SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

German

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Also, wie gesagt, angenommen sogar es finde wirkUch bei jedem Urtheilen ein Verbinden oder Trennen vorgestellter Merkmale statt — und John Stuart Mill war in der That dieser Ansicht^) —: so besteht hierin doch nicht die wesentliche Eigenthümlichkeit des urtheilenden im Gegensatze zu dem bloss vorstellenden Denken. Eine solche Eigenthümlichkeit des Inhaltes würde die Urtheile zwar von einigen, nicht aber schlechthin von allen Vorstellungen unterscheiden. Und sie würde darum die Annahme einer anderen und mehr ^) „that the distinction is ultimate and primordial^'. (Ebend. I.

^) Sowohl in seiner Logik gibt sie sich zu erkennen, wo Mill von dem Inhalte der Urtheile handelt (Buch I. Cap. 5) als auch in seinen Noten zu dem genannten Werke seines Vaters« So z. B. in folgender Stelle:,J think it is true, that every assertion, every object of Belief, — everythitog that can be true or false — that can be an object of assent or dissent — is some order of sensations or of ideas: some coexistence or succession of sensations or ideas actually experienced^ or Bupposed capable of being experienced/^ (a. a. 0. Ch. IV. Note 48.

."Tl 276 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

charakteristischen Besonderheit ^ wie die, welche wir in dem Unterschiede der Weise des Bewusstseins anerkennen, nicht entbehrlich machen.

§. 5. Aber noch mehr. Es ist nicht einmal richtig, dass bei allem ürtheilen eine Verbindung oder Trennung vorgestellter Merkmale statt hat. So wenig als das Begehren oder Verabscheuen, so wenig ist auch das Anerkennen oder Verwerfen ausschliesslich auf Zusammensetzungen oder Beziehungen gerichtet. Auch ein einzelnes Merkmal, das wir vorstellen, kann anerkannt oder verworfen werden.

Wenn wir sagen ^ „A ist", so ist dieser Satz nicht, wie Viele geglaubt haben und noch jetzt glauben, eine Prädication, in welcher die Existenz als Prädicat mit A als Subject verbunden wird. Nicht die Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", sondern „A" selbst ist der Gegenstand, den wir anerkennen* Ebenso wenn wir sagen, „A ist nicht", so ist dies keine Prädication der Existenz von A in entgegengesetztem Sinne, keine Leugnung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", sondern „A" ist der Gegenstand, den wir leugnen.

Damit dies recht deutlich werde, mache ich darauf aufmerksam, dass, wer ein Ganzes anerkennt, jeden einzelnen Theil des Ganzen einschliesslich anerkennt. Wer immer daher eine Verbindung von Merkmalen anerkennt, erkennt einschliesslich jedes einzelne Element der Verbindung an. Wer anerkennt, dass ein gelehrter Mann, d. h. die Verbindung eines Mannes mit dem Merkmale „Gelehrsamkeit" sei, erjj:ennt einschliesslich an, dass ein Mann sei. Wenden wir dies an auf das Urtheil „A ist". Wäre dieses ürtheil die Anerkennung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", so würde darin einscUiesslich die Anerkennung jedes einzelnen Elementes der Verbindung, also auch die Anerkennung von A liegen. Wir kämen also an der Annahme einer einschliesslichen einfachen Anerkennung von A nicht vorbei. Aber wodurch würde sich diese einfache Anerkennung von A von der Anerkennung der Verbindung von. A mit dem Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 277 Merkmale „Existenz", welche in dem Satze „A ist" ausgesprochen sein soll, unterscheiden? Offenbar in gar keiner Weise. Somit sehen wir, dass vielmehr die Anerkennung von A der wahre und volle Sinn des Satzes, also nichts anderes als A Gegenstand des Urtheils ist.

Erwägen wir in derselben Weise den Satz „A ist nicht"; vielleicht wird seine Betrachtung die Wahrheit unserer Auffassung noch einleuchtender machen. Wenn derjenige, welcher ein Ganzes anerkennt, jeden Theil des Ganzen einschliesslich anerkennt, so gilt doch nicht ebenso, dass derjenige, welcher ein Ganzes leugnet, jeden Theil des Ganzen einschliesslich leugnet. Wer leugnet, dass es weisse und blaue Schwäne gibt, leugnet darum nicht einschliesslich, dass es weisse Schwäne gibt. Und natürlich; da, wenn auch nur ein Theil falsch ist, das Ganze nicht wahr sein kann. Wer daher eine Verbindung von Merkmalen verwirft, verwirft dadurch keineswegs einschliesslich jedes einzelne Merkmal, welches Element der Verbindung ist. Wer z. B. leugnet, dass es einen gelehrten Vogel, d. h. die Verbindung eines Vogels mit dem Merkmale „Gelehrsamkeit" gebe, leugnet damit nicht einschliesslich, dass ein Vogel, oder dass Gelehrsamkeit in WirkUchkeit bestehe. Machen wir auch hievon auf unseren Fall Anwendung. Wäre das Urtheil „A ist nicht" die Leugnung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", so würde damit keineswegs A selbst geleugnet sein. Das aber wird unmöglich Jemand behaupten. Vielmehr ist klar, dass nichts Anderes als eben dies der Sinn des Satzes ist. Somit ist auch nichts Anderes als A der Gegenstand dieses verwerfenden Urtheils.

§. 6. Dass die Prädication nicht zum Wesen eines jeden Urtheils gehört, geht auch daraus recht deutlich hervor, dass jede Wahrnehmung zu den Urtheilen zählt; ist sie ja eine Erkenntniss oder doch ein, wenn auch irrthümliches, fürwahr - Nehmen. Wir haben dies, da wir von den verschiedenen Momenten des inneren Bewusstseins sprachen, schon, u f'f 'fi 278 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

M W.

% sr.: berührt*). Und es wird auch von solchen Denkern nicht geleugnet, welche dafür halten, dass jedes Urtheilen in einem Verbinden von Subject und Prädicat bestehe. So erkennt z. B. J. St. Mill es ausdrücklich an sowohl anderwärts als auch an der zuletzt von uns citirten Stelle, Es hege, fügt er hier bei, keine grössere Schwierigkeit darin, so, wie er es gethan, den Unterschied zwischen dem Anerkennen einer Realität und dem Vorstellen eines imaginären Gebildes für einen letzten imd ursprünglichen zu halten, als darin, den Unterschied zwischen einer Sensation und einer Idee*) für einen ursprünglichen zu erklären. Es scheine dieser kaum etwas Anderes als dieselbe Differenz unter verändertem Gesichtspunkte betrachtet^). Nun dürfte es aber nicht leicht etwas geben, was offenbarer und unverkennbarer wäre, als dass eine Wahrnehmung nicht in der Verbindung eines Subject- und Prädicatbegriffes bestehe, oder sich auf eine solche beziehe, dass viehnehr der Gegenstand einer inneren Wahrnehmung nichts Anderes als ein psychisches Phänomen, der Gegenstand einer äusseren nichts Anderes als ein physisches Phänomen, Ton, Geruch oder dergleichen «ei. Also haben wir hier einen recht augenscheinlichen Beleg für die Wahrheit unserer Behauptung.

Oder sollte einer auch hier noch Bedenken hegen? Sollte er, weil man nicht bloss sagt, man nehme eine Farbe, einen Ton, man nehme ein Sehen, ein Hören wahr, sondern auch, man nehme wahr, dass ein Sehen, Hören existire, sich zu dem Glauben verleiten lassen, auch die Wahrnehmung bestehe in der Anerkennung der Verbindung eines Merkmals M Buch IL Cap. 3. §. I ff.

*) Er fährt fort: There is no more difficulty in so, than in holding the difference between a Sensation be primordial. It seems almost another aspect of the Ebenso sagt er im Verlaufe derselben Abhandlung: [between recognising something as a reality in nature it as a mere thought of our own] presents itself in its form in the distinction between a Sensation and an holding it to be and an idea to same difference.

The difference , and regarding most elementary idea. (a. a. O.

Capitel 7. Vorstellung u, Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 279 „Existenz" mit dem betreflfenden Phänomene? Mir scheint eine solche Verkennung offen liegender Thatsachen fast undenkbar. Doch aufs Neue und mit einer vorzüglichen Klarheit wird sich die Unhaltbarkeit einer solchen Meinung aus der Erörterung des Begriffes der Existenz ergeben. Manche waren der Ansicht, dass dieser Begriff nicht der Erfahrung entnommen sein könne. Wir werden darum bei der Untersuchung über die sogenannten angeborenen Ideen ihn in dieser Hinsicht zu prüfen haben. Und wir werden dann finden, dass er allerdings der Erfahrung, aber der inneren Erfahrung entstammt und nur im Hinblicke auf das Urtheil gewonnen wurde. So wenig daher der Begriff des ürtheils in dem ersten Urtheile Prädicat sein konnte, so wenig der Begriff der Existenz, Und darum erkennt man auch auf diesem Wege, dass wenigstens die erste Wahrnehmung, diejenige, welche in dem ersten psychischen Phänomene gegeben war, unmöglich in einer solchen Prädication bestanden haben kann.

J. St. Mill definirt in der letzten (achten) Ausgabe seiner Logik den Begriff Existenz in folgender Weise. Sein, sagt er, heisse so viel als irgendwelche (gleichvielw eiche) Sinnesempfindungen oder sonstige Bewusstseinszustände erregen oder erregen können^). Obwohl ich diese Bestimmung nicht vollkommen billige, so würde doch auch sie genügen, um die Unmöglichkeit, dass bei der ersten Empfindung der Begriff* Existenz als Prädicat des Ürtheils benützt werden konnte, recht anschaulich zu machen. Denn darin stimmt sie mit derjenigen, welche wir als die richtige darzuthun hoffen, überein, dass sie erst im Hinblick auf psychische Thätigkeiten gewonnen werden konnte, die in jenem Falle umgekehrt ihrerseits ihn voraussetzen und als einen schon gegebenen verwenden würden.

§. 7. Dass nicht jedes Urtheil auf eine Verbindung vorgestellter Merkmale sich beziehe, und die Prädication eines *) üebersetzung von Gomperz, Anhang, III. S. 373.

280 Buch II. Von den psychisclien Phänomenen im Allgemeinen« Begriffes von einem anderen nicht unumgänglich dazu gehöre, ist eine Wahrheit, die zwar gewöhnlich, aber doch nicht ausnahpislos verkannt wurde. Kant hat bei seiner Kritik des ontologischen Gottesbeweises die treifende Bemerkung gemacht, in einem Existentialsatze, d. h. in einem Satze von der Formel „A ist", sei das Sein „kein reales Prädicat, d. i. ein Begriff von etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne". „Es ist'*, sagte er, „bloss die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst." Anstatt aber nun zu erklären, dass der Existentialsatz überhaupt kein kategorischer Satz sei, weder ein im Kant'schen Sinne analytischer, d. h, ein solcher, bei welchem das Prädicat im Subject eingeschlossen ist, noch ein synthetischer, bei welchem das Subject das Prädicat nicht in sich begreift^), liess Kant sich dazu verleiten, den Satz zu den synthetischen zu rechnen, indem er meinte, wie das „ist" der Copula gewöhnlich zwei Begriffe zu einander in Beziehung setze, so setze das „ist" in dem Existentialsatz „den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff". „Der Gegenstand", sagt er, „kommt zu meinem Begriffe synthetisch hinzu 2)."

Dies war eine unklare und widerspruchsvolle Halbheit. Herbart machte ihr ein Ende, indem er die Existentialsätze ^) Auch diese Bestimmungen gebe ich nach Kant. Dass sie eigentlich nicht auf die betreffenden Urtbeile passen (was aus den folgenden Untersuchungen hervorgehen wird), hindert nicht, dass sie, wegen ihrer Uebereinstimnrung mit der Ansicht, die man gemeinighch von ihnen hat, sie genugsam kennzeichnen.

^) Dass Kant die Urtbeile der Existentialsätze noch mit zu den kategorischen Urtbeilen reebnete, ersiebt man daraus, dass er ihrer bei der Relation der Urtbeile nicht besonders erwähnt.

Ganz eben so nahe wie Kant ist im Mittelalter Thomas von Aquin der Wahrheit gekommen, und merkwürdiger Weise in Eeflexion auf denselben Satz „Gott ist'^ Auch nach ihm soll das,,ist^< kein reales Prädicat, sondern ein iZeicben des für -wahr -Haltens sein. (Summ. Tbeol. P. I. Q. 3. A. 4. ad 2.) Aber auch er hält dennoch den Satz für kategorisch (ebend.) und glaubt, dass das Urtbeil einen Vergleich unserer Vorstellung mit ihrem Gegenstande enthalte, was nach ihm von jedem Urtbeile gelten soll. (Q. 16. A. 2.) Dass dies unmöglich ist, haben wir früher gesehen. (Vgl. Buch 11. Cap. 3. §. 2. S. 1S2 ff.)

Cftpitel 7. Yorstellang u. Urtheil zwei Terschiedene Grundclassen. 281 deutlich als eine besondere Art von den kategoriscaen Sätzen unterschied^). Andere Philosophen, und niqht bloss seine zahlreichen Anhänger, sondern^ bis zu gewissem Maasse auch Solche, die, wie Trendelenburg, der Herbart'schen Schule gewöhnlich polemisch entgegentreten, haben sich ihm in diesem Punkte angeschlossen^).

Aber noch mehr. Wenn auch nicht alle Denker die von uns vertretene Auffassung des Existentialsatzes bereits als richtig anerkennen, so geben doch gegenwärtig alle ohne Ausnahme eine andere Wahrheit zu, aus welcher sich dieselbe mit grösster Stringenz erschliessen lässt. Auch diejenigen, welche die Natur des „ist" und „ist nicht" in dem Existentialsatze missdeuten, beurtheilen doch das „ist" und „ist nicht", welche als Copula zu einem Subject und Prädicat *) Vgl. darüber Drobisch, Logik, 3. Aufl. S. 61.

') Logische Untersuchungeu 2. Aufl. II. S. 208. Vgl. auch das Citat aus Schleiermacher (ebend. S. 214, Anm..1). Anklänge an die richtige Auffassung der Existentialsatze finden sich schon bei Aristoteles. Doch scheint er nicht zu voller Klarheit über sie gelangt zu sein. In seiner Metaphysik, O, 10 lehrt er, dass, da die Wahrheit des Denkens in seiner Uebereinstimmung mit den Dingen bestehe, die Erkenntniss einfacher Gegenstände im Gegensatze zu anderen Erkenntnissen nicht eine Verbindung oder Trennung von Merkmalen, sondern ein einfaches Denken, ein Wahrnehmen (er nennt es Berühren, ^9t,y€lv) sein müsse. In der Schrift „De Interpretatione** (Cap, 3) spricht er klar aus, dass das,,Sein^' der Copula nicht etwas für sich bedeute wie ein Namen, sondern nur den Ausdruck eines Urtheils ergänze, und von diesem „Sein" der Copula hat er das „Sein** im Existentialsatze nie als etwas wesentlich Anderes, und als etwas, was schon für sich eine Bedeutung habe, unterschieden. Zeller sagt mit Recht: „Dass jeder Satz, selbst der Existentialsatz, logisch betrachtet aus drei Bestandtheilen besteht, sagt Aristoteles nirgends.'* Und er macht darauf aufmerksam, wie vielmehr Manches eine entgegengesetzte Ansicht bei Aristoteles erkennen lasse. (Philos. d. Griechen II. 2. S. 158, Anm. 2.)

Wäre dies richtig, so würde Aristoteles hiedurch nicht hinter der Lehre der gewöhnlichen späteren Logik zurückstehen, wie Zeller zu glauben scheint, sondern im Gegentheile hier wie in manchem anderen Punkte eine richtigere Anschauung anticipirt haben. (Man vgl. auch die Reproduction der Aristotelischen Lehre bei Thomas von Aquin, Summ.

282 Bach 11. Von den psycIiiBcheii Phänomenen im Allgemeinen.

hinzukommen, vollkommen richtig. Wenn sie glauben, dass das „ist" und „ist nicht" im Existentialsatze etwas filr sich allein bezeichne, dass es die Vorstellung des Prädicats „Existenz" zu der Voratellui^ des Subjects hinzubringe, um beide mit einander zu verknüpfen: so erkennen sie dagegen hinsichtlich der Copula an, dasa sie, für sich allein genommen ohne alle Bedeutung, nur den Ausdruck von Vorstellungen zum Ausdrucke eines anerkennenden oder verwerfenden Urtheils ei^änze. Hören wir z. B. J. St. Mill, der in der Auffossung des Existentlalsatzes unser Gegner ist: „Ein Frädicat und ein Subject", sagt er, „sind alles, was nöthig ist, um ein Urtheil zu bilden. Da wir aber aus der blossen Zusammenstellung zweier Namen nicht ersehen können, dass sie Frädicat und Subject sind, d. b. dass das eine von dem anderen behauptet oder verneint werden soll, so muss ein Modus oder eine Form da sein, woraus sieb das erkennen lässt, irgend ein Zeichen, um eine Prädication von jeder anderen Redeform zu unterscheiden...Diese Function wird bei einer Affirmation gewöhnlich von dem Worte „ist", bei einer Kegation von „ist nicht" oder durch einen anderen Theil des Zeitwortes „sein" (Ibemommen. Ein solches als Zeichen der Prädication dienendes Wort wird Copula genannt^)." Von diesem „ist" oder „ist nicht" der Copula unterscheidet er dann ausdrUckhch da^enige, welches den Begiiff der Existenz in seiner Bedeutung einsehliesse. Das ist die Lehre nicht allein von Mill, sondern man darf sagen von Allen, welche in der Auffassung des Existentialsatzes nicht mit uns übereinstimmen. Ausser von Logikern findet man sie auch von Grammatikern und Lexicographen vertreten *). Und wenn J.

St. Mill erst James Mill diese Auffassung klar entwickeln lässt ^), so ist er sehr im Unrecht. Er hätte sie z. B. in der Logik von Port Boyal schon ganz ebenso dargelegt finden können ').

') Ded u. Induct. Logik. Uebera. v. Schiel, I. S. 9S. *) Vgl B. B. Heyae's Wörterbuch der Deutschen Sprache. ') Ebend. S. 9ä. ') Logique oa t'Art de Fenser, II. Partie, Cbap. 3.

Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 283 Wohlan denn, — es bedarf nicht mehr als dieses Zugeständnisses, welches unsere Gegner allgemein in Betreff der Copula machen, um daraus mit Nothwendigkeit zu folgern, dass auch dem „ist" und „ist nicht** des Existentialsatzes keine andere Function zugeschrieben werden könne. Denn aufs Deutlichste lässt sich zeigen, dass jeder kategorische Satz ohne irgend welche A ender ung des Sinnes in einen Existentialsatz übersetzt werden kann, und dass dann das „ist" und „ist nicht" des Existentialsatzes an die Stelle der Copula tritt.

Ich will dies an einigen Beispielen nachweisen.

Der kategorische Satz „irgend ein Mensch ist krank'' hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein kranker Mensch ist" oder „es gibt einen kranken Menschen".

Der kategorische Satz „kein Stein ist lebendig" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein lebendiger Stein ist nicht" oder „es gibt nicht einen lebendigen Stein".

Der kategorische Satz „alle Menschen sind sterblich" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz..ein unsterblicher Mensch ist nicht" oder „es gibt nicht einen unsterblichen Menschen*' *).

Der kategorische Satz „irgend ein Mensch ist nicht gelehrt" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein ungelehrter Mensch ist*' oder „es gibt einen ungelehrten Menschen'*.

Da in den vier Beispielen, die ich wählte, die sämmtlichen vier Classen von kategorischen Urtheilen, welche die Logiker zu unterscheiden pflegen ^), vertreten sind, so ist die ^) Die gewöhnliche Logik erklärt, die Urtheile „alle Menschen sind sterblich'^ und „kein Mensch ist nicht sterblich'^ für aequipollent (vgl. z. B. Ucberweg, Logik, Th. 5. §. 90. 2. Aufl. S. 235); in W^ahrheit sind sie identisch.

*) Die particulär bejahenden, die allgemein verneinenden, und die irrthümlich sogenannten allgemein bejahend^^n und particulär verneinenden. In Wahrheit ist, wie die obige Rückführung auf die existeutiale F*ormel deutlich erkennen lässt, kein bejahendes Urtheil allgemein (es müsste denn ein Urtheil mit individueller Materie allgemein genannt werden) und kein verneinendes Urtheil particulär.

284 Buch IT. Von den pgychiEchen PMaoraeuen im Allgeraeinen.

Möglichkeit der sprachlichen Umwandlung der kategorischen Sätze in Existentialsätze dadutch allgemein erniesen; und es ist deutlich, däss das „ist" und „ist nicht" des Existentialsatzes nichts als ein AequiTalent der Copula, also kein Prädicat, und filr sich allein genommen gänzlich bedeutiiugslos ist.

Doch ist die von uns gegebene Rückführung der vier kategorischen Sätze auf Existentialsätze auch wirklich richtig? Gerade von Seiten Herbart's, den wir zuvor als Zeugen anriefen, würde sie vielleicht beanstandet werden. Denn seine Auffassung der kategorischen Sätze war von der unserigen völlig verachieden. Er glaubte, dass jeder kategorische Satz ein hypothetisches Urtheil ausdriicke, dass das Prädicat nur unter einer gewissen Voraussetzung, nämlich unter Voraussetzung der Existenz des Subjects, demselben zu- oder abgesprochen werde. Gerade darauf gründete er seinen Beweisversuch daMr, dass der Existentialsatz nicht als ein kategoriselier Satz gefasst werden dürfe ^). Nach uns dagegen entspiicht der kategorische Satz einem Urtheile, das man ebensogut in der existentialen Formel aussprechen kann, und die in Wahrheit affirmativen kategorischen Sätze enthalten einschliesslich die Anerkennung des Subjectes^). Allein, so sehr wir die Ansieht Herbart's über das „Sein" des Existcntialsatzes billigen, so wenig können wir mit seiner Deduction derselben uns einverstanden erklären. Vielmehr acheint mis diese ein Beispiel, das in ausgezeichneter Weise die Bemerkung des Aristoteles bestätigt, dass irrige Prämissen zu einem richtigen Sclilusssatze fuhren können. Es ist eine starke, ja ') Die in Wahrheit afSrmativeD aiad nach dem, wels in einer voraiifgebenden Note bemerkt worden ist, das sogenannte particulSr be-.(ahende und das sogenannte particuläi verneinende. Die in Wahrheit negativen Behauptungen, zu nelchen auch die allgemein bejahenden gehören, eotbalteii selbstverständlich nicht die Anerkennung des Subjects, da sie ja überhaupt nicht etwas anerkennen, sondern verwerfen. Warum sie auch nicht die Verwerfung des Subjects enthalten, z^gt eine frühere Erörterung (S. 277).

u CapitelT. Vorstellung u.Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 285 unmögliche Zumuthung, zu glauben, dass der Satz „ii'g^iid ein Mensch geht spaziren" oder auch der oben angeführte „irgend ein Mensch ist krank" die stillschweigende Voraussetzung „wenn es nämlich einen Menschen gibt" enthalte. Und ebenso ist es nicht bloss nicht richtig, sondern es hat auch nicht den mindesten Schein für sich, dass der Satz „irgend ein Mensch' ist nicht gelehrt" diese Voraussetzung mache. Bei dem Satze „kein Stein ist lebendig" wüsste ich gar nicht, was die Beschränkung „wenn es nämlich einen Stein gibt" für eine Bedeutung haben sollte. Wenn es keinen Stein gäbe, so wäre es ja sicher eben so richtig, dass es keinen lebendigen Stein gibt, als jetzt, da Steine existiren.

Nur bei dem Beispiele „alle Menschen sind sterblich", einem von den gewöhnlich sogenannten allgemein bejahenden Sätzen, hat es allerdings einen gewissen Schein, als ob eine beschränkende Bedingung darin enthalten sei. Er scheint die Verbindung von „Mensch" und „sterblich" zu behaupten. Diese Verbindung von Mensch und sterblich besteht offenbar nicht, wenn kein Mensch besteht. Und doch lässt sich aus dem Satze „alle Menschen sind sterblich" die Existenz eines Menschen nicht erschliessen. Somit scheint er die Verbindung von Mensch und sterblich nur unter der Voraussetzung der Existenz eines Menschen zu behaupten. Doch ein Blick auf den diesem kategorischen Satze äquivalenten Existentialsatz löst die ganze Schwierigkeit. Er zeigt, dass der Satz in Wahrheit keine Bejahung, sondern eine Verneinung ist, und darum gilt von ihm Aehnliches wie das, was wir so eben über den Satz „kein Stein ist lebendig" bemerkten.

Wenn ich übrigens die Lehre Herbart's, dass alle kategorischen Sätze hypothetische Sätze seien, hier behämpfte, so that ich.es nur, um meine oben gegebenen Uebersetzungen in Existentialsätze im Einzelnen zu rechtfertigen, nicht aber, weil in dem Falle, dass Herbart Recht hätte, eine solche Rückführung unmöglich sein würde. Im Gegentheile gilt von den hypothetischen Sätzen dasselbe, was ich von den kategorischen sagte; auch sie lassen sich sämmtlich in die existentiale Formel kleiden, und es ergibt sich dann, dass sie r 286 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemein^.

lauter verneinende Behauptungen sind. Ein Beispiel wird genügen, um zu zeigen, wie dasselbe Urtheil ohne die geringste Veränderung sowohl in der Formel eines hypothetischen als in der eines kategorischen und eines Existentialsatzes ausgesprochen werden kann. Der Satz „wenn ein Mensch schlecht handelt, schädigt er sich selbst" ist ein hypothetischer Satz. Er ist aber dem Sinne nach derselbe wie der kategorische Satz „alle schlechthandelnden Menschen schädigen sich selbst". Und dieser wiederum hat keine andere Bedeutung als der Existentialsatz „ein sich selbst nicht schädigender schlechthandelnder Mensch ist nicht" oder, etwas gefälliger ausgedrückt, „es gibt keinen sich selbst nicht schädigenden schlechthandelnden Menschen". Die schwerfällige Gestalt, die der Ausdruck des Urtheils in der existentialen Formel erhält, macht es sehr begreiflich, warum die Sprache ausser ihr auch andere syntaktische Einkleidungen erfunden hat, aber mehr als ein Unterschied sprachlichen Ausdruckes liegt in der Verschiedenheit der drei Sätze nicht vor, obwohl der berühmte Philosoph von Königsberg sich verleiten liess, um derartiger Verschiedenheiten willen fundamentale Unterschiede der Urtheile anzunehmen, und besondere apriorische Kategorien auf diese „Relation der Urtheile" zu gründen.

Die Eückführbarkeit der kategorischen, ja die Rückfuhrbarkeit aller Sätze, welche ein Urtheil ausdrücken, auf Existentialsätze ist also zweifellos i). Und dieses dient in doppelter *) Es gibt noch gewisse Fälle, in welchen eine solche Rückftihrbarkeit aus specielleren Gründen beanstandet werden könnte. Obwohl ich ihretwegen den Gang der Untersuchung im Texte nicht aufhalten will (denn Mancher wird sich von vorn herein wenig daran stossen)« so scheint es mir doch andererseits gut, sie wenigstens in einer Anmerkung zu berücksichtigen. J. St. Miil, wo er in seiner Logik die verschiedene Natur des „Seins** der Copula und des „Seins" des Existentialsatz es, welches nach ihm den Begriff der Existenz einschliesst, klar machen will, beruft sich zur Verdeutlichung auf den Satz,,ein Centaur ist eine Erfindung der Poeten'*. Dieser, sagt er, könne unmöglich eine Existenz aussagen, da vielmehr im Gegentheil daraus hervorgehe, dass das Subject kein reales Dasein besitze. (Buch I. Cap. 4. §. 1.) Ein auderesmal führt er zu ähnlichem Zwecke den Satz ^ Capite] 7. Vorstellung u.ürtheil zwei verschiedene Grandclassen. 287 Weise die irrige Meinung derjenigen zu widerlegen, welche den wesentlichen Unterschied des Urtheils von der Vorstellung an:,^upiter ist ein Non-£ns'S In der Tbat sind diese Sätze von der Art, dasB bei ihnen die Bückführbarkeit auf existentiale Sätze am Wenigsten möglich scheint. Im Briefwechsel mit Mill hatte ich einmal die Frage über die Existentialsätze zur Sprache gebracht, und namentlich auch die Möglichkeit der Zurückfährung einer jeden Aussage auf einen Existentialsatz dagegen geltend gemacht, dass das „Sein** desselben sich zu dem der Copula so, wie er glaubte, verhalte.

In seiner Antwort beharrte Mill auf seiner alten Auffassung. Und obwohl er nicht ausdrücklich der von mir dargelegten Bückführbarkeit aller anderen Aussagen auf existentiale widersprach, so vermuthete ich doch, ich möge diesen Punkt meiner Beweisführung ihm nicht genugsam einleuchtend gemacht haben. Ich kam darum nochmals auf ihn zurück und besprach auch speciell die Beispiele in seiner Logik. Da ich unter meinen Papieren gerade ein Brouillon des Briefes finde, s6 will ich die kleine Erörterung hier wörtlich wiederholen. „Es dürfte'*, schrieb ich, „nicht undienlioh sein, wenn ich die Möglichkeit einer solchen Reduction speciell an einem Satze zeige, welchen Sie in Ihrer Logik so zu sagen als ein Beispiel, an dem das Gegentheil ersichtlich sei, anführen. Der Satz, „ein Centaur ist eine Erfindung der Poeten** verlangt, wie Sie mit Recht bemerken, nicht, dass ein Centaur existire, vielmehr das Gegentheil. Allein er verlangt, um wahr zu sein, wenigstens dass etwas Anderes existire, nämlich eine Fiction der Poeten, die in einer besonderen Weise Theile des menschlichen Organismus und Theile des Pferdes verbindet. Wenn es keine Fiction der Poeten gäbe, und wenn es keinen von den Poeten fingirten Centauren gäbe, so wäre der Satz falsch; und seine Bedeutung ist thatsächlich keine andere als die, „es gibt eine poetische Fiction, welche einen menschlichen Oberleib mit dem Rumpfe eines Pferdes zu einem lebenden Wesen vereinigt denkt**, oder (was dasselbe sagt) „es gibt einen von den