Zudem wird der vorzüglichste Vortheil, welchen die Classification im besten Falle der Forschung bieten könnte, nämlich das isolirte Studium eines Theiles unserer psychischen Phänomene, dadurch wesentlich beeinträchtigt, dass wir in das psychische Leben der Thiere nur indirect einen Einblick besitzen. Und dieser Umstand sowohl als auch der Wunsch keine unerwiesenen Voraussetzungen zu machen, hat selbst Aristoteles abgehalten, sie bei der systematisch geordneten Darlegung seiner Seelenlehre als Grundeintheilung zu verwenden.
Bain, wie wir hörten, hat die Seelenerscheinungen in elementare und in solche geschieden, welche aus diesen in weiterer Entwickelung sich ergeben. Auch hier umfasst die erste Classe Erscheinungen, welche in der Natur von den anderen unabhängig auftreten. Aber auch hier gilt Aehnliches wie das, was wir eben bemerkten, dass sie nämlich da, wo sie unabhängig auftreten, nicht direct von uns zu beobachten sind. Auch hat es keine geringen Schwierigkeiten, sich über den Charakter der ersten Anfänge des Seelenlebens ein sicheres Urtheil zu bilden. Wenn in späteren Jahren ein.
260 Buch II. Von den psycliiaobeii Phäoomenen im AUgemeinea.
physischer Reiz eise Empfindung hervorruft, so können erworbene Dispositionen einen mächtig umgestaltenden Einfluss auf die Erscheinung üben. Und so finden wir thatsächlich, dasB dieses Feld heutzutage ein vorzügliches Gebiet des Streites ist. Wie wir daher auch immer den Bain'schen Gesichtspunkt bei der Anordnung unserer Untersuchungen zu berücksichtigen haben werden, für die Gmndeintheilung werden wir besser thun einen anderen Maassstab zu wählen.
Es bleiben von den betrachteten Ciassiäcationen noch diejen^en übrig, welche die verschiedene Beziehung zum immanenten G^enstande der psychischen Thätigkeit oder die verschiedene Welse seiner intentionaleu Existenz zum Eintheilungsgrunde haben. Dieser Gesichtspunkt war es, den Aristoteles bei der Anordnung des StofTes vor allen Übrigen bevorzugte, und den häufiger als irgend einen anderen auch die verschiedensten Denker späterer Zeit, mehr oder minder bewusst, bei der Gmndeintheilung der psychischen Phänomene einnahmen. Die psychischen Phänomene unterscheiden sich von allen physischen durch nicbte so sehr als dadurch, dass ihnen etwas gegenständlich inwohnt. Und darum ist es sehr begreiflich, wenn die am Tiefeten greifenden Unterschiede in der Weise, in welcher ihnen etwas gegenständlich ist, zwischen ihnen selbst wieder die vorzüglichsten Classenunterschiede bilden. Je mehr die Psychologie sich entwickelte, um so mehr hat sie auch gefunden, dass an die fundamentalen Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objeet sich mehr als an irgendwelche andere gemeinsame EigenthUmlichkeiten und Gesetze knüpfen. Und wenn die zuvor besprochenen Classificationen dem Bedenken unterlagen, dass ihr Nutzen grossentheils durch die Stellung des Beobachters verloren geht, so ist dagegen diese frei von einer solchen Beeinträchtigung ihrfö Werthes. Somit werden wir durch die mann^achsten Erwägungen dazu geführt, das gleiche Princip auch bei unserer Grundeintheilui^ zu benutzen.
§. 3. Aber wie viele und welche höchste Classen werden wir zu unterscheiden haben? — Wir sahen, dass in Capitel 6. Eintheilung der Seeleuthätigkeiten.
dieser Hinsicht zwischen den Psychologen keine Einigkeit besteht. Aristoteles hat zwei verschiedene Grundclassen unterschieden, Denken und Begehren. Unter den Modernen aber ist eine Dreitheilung in Vorstellung, Gefühl und Streben (oder wie man sonst die drei Gattungen zu benennen liebt) anstatt j6ner Zweitheilung üblich geworden.
Um sogleich unsere Ansicht auszusprechen, so halten auch wir dafür, dass hinsichtlich der verschiedenen Weise ihrer Beziehung zum Inhalte drei Hauptclassen von Seeleuthätigkeiten zu unterscheiden sind. Aber diese drei Gattungen sind nicht dieselben wie die, \<relche man gemeiniglich aufstellt, und wir bezeichnen in Ermangelung passenderer, Ausdrücke die erste mit dem Namen Vorstellung, die zweite mit dem Namen Urtheil, die dritte mit dem Namen Gemüthsbewegung, Interesse oder Liebe.
Keine dieser Benennungen ist von der Art, dass sie nicht missverständlich wäre; vielmehr wird jede häufig in einem engeren Sinne angewandt. Aber unser Wortvorrath bietet uns keine einheitlichen Ausdrücke, welche sich besser mit den Begriffen decken. Und obwohl es etwas Missliches hat. Ausdrücke von schwankender Bedeutung als Termini bei so wichtigen Bestimmungen zu benützen, und mehr noch, sie in einem vielleicht ungewöhnlich erweiterten Sinne anzuwenden: so scheint mir dies in unserem Falle doch besser als die Einführung völlig neuer und unbekannter Benennungen.
Darüber, was wir Vorstellen nennen, haben wir uns auch frühe?- schon erklärt. Wir reden von einem Vorstellen, wo immer uns etwas erscheint. Wenn wir etwas sehen, stellen wir uns eine Farbe; wenn wir etwas hören, einen Schall; wenn wir etwas phantasiren, ein Phantasiegebilde vor. Vermöge der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, konnten wir sagen, es sei unmöglich, dass die Seelenthätigkeit in irgend einer Weise sich auf etwas beziehe, was nicht vorgestellt werde 0- Höre und verstehe ich einen Namen, so stelle ich mir das, was er bezeichnet, vor; und im Allgemeinen AT Ml 262 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
ist dieses der Zweck der Namen, Vorstellungen hervorzurufen ^).
Unter dem Urth eilen verstehen wir, in Uebereinstimmung mit dem gewöhnlichen philosophischen Gebrauche, ein (als wahr) Annehmen oder (als falsch) Verwerfen. Dass aber ein solches Annehmen oder Verwerfen auch da vorkommt^ wo Viele den Ausdruck Urtheil nicht gebrauchen, wie z. B* bei der Wahrnehmung psychischer Acte und bei der Erinnerung, haben wir schon berührt. Und natürlich werden wir uns nicht abhalten lassen, auch diese Fälle der Classe des. Urtheils unterzuordnen.
Für die dritte Hauptclasse, deren Phänomene wir als Gemüthsbewegungen, als Phänomene des Interesses oder als Phänomene der Liebe bezeichneten, fehlt am Meisten ein recht geeigneter einheitlicher Ausdruck. Diese Classe soll nach uns alle psychischen Erscheinungen begreifen, die nicht in den beiden ersten Classen enthalten sind. Aber unter den Gemüthsbewegungen begreift man gemeiniglich nur Affecte^ die mit einer merklichen physischen Aufregung verbunden sind. Zorn, Angst, heftige Begierde wird Jeder als Gemüthsbewegungen bezeichnen; in der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, soll es dagegen auch auf jeden Wunsch,, jeden Entschluss und jede Absicht in gleicher Weise Anwendung finden. Doch bediente sich Kant wenigstens des Wortes Gemüth in noch weiterem Sinne als wir, indem er jedes psychische Vermögen, sogar das der Erkenntniss, als ein Vermögen des Gemüthes bezeichnete.
' ') Viel enger fassen Meyer (Kant's Psychologie), Bergmann (Vom Bewtisstsein), Wundt (Physiologische Psychologie) u. A. den Begriff der Vorstellung, während z. B. Herbart und Lotze den Namen ähnlich wie wir gebrauchen. Es gilt hier, was wir früher in Betreff des Namens Bewnsstsein bemerkten. (Buch II. Cap. 2. §. 1.) Man wird am Besten thun, den Namen so zu gebrauchen, dass er am Meisten eine Lücke in der Terminologie auszufüllen dient. Nun besitzen wir für jene specielleren Classen auch andere Ausdrücke, während für unsere erste Grundclasse kein anderer uns gegeben ist. Somit scheint die Verwendung in diesem allgemeinsten Sinne geboten.
Capitel 6. Eintheilung der Seelenthätigkeiten. 263 Auch den Ausdruck Interesse pflegt man vorzugsweise nur für gewisse Acte, die zu dem hier umschriebenen Gebiete gehören, zu gebrauchen; namentlich in Fällen, wo Wissbegier oder Neugier erregt wird. Doch kann man wohl nicht leugnen, dass jede Lust oder Unlust an etwas, sich nicht ganz unpassend als Interesse bezeichnen lässt, und dass auch jeder Wunsch, jede Hoffnung, jeder Willense^ntschluss ein Act des Interesses ist, welches an etwas genommen wird.
Statt mit dem einfachen Namen Liebe, hätte ich die Classe streng genommen als Lieben oder Hassen bezeichnen müssen; und nuj weil man auch anderwärts, wie z. B. wenn man das Urtheilen als ein für-wahr-Halten bezeichnet, oder von Phänomenen des Begehrens in weiterem Sinne redet ^), den Gegensatz mit eingeschlossen denkt, habe ich der Kürze halber den einen Namen für sich allein das Namenpaar vertreten lassen. Aber auch abgesehen' davon wird vielleicht Mancher mir vorwerfen, dass ich den Namen zu weit gebrauche: Und es ist sicher, dass er nicht in jedem Sinne das ganze Gebiet umspannt. In einem anderen Sinne sagt man nämlich, dass man einen Freund, in einem anderen, dass man den Wein liebe; jenen liebe ich indem ich ihm Gutes wünsche, diesen, indem ich ihn selbst als etwas Gutes begehre und mit Lust geniesse. In einem Sinne wie dem, welchen das Wort in dem zweiten Falle hat, glaube ich nun, dass in jedem Acte, der zu dieser dritten Classe gehört, etwas geliebt, genauer gesprochen etwas geliebt oder gehasst wird. Wie jedes Urtheil einen Gegenstand für wahr oder falsch nimmt, so ninunt in analoger Weise jedes Phänomen, welches der dritten Classe zugehört, einen Gegenstand für gut oder schlecht. Spätere Erörterungen werden dies näher erklären und hoffentlich vollkommen ausser Zweifel setzen.
§. 4. Vergleichen wir unsere Dreitheilung mit derjenigen, welche seit Kant in der Psychologie vorherrscht, so finden ^) Wie Kant, wenn er das eine seiner drei Grundvermögen Begehrangsvermögen nennt, und Aristoteles, indem er c^c$ig als Namen einer Grundclasse verwendet.
Impplfp^'^f Siebentes Capitel.
Vorstellung und ürtheil zwei verschiedene Grundclassen.
§. 1. Wenn wir sagen, Vorstellung und Urtheil seien verschiedene Grundclassen psychischer Phänomene, so meinen wir damit nach dem zuvor Bemerkten, sie seien zwei gänzlich verschiedene Weisen des Bewusstseins von einem Gegenstande. Dabei leugnen wir nicht, dass alles Urtheilen ein Vorstellen zur Voraussetzung habe. Wir behaupten viehnehr, dass jeder Gegenstand, der beurtheilt werde, in einer doppelten Weise im Bewusstsein aufgenommen sei, als vorgestellt und als anerkannt oder geleugne.t. So wäre denn das Verhältniss ähnlich dem, welches mit Recht, wie wir sahen, von der grossen Mehrzahl der Philosophen, und von Kant nicht minder als von Aristoteles, zwischen Vorstellen und Begehren angenommen wird. Nichts wird begehrt, was nicht vorgestellt wird; aber doch ist das Begehren eine zweite, ganz neue und eigenthümliche Weise der Beziehung zum Objecto, eine zweite, ganz neue Art von Aufnahme desselben in'sBe- * wusstsein. Nichts wird auch beurtheilt, was nicht vorgestellt wird; aber wir behaupten, dass, indem der Gegenstand einer Vorstellung Gegenstand eines anerkennenden oder verwerfenden Urtheils werde, das Bewusstsein in eine völlig neue Art von Beziehung zu ihm trete. Er ist dann doppelt im Bewusstsein aufgenommen, als vorgestellt und als für wahr ge- Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei yerschiedene Grundclassen. 267 halten oder geleugnet, wie er, wenn die Begierde auf ihn sich richtet, als vorgestellt zugleich und als begehrt ihm inwohnt.
Das sagen wir ist, was die innere Wahrnehmung und die aufmerksame Betrachtung der Erscheinungen des Urtheilens im Gedächtnisse klar erkennen lassen.
§. 2. Freilich hat dies nicht verhindert, dass das wahre Verhältniss zwischen Vorstellen und Urtheilen bis jetzt allgemein verkannt wurde, und ich muss desshalb darauf rechnen, dass ich, wenn ich auch nichts Anderes sage, als was das Zeugniss der inneren Wahrnehmung unmittelbar bestätigt, mit meiner Aufstellung zunächst dem grössten Misstrauen begegne.
Aber wenn man nicht annehmen will, dass im Urtheilen zum blossen Vorstellen eine zweite, grundverschiedene Weise der Beziehung des Bewusstseins zum Gegenstand hinzutrete, so leugnet man doch nicht und kann nicht leugnen, dass irgend ein Unterschied zwischen dem einen und anderen Zustande bestehe. Vielleicht wird eine nähere Erwägung darüber, worin die Verschiedenheit des Urtheilens, wenn sie nicht in unsere!* Weise aufgefasst wird, eigentlich liegen möge, zur Annahme unserer Behauptung geneigter machen, indem sie zeigt, dass keine einigermaassen haltbare Antwort gegeben werden kann.
Käme im Urtheilen nicht eine zweite und eigenthümliche Weise der Beziehung zum Vorstellen hinzu; wäre also die Weise, wie der Gegenstand des Urtheils im Bewusstsein ist, wesentlich dieselbe wie die, welche Gegenständen, insofern sie vorgestellt werden, zukommt: so könnte ihr Unterschied wohl nur gefunden werden entweder in einem Unterschiede des Inhalts, d. h. in einem Unterschiede zwischen den Gegenständen, auf welche sich Vorstellung und Urtheil beziehen, oder in einem Unterschiede der Vollkommenheit, mit welcher derselbe Inhalt beim blossen VorsteUen und beim Urtheilen von uns gedacht wird. Denn zwischen dem Denken» 268 Buch U. Ton den pejchischen PhSnomeneii im AllgemeineD.
welches wir Vorstellen, und demjenigen, welches wir Urtheilen nennen, besteht ja doch ein innerer Unterschied.
A. Bain allerdings hatte den unglUcklichea Gedanken, den Unterschied zwischen VorBteUen und Urtheilen nicht in diesen Denkthätigkeiten seihst, sondern in den daran geknüpften Folgen zu suchen. Weil wir dann, wann wir etwas nicht hloEs vorstellen, sondern auch für wahr halten, in besonderer Weise bei unserem Wollen und Handeln es maassgebend werden lassen, so meinte er, der Unterschied des für -wahr- Haltens von dem blossen Vorstellen bestehe in nichts Anderem als in diesem Einflüsse auf den Willen. Das Vorstellen, welches einen solchen Einfluss übe, sei dadurch, dass es ihn übe, ein Glauben (belfef). Ich nannte diese Theorie eine unglücküche. Und in der That, woher kompat es denn, dass das eine Vorstellen- des Gegenstandes jenen Einfluss auf das Handeln hat, das andere aber ihn nicht hat? — Das blosse Aufwerfeo der Frage genügt, um das Versehen, dessen Bain sieh schuldig machte, deutlich zu zeigen. Die besonderen Folgen würden nicht sein, wenn nicht ein besonderer Grund dafür in der Beschaffenlieit des Denkens gegeben wäre. Weit entfernt, dass der Unterschied in den Folgen die Annahme einer inneren Verschiedenheit zwischen der blossen Vorstellung und dem Urtheil entbehrlich machte, weist er vielmehr nadidrücklich auf eine solche innere Verschiedenheit hin. Von John Stuart Mill bekämpft ^), hat darum Bain selbst die von ihm in seinem grossen Werke über die Gemüthsbewegungen und den Willen*), so wie in den ersten Ausgaben seines Compendiums der Psychologie vertretene Behauptung in einer Schlussbemerkung zu dessen dritter Auflage als irrig anerkannt und zurückgenommen ").
') Id einer Note zur Aualjeis of the Pfaenomena of the Huniaa Mind von Jame« Hill, 2. edit. I. p. 402.
*) The Emotion« and Üie Will ■) Mental and Moral Science, 3. edit. London 1872. Note on the chapter on Belief, Äppend. p. IQO.
Capitel 7. Vorstellung u-Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 269 In einen ähnlichen Fehler ist der ältere MilP) und in neuester Zeit wieder Herbert Spencer ^) gefallen. Diese beiden Philosophen sind der Meinung, das Vorstellen einer Vereinigung von zwei Merkmalen sei dann mit Glauben (belief) verbunden, wenn sich in dem Bewusstsein zwischen den beiden Merkmalen eine untrennbare Association gebildet habe, d. h. wenn die Gewohnheit zwei Merkmale verbunden vorzustellen so stark geworden sei, dass die Vorstellung des einen Merkmals unausbleiblich und unwiderstehlich auch das andere in's Bewusstsein rufe und mit ihm verknüpfe. In nichts Anderem als in einer solchen untrennbaren Association, lehren, sie, bestehe das Glauben. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob wirklich in jedem Falle, in welchem eine gewisse Verbinbindung von Merkmalen für wahr gehalten wird, eine untrennbare Association zwischen ihnen bestehe, und ob wirklich in jedem Falle, in welchem eine solche Association sich gebildet hat, die Verbindung für wahr gehalten werde. Angenommen vielmehr. Beides sei richtig, so ist es doch leicht erkennbar, dass diese Bestimmung des Unterschiedes zwischen Urtheil und Vorstellung nicht genügen kann, da, wenn der angegebene Unterschied allein zwischen dem Urtheil und der betreffenden Vorstellung bestände, beide in sich selbst betrachtet ein völlig gleiches Denken sein würden. Die Gewohnheit zwei Merkmale vereinigt zu denken ist nicht selbst ein Denken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens, sondern eine Disposition, die einzig und allein in ihren Folgen sich offenbart. Und die Unmöglichkeit von zwei Merkmalen das eine ohne das andere zu denken, ist eben so wenig selbst ein Denken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens; sie ist vielmehr nach der Ansicht der genannten Philosophen nur ein besonders hoher Grad jener Disposition. Wenn sich diese Disposition nur darin offenbart, dass die Verbindung ^) Anal, of the Phenom. of the Human Mind. Chapt. XL *) Priuciples of Psychology, 2. edit. I. London and Edinburgh, 1870. Sieh darüber J. St. MiU in einer Note zu dem eben citirten Ca pitel der Anal. p. 402.
270 Buch n. ' Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
I von Merkmalen ausnahmslos, aber ganz in derselben Weise wie vor ihrer Erwerbung gedacht wird, so ist es klar, dass, wie wir sagten, zwischen dem Denken vorher, welches ein blosses Vorstellen, und dem Denken nachher, welches ein Glauben sein soll, in sich selbst kein Unterschied besteht. Wenn sich die Disposition aber noch in anderer Weise von Einfluss zeigt, so dass nach ihrer Erwerbung das Denken der Verbindung modificirt ist und eine neue, besondere Beschaffenheit erlangt hat, so muss man sagen, dass in dieser Beschaffenheit, nicht aber in der inseparabelen Association, aus welcher sie hervorgeht, der eigentliche Unterschied des für - wahr - Haltens vom blossen Vorstellen anzuerkennen sei. Darum sagte ich, der Fehler von James Mill und Herbert Spencer sei demjenigen von Bain verwandt. Denn, wie Bain eine Besonderheit der Folgen mit der inneren Besonderheit des für -wahr -Haltens verwechselte, so haben der ältere Mill imd Spencer etwas als Besonderheit dieser Weise des Denkens geltend gemacht, was sie nur etwa als Ursache seiner Besonderheit hätten bezeichnen dürfen.
§. 3. So viel also steht fest, dass der Unterschied zwischen Vorstellen und Urtheilen ein innerer Unterschied des einen Denkens vom anderen sein muss. Und wenn dies, so gilt, was wir oben gesagt haben, dass nämlich, wer unsere Anschauung über das Urtheilen bestreitet, die Verschiedenheit, die zwischen ihm und dem blossen Vorstellen besteht, nur in einem von Beidem, entweder in einem Unterschiede der gedachten Gegenstände, oder in einem Unterschiede der Vollkommenheit, mit welcher sie gedacht werden, suchen kann. Ziehen wir von diesen zwei Annahmen zunächst die letztere in Erwägung.
Wo es sich um einen Unterschied der Vollkommenheit zweier psychischer Thätigkeiten handelt, die sowohl hinsichtlich der Weise ihrer Beziehung auf das Object als auch hinsichtlich des Inhalts, auf welchen sie sich beziehen, übereinstimmen, da kann wohl von nichts Anderem als von einem Unterschiede der Stärke des einen und anderen Actes die \ Capitel 7. Vorstellung u. UrtheÜ zwei verschiedene Grundclassen. 271 Rede sein. Die Frage, die wir zu untersuchen haben, ist also keine andere als die, ob etwa darin die Besonderheit des Urtheüens gegenüber dem Vorstellen bestehe, dass beim Urtheilen der Inhalt mit grösserer Intensität gedacht, also das Vorstellen eines Objectes durch eine Zunahme seiner Intensität zum jfttr- wahr -Halten gesteigert werde. Es leuchtet ein, dass eine solche Auffassung nicht richtig sein kann. Nach ihr wäre das Urtheil eine stärkere Vorstellung, die Vorstel- \ lung ein schwächeres Urtheil. Aber ein Vorgestellt - sein, wenn auch noch so klar und deutlich und lebendig, ist nicht ein Beurtheilt-sein, und ein mit noch so geringer Zuversicht gefälltes Urtheil ist nicht eine blosse Vorstellung. Allerdings mag es geschehen, dass einer etwas, was ihm mit fieberhafter Lebhaftigkeit in der Phantasie erscheint wie etwas, was er sieht, für wirklich nimmt, was er nicht thun würde, wenn fes ihm in schwächerem Eindrucke erschiene; aber wenn mit der grösseren Stärke einer Vorstellung in gewissen Fällen ein für -wahr -Halten gegeben ist, so ist sie desshaJb nicht selbst das für - wahr - Halten. Die Illusion kann darum schwinden, während die Lebendigkeit der Vorstellung beharrt. Und in anderen Fällen hält man mit aller Zuversicht etwas für wahr, obwohl der Inhalt des Urtheils nichts weniger als lebendig vorgestellt wird. Wie endlich sollte, wenn die Anerkennung eines Gegenstandes ein starkes Vorstellen wäre, die verneinende Verwerfung desselben gefasst werden?
Gewiss wäre es unnütz, wollten wir uns länger mit der Bekämpfung einer Hypothese aufhalten, bei welcher schon von vom herein nur Wenige geneigt sein werden, sie zu vertreten. Sehen wir vielmehr, ob es uns ebenso gelingen wird, den anderen Weg, auf welchem man mit grösserem Scheine unsere Annahme für vermeidlich halten könnte, als einen unmöglichen nachzuweisen.
§. 4. In der That geht eine sehr gewöhnliche Meinung dahin, dass das Urtheilen in einem Verbinden oder Trennen bestehe, welches in dem Bereiche unseres Vorstellens sich vollziehe, und das bejahende Urtheil und, in etwas modificirter 272 Buch II. Von den psyehisclien Phänomenen im Allgemeinen.
Art, auch das verneinende werden darum im Gegensatze zur blossen Vorstellung sehr gewöhnlich als ein zusammengesetztes oder auch beziehendes Denken bezeichnet. So gefasst würde das, was den Unterschied des Urtheilens yom blossen Vorstellen ausmachte, wirklich nichts Anderes sein als ein Unterschied des Urtheilsinhaltes vom Inhalte des bloss vorstellenden Denkens. Würde eine gewisse Art von Verbindung oder Beziehung zweier Merkmale gedacht, so wäre der Gedanken ein Urtheil, während jeder Gedanken, der nicht eine solche Beziehung zum Inhalte hätte, eine blosse Vorstellung genannt werden müsste.
Aber auch diese Ansicht ist unhaltbar.
Nehmen wir an, es sei richtig, dass immer nur eine gewisse Art von Verbindung mehrerer Merkmale den Inhalt eines Urtheils bilde, so wird dies die Urtheile zwar von einigen, keineswegs aber von allen Vorstellungen unterscheiden. Denn offenbar kommt es vor, dass ein Denkact, welcher nichts als ein blosses Vorstellen ist, eine vollkommen ähnliche, ja eine völlig gleiche Zusammensetzung ipehrerer Merkmale zum Inhalte hat, wie diejenige, welche in einem anderen Falle den Gegenstand eines Urtheils bildet. Wenn ich sage: irgend ein Baum ist grün, so bildet das Grün als Eigenthümlichkeit mit einem Baume verbunden den Inhalt meines Urtheils. Es könnte mich aber einer fragen: ist irgend ein Baum roth? und ich, in der Pflanzenwelt nicht genugsam erfahren und uneingedenk der herbstlichen Farbe der Blätter, könnte mich jedes Urtheils über die Frage enthalten. Aber dennoch würde ich die Frage verstehen und mir in Folge dessen einen rothen Baum vorstellen. Das Roth, ganz ähnlich wie zuvor das Grün als Eigenthümlichkeit mit einem Baume verbunden, würde dann den Inhalt einer Vorstellung bilden, mit welcher kein Urtheil gegeben wäre. Und hätte Jemand nur Bäume mit rothen und niemals einen mit grünen Blättern gesehen, so würde er vielleicht bei einer Frage über grüne Bäume nicht bloss eine ähnliche, sondern sogar dieselbe Verbindung von Merkmalen, die der Inhalt meines Urtheils war, in blosser Vorstellung erfassen.
CapitelT. Vorstellung,u,Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 273 Offenbar hatten James Mill und Herbert Spencer dies erkannt, da sie bei der Bestimmung der Eigenthümlichkeit des ürtheils nicht wie die meisten Anderen dabei stehen blieben, dass der Inhalt des Ürtheils eine gewisse Art von Verbindung yorgestellter Merkmale sei, sondern als eine weitere Bedingung hinzufügten, *dass eine inseparabele Association zwischen denselben bestehen müsse. Und auch A. Bain hatte darum für nöthig gehalten, noch eine besondere Bestimmung hinzuzufügen, nämlich den Einfluss des Denkens auf das Handeln. Der Fehler, den sie begingen, war nur der, dass sie nicht in der Angabe einer inneren Besonderheit des urtheilenden Denkens, sondern in einem Unterschiede von Dispositionen oder Folgen die Ergänzung suchten. Glücklicher war hier John Stuart Mill, der den besprochenen Punkt mit grossem Nachdrucke hervorhob und überhaupt mehr als irgend ein anderer Philosoph einer richtigen Würdigung des Unterschiedes zwischen Vorstellung und Urtheil nahe gekommen ist.
„Es ist", sagt er in seiner Logik, „ganz richtig, dass wir, wenn wir urtheilen „Gold ist gelb", die Idee von Gold und die Idee von gelb haben, und dass beide Ideen in unserem Geiste zusammengebracht werden müssen. Es ist aber klar, dass dies nur ein Theil von dem ist, was vorgeht; denn wir können zwei Ideen zusammenstellen, ohne dass ein Glauben stattfindet, wie wenn wir etwas, z. B. einen goldenen Berg, nur erdichten, oder wenn wir geradezu nicht glauben; denn sogar um nicht zu glauben, dass Muhammed ein Apostel Gottes war, müssen wir die Idee von Muhammed und die eines Apostels Gottes zusammenstellen. Zu bestimmen, was im Falle von Zustimmung oder Leugnung ausser dem ZusammensteDen zweier Ideen noch weiter vorgeht, ist eines der verwickeltsten metaphysischen Probleme ^).'^ In seinen kritischen Noten zu James Mill's Analyse der Phänomene des menschlichen Geistes geht er tiefer in die Sache ein. Er bekämpft in dem Capitel über die Aussage Brentano, Psychologie. I. 18 274 Bach II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
>i L'H • i\v fj-v « >ry (Prädication) die Ansicht, welche in ihr in ähnlicher Weise den Ausdruck fllr eine gewisse Ordnung yon Ideen wie in dem Namen den Ausdruck für eine einzelne Idee sehen wollte. Der charakteristische Unterschied zwischen einer Aussage und einer anderen Form des Sprechens, behauptet er seinerseits, sei vielmehr der, dass sie nicht bloss ein gewisses Object vor den Geist bringe, sondern dass sie etwas darüber behaupte, dass sie nicht bloss zur Vorstellung einer gewissen Ordnung von Ideen, sondern zum Glauben an sie anrege, indem sie anzeige, dass diese Ordnung eine wirkliche Thatsache sei^). Wiederholt kommt er darauf zurück, sowohl bei demselben*) als bei späteren Capiteln, wie beim Capitel über das Gedächtniss, wo ausser der Idee von dem Dinge und der Idee davon, dass ich es gesehen, nebst An-' derem auch noch der Glauben, dass ich es gesehen habe, hinzukommen müsse ^). Besonders ausführlich handelt er aber in einer langen Anmerkung zum Capitel „Belief von der eigenthümlichen Natur des Urtheils gegenüber der blossen Vorstellung. Er zeigt wiederum deutlich, dass es sich nicht in blosse Vorstellungen auflösen und durch blosse Zusammensetzung von Vorstellungen bilden lasse. Vielmehr, sagt er, müsse man jeden Versuch einer Ableitung der einen aus der anderen Erscheinung als etwas Unmögliches anerkennen und den Unterschied zwischen Vorstellung und Urtheil als eine I) The characteristic difference between a predication and any otber form of speech, is that it does not merelj bring to mind a cer* tain object...; it asserts something respecting it...Whatever view we adopt of the psychological nature of Belief, it is necessary to distinguish between the mere Suggestion to the mind of a certain order among sensations or ideas — such as takes place when we think of the aiphabet, or the numeration table — and the indication that this Order is an. actual fact, which is occurring, or which has occurred once or oftener, or which, in certain definite circumstances, always occurs; which are the things indicated as true by an affirmative predication, and as false by a negative one. (Anal, of the Phenom. of the Human Mmd 2. edit. Ch. IV. Sect. 4. Note 48. I. p. 162 s.)
Capitel 7. Vorstellung u.Urtheil zwei verschiedene Grundclasaen. 275 letzte und urspriHigliche Thatsache betrachten. „Kurzum", ftjagt er am Schlüsse einer längeren Erörterung, „was ist für unseren Geist der Unterschied zwischen den^ Gedanken, es sei etwas wirklich, und der Vprstellung eines von der Einbildungskraft entworfenen Gemäldes? Ich gestehe, dass ich keinen Ausweg finde, auf dem man sieh der Ansicht entziehen könnte, dass der Unterschied ein letzter und ursprünglicher ist 0." Wir sehen, J. St. Mill erkennt hier einen Unterschied an, ähnlich dem welchen Kant und Andere zwischen Denken und Gefühl geltend gemacht haben. In ihrer Sprache ausgedrückt, würde die Behauptung von Mill diese sein, dass für Vorstellen imd Glauben oder, wie w i r sagen würden, für Vorstellen und Urtheilen zwei verschiedene Urvermögen angenommen werden müssen. Nach unserer Ausdrucksweise aber ist seine Lehre die, dass Vorstellen und Urtheilen zwei völlig verschiedene Arten der Beziehung auf einen Inhalt, zwei grundverschiedene Weisen des Bewusstseins von einem Gegenstande seien.