„Die frühere Psychologie", sagt Lotze, „hat geglaubt, dass Gefühl und Wille eigenthümliche Elemente enthalten, welche weder aus der Natur des Vorstellens fliessen, noch aus dem allgemeinen Charakter des Bewusstseins, an dem beide mit diesem zugleich Theil haben; dem Vermögen des Vorstellens wurden sie desshalb als zwei ebenso ursprüngliche Fähigkeiten zugesellt, und neuere Auffassungen scheinen nicht glücklich ip der Widerlegung der Gründe, die zu dieser Dreiheit der ürvermögen veranlassten. Zwar nicht das können wir behaupten wollen, dass Vorstellen, Gefühl und WUle als drei unabhängige Entwickelungsreihen mit geschiedenen Wurzeln entspringend sich in den Boden der Seele theilen, und jede für sich fortwachsend, nur mit ihren letzten Verzweigungen Capitel 5- Die vorzüglichsten Classificationsversuche. 245 sich ZU mannigfachen Wechselwirkungen berühren. Zu deut-^ lieh zeigt die Beobachtung, dass meistens Ereignisse des Vorstellungslaufes die Anknüpfungspunkte der Gefühle. sind und dass aus diesen, aus Lust und Unlust, sich begehrende und abstossende Strebungen entwickeln. Aber diese offen vorliegende Abhängigkeit entscheidet doch nicht darüber, ob hier das vorangehende Ereigniss in der That als die volle und hinreichend bewirkende Ursache ^us eigener Kraft das nachfolgende erzeugt, oder ob es nur als veranlassende Gelegenheit dieses nach sich zieht, indem es zum Theil mit der fremden Kraft einer unserer Beobachtung entgehenden, im Stillen mithelfenden Bedingung wirksam ist...
„Die Vergleichung jener geistigen Erscheinungen nöthigt uns, wenn wir nicht irren, zu dieser letzteren Annahme. Betrachten wir die Seele nur als vorstellendes Wesen, so werden wir in keiner noch so eigenthümlichen Lage, in welche sie durch die Ausübung dieser Thätigkeit geriethe, einen hinlänglichen Grund entdecken, der sie nöthigte, nun aus dieser Weise ihres Aeusserns hinauszugehen und Gefühle der Lust und Unlust in sich zu entwickeln. Allerdings kann es scheinen, als verstände im Gegentheil nichts so sehr sich von selbst, als dass unversöhnte Gegensätze zwischen mannigfachen Vorstellungen, deren Widerstreit der Seele Gewalt anthut, ihr Unlust erregen, und dass aus dieser ein Streben nach heilender Verbesserung entspringen müsse. Aber nur uns scheint dies so, die wir eben mehr als vorstellende Wesen sind; nicht von selbst versteht sich die Nothwendigkeit jener Aufeinanderfolge, sondern sie versteht sich aus dem allgemeinen Herkommen unserer inneren Erfahrung, die uns längst an ihre thatsächliche Unvermeidlichkeit gewöhnt hat und uns darüber hinwegsehen lässt, dass in Wahrheit hier zwischen jedem vorangehenden und dem folgenden Gliede der Reihe eine Lücke ist, die wir nur durch Hinzunahme einer noch unbeobachteten Bedingung ausfüllen können. Sehen wir ab von dieser Erfahrung, so würde die bloss vorstellende Seele keinen Grund in sich finden, eine innere Veränderung, wäre sie selbst gefahrdrohend für die Fortdauer ihres Daseins, m tc/^ Lti M rC fe ■I M" •V 246 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
anders als mit der gleichgültigen Schärfe der Beobachtung aufzufassen, mit der sie jeden anderen Widerstreit von Kräften betrachten würde; entstände femer aus anderen Quellen doch neben der Wahrnehmung noch ein Gefühl, so würde doch die bloss fühlende Seele selbst in dem tödtenden Schmerze weder Grund noch Befähigung in sich finden, zu einem Streben nach Veränderung überzugehen; sie würde leiden, chne zum Wollen aufgeregt zu werden. Da dies nun nicht so ist, und damit es anders sein könne, muss die Fähigkeit, Lust und Unluöt zu fühlen, ursprünglich in der Seele liegen, und die Ereignisse des Vorstellungslaufes, zurückwirkend auf die Natur der Seele, wecken sie zur Aeusserung, ohne sie erst aus sich zu erzeugen; welche Gefühle femer das Gemüth beherrschen mögen, sie bringen nicht ein Streben hervor, sondern sie werden nur zu Beweggründen für ein vorhandenes Vermögen des Wollens, das sie in der Seele vorfinden, ohne es ihr jemals geben zu können, wenn es ihr fehlte...„So würden nun diese drei Urvermögen sich als stufenweise höhere Anlagen darstellen, und die Aeussemng der einen die Thätigkeit der folgenden auslösen^)."
Lotze führt seine Erläutemng und vertheidigende Begründung der Kant'schen Classification noch weiter fort. Doch genügt die angezogene Stelle, um uns zu zeigen, dass er ihr Princip eben so fasst wie Hamilton, und dass er auch in einer ganz ähnlichen Weise sowohl die Dreiheit der Vermögen, als auch ihre Ordnung feststellt. Beide thun eben nichts Anderes, als dass sie den Gedanken Kant's weiter ausfuhren.
Indessen scheint das Princip, welches Kant bei seiner Grundeintheilung der psychischen Phänomene anwandte, und welches Hamilton sowohl als Lotze und mit ihnen viele Andere sich eigen machten, zur Bestimmung der höchsten Classen wenig geeignet; und dies nicht etwa, weil Herbart's Meinung Capitel 5. Die vorzüglichsten ClaBsificationsversuche. 247 sich aufrecht erhalten Hesse, sondern, ich möchte sagen, aus einem entgegengesetzten Grunde.
Wenn zwei psychische Phänomene, schon desshalb, weil aus der Fähigkeit zu ^em einen auf die Fähigkeit zu dem anderen nicht von vom herein geschlossen werden kann, verschiedenen Grundclassen zuzurechnen wären, so müsste man nicht bloss, wie Kant, Hamilton und Lotze wollen, das Vorstellen vom Fühlen und Begehren, sondern auch das Sehen vom Schmecken, ja das Eoth-Sehen vom Blau-Sehen als von einem Phänomene scheiden, das zu einer anderen höchsten Classe gehörte.
In Betreff des Sehens und Schmeckeris ist, was ich sagte, einleuchtend; gibt es ja zahlreiche Gattungen von niederen Thieren, die am Geschmacke, nicht aber am Gesichte Theil haben. Aber auch für Roth-Sehen und Blau-Sehen gilt, wie gesagt, dasselbe; und ein handgreiflicher Beweis liegt in der Thatsache der ßothblindheit, dem sogenannten Daltonismus, vor. Der Rothblinde sieht nur die mittleren Farben des Spectrums, während die stärker oder schwächer gebrochenen Lichtstrahlen wie Roth und Violett ihm entgehen. Auch gibt es bekanntlich Lichtarten, welche selbst das normale Auge nicht zu sehen fähig ist; jene nämlich, die stärker als Roth und schwächer als Violett gebrochen werden, und von denen wir nur durch ihre chemischen Wirkungen und durch ihren Einfluss auf die Temperatur, so wie durch solche Experimente Kenntniss gewinnen, durch welche es gelingt, eine prismatische Farbe in eine andere von stärkerer oder schwächerer Brechung zu verwandeln. Auf diese Weise verwandeln wir auch uns unsichtbare Lichtstrahlen in sichtbare. Es steht offenbar nichts im Wege anzunehmen, dass bei anderen Augen oder bei einem anderen Gesichtssinne als dem unsrigen, eine ausgedehntere Farbenscala möglich sein würde, welche auch die uns unempfindlichen Lichtarten in sich begriffe und so sich zu der unsrigen, wie diese zu der des Rothblinden, verhielte.
Diese Betrachtungen zeigen gewiss aufs Deutlichste, dass die Fähigkeit für eine Farbenwahrnehmung nicht von vorn herein auf die Fähigkeit für eine andere schliessen lässt. Und in der That würden wir, auf das Sehen des Grünen 248 Bach II. Von den psychischen PlSnomenen im Allgemeinen.
beschränkt, nie eine Ahnung vom Gelben bekommen. Auch J. St Mill betrachtet darum die Erscheinung jei^er einzehien Fiiibe als «ine letzte unableitbare Thatsache^).
Nun sieht aber jeder ein, dass es ungereimt wäre, die Vtii-stellungen von Roth und anderen einzelnen Farbenarten, als Phänomene, die auf verschiedenen ursprünglichen, nicht \nii einander ableitbaren Vermögen beruhten, verschiedenen liik'listen Classen zuzuweisen. Und somit sehen wir uns zu (ioiii Schlüsse genöthlgt, dass dieses Eintheilungsprincip für die Bestimmung der höchsten Classen der psychischen Phänomene in keiner Weise geeignet ist. Wäre dies aber der Füll, so würden wir offenbar nicht Denken, Fühlen und Streben, sondern eine ungleich grössere Zahl von höchsten Classen der psychischen Phänomene zu unterscheiden haben.
Es ist gewiss etwas Missliches, zu behaupten, dass Kant und die bedeutendeu Männer, welche nach ihm seine Dreitlii'ilung vertraten, sieh über das Princip, welches sie bei ihrer Chissification bestimmte, selbst nicht genügend Bechenschalt gerieben hätten. Und zudem finden wir, dass auch schon die Vorläufer Kant's, Tetens und Mendelssohn, sich auf die Unableitbarkeit der Vermögen als Bürgschaft für ihre Grundeintheilung beriefen. Dennoch lässt sich, wenn man das Missverhältniss zwischen dem angeblichen Eintheilungsgrunde und der Gliederung der Eintheilung in's Auge fasst, die Annahme nicht umgehen, dass alle diese Denker, sich selbst mehr oder minder unbewusst, durch ganz andere Motive geleitet wurden. Und in ihren Aeusserungen finden sich deutliche Spuren, die darauf hinweisen.
Was Kant in Wahrheit bestimmte, die psychischen Thätigkeiten in seine drei Classen zu scheiden, war, glaube ich, ihre Uebereinstimmung oder Verschiedenheit unter einem ähnhdien Gesichtspunkte wie der, weicher Aristoteles bei seiner Unterscheidung von Denken und Begehren maassgebend gewesen ist. Eine Stelle, welche wir oben seiner Abhand- ■) Deduct. und Induct Log. Buch IIL Cap. 14. §. 2.
Capitel 5. Die Torzüglichsten Classificationsversuche. 249 lung über die Philosophie überhaupt entlehnten, setzt die Verschiedenheit zwischen Erkennen und Begehren deutlich in einen Unterschied der Beziehung aufs Object, während die Besonderheit des Füblens darin gesucht wird, dass hier jede derartige Beziehung mangele, indem das psychische Phänomen bloss aufs Subject Bezug habe ^). Das also war die grosse Differenz, aus welcher sich die gegenseitige Unableitbarkeit allerdings als eine Folgerung ergeben mochte, welche aber in sich selbst eine tiefer einschneidende Kluft als die Unmöglichkeit der Ableitung war; eine Kluft, welche nicht ebenso in jenen anderen Fällen besteht, die zur Annahme besonderer ursprünglicher Vermögen nöthigen.
Dasselbe zeigt sieht bei Hamilton. Fragen wir ihn, warum er Gefühle und Strebungen als Phänomene besonderer Urvermögen bezeichne, und es für uhmöglich halte, dass sie aus dem einen Grundvermögen erklärbar seien: so gibt er in dem zweiten Bande seiner Vorlesungen über Metaphysik folgende Antworte Darum, sagt er, thue er dies, weil das Bewusstsein uns in diesen Phänomenen, obwohl ihnen wegen der inneren Wahrnehmung allgemein eine Erkenntniss beigemischt sei, ausser ihr gewisse Beschaffenheiten (certain qualities) zeige, die weder explicite noch implicite in den Phänomenen der Erkenntniss selbst erhalten seien. „Die Eigenthümlichkeiten, wodurch ^diese drei Classen gegiönseitig sich von einander unterscheiden, sind folgende: Bei den Phänomenen der Erkenntniss unterscheidet das Bewusstsein ein erkanntes Object von dem erkennenden Subject...Bei dem Gefiihle, bei den Phänomenen von Lust und Schmerz ist ^ies dagegen nicht der Fall. Das Bewusstsein stellt hier nicht den psychischen Zustand sich selbst gegenüber, sondern ist gleichsam mit ihm in Eins verschmolzen. In dem Gefühle ist daher nichts, als was subjectivisch subjectiv (subjectively subjective) ist'' — ein Ausspruch, dessen wir schon einmal Erwähnung gethan haben. „In den Phänomenen des Strebens, den Phänomenen der Begierde und des Willens, endlich L'-r' W fef'/.
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'iii- 250 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
findet sich zwar wie bei denen der Erkenntniss ein Object und zwar ein Object, das auch ein Object der Erkenntniss ist. Aber obwohl beide, Erkenntniss und Strebung, eine Relation zu einem Objecte in sich tragen, so sind sie doch unterschieden durch die Verschiedenheit dieser Relation selbst. Bei der Erkenntniss besteht kein Bedürfniss; und das Object wird weder gesucht noch gemieden; während bei der Strebung ein Mangel und eine Neigung vorausgesetzt wird, welche zu dem Versuche führt, entweder das Object zu erreichen (im Falle nämlich die Erkenntnissfähigkeiten es so geartet darstellen, dass es den Genuss dessen, was man bedarf, zu gewähren verspricht) oder das Object abzuhalten, wenn diese Thätigkeiten es so angethan erscheinen lassen, dass es den Versuch jenem Bedürfnisse zu genügen zu vereitehi droht 0-" Diese Stelle aus Hamilton erscheint fast wie eine commentirende Paraphrase der zuvor erwähnten Bemerkung Kant's. Im Wesentlichen übereinstimmend, spricht sie nur ausführlicher und klarer. Und offenbar ist nach ihr der Gesichtspunkt, von welchem aus Hamilton, wenn man auf den letzten Grund geht, die psychischen Phänomene in verschiedene höchste Classen zerlegt hat, wie bei Aristoteles jener der intentionalen Inexistenz. Bei einigen psychischen Phänomenen findet sich, wie Hamilton meint, gar keine intentionale Inexistenz eines Objectes und als solche gelten ihm die Gefühle. Aber auch diejenigen, bei welchen sich eine finde, sollen nach ihm hinsichtlich der Weise dieser Inexistenz eineii fundamentalen Unterschied zeigen und so in Gedanken und Strebungen zerfallen.
Was schliesslich L o t z e betrifft, so fehlt es auch bei ihm nicht an Zeichen, dass ein bedeutenderes Moment als die blosse ünableitbarkeit der Vermögen ihn die drei Classen des Vorstellens, Fühlens und Strebens als die verschiedenen Grundclassen der Seelenerscheinungen betrachten liess. Nur der Umstand, dass die Unmöglichkeit der Ableitung von der ^) Lect. on Metaph. II. p. 431.
^' y iX^ Gapitel 5. Die vorzüglichsten Classificationsy ersuche. 251 Herbart'schen Schule geleugnet worden war, fuhrt ihn dazu gerade diesen Punkt mit besonderem Nachdrucke zu betonen* Lotze verkennt so wenig, dass die nicht von einer anderen ableitbaren Fähigkeiten der Seele sich nicht auf eine Dreizahl beschränken: dass er vielmehr ebenso wie wir die Anlagen zum Sehen und Hören als verschiedene ursprüngliche Anlagen betrachtet; und gerade bei seiner Untersuchung über die drei Grundclassen finden wir diese Wahrheit berührt^). Warum hat er nun die Vorstellungen von Tönen und Farben dennoch derselben Grundclasse zugetheilt, und ebenso andere Unterschiede, welche man, namentlich innerhalb des Bereiches der Gefühle, leicht als ähnlich unableitbar nachweisen kann, bei seiner Grundeintheilung nicht maassgebend werden lassen? Die Wahrnehmung eines ganz besonders tiefgehenden Unterschiedes, der, zwischen jenen drei Glasten vorhanden, nicht in gleicher Weise in anderen Fällen unmöglicher Ableitung gefunden wird, muss hier bestimmend gewesen sein. Nach dem, was wir bei Kant und Hamilton gefunden, ist es aber von vom herein zu vermuthen, dass eine Verschiedenheit der Seelenthätigkeiten in Rücksicht auf die Beziehung zum Objecte, auch Lotze dazu führte, gerade diese drei Classen als die am Meisten verschiedenen und als die Grundclassen der psychischen Erscheinungen anzusehen.
So bleibt denn nur noch zu untersuchen, ob man wirklich gut gethan habe, diesen Gesichtspunkt bei einer Haupteintheilung der Seelenthätigkeiten geltend zu machen; so wie, ob die Dreitheilung in Denken, Fühlen, Streben mit den fundamentalen Unterschieden, welche die psychischen Phänomene in dieser Beziehung zeigen, in Wahrheit coincidire und sie erschöpfe. Wenn wir am Ende dieses Ueberblickes über die bisher versuchten Classificationen uns selbst über die Frage zu entscheiden haben, werden wir auch diesen Punkt behandeln.
§. 5. Wie schon bemerkt, ist die eben besprochene 252 Bucb IL Von den psychischea Phinomenea im Allgemeiaen.
Eiiitheilung des Bewusstseins iü Vorstellung, Gefühl und WillcE in neuerer Zeit sehr allgemein geworden. Auch Herliart und seine Schale haben sie angenommöi; und bei den Darstellungen der empirischen Psychologie pflegen die Herbartianer in derselben Weise wie Ändere sie der Ordnung des Stoffes zu Grunde] zu legen. Das Unterscheidende bei ihnen ist nur dies, dass sie die beiden letzten Ciassen nicht auf besondere Urvermögen zuriickfilhren, sondern aus der ersten ableiten wollen; ein, wie schon wiederholt bemerkt, offenbar vergebliches Bemühen.
§, 6. Unter den Vertretern der empirischen Schule in England, die in einem gewissen Gegensatze zur Schule Hamilton's steht, hat Alexander Bain ebenfalls seine Dreitheilung unter ähnlichen Namen aufgestellt. Er unterscheidet: erstens Gedanken, Verstand oder Erkenntniss ^Thought, lotellect or Cognition); zweitens Gefllhl (Feehng); und endlich drittens Streben oder Willen (Volition or the Will), Auch hier scheint also dieselbe Grundeintheilung uns zu begegnen, und Bain selbst beruft sich auf diese Uebereinstimmung als auf eine Bestätigung.
Wenn man indessen auf die Erklärungen achtet, die Bain von den drei Gliedern seiner Classification gibt, so zeigt sich, dass die Gleichheit der Ausdrücke eine grosse Verschiedenheit der Gedanken verdeckt. Unter der dritten Classe, dem Streben oder Willen, versteht Bain etwas ganz Anderes, als was die deutschen Psychologen so wie auch Hamilton mit dem Worte zu bezeichnen pflegen nämlich das von psychischen Phänomenen ausgehende Wirken. So erklärt er im Anfang seines umfangreichen Werkes über die Sinne und den Verstand, das Streben oder der Willen umfasse das Ganze unserer Activität, so weit sie von unseren Geiilhlen geleitet werde'). Und weiter unten erläutert er den Begriff also: „Alle Wesen", sagt er, „die wir als mit Bewusstseiii begabt kennen, haben nicht bloss die Fähigkeit zu I The Senses and the lutellect p. 2.
Capitel 5. Die vorzüglichaten Classificationsversuche. 253 fühlen, sondern auch zu handeln (act). Die Anwendung einer Kraft zur Erreichung eines Zweckes ist das Zeichen einer psychischen Natur. Essen, Gehen, Fliegen, Bauen, Sprechen, — sind Bethätigungen, die aus psychischen Bewegungen hervorgehen. Sie entspringen alle aus gewissen Gefühlen, die befriedigt werden sollen, und dieses gibt ihnen den Charakter eigenthtimlicher psychischer Thätigkeiten. Wenn ein Thier seine Nahrung zerreisst, kaut und verschlingt, auf Beute Jagd macht oder vor einer Gefahr flieht, so siftd es Empfindungen oder Gefühle, die seine Thätigkeit anregen und erhalten. Dieser dem Gefühle entstammten Activität geben wir den Namen Streben (Volition)"^.
Essen, Gehen, Sprechen und dergleichen würden wir nicht als Wollen, sondern nur etwa als Wirkungen eines Wollens bezeichnen. Kant allerdings spricht manchmal von dem Begehren, als verstehe er darunter ein Hervorbringen der begehrten Objecto. Er definirt in seiner Kritik der praktischen Vernunft das Begehrungsvermögen als „das Vermögen, durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein"*). Aber nimmermehr glaube ich, dass er sich dazu verstanden hätte, das Essen oder Gehen als ein Begehren zu bezeichnen; sondfern Alles weist darauf hin, dass er nur in ungeeigneter Weise seinen Gedanken erklärte*). Anders ist es bei Bain. Seine oben betrachteten Aussprüche nöthigen uns anzunehmen, dass er mit dem Namen „Willen" in Wahrheit ') The Senses and the Indellect p. 4. Vgl. Mental and Moral Science p. 2.
*) Kritik der praktischen Vernunft, Vorrede. Vgl. Kritik der Urtheilskraft, Einleitung III. Anm. und die oben angezogene Stelle aus der Abhandlung über die Philosophie überhaupt (p. 241 Anm. 1).
*) Er würde sonst nicht jeden Wunsch und jede Sehnsucht zum Begehren rechnen (was Bain nicht thut), noch auch die Freiheit in das Begehrungsvermögen verlegen.
Khv 'A-v r IH 254 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
einen abweichenden Sinn verband, und auch das unmittelbar Folgende bestätigt diese Auffassung, indem Bain den Unterschied von seinem Wollen gegenüber den Naturkräften des Windes, Wassers, der Schwere, des Pulvers u. s. f. und dann ebenso gegenüber unbewussten physiologischen Functionen, wie z. B. dem Blutumlaufe, festzustellen sucht — was alles er offenbar nicht nöthig hätte, wenn er nicht unter dem Wollen nicht sowohl ein innerliches, psychisches Phänomen als eine von psychischen Phänomenen ausgehende (physische) Wirkling, also ein physiologisches oder, wenn man will, psychophysisches Phänomen verstände.
So stimmt Bain's Eintheilung der Seelenerscheinungen der Sache nach mehr mit der Aristotelischen Zweitheilung in Denken und Begehren (an welches letztere unter Umständen eine willkürliche Bewegung sich knüpft) als mit der späteren Dreitheilung in Vorstellen, Fühlen und Begehren zusammen. Was wir Begehren und Wollen nennen, gehört bei Bain zu dem Gefühl. Und es erscheint Gefühl und Begehren bei ihm wiederum zu einer Glasse verbunden. Ausserdem hat er das Gebiet der Gefühle auch nach einer anderen Seite erweitert, indem er die Sinnesempfindungen, welche nach den meisten Neueren, und auch nach Aristoteles der ersten Classe zuzurechnen wären, mit in ihr Bereich zieht.
Ausser dieser Eintheilung gibt Bain noch eine andere, die sich mit der vorerwähnten kreuzt. Er scheidet die psychischen Phänomene in primitive und in solche, welche sich aus diesen in weiterer Entwicklung ergeben. Zu den ersteren rechnet er die Empfindungen, die aus den Bedürfhissen des Organismus hervorgehenden Begierden und die Instincte, worunter er die Bewegungen versteht, die man, ohne sie erlernt oder sich angeübt zu haben, ausführt. Diese Zweitheilung hat er in den späteren Ausgaben seines grossen psychologischen Werkes, so wie in seinem Compendium vor allen anderen bei der Anordnung des Stoffes zu Grunde gelegt. Die Anregung zu ihr scheint Bain durch Herbert Spencer erhalten zu haben, bei welchem sich eine ähnliche Scheidung in primitive und entwickeltere psychische Phänomene erken- Capitel 5. Die vorzüglichsten Classificationsversuchc. 255 nen lässt, wie überhaupt die Idee der Evolution in seinen „Principien der Psychologie" jede. andere beherrscht. Die entwickelteren Seelenthätigkeiten scheidet Spencer in cognitive (Gedächtniss, Vernunft) und affective (Gefühl, Willen) und denkt die Anfänge der einen wie der anderen Classe in den primitiven Erscheinungen vorhanden, so dass man vielleicht sagen könnte, er lasse mit der ersten eine zweite Eintheilung sich kreuzen, welche in ihrer Gliederung an die Aristotelische, Scheidung von vovg und oge^ig erinnert^).
§. 7. Hiemit können wir unsere Uebersicht über die vorzüglichsten Classificationsversuche abschliessen. Achten wir auf die Principien, welche wir bei ihnen angewandt fanden, so erkennen wir, dass sie von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus gemacht wurden. Drei davon waren uns schoii bei Aristoteles begegnet. Er hatte die psychischen Thätigkeiten geschieden: einmal, insofern er sie theils an dem Leibe haftend, theils nicht an ihn gebunden glaubte; dann, insofern er sie theils dem Menschen mit den Thieren gemein, theils ihm ausschliesslich eigenthümlich dachte, und endlich nach dem Unterschiede der Weise der intentionalen Inexistenz oder, wie wir sagen könnten, nach dem ünterscliiede der Weise des Bewusstseins. Das letzte Eintheilungsprincip sehen wir besonders häufig und zu allen Zeiten angewandt. Hiezu kommt dann noch das Princip der zweiten Eintheilung von Bain, welche die psychischen Erscheinungen in primitive und in solche zerlegt, welche sich aus primitiven entwickeln.
Wir werden nun in den folgenden^Untersuchungen sowohl hinsichtlich des Principes als hinsichtlich der Gliederung der Grundeintheilung unsererseits eine Entscheidung zu treffen haben.
^) Vgl. Ribot, Psychologie Anglaise Contemporainei Paris 1870, (p. 191), eine Schrift, in welcher insbesondere über Herbert Spencer^s psychologische Ansichten ein sehr hübscher Ueberblick gegeben wird« ^H f' t I Sechstes Capitel.
Eintheilnng der Seelenthätigkeiten in Yorstellnngen, Urtheile und Phänomene der Liebe nnd des Hasses.
§. 1. An welche Grundsätze haben wir uns bei der Grundeintheilung der psychischen Phänomene zu halten? — Offenbar an diejenigen, welche auch anderwärts bei der Classification in Betracht kommen, und von deren Anwendung uns die Naturwissenschaft mehr als ein ausgezeichnetes Beispiel bietet.
Eine wissenschaftliche Classification soll von der Art sein, dass sie in einer der Forschung dienlichen Weise die Gegenstände ordnet. Zu diesem Zwecke muss sie natürlich sein; d. h. sie muss das zu einer Classe vereinigen, was seiner Natur nach enger zusammengehört, und sie muss das in verschiedene Classen trennen, was seiner Natur nach sich relativ fem steht. Daher wird sie erst bei einem gewissen Maasse von KenntniöS der Objecte möglich; und es ist die Grundregel der Classification, dass sie aus dem Studium der zu classificirenden Gegenstände, nicht aber aus apriorischer Construction hervorgehen soll. Krug fiel in diesen Fehler,, wenn er von vorn herein argumentirte, dass die Seelenthätigkeiten von zweifacher Gattung sein müssten: solche die von aussen nach innen, und solche die von innen nach aussen gerichtet seien. Und auch Horwicz verstiess gegen das Princip, wenn er, wie wir früher sahen *), statt duich ein genaueres Studium N N Capitel b. Eintheilung der Seelenthätigkeiten.
der SeelenerscheiBungen selbst eine Sicherung oder Berichtigung der üblichen Grundeintheilung anzustreben, auf dem Grunde physiologischer Betrachtungen, die ihm den Gegensatz von Empfindungs- und Bewegungsnerven zeigten, zur Annahme eines ähnlichen, das ganze Seelengebiet durchdringenden Gegensatzes von Denken und Begehren sich verstieg. Allerdings begreift es sich bei.dem zurückgebliebenen Zustande der Psychologie sehr wohl, dass man gerne auf andere Untersuchungen als die der psychischen Phänomene gestützt eine entsprechende Classification gewinnen möchte. Allein wenn der naturgemässe Weg noch wenig gangbar ist^ so knüpft sich doch an keinen anderen eine Hoffnung dem Ziele näher zu kommen. Derjenige aber, welcher die bis jetzt erlangten Kenntnisse der psychischen Erscheinungen miassgebend werden lässt, wird selbst dann, wenn es ihm heute noch unmöglich wäre, eine endgültig beste Grundeintheilung festzustellen, eine solche wenigstens vorbereitenr^ indem wie anderwärts auch hier Classification und Kenntniss der Eigenthümlichkeiten und Gesetze sich in der weiteren Entwickelung der Wissenschaft dann gegenseitig vervollkommnen werden.
§. 2. Die in dem vorigen Capitel betrachteten Eintheilungsversuche sind sämmtlich in so weit zu billigen, als sie aus dem Studium der psychischen Phänomene selbst hervorgegangen sind. Auch waren ihre Urheber darauf bedacht, dass die Gliederung naturgemäss sei, indem sie die Unabhängigkeit der einen Erscheinungen von den anderen oder eine tiefgreifende Unähnlichkeit maassgebend werden Hessen. Freilich ist damit nicht gesagt, dass nicht vielleicht die UnvoUkommenheit ihrer Kenntniss des psychologischen Gebietes sie bei diesem Streben missleitet habe. Und jedenfalls sind einige von den Eintheilungsversuchen nicht in gleichem Maasse wie andere verwerthbar; sowohl weil ihre Grundlage noch strittig ist, als auch weil die Vortheile, welche sie der Forschung zu gewähren versprechen, in Folge besonderer Hindernisse verloren gehen.
Machen wir dies im Einzelnen klar.
258 Bach n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Aristoteles schied die psychischen Phänomene in solche, welche dem Menschen mit den Thieren gemein, und solche, welche ihm eigenthtimlich seien. Stellen wir uns auf den Standpunkt der Aristotelischen Lehre, so wird diese Eintheilung in vieler Hinsicht vorzüglich scheinen. Denn Aristoteles glaubte gewisse Seelenvermögen dem Menschen ausschliesslich eigen, und hielt diese für immateriell, die allgemein animalischen dagegen für Vermögen eines körperlichen Organes.
Es sondert also, wenn wir die Richtigkeit seiner Anschauungen voraussetzen, jene Eintheilung in dem ersten GUede Erscheinungen für sich ab, welche auch in der Natur von den anderen isolirt auftreten; und der Umstand, dass die einen Functionen eines Organs sind, die anderen nicht, lässt erwarten, dass jede der beiden Classen wichtige gemeinsame Eigenthümlichkeiten und Gesetze zeigen werde. Aber die AristoteUschen Ansichten, auf Grund deren die Eintheilung sich empfehlen würde, enthalten gar Manches, was bestritten werden kann. Viele stellen in Abrede, dass dem Menschen im Gegensatze zum Thiere geistige Kräfte eigen seien; ja überhaupt ist man schon darüber nicht einig, welche psychischen Erscheinungen dem Menschen mit dem Thiere gemein seien und welche nicht. Während Descartes den Thieren alle psychische Thätigkeit abspricht, lassen andere und nicht unbedeutende Forscher die höheren Thierclassen an allen Arten unserer einfacheren psychischen Phänomene Theil haben. Nur graduell glauben sie ihre Thätigkeiten von den unsrigen verschieden und sind der Meinung, dass der gesammte Unterschied ihrer Leistungen sich genugsam daraus erklären lasse.
Wenn insbesondere Aristoteles der Ansicht ist, dass den Thieren das Vermögen für allgemeine, abstracto Begriffe fehle, so stimmt zwar Locke ihm bei, aber von anderen und entgegengesetzten Seiten streitet man dagegen, dass hierin eine fundamentale Verschiedenheit zwischen der psychischen Begabung von Mensch und Thier zu finden sei: die Einen wollen allgemeine Begriffe mit Bestinuntheit auch bei Thieren nachgewiesen haben; die Anderen, Berkeley an der Spitze, Oapitel 6. Eintheilung der Seelenthätigkeiten. 259 leugnen, dass sie auch nur dem Menschen in Wirklichkeit zukommen.
Die Ansicht von Descartes, wenn auch Manche im Hinblick auf die Reflexerscheinungen sich neuerdings ihr zuneigen, wird uns wohl weniger beirren: für die entgegengesetzte treten aber auch jetzt noch angesehene Denker von sonst verschiedenen Richtungen ein; und insbesondere sind die Berkeleyaner in England zahlreich geworden und fangen auch auf dem Continent sich auszubreiten an. Fände sich nun wirklich zwischen der psychischen Begabung von Menschen und Thieren kein, wie man sich ausdrückt, qualitativer Unterschied: so würde offenbar die Eintheilung der psychischen Phänomene in allgemein animalische und eigenthümlich menschliche viel von ihrer Bedeutung verlieren. Und jedenfalls erlaubt es uns schon der Streit der Ansichten und die Schwierigkeit ihn zu entscheiden nicht, diese Eintheilung bei der Anordnung unseres Stoffes als Grundeintheilung zu benützen.