunden werden müsse, die aber nicht zum Bewusstsein komme.

Allein auch in dieser Gestalt kann das Argument nicht der zweiten Bedingung entsprechend genannt werden. Durch das Mikroskop ist die einwirkende Ursache, wenn nicht in ihrer Intensität verstärkt, doch jedenfalls irgendwie geändert. Es liegen also nicht wahrhaft gleiche Ursachen vor. Wir haben kein Recht zu sagen, dass, weil in dencir einen Falle die Intensität der Reizung nicht geringer war als in dem anderen, ebenfalls eine Empfindung eingetreten sein müsse; denn eben so gut lässt sich denken, dass durch die Reizung der Retina in einer grösseren Ausdehnung eine nothwendige und zuvor nicht vorhandene Vorbedingung der Empfindung realisirt worden sei. Vielleicht wird der Mangel der Beweiskraft noch deutlicher, wenn man insbesondere die dritte Bedingung in Betracht zieht. Vi'^as soll der Grund sein, warum die angeblich nur dem Räume nach beschränktere, aber nicht minder starke, ja stärkere Empfindung nicht zum Bewusstsein kommen konnte? — Wir wissen keinen anzugeben, und es scheint vielleicht weniger begreiflich, wie die beschränkte Reizung der Netzhaut das Entstehen des Bewusstseins unter Voraussetzung der Empfindung, als wie sie die Empfindung selbst verhindert haben sollte.

Von grösserem Gewichte scheint die folgende Thatsache. Helmholtz ^) berichtet, dass er nicht selten an den sogenannten Nachbildern Einzelheiten bemerkte, die er beim Sehen des Gegenstandes nicht wahrgenommen hatte. Auch mir ist oft dasselbe begegnet, und ein Jeder kann leicht die Thatsache durch eigene Erfahrung bestätigen. Hier war der Reiz offenbar sehr intensiv, sonst hätte er kein Nachbild erzeugt; und ebenso kann man nicht sagen, die Netzhaut sei nicht in genügender Ausdehnung gereizt worden, denn auch dann hätte Capitel 2. Vom inneren Bewussteein. 155 derselbe Umstand die Erscheinung im Nachbilde verhindert. Es scheint also sicher, dass eine Empfindung des betreffenden besonderen Zuges eintreten musste. Wenn er nun nichtsdestoweniger unbemerkt blieb, so scheint nur die Annahme übrig zu bleiben, dass er unbewusst von uns vorgestellt worden sei.

Dennoch fehlt viel daran, dass diese Beweisführung gesichert wäre. Nicht einmal der ersten der drei von uns verzeichneten Bedingungen wird genügt; denn wer bürgt dafür, dass das betreffende Phänomen nicht wirklich von Bewusstsein begleitet war und nur sofort vergessen worden ist? Was wir später von dem Einflüsse der Aufmerksamkeit auf die Begründung der Association hören werden, wird dies als vollkommen denkbar zeigen. Aber auch die zweite und dritte Bedingung sind nicht erfüllt. Der äussere Reiz allerdings war an und für sich stark und ausgedehnt genug, um eine Empfindung hervorzurufen. Aber waren auch die nöthigen psychischen Vorbedingungen gegeben? — Warum ist denn, die Thatsache als sicher vorausgesetzt, keine bewusste Empfindung entstanden? Man antwortet: weil die Aufmerksamkeit auf etwas Anderes völlig concentrirt war. Aber kann diese gänzUche Absorption durch andere Gegenstände nicht eben so gut die Empfindung selbst als das blosse Bewusstwerden der Empfindung verhindert haben? Ulrici entgegnet hierauf: Das Nachbild, weil es nur „Nachbild eines bestimmten Urbildes ist, kohnte unmöglich mehr oder Anderes enthalten, als was bereits im Urbilde, d. h. in der ursprünglichen Sinnesempfindung, enthalten war. Die Einzelheiten, die wir am Nachbilde bemerken, müssen mithin nothwendig auch im Urbilde vorhanden gewesen sein in derselben, ja in grösserer Stärke und DeutUchkeit als am Nachbilde O'*' Allein wer sähe nicht, dass er sich hier auf einen Strohhalm stützt? Sein ganzer Halt ist der Namen „Nachbild", der aber hier durchaus nicht eine Nachbildung in dem Sinne einer im HinbUcke auf ein Vorbild ausgeführten Copie 156 Buch II. Von den paychischen Phänomenen im Allgemeinen.

bedeuten solH), sondern wahrscheinlich in Rücksicht auf die zeitliche Succession gewählt wurde. Das Nachbild erscheint merklich später als der Lichtstrahl die Netzhaut afficirte. Thatsache ist es, dass nicht die frühere Empfindung, sondern der Fortbestand des früheren physischen Reizes oder ein anderer physischer Process, der auf ihn folgt*), als Ursache des sogenannten Nachbildes zu betrachten ist. Nehmen wir nun an, der anfängliche physische Reiz habe wegen eines psychischen Hindernisses nicht zur Empfindung geführt, so wird er darum vielleicht doch riicht weniger lang fortbestanden und nicht minder starke physische Folgen gehabt haben. Somit ist es keineswegs eine Unmöglichkeit, dass Nachbilder oder Theile von Nachbildern von uns empfunden werden, ohne dass eine dem eindringenden Strahl gleichzeitige Empfindung derselben vorangegangen ist.

§. 6. Wir kommen zur dritten Classe möglicher Beweisversuche. Auch dann, sagten wir, werde man die Existenz unbewusster psychischer Acte als gesichert betrachten dürfen, wenn es sich zeige, dass bei den bewussten psychischen ' Acten die Stärke des darauf bezüglichen Bewusstseins eine Function ihrer eigenen Stärke sei, und dass aus diesem Verhältnisse hervorgehe, wie in gewissen Fällen, in welchen die letztere eine positive Grösse ist, die erstere jedes positiven Werthes entbehren müsse.

Dass die Stärke des Bewusstseins vom psychischen Phänomene eine derartige Function seiner Stärke sei, ist ein Gedanken, dem wir z. B. bei Beneke^) begegnen. Mit einem gewissen Höhegrade der Intensität einer Vorstellung stellt sich darum nach ihm das Bewusstsein ein und wächst und vermindert sich in Abhängigkeit von ihm. Allein dass er ^) In dem Falle, in welchem nach dem Blicke auf eine rothe Fläche ein grüner Schein auftritt, dürfte diese Copie nicht sehr getreu genannt werden.

^) Hierin sind alle Physiologen einig, obwohl sonst noch manche Meinungsverschiedenheit hier besteht.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. I57 oder ein Anderer einen einigermassen genügenden Beweis für das Bestehen eines entsprechenden Abhängigkeitsverhältnisses zwischen der einen und anderen Intensität erbracht habe, wird Niemand behaupten^). Auch sollte man meinen, dass die Ungenauigkeit unserer psychischen Maassbestimmungen, von welcher wir in der Untersuchung über die Methode gesprochen 2), der exacten Bestimmung eines solchen functionellen Verhältnisses untibersteigliche Hindernisse in den Weg lege. Die grosse Mehrzahl der Menschen aber wird geneigt sein, die Stärke der bewussten Vorstellungen und die Stärke der Vorstellungen, die sich auf sie beziehen, einfach einander gleichzusetzen.

Doch ein besonderer Umstand scheint in diesem Falle wirklich einen genauen und sicheren Nachweis des Intensitätsverhältnisses zu gestatten.

Die Intensität des VorsteUens ist immer gleich der Intensität, mit welcher das Vorgestellte erscheint; d. h. sie ist gleich der Intensität der Erscheinung, welche den Inhalt des VorsteUens bildet. Dies darf als selbstverständlich gelten und wird darum fast ausnahmslos von den Psychologen und Physiologen entweder ausdrücklich behauptet oder stillschweigend vorausgesetzt. So fanden wir oben % dass E. H. Weber und Fechner voraussetzten, die Intensität des Empfindens sei gleich der Intensität, mit welcher das physische Phänomen in der Empfindung auftrete, und nur unter dieser Bedingung war das von ihnen begründete Gesetz ein psychophysisches.

^) Um ein etwaiges Missverständniss auszuschliessen, mache ich hier nochmals darauf aufmerksam, dass, was Fechner eine unbewusste Vorstellung nennt, nichts Anderes als die mehr oder minder ungenügende Disposition zu einer Vorstellung ist, die an einen gewissen physischen Process sich knüpft, insofern dieser bei grösserer Stärke von einer Vorstellung im eigentlichen Sinne begleitet sein würde. Die Schwelle, unter welche Fechner das Bewusstsein der Empfindung zu negativen Werthen hinabsinken Jässt, ist zugleich die Schwelle der Empfindung selbst als eines wirklichen psychischen Actes.

2) Vgl. oben I. Buch, Capitel 4, S. 85 ff.