158 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Ist nun dieses richtig, ist die Intensität des Vorstellens allgemein gleich der Intensität der Erscheinung, welche seinen Inhalt bildet: so ist klar, dass auch die Intensität des Vorstellens von einem Vorstellen gleich sein muss der Intensität, mit welcher dieses Vorstellen erscheint. Es fragt sich also nur, wie die Intensität, welche die eigenen bewussten Vorstellungen in der Erscheinung haben, sich zu ihrer wirklichen Intensität verhalte.
Doch in dieser Hinsicht kann kein Zweifel bestehen. Beide müssen einander gleich sein, wenn anders die innere Wahrnehmung untrüglich ist. Wie ihr statt des Hörens kein Sehen, so kann ihr auch statt eines schwachen kein starkes, und statt eines starken kein schwaches Hören erscheinen. So kommen wir denn zu dem Schlüsse, dass bei jeder bewussten Vorstellung die Stärke der auf sie bezüghchen Vorstellung ihrer eigenen Stärke gleich ist.
Hiemit ist nun in der That ein mathematisches Verhältniss zwischen der einen und anderen Intensität gefunden, und zwar das einfache Verhältniss völüger Gleichheit. Aber wenn dieses einfachste aller denkbaren functionellen Verhältnisse es ist, welches eine Veränderung der Intensität der begleitenden Vorstellung als nothwendige Folge jeder Zuund Abnahme der Intensität des begleiteten psychischen Phänomens erkennen lässt: so ist dies so weit entfernt, einen Beweis für die Existenz unbewusster psychischer Acte zu liefern, dass wir vielmehr das Gegentheil daraus werden folgern müssen. Es gibt keinen unbewussten psychischen Act; denn wo immer er in einer grösseren oder geringeren Stärke" besteht, wird die gleiche Stärke einer mit ihm gegebenen Vorstellung zukommen, deren Object er ist. Dies scheint denn auch die Ansicht der grossen Mehrzahl, und selbst unter denjenigen Psychologen, welche den Worten nach das Gegentheil lehren, sind einige, deren Widerspruch sich löst und in volle Zustimmung übergeht, sobald man nur ihre Aussprüche in unsere Sprachweise übersetzt.
Aber noch ein vierter Weg bleibt zu berücksichtigen, auf welchem Manche hicht bloss die Falschheit, sondern so- ■^ Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 159 gar die Absurdidät der Annahme, dass jede Seelenthäiigkeit eine bewusste sei, erweisbar glaubten. Blicken wir, ehe wir endgültig unsere Schlüsse ziehen, auch auf diese Art von Beweisversuchen.
§.7. Das Hören ist als Vorstellung eines Tones ein psychisches Phänomen und sicher eines der einfachsten Beispiele. Nichtsdestoweniger scheint es, wenn alle psychischen Phänomene bewusst sind, nicht ohne eine unendliche Verwickelung des Seelenzustandes möglich zu sein.
Vor Allem, wenn kein psychisches Phänomen ohne ein darauf bezügliches Bewusstsein möglich ist, so hat man mit der Vorstellung eines Tones zugleich eine Vorstellung von der Vorstellung des Tones. Man hat also zwei Vorstellungen, und zwar zwei Vorstellungen sehr verschiedener Art. Nennen wir die Vorstellung des Tones „Hören", so hat man ausser der Vorstellung des Tones eine Vorstellung des Hörens, die von diesem selbst so verschieden ist wie das Hören vom Tone.
Aber hiebei wird es nicht sein Bewenden hab^n. Denn wenn jedes psychische Phänomen, so muss auch die Vorstellung des Hörens ebenso wie die des Tones in bewusster Weise gegenwärtig, also auch von ihr eine Vorstellung vorhanden sein. Wir haben demnach in dem Hörenden drei Vorstellungen: die des Tones, die des Hörens und' die der Vorstellung des Hörens. Aber diese dritte Vorstellung kann nicht die letzte sein. Auch sie ist bewusst, also vorgestellt, und die auf sie bezügliche Vorstellung ist wiederum vorgestellt, kurzum die Reihe wird entweder unendlich sein oder mit einer unbewussten Vorstellung abschliessen. Wer also leugnet, dass es unbewusste psychische Phänomene gebe, der wird bei dem einfachsten Act des Hörens eine unendliche Menge von Seelenthätigkeiten anerkennen müssen.
Auch das scheint einleuchtend, dass der Ton nicht bloss im Hören, sondern auch in der gleichzeitigen Vorstellung des Hörens als vorgestellt enthalten sein muss. Und auch in der Vorstellung von der Vorstellung des Hörens wird er nochmals, also zum dritten Male, das Hören aber zum zweiten 160 Buch U. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Male vorgestellt werden. Ist dies richtig, so liegt darin ein neuer Grund zu unendlicher Verwickelung, insofern wir nicht eine unendliche Reihe von Phänomenen von gleicher Einfachheit, sondern eine unendliche Reihe von Phänomenen erhalten, in der die einzelne^ Glieder selbst mehr und mehr und in's Unendliche sich verwickeln.
Das scheint nun aber eine sehr missliche Annahme; ja die Annahme ist offenbar absurd i), und Niemand wird sich zu ihr bekennen wollen. Wie also soll es möglich sein, auf der Leugnung unbewusster psychischer Acte zu behaiTen?
Nur eine Annahme scheint, weim es kein unbewusstes Bewusstsein geben soll, der Folgerung einer unendlichen Verwickelung entgehen zu können; diejenige nämlich, welche Hören und Gehörtes für ein und dasselbe Phänomen erklärt, indem sie das Hören auf sich selbst als sein Object gerichtet denkt. Ton und Hören wären dann entweder nur zwei Nansen für ein und dasselbe Phänomen, oder der Unterschied ihrer Bedeutung bestände etwa darin, dass man mit dem Namen Ton die äussere Ursache bezeichnete, die man früher gemeiniglich dem Phänomene im Hörenden ähnlich dachte, und von der man darum sagte, dass sie im Hören erscheine, während sie in Wahrheit unserer Vorstellung sich entzieht.
Es gibt unter den englischen Psychologen mehrere, welche eine solche Ansicht vertreten. Im vorigen Capitel besprachen wir eine Stelle von A. Bain, worin dieser Philosoph die Gefühlsempfindung im Sinne des Empfindens und des Empfundenen völlig identificirt und für alle übrigen Gattungen von Sinneseindrücken dasselbe Verhältniss der Identität zwischen Act und Object des Actes andeutet. Auch bei J. St. MiU fehlt es nicht an Aeusserungen, welche die gleiche Anschauung >) In neuerer Zeit hat Herbart an diese Schwierigkeiten gerührt (Psychol. als Wissensch., Theil II. Abschn. 11. Cap. 5. §. 127; vergl. ebend. Theil I. Abschn. I. Cap. 2. §. 27). Im Alterthume hat Aristoteles sie hervorgehoben (De Anim. III. 2. princ), ohne sie jedoch für unüberwindlich zu halten.
Capitel 2, Vom inneren BewusstBein. 161 ZU verratheii scheinen ^). Aber weder richtig scheint mir diese Auffassung zu sein, noch würde sie, wenn sie richtig wäre, die Schwierigkeit in ihrem ganzen Umfange zu beseitigen vermögen. Sie ist nicht richtig, sage ich; denn mit unmittelbarer Evidenz zeigt uns die innere Wahrnehmung, dass das Hören einen von ihm selbst verschiedenen Inhalt hat, der im Gegensatze zu ihm an keiner der EigenthUmlichkeiten der psychischen Phänomene participirt. Unter dem Tone versteht darum auch Niemand ein ausser uns befindliches, anderes Hören, das durch die Einwirkung auf das Ohr unser Hören als sein Abbild hervorbrächte. Und auch nicht an eine unvorstellbare Kraft, die das Hören erzeugt, denkt man dabei, sonst würde man nicht von Tönen die in der Phantasie erscheinen sprechen. Vielmehr bezeichnet man mit dem Namen das, was als Erscheinung den immanenten, von unserem Hören verschiedenen Gegenstand unseres Hörens bildet, und je nachdem wir glauben oder nicht glauben, dass sie ausser uns eine ihr entsprechende Ursache habe, glauben wir, dass es auch in der Aussenwelt einen Ton gebe oder nicht.
Der Anlass zur Entstehung einer Meinung, die so deutlich der inneren Erfahrung und dem Urtheile jedes Unbefangenen widerspricht, scheint in Folgendem zu suchen. Die frühere Zeit glaubte bei dem bewussten Hören ni(5ht bloss ausser der Vorstellung vom Hören eine Vorstellung vom Tone, sondern auch ausser der unmittelbaren Erkenntniss der Existenz des Hörens, eine unmittelbare Erkenntniss der Existenz des Tones zu besitzen. Man glaubte den Ton mit derselben P>idenz wahrzunehmen, wie das Hören. Dieser Glauben ward als Irrthum erkannt, man sah ein, dass dem Hören niemals ein Ton als äusseres, durch das Gehör wahrnehmbares Object gegenüberstehe. Allein man hatte sich daran gewöhnt, das Hören als ein Erkennen und den Inhalt des Hörens als einen wirklichen Gegenstand zu denken, und so kam man nun dazu, da nichts als das Hören sich als real erwies, dieses als ') Sowohl in Beiner Schrift über die PhiloBophie von Hamilton als in seinen Noten zur Analysis von James Mill.
Brdntano, Psychologie. I. 11 \ 162 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Aligemeinen.
auf sich selbst gerichtet zu betrachten. Dies war ein Irrthum nach der entgegengesetzten Seite hin. Wenn beim Hören nichts Anderes als es selbst im eigentlichen Sinne wahrgenommen wird, so ist doch darum nicht weniger etwas Anderes als es selbst als vorgestellt in ihm vorhanden und bildet seinen Inhalt.
Aber noch mehr. Wenn diese Auffassung sogar richtig wäre, so ist doch leicht zu zeigen, dass sie auch dann nicht dazu dienen würde, die Schwierigkeit, um die es sich handelt, in ihrem ganzen Umfange zu heben. Angenommen es hätte das Hören nichts Anderes als sich selbst zum Inhalte, so könnte doch Niemand bezüglich anderer psychischer Acte, wie der Acte der Erinnerung und Erwartung, z. B. der Erinnerung eines früheren oder der Erwartung eines späteren Hörens, das Gleiche annehmen, ohne sich der handgreiflichsten Absurdität schuldig zu machen.
J. St. Mill selbst sagt darum an einer Stelle, wo er seine von uns verworfene Ansicht über die Empfindung auch zu erkennen gibt: „Eine Empfindung enthält nichts Anderes; aber eine Erinnerung an eine Empfindung enthält den Glauben, dass eine Empfindung oder Vorstellung, deren Abbild sie ist, wirklich in der Vergangenheit bestanden habe; und eine Erwartung enthält einen mehr oder minder festen Glauben, dass eine Empfindung oder ein anderes Phänomen, worauf sie sich bezieht, in der Zukunft bestehen werde ^)." Ist nun dieses richtig und unleugbar, so tritt derselbe Einwand, der in Betreff des Hörens durch die Identificirung des Hörens mit dem Gehörten zurückgewiesen war, bei der Erinnerung und Erwartung des Hörens in alter Kraft hervor. Wenn es keine unbewussten psychischen Phänomene gibt, so habe ich, wenn ich mich eines früheren Hörens erinnere, ausser der Vorstellung von dem Hören eine Vorstellung von der gegenwärtigen Erinnerung an das Hören, die nicht mit ihr identisch ist. Auch diese soll bewusst sein, und wie wäre dieses denkbar ohne die Annahme einer dritten Vorstellung, die zu ») Examin. of Sir W. Hamilton's Philos, chapt. 12.
Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 163 ihr in dem gleichen Verhältnisse, wie sie selbst zur Erinnerung stehen würde? Diese dritte verlangt aber dann 'ebenso eine vierte Vorstellung u. s. f. in's Unendliche. Der Annahme einer unendlichen Verwickelung der psychischen Zustände scheint man also, wenn jedes psychische Phänomen bewusst gedacht wird, in einer grossen Zahl sehr einfacher Fälle nicht entgehen zu. können. J. St. Mill erklärt nun zwar in seiner Schrift über Comte, indem er seiner Behauptung, der Verstand könne seine eigenen Acte nicht wahrnehmen, entgegentritt, dass der Geist mehr als einen Eindruck, ja sogar eine beträchtliche Anzahl von Eindrücken (nach Hamilton's Meinung nicht weniger als sechs) zugleich zu erfassen fähig sei; aber fiir eine Unendlichkeit von Vorstellungen wird jedenfalls seine Kraft nicht ausreichen, ja es wäre absurd, wenn einer sie ihm zuschreiben wollte. So scheint denn die Annahme unbewusster psychischer Phänomene unvermeidlich.
Indessen ist Eines, was von vorn herein 'vermuthen lässt, dass die Schwierigkeit nicht gan:^ unlösbar sein möge. Zu verschiedenen Zeiten sind grosse Denker darauf gestos^en; aber nur wenige haben um ihretwillen eine unbewusste Seelenthätigkeit anerkannt. Aristoteles, der zuerst darauf aufmerksam machte, hat es nicht gethan. Und wenn in neuerer Zeit Herbart das Dasein unbewusster Vorstellungen als nothwendig daraus folgerte ^), so that er es doch nur, nachdem ihm die Existenz unbewusster psychischer Phänomene schon aus anderen Gründen feststand. Zudem ist es von ihm bekannt, dass er allzuleicht einen bloss scheinbaren Widerspruch unlösbar findet. Der einzige Philosoph von Bedeutung, der, wie es scheint, auf einem wenigstens ähnlichen Wege zur Annahme unbewusster Seelenthätigkeiten *) „Unter den mehreren Vorsteilungsmassen, deren jede folgende die vorhergehende appercipirt, oder von denen wohl auch die dritte flieh die Verbindung oder den Widerstreit der ersten und zweiten zu ihrem Gegenstande nimmt, muss irgend eine die letzte sein; diese höchste appercipirende wird nun selbst nicht wieder appercipirt.** (Psychol. als Wissensch., Theil II. Abschn. II. Cap. 5.
164 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
geführt wurde, war meines Wissens Thomas von Aquin. Und seine Theorie ist von der Art, dass man nicht wohl glauben kann, er habe über diese Frage reiflich nachgedacht ^). Es scheint also doch ein Ausweg zu bleiben, mittels *) Von den fimpfindungen der sogenannten fünf Sinne haben wir nach Thomas ein Bewusstsein. Die Sinne selbst, meint er, können allerdings ihre Acte nicht wahrnehmen. Dies wäre eine Reflexion auf die eigenen Acte, eine Einwirkung der Organe, als deren Functionen Thomas die Empfindungen denkt, auf sich selbst; und eine solche hält er darum für unmöglich, weil nie etwas Körperliches auf sich selbst verändernd einwirke. Was die Acte der Susseren Sinne wahrnimmt, ist daher nach Thomas ein von ihnen verschiedenes, inneres Sinnesver^ mögen, der sensus communis. (Summ, theol. P. I, Q. 78, A. 4, ad 2.; ibid. Q. 87, A. 3, obj. 3 und ad 3.) Aber auch dieser innere Sinn ist wie das ihioo entsprechende Object körperlich. Auch er kann darum nicht selbst seine Thätigkeit wahrnehmen. Da nun Thomas nicht wieder einen neuen Sinn und ein neues Organ, durch welche wir die Thätigkeiten des inneren Sinnes wahrnehmen könnten, angenommen hat, so ergibt sich, dass nach seiner Lehre die Wahrnehmung der Empflndungsacte der äusseren Sinne niemals wahrgenommen wird, und dass wir demnach auf sinnlichem Gebiete alsbald auf eine unbewusste Seelenthätigkeit stossen. Gewiss wäre es ihm ein Leichtes gewesen, noch einen zweiten und dritten inneren Sinn dazu zu fügen.
Aber was hätte Ur damit gewonnen? Ohne die Annahme einer geradezu unendlichen Menge von Sinnen und Sinnesorganen, die offenbar ein endlicher Leib zu umfassen nicht fähig wäre, hätte er nach seinen Principien die Allgemeinheit des Bewusstseins für alle sinnlichen Acte dennoch nicht durchführen können.
Für das Bewusstsein vom Denken des Verstandes (intellectus) gibt Thomas eine ganz andere Theorie. Dieser gilt ihm als unkörperlich und darum als fähig, auf sich selbst zu reflectiren. Von dieser Seite steht also der Erkenntniss seiner Acte durch ihn selbst nichts im Wege. Aber etwas Anderes macht Schwierigkeit; nämlich, dass der Verstand, wie Thomas annimmt, nie mehr als einen Gedanken zugleich zu denken fähig ist. Eine Potenz hat gleichzeitig nie mehr als einen Act in sich. Thomas hilft sich dadurch aus der Verlegenheit, dass er das Bewusstsein von einem Gedanken mit diesem selbst nicht gleichzeitig bestehen, sondern ihm nachfolgen lässt. Auf diese Art tritt nun bei ihm, wenn kein Denkact unbewusst bleiben soll, an die Stelle einer simultan gegebenen eine successive Reihe, in der jeder folgende Act auf den früheren sich bezieht, und für die man, wie Thomas meint, nun ohne Absurdität annehmen kann, dass ihre Glieder in*s Unend- Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 165 dessen man sich der Folgerung eines unbewussten Bewusstseins entziehen kann.
liehe sich vervielfältigen. (Summ, theol. P. I, Q. 87, A. 3, 2 und ad 2.) Thatsächlich wird dies natürlich nie der Fall sein, und so kommt man auch hier wieder auf ein Denken, das unbewusst ist und bleibt, als letztes Glied der Keihe.
Nur ganz kurz will ich auf einige wesentliche Mängel, welche dieser Lehre anhaften, hinweisen. Vor Allem ist es inconvenient, dass Thomas eine ganz andere Theorie für das Bewusstsein von der Sinnesthätigkeit und für das von der Thätigkeit des Verstandes gibt, da doch nach dem Zeugnisse der inneren Erfahrung das eine Phänomen vollständig d<ßm anderen analog erscheint. Dann erregt aber auch jede der beiden Theorien für sich ihre grossen Bedenken. Wir sollen uns nie bewusst sein, dass wir uns des Hörens, Sehens u. s. f. bewusst sind. Schon dies scheint eine harte Annahme. Aber noch deutlicher beweist ein anderer Umstand die Unmöglichkeit der Auffassung. Das Verhältniss des inneren Sinnes zu seinem Object und das des äusseren zu der Ursache, welche eine Empfindung hervorruft, werden einander völlig gleich gedacht. Dem widerspricht aber die untrügliche Evidenz der inneren Wahrnehmung, an weicher die äussere nicht im Geringsten Theil hat. Die innere Wahrnehmung der Empfindungen könnte unmöglich unmittelbar evident sein, wenn sie auf einen ihr fremden Zustand, auf den Zustand eines von ihrem Organe verschiedenen Organs, gerichtet wäre. Ebensowenig befriedigt die Theorie von dem Bewusstsein der Verstandesthätigkeit. Nach ihr sollen wir uns nie des gegenwärtigen, sondern immer nur eines vergangenen Denkens bewusst sein, eine Behauptung, die mit der Erfahrung nicht im Einklänge erscheint.
Wäre sie aber richtig; so könnte man strenggenommen nicht von einer inneren Wahrnehmung des eigenen Denkens, vielmehr nur von einer Art Gedächtniss sprechen, welches auf einen unmittelbar vergangenen eigenen Act sich bezöge; und dies hätte die Folge, dass auch hier die unmittelbare untrügliche Evidenz unbegreiflich würde. Und wie würden wir nach dieser Theorie den Denkact wahrnehmen? als gegenwärtig oder vergangen oder als zeitlich unbestimmt? Als gegenwärtig nicht; dann wäre ja die Wahrnehmung falsch. Aber auch nicht als zeitlich unbestimmt; sonst wäre sie nicht die Erkenntniss eines individuellen Actes. Als vergangen also; und somit ist klar, dass sein Erfassen in der That nicht bloss als etwas dem Gedächtnisse Aehnliches, sondern als ein reiner Gedächtnissact gedacht werden müsste. Seltsam aber wäre es gewiss, wenn wir von den», was, da es gegenwärtig war, von uns unbemerkt geblieben ist, nachher eine Erinnerung haben sollten.
Es sei schliesslich noch bemerkt, dass es nach der Thomistischen jB' lfi.> S/'i X 166 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
§. 8. Betrachten wir desshalb noch einmal und mit aller Genauigkeit die Thatsache, um die es sich handelt.
Es kommt vor, daran kann wohl Niemand zweifeln, dass wir uns eines psychischen Phänomens, während es in. uns besteht, bewusst sind, z. B. dass wir, während wir die Vorstellung eines Tones haben, uns bewusst sind, dass wir sie haben. Es fragt sich nun: haben wir in einem solchen Falle mehrere und verschiedenartige Vorstellungen oder nur eine einzige? — Ehe wir die Frage beantworten, müssen wiruns darüber klar sein, ob wir nach der Zahl und Verschiedenheit der Objecte die Zahl und Verschiedenheit der Vorstellungen bestimmen wollen, oder nach der Zahl der psychischen Acte, in welchen wir die Objecte vorstellen. Wenn das Erste, so ist klar, dass wir sagen müssen, wir hätten in einem solchen Falle mehrere Vorstellungen, und diese seien von verschiedener Art; so zwar, dass eine von ihnen den Inhalt der anderen bilde, während sie selbst ein physisches Phänomen zum Inhalt habe. Ist dies richtig, so muss das physische Phänomen in gewisser Weise zu dem Inhalte beider Vorstellungen gehören, zu dem der einen als ausschliesslicher, zu dem der anderen, so zu sagen als eingeschlossener Gegenstand. Es scheint darum, wie aucb Aristoteles schon bemerkt hat, sich herauszustellen, dass das physische Phänomen zweimal vorgestellt werden müsse ^).
Theorie von dem Erkennen der eigenen Verstandesacte nicht bloss gewisse Acte geben würde, deren man sich nicht bewusst wird, obwohl man sich ihrer bewusst werden könnte, sondern, ähnlich wie bei den Empfindungen, auch solche, deren man sich unmöglich bewusst werden kann; es müsste denn einer dem Verstände eine unendliche Kraft, eine Fähigkeit für unendlich complicirtes Denken zuschreiben. „Alius est actus^S j^Ag^ Thomas, „quo intellectus intelligit lapidem, et alius est actus, quo intelligit se intelligere lapidem; et sie deinde." Die Complication der Glieder wächst also in's Unendliche in steigender arithmetischer Progression.
^) De Anim III. 2. p. 425, b, 12: IniX ^ afai^avofis^a ori OQm/nsv xal ilxoiOfisv; uvdyxrj.rj ryoipei afaO^aveoO-ai ort OQa, rj h^Qcc. 'a?X rj ttVTTj farai rrji o\l)E<og xal tov vTToxfifisrov;^ow^«ro?. (SaTS rj ^vo lov avrov ^Govrai ^ ctvrrj avTtjs.
Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 167 Aber dennoch ist dies nicht der Fall. Vielmehr scheint die innere Erfahrung unzweifelhaft zu zeigen, dass die Vorstellung des Tones mit der Vorstellung von der Vorstellung des Tones in so eigenthüralich inniger Weise verbunden ist, dass sie, indem sie besteht, zugleich innerlich zum Sein der auderen beiträgt.
Dies deutet auf eine eigenthümliche Verwebung des Objects der inneren Vorstellung mit dieser selbst und auf eine Zugehörigkeit beider zu ein und demselben psychischen Acte hin. Diese müssen wir in der That annehmen. So gewiss wirnn unserem Falle die Frage nach der Mehrheit der Vorstellungen affirmativ entscheiden mussten, wenn wir sie nach der Zahl der Objecto bestimmten: so gewiss müssen wir sie negativ beantworten, wenn wir sie nach der Zahl der psychischen Acte bestimmen, in welchen vorgestellt wird. Die Vorstellung des Tones und die Vorstellung von der Vorstellung des Tones bilden nicht mehr als ein einziges psychisches Phänomen, das wir nur, indem wir es in seiner Beziehung auf zwei verschiedene Objecto, deren eines ein physisches, und deren anderes ein psychisches Phänomen ist, betrachteten, begrifflich in zwei Vorstellungen zergliederten. In demselben psychischen Phänomen, in welchem der Ton vorgestellt wird, erfassen wir zugleich das psychische Phänomen selbst, imd zwar nach seiner doppelten Eigenthümlichkeit, insofern es als Inhalt den Ton in sich hat, und insofern es zugleich sich selbst als Inhalt gegenwärtig ist.
Wir können den Ton das primäre, das Hören selbst das secundäre Object des Hörens nennen. Denn zeitlich treten sie zwar beide zugleich auf, aber der Natur der Sache nach ist der Ton das frühere. Eine Vorstellung des Tones ohne Vorstellung des Hörens wäre, von vom herein wenigstens, nicht undenkbar; eine Vorstellung des Hörens ohne Vorstellung des Tones dagegen ein offenbarer Widerspruch. Dem Tone erscheint das Hören im eigentlichsten Sinne zugewandt, und indem es dieses ist, scheint es sich selbst nebenbei und als Zugabe mit zu erfassen.
168 Buch II. Von den psychiselien Phänomenen im Allgemeinen^ §. 9. Ist dieses richtig, so ergibt sich daraus die Erklärung mehrerer auffallender Erscheinungen, und mit anderen löst sich auch d i e Schwierigkeit, welche zuletzt gegen die Annahme, es seien alle psychischen Phänomene bewusst, geltend gemacht wurde.
Nehmen wir psychische Phänomene wahr, die in uns bestehen? — Die Frage muss mit entschiedenem Ja beantwortet werden; denn woher hätten wir ohne eine solche Wahrnehmung die Begriffe des Vorstellens und Denkens? Aber es zeigt sich andererseits, dass wir nicht im Stande sind, unsere gegenwärtigen psychischen Phänomene zu beobachten, und wie soll man dies erklären, wenn nicht daraus, dass wir unfähig sind sie wahrzunehmen? — Früher, in der That, schien eine andere Erklärung nicht wohl denkbar; jetzt aber sehen wir den wahren Grund deutlich ein. Die einen psychischen Act begleitende, auf ihn bezügliche Vorstellung gehört mit zu dem Gegenstande, auf welchen sie gerichtet ist. Würde jemals aus einer inneren Vorstellung eine innere Beobachtung werden, so würde eine Beobachtung auf sich selbst gerichtet sein. Das aber scheinen auch die Vertheidiger der inneren Beobachtung nicht für möglich zu halten, und J. St. Mill, wo er gegen Comte die Möglichkeit vertritt, dass Jemand sich beim Beobachten beobachte, beruft sich darum auf unsere Thätigkeit, Mehreres gleichzeitig mit Aufmerksamkeit zu verfolgen^). Eine Beobachtung soll also auf die andere Beobachtung, nicht dieselbe auf dieselbe gerichtet sein können. In Wahrheit kann etwas, was nur secundäres Object eines Actes ist, zwar in ihm bewusst, nicht aber in ihm beobachtet sein; zur Beobachtung gehört vielmehr, dass man sich dem Gegenstande als primärem Objecte zuwende.
Also nur in einem zweiten, gleichzeitigen Acte, der einem in uns bestehenden Acte als primärem Objecte sich zuwendete, könnte dieser beobachtet werden. Aber die begleitende innere Vorstellung gehört eben nicht zu einem zweiten Acte. Somit sehen wir, dass überhaupt keine gleichzeitige Beobachtung des eigenen Beobachtens oder eines anderen eigenen ^j In der Abhandlung über A. Comte und den Positivismus. I. Theil.
Capitel 2. Vom inneren Bewusstseiu. 169 psychischen Actes möglich ist. Die Töne die wir hören können wir beobachten, das Hören der Tone können wir nicht beobachten; denn nur im Hören der Töne wird das Hören selbst mit erfasst. Einem früheren Hören dagegen, welches wir im Gedächtnisse betrachten, wenden wir uns als einem primären Objecte, und darum mitunter auch in ähnlicher Weise wie ein Beobachtender zu. Der gegenwärtig bestehende Act der Erinnerung ist in diesem Falle das psychische Phänomen, das nur secundär erfasst werden kann*). Dasselbe gilt bei der Wahrnehmung aller anderen psychischen Erscheinungen.
Somit bewährt sich hier das Sprichwort; denn zwischen den früheren von uns besprochenen*) entgegengesetzten Ansichten eines Comte, Maudsley, Lange einerseits, und der grossen Mehrzahl der Psychologen andererseits, liegt die W^ahrheit in der Mitte.
Eine andere Frage. Hat, wer einen Ton oder ein anderes physisches Phänomen vorstellt und dieser Vorstellung sich bewusst ist, auch von diesem Bewusstsein ein Bewusstseiu, oder nicht? — Thomas von Aquin hat dies in weitem Umfange geleugnet. Aber jeder Unbefangene wird zunächst wenigstens geneigt sein, die Frage zu bejahen. Erst, wenn man ihm dann vorrechnet, wie er in diesem Falle ein dreifaches und dreifach ineinandergeschachteltes Bewusstsein, und ausser der ersten Vorstellung und der Vorstellung der Vorstellung auch noch eine Vorstellung der Vorstellung der Vorstellung haben müsse, wird er vielleicht schwankend werden. Denn diese Annahme scheint inconvenient und nicht mehr der Erfahrung entsprechend. Doch das Ergebniss unserer Untersuchung zeigt, wie diese Folgerung mit Unrecht gezogen wird; denn nach ihr fällt das Bewusstsein von der Vorstellung des Tones mit dem Bewusstsein von diesem Bewusstsein *) Dieser Umstand macht es begreiflicher, wie Thomas von Aquin darauf verfallen konnte, das Bewusstsein, welches das Denken begleitet, als ein nachfolgendes zu< denken, und das Bewusstsein von diesem Bewusstsein als drittes Glied einer Reihe von Reflexionen zu betrachten, von welchen jede folgende auf die vorhergehende sich bezieht.
170 Buch Ilf Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
offenbar zusammen. Ist ja das Bewusstsein, welches die Vorstellung des Tones begleitet, ein Bewusstsein, nicht sowohl von dieser Vorstellung, als von dem ganzen psychischen Acte, worin der Ton vorgestellt wird, und in welchem es selber mitgegeben ist. Der psychische Act des Hörens wird, abgesehen davon, dass er das physische Phänomen des Tones vorstellt, zugleich seiner Totalität nach für sich selbst Gegenstand und Inhalt.
Und hienach löst sich auch mit Leichtigkeit der zuletzt betrachtete Beweisvei-such für das Dasein unbewusster psychischer Phänomene. Eine unendliche Verwickelung des Seelenzustandes sollte daraus folgen, wenn jedes psychische Phänomen von einer darauf bezüglichen Vorstellung begleitet wäre. Und wirklich schien es einen Augenblick, als sei eine solche unendliche Verwickelung unvermeidlich. Aber, wenn der Gedanken so ganz absurd ist, wie lässt es sich erklären, dass man ihn fast allgemein angenommen, und dass selbst von den Philosophen, welche unbewusste psychische Acte lehrten, die wenigsten auf jene Absurdität sich berufen haben? Schon von vorn herein schien es uns darum wahrscheinlich, dass irgend ein Ausweg offen stehen müsse. Und nun sehen wir deutlich, dass die Vennuthung richtig war, und dass die Folgerung jener unendlichen Verwickelung in Wahrheit nicht nothwendig ist. Weit entfernt, dasö mit mehr und mehr sich verwickelnden Gliedern eine unendliche Reihe von Vorstellungen zugleich in uns aufgenommen werden müsste, zeigt es sich vielmehr, dass schon mit dem zweiten Gliede die Reihe sich abschliesst.
§. 10. Die eigenthümliche Verschmelzung der begleitenden Vorstellung mit ihrem Objecte, wie wir sie dargestellt haben, wurde von der grossen Mehrzahl der Psychologen wohl erkannt ^), obwohl nicht eben häufig eingehend und genau erörtert. Und ohne Zweifel war dies der Grund, warum die einen die Schwierigkeit nicht sahen, und andere sich nicht dadurch beirren Hessen.
') So in neuester Zeit von Bergmann, Grundlinien einer Theorie des Bewusstseins, Berlin 1870.' Cap. 1 und 2.
Cnpitel 2. Vom inneren Bewuestsein. 171 Das Letztere ist besotiders bei Aristoteles unzweideutig ei'kennbar, der fast eben so wie wir die scheinbare Nothwendigkeit unendlicher Verwickelung hervorhob. Es fiel ihm nicht ein, desshalb einen unbewussten Seelenzustand anzunehmen. Vielmehr kommt er sofort zu der Folgerung, dass in dem bewussten psychischen Phänomene selbst das Bewusstsein von ihm mitbeschlossen sein müsse ^).