Poeten fingirten Centauren**. Aehnliches gilt, wenn ich sage, Jur piter sei ein Non-Ens, d. h. wohl, er sei etwas, was bloss in der Einbildung, nicht aber in Wirklichkeit bestehe. Die Wahrheit des Satzes verlangt nicht, dass es einen Jupiter, wohl aber, dass es etwas Anderes gebe.
Gäbe es nicht etwas, was bloss in der Vorstellung existirte, so wäre der Satz nicht wahr. — Der besondere Grund, warum man bei Sätzen wie „der Centaur ist eine Fiction** geneigt ist, ihre Bückführbarkeit auf Existentialsätze anzuzweifeln, liegt in einem, wie mir scheint, von den Logikern bisher übersehenen Verhältniss ihrer Prädicate zu ihren Subjecten. Aehnlich wie die Adjectiva für das ihnen beigefügte Substantiv, sind auch die Prädicate für das mit ihnen yer- 288 Buch IF. Von den ptjchischen PUnomenen im Allgemeineit.
darin finden wollten, dass es eine Verbindung von Merkmalen zum Inhalte habe. Einm^ tritt bei der RQckfUhrui^ des bnndene Suliject gewöbnlicli etwas, was den Begriff durch neue Bestimmungen bereichert, manchmal aber etwas, was ihn modificirt. Das Erste gilt z. B., wenn ich sage „ein Mensch ist gelehrt"; das Zn-eite, wenn ich sage „ein Mensch ist todt'*. Ein gelehrter Mensch ist ein Menecb; ein todter Mensch ist aber kein Mensch. So setzt denn der Sati,,ein t^ter MeuBch ist*' nicht, um wahr zu sein, die Existenz einea Menschen, sondern nur die eines todten Menschen voraua; und ähnlich fordert der Sftta „ein Centaur ist eine Fiction" nicht, dass es einen Centauien, sondern einen fingitten Centauren, d. i. die Fiction eines Ccntanren gebe, u. s. f." Vielleicht dient diese Erklärung dazu, ein Bedenken, das.in Jemand entstanden sein konnte, zu beseitigen. Was Mill selbst betrifft, so zeigte es sich, dass sie bei ihm gar nicht nöthig gewesen wSre, denn er antwortete mir unter dem 6. Februar 1873: ),Vou did not, as yoa seem to suppose fall to convince me of the invariable convertibility of all categorical affiitoaüve propositions iuto predications of eiistence (er meint affiruiaUve Existentialaätze, die ich natürlich nicht als „Prädicatlonen von Existenz'' bezdchnet hatte). The Suggestion was new to me, but 1 at once saw its truth when poibted out. It is not on that point that onr difference binges et£."
Dass Mill trotz der zugestandenen Bückfiihrharkeit aller kategorischen SAtze auf Existentialaätze seine Meinung, das „ist" und „ist nicht" in ihnen enthalte einen Prädicatsbcgriff „Existenz" wie früher festhielt, zeigt sich schon in der mitgetheilten Stelle seines Briefes, und er sprach es in dem darauf Folgenden noch entschiedener aus. Wie er aber da. bei an seiner Lehre tos der Copula festhalten könne, zeigte er nicht. Conseqnent hätte er sie aufgeben und überhaupt noch Vieles in seiner Logik (wie z. B, Buch I. Cap. 5. §. 5) wesentlich umbilden müssen. Ich hoffte, im Frühsonuner seiner Einladung nach Avignon folgend, über diese wie über andere zwischen nns schwebende Fragen mündlich mich leichter mit ihm verständigen zu können, und urgirtc den Punkt nicht weiter. Doch sein plötzlicher Tod vereitelte meine Hoffnungen.
Nur noch eine kurze Bemeritung will ich meiner Erörterung gegen Mill beifügen. Die Sätze von der.Art wie „ein Mensch ist todt'' sind im wahren Sinne des Wortes gar nicht kategorisch zu nennen, weil todt kein Attribut, sondern, wie gesagt, eine Modification des Subjectes enthält. Was würde einer zu dem kategorischen Schlüsse sagen: „alle Menschen sind lebende Wesen; irgend ein Mensch ist todt; also ist irgend ein Todtes ein lebendes Wesen"? Er wäre aber, nenn die Minor ein wahrer kategorischer Satz wäre, ein gültiger Schluss der dritten Figur. Wollten wir nun mit Kant, solchen verschiedenen Capitel 7. Vorstellung n Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 289 kategorischen auf den Existentialsatz das „Sein'' des Existentialsatzes an die Stelle der Gopula und lässt so erkennen, dass es so wenig wie diese ein Prädicat enthält. Dann sieht man recht anschaulich, wie die Verbindung mehrerer Glieder, die man für die allgemeine und besondere Natur der Urtheile so wesentlich glaubte, die Combination von Subject und Prädicat, von Antecedens und Consequens u. s. f., in Wahrheit nichts anderes als Sache des sprachlichen Ausdruckes ist.
Hätte man dies von Anfang erkannt, so wäre wohl Niemand auf den Gedanken gekommen, Vorstellungen und Urtheile dadurch zu unterscheiden, dass der Inhalt der ersteren ein einfacher, der Inhalt der letzteren ein zusammengesetzter Gedanken sei. Denn in Wahrheit besteht hinsichtlich des Inhaltes nicht der geringste Unterschied. Der Bejahende, der Verneinende und der ungewiss Fragende haben denselben Gegenstand im Bewusstsein; der letzte, indem er ihn bloss vorstellt, die beiden ersten, indem sie ihn zugleich vorstellen und anerkennen oder verwerfen. Und jedes Object, das Inhalt einer Vorstellung ist, kann unter Umständen auch Inhalt eines Urtheils werden.
§. 8. Ueberblicken wir noch einmal rasch den Gang unserer Untersuchung in seinen wesentlichsten Momenten* Wir sagten, wenn man nicht zugebe, dass zwischen Vorstellung und Urtheil ein Unterschied wie zwischen Vorstellung und Begehren, d. h. ein Unterschied in der Weise der Beziehung zum Gegenstand bestehe, so leugne doch Niemand, dass irgend ein Unterschied zwischen beiden anerkannt werden müsse. Ein bloss äusserer Unterschied, eine blosse Verschiedenheit in den Ursachen oder Folgen könne aber Aussageformeln entsprechend, verschiedene Classen von,36^ft^^<^°'' ^^^ Urtheile annehmen, so hätten wir hier wieder neue,,transcendentale*' Entdeckungen zu machen. In Wahrheit ist aber die besondere Aussageformel leicht abgestreift, indem der £xistentialsatz „es gibt einen todten Menschen" ganz und gar dasselbe besagt. Und somit, hoffe ich, wird man endlich einmal aufhören, hier sprachliche Unterschiede mit Unterschieden des Denkens zu verwechseln.
Brentano, Psychologie. I. 19 290 Buch II. Von d«n psychiBchen Phänomenen im Allgemeinen.
\ dieser Unterschied offenbar nicht sein. Vielmehr sei er, wenn \ man die Verschiedenheit der Beziehoogaweisen ausschliesse, nur in zweifacher Art denkbar; entweder aia ein Unterschied in dem, was gedacht wird, oder als ein Unterschied der ^ Intensität, mit welcher es gedacht wird. Wir prüften beide Hypothesen. Die zweite erwies sich sofort als hinfällig. Aber auch die erste, zu der man zunächst eher geneigt sein konnte, zeigte sich bei näherer Betrachtung als völlig anhaltbar. Wenn eine noch immer sehr gewöhnliche Meinung dahin geht, dass die Vorstellung auf einen einfacheren, das Urtheil auf einen zusammengesetzteren Gegenstand, auf eine Verbindung oder Trennung gehe, so wiesen wir dagegen nach, dass auch blosse Vorstellungen diese zusammengesetzteren Gegenstände, und andererseits auch Urtheile jene einfacheren Gegenstände zum Inhalte haben. Wir zeigten, dass die Verbindung von Subject und Prädicat und andere derartige Combinationen durchaus nicht zum "Wesen des Urtheils gehören. Wir begründeten dies durch Betrachtung des affir-; mativen wie negativen Existentialsatzes; wir bestätigten es durch den Hinweis auf unsere Wahrnehmungen und insbesondere unsere ersten Wahrnehmungen, und endlich durch die Rückführung der kategorischen, ja aller Arten von Aussagen auf Existentialsätze. So wenig also ein Unterschied der Intensität, so wenig kann ein Unterschied des Inhaltes es sein, was die Eigenthümhchkeit des Urtheils gegenüber der Vorstellung ausmacht. Somit bleibt nichts Anderes übrig als, wie wir es gethan, die Eigenthümlichkeit des Urtheils als eine Besonderheit in der Beziehung auf den immanenten Gegenstand zu begreifen.
§. 9. Ich glaube, die eben beendete Erörterung ist eine kräftige Bestätigung unserer These; so zwar, dass sie jeden Zweifel daran niederschlägt. Dennoch wollen wir wegen der fundamentalen Bedeutung der Frage den Unterschied von Vorstellung und Urtheil nochmals und von einer anderen Seite her beleuchten. Denn nicht bloss die Unmöghchkeit sonstwie von ihm Rechenschaft zu geben, auch, vieles Andere Capitel 7. Vorstellung u.ürtheü zwei verschiedene Grunddassen. 291 weist uns auf die Wahrheit hin, die nach unserer Behauptung unmittelbar in der inneren Erfahrung vorliegt.
Vergleichen wir zu diesem Zwecke das Verhältniss von Vorstellung und Urtheil mit dem Verhältniss zwischen zwei Classen von Phänomenen, deren tiefgreifende Verschiedenheit in der Beziehung zum Object ausser Frage steht: nämlich mit dem Verhältniss zwischen Vorstellungen und Phänomenen von Liebe oder Hass. So sicher es ist, dass ein Gegenstand, der zugleich vorgestellt und geliebt, oder zugleich vorgestellt und gehasst wird, in zweifacher Weise intentional im Bewusstsein ist: so sicher gilt dasselbe auch in Betreff eines Gegenstandes, den wir zugleich vorstellen und anerkennen, oder zugleich vorstellen und leugnen.
Alle Umstände sind hier und dort analog; alle zeigen, dass wenn in dem einen auch in dem an^deren Falle eine zweite, grundverschiedene Weise des Bewusstseins zu der ersten hinzugekommen ist.
Betrachten wir dies im Einzelnen.
Zwischen Vorstellungen finden wir keine Gegensätze ausser die der Objecto, die in ihnen aufgenommen sind. Insofern Warm und Kalt, Licht und Dunkel, hoher und tiefer Ton u. dgL Gegensätze bilden, können wir die Vorstellung des einen und des anderen entgegengesetzte nennen; und in einem anderen Sinne findet sich überhaupt auf dem ganzen Gebiete dieser Seelenthätigkeiten kein Gegensatz.
Indem Liebe und Hass hinzutreten, tritt eine ganz andere Art von Gegensätzen auf. Ihr Gegensatz ist kein Gegensatz zwischen den Objecten, denn derselbe Gegenstand kann geliebt oder gehasst werden: er ist ein Gegensatz zwischen den Beziehungen zum Object; gewiss ein deutliches Zeichen, dass wir es hier mit einer Classe von Phänomenen zu thun haben, bei welchen der Charakter der Beziehung zum Object ein drfrchaus anderer als bei den Vorstellungen ist.
Ein ganz analoger Gegensatz tritt aber unverkennbar auch dann in dem Bereiche der Seelenerscheinungen auf, wenn nicht Liebe und Hass, sondern Anerkennung und Leugnung auf die vorgestellten Gegenstände sich richten.
l'ifvf.'« >■ 292 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Ferner. In den Vorstellungen findet sich keine Intensität ausser der grösseren oder geringeren Schärfe und Lebhaftigkeit der Erscheinung.
Indem Liebe und Hass hinzukommen, kommt eine ganz :& neue Gattung von Intensität hinzu, die grössere oder geringere Energie, die Heftigkeit oder Mässigung in der Gewalt dieser 'X ' Gefühle.
In ganz analoger Weise finden' wir aber auch eine voUkonmien neue Gattung von Intensität in dem zur Vorstellung hinzutretenden Urtheile. Denn das grössere oder geringere Maass von Gewissheit in üeberzeugung oder Meinung ist offenbar nichts, was dem Unterschiede in der Stärke der Vorstellungen verwandter genannt^ werden könnte als der Unterschied in der Stärke der Liebe.
Noch mehr. In den Vorstellungen wohnt keine Tugend und keine sittliche Schlechtigkeit, keine Erkenntniss und kein Irrthu'm. Das Alles ist ihnen innerlich fremd, und höchstens in homonymer Weise können wir eine Vorstellung sittlich gut oder schlecht, wahr oder falsch nennen; wie z. B. eine Vorstellung schlecht genannt wird, weil wer das Vorgestellte liebte sündigen, und eine andere falsch, weil wer das Vorgestellte anerkennte irren ^ würde; oder auch, weil in der Vorstellung eine Gefahr zu jener Liebe, eine Gefahr zu dieser Anerkennung gegeben ist ^).
Das Gebiet der Liebe und des Hasses zeigt uns also eine ganz neue Gattung von Vollkommenheit und Unvollkommenheit, von welcher das Gebiet der Vorstellung nicht die leiseste Spur enthält. Indem Liebe und Hass zu den Vorstellungsphänomenen sich gesellen, tritt — wenigstens häufig, und da wo es sich um zurechnungsfähige psychische Wesen handelt — das sittlich Gute und Böse in das Reich der Seelenthätigkeit ein.
^) Vgl., was schon Aristoteles in dieser Hinsicht bemerkt hat, in meiner Abhandlung „Von der Mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles'^ S. 31 f.
L.
Doch auch hier gilt in Bezug auf das Urtheil Aehnliches. Denn die andere eben so neue und wichtige Gattung von VoDkommenheit und ünvoUkommenheit, an der, wie wir sagten, kein blosses Vorstellen Theil hat, ist in ähnlicher Weise das Eigenthum des Gebietes des Urtheils wie die erstgenannte das Eigenthum des Gebietes der Liebe und des Hasses ist. Wie die Liebe und der Hass Tugend oder Schlechtigkeit sind, so sind die Anerkennung oder Leugnung Erkenntniss oder Irrthum.
EndUch noch Eines. Obwohl von den Gesetzen des Vorstellungslaufes nicht unabhängig, unterliegen doch Liebe und Hass, als eine besondere, in der ganzen Weise des Bewusstseins grundverschiedene Gattung von Phänomenen, noch besonderen Gesetzen der Succession undEntwickeiung, welche vornehmlich die psychologische Grundlage der Ethik ausmachen. Sehr häufig wird ein Gegenstand wegen eines anderen geliebt und gehasst, während er an und für sich in keiner von beiden Weisen» oder vielleicht nur in einer entgegengesetzten uns bewegen würde. Und oft haftet die Liebe, einmal in dieser Weise übertragen, ohne Rücksicht auf den Ursprung bleibend an dem neuen Objecte.
Auch in dieser Hinsicht aber finden wir eine ganz analoge Thatsache bei den Urtheilen. Auch bei ihnen kommen zu den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungslaufes, deren Einfluss auf dem Gebiete des Urtheils nicht zu verkennen ist, noch besondere Gesetze hinzu, die spedell für die Urtheile Geltung haben, und in ähnlicher Beziehung zur Logik, wie die Gesetze der Liebe und des Hasses zur Ethik, stehen. Wie eine Liebe aus der anderen nach besonderen Gesetzen entsteht, so wird e i n Urtheil aus dem anderen nach besonderen Gesetzen gefolgert.
So sagt denn mit Recht J. St. Mill in seiner Logik der Geisteswissenschaften: „In Betreff des Glaubens werden die Psychologen immer durch specifisches Studium nach den Regeln der Induction zu untersuchen haben, welchen Glauben wir durch unmittelbares Bewusstsein haben, und nach welchen Gesetzen ein Glauben den anderen erzeugt; 294 Boch 11. Von den pBycUBchen Phänomenen im Allgemeinen.
welches die Gesetze sind kraft deren ein Ding, mit Recht oder mit Unrecht, von unserem Geiste als Beweis für ein anderes Ding angesehen wird. In Bezug auf das Begehren werden sie ebenso zu untersuchen haben, welche Gegenstände wir ursprünglich begehren, und welche Ursachen uns dazu fahren, Dinge zu begehren, die uns ursprunglich gleichgültig oder sogar unangenehm sind u. s. w."'). Dem entsprechend verwirft er in seinen Noten zur Analyse von James Mill nicht bloss die Ansicht des Verfassers so wie Herbert Spencer's, dass der Glauben in einer untrennbar festen Association von Vorstellungen bestehe, sondern er leugnet auch, dass, wie diese beiden Denker nothwendig annehmen mussten, der Glauben nur nach den Gesetzen der Ideenassociation sich bilde. „Wäre dies der Fall", sagt er, „so würde das förwahr-Halten eine Sache der Gewohnheit und des Zufalls und nicht der Vernunft sein. Sicher ist eine Association zwischen zwei Vorstellungen, so stark sie auch sem mag, kein hinreichender Grund des für-wahr-Haltens; sie ist kein Beweis dafür, dass die betreffenden Thatsachen in der äusseren Natur verbunden sind. Die Theorie scheint jeden Unterschied autzuheben zwischen dem für-wahr-HaJten des Weisen, welches durch Beweisgründe geleitet wird und den wirklichen Successionen und Coesistenzen der lliatsachen in der Welt entspricht, und dem für-wahr-Halten eines Thoren, welches durch irgendwelche zufällige Association, welche die Vorstellung einer Succession oder Coexistenz in dem Geiste hervorruft, mechanisch hervorgebracht worden ist, einem fiirwahr-HaJten, das treffend charakterisirt wird durch die gemeinübliche Bezeichnung, etwas für-wahr-Halten, weil man es sich in den Kopf gesetzt hat" *).
Es wäre überflüssig jetzt länger bei einem Punkte zu verweilen, der genügend klar und, mit geringen Ausnahmen, auch von allen Denkern anerkannt wird. Spätere Erörterungen werden das, was hier über die besonderen Gesetze der ') Ded, u. Ind. Logik ß. VI. Cap. 4. §.
Capitel 7. Vorstellung u. ürtheil zwei verschiedene Grundclassen. 295 TJrtheile und der Gemüthsbewegungen gesagt worden ist, noch mehr in's Licht setzen^).
Unser Ergebniss ist also dieses: Aus der Analogie aller begleitenden Verhältnisse ist aufs Neue ersichtlich, dass, wenn zwischen Vorstellung und Liebe, und überhaupt irgend*-wo zwischen zwei verschiedenen psychischen Phänomenen, auch zwischen Vorstellung und Urtheil eine fundamentale Verschiedenheit der Beziehung zum Objecte angenommen werden muss.
§. 10. Fassen wir die Beweisgründe für diese Wahrheit kurz zusammen, so sind es folgende: Erstens zeigt die innere Erfahrung unmittelbar die Verschiedenheit in der Beziehung auf den Inhalt, die wir für Vorstellung und Urtheü behaupten.
Zweitens würde, wenn nicht ein solcher, überhaupt kein Unterschied zwischen ihnen bestehen. Weder die Annahme einer verschiedenen Intensität, noch die Annahme eines verschiedenen Inhaltes für die blosse Vorstellung und das Urtheil ist haltbar.
Drittens endlich findet man, wenn man den Unterschied von Vorstellung und Urtheil mit anderen Fällen psychischer Unterschiede vergleicht, dass von allen Eigenthümlichkeiten, welche sich anderwärts zeigen wo das Bewusstsein in völlig verschiedenen Weisen zu einem Gegenstande in Beziehung tritt, auch hier nicht eine einzige mangelt. Also, wenn nicht hier, so dürften wir wohl auch in keinem anderen Falle einen solchen Unterschied auf psychischem Gebiete anerkennen.
§.11. Es bleibt uns nun noch eine Aufgabe zu lösen. Ausser dem Irrthum in der gewöhnlichen Ansicht müssen wir auch den Anlass des Irrthums nachweisen.
Die Ursachen der Täuschung waren, wie mir scheint, von doppelter Art. Der eine Grund war ein psychischer, d.h.
^) Buch IV und V.
296 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
eine psychische Thatsache, welche die Täuschung begünstigte; der andere ein sprachlicher.
Der psychische Grund scheint mir vorzüglich darin zu liegen, dass in jedem Acte des Bewusstseins, so einfach er auch sein mag, wie z. B. in dem, worin. ich einen Ton vorstelle, nicht bloss eine Vorstellung, sondern zugleich auch ein Urtheil, eine Erkenntniss beschlostsen ist. Es ist dies die Erkenntniss des psychischen Phänomens im inneren Bewusstsein, deren Allgemeinheit wir früher nachwiesen^). Dieser Umstand, der manche Denker dazu veranlasst hat, alle psychischen Phänomene unter den BegriflF des Erkennens als unter eine einheitliche Gattung zu subsumiren, hat andere bestimmt, wenigstens Vorstellung und Urtheil, weil sie nie getrennt erscheinen, in Eins zu fassen, ind6m sie hur für die Phänomene, die, wie Gefühle und Bestrebungen, in besonderen Fällen hinzukommen, besondere neue Classen aufstellten.
Ich brauche, um diese Bemerkung zu bestätigen, nur eine schon früher einmal angezogene Stelle aus Hamilton's Vorlesungen in Erinnerung zu bringen. „Es ist offenbar", sagte er, „dass jedes psychische Phänomen entweder ein Act der Erkenntniss oder einzig und allein durch einen Act der Erkenntniss möglich ist, denn das innere Bewusstsein ist eine Erkenntniss; und dies ist der Grund, wesshalb viele Philosophen — wie Descartes, Leibnitz, Spinoza, Wolff, Platner u. A. — dazu geführt wurden, die vorsteDende Fähigkeit, wie sie sie nannten, die Fähigkeit der Erkenntniss, als das Grundvermögen der Seele zu betrachten, von dem alle anderen sich ableiteten. Die Antwort darauf ist leicht. Jene Philosophen beachteten nicht, dass obwohl Lust und Unlust, Begierde und Willen bloss sind, insofern sie als seiend erkannt werden, dennoch in diesen Modificationen ein absolut neues Phänomen hinzugekommen ist, welches nie in der blossen Fähigkeit der Erkenntniss enthalten war, und daher auch nie daraus entwickelt werden konnte. Die Fähigkeit der Erkennt- ') Buch II. Cap. 3.
CapitelT. Vorstellung u. ürtheil zwei verschiedene Crrandclasseu. 297 niss ist sicher die erste der Ordnung nach und insofern die conditio sine qua non der übrigen u. s. w." ^) Wir sehen, weil kein psychisches Phänomen möglich ist, ausser insofern es von ii^nerer Erkenntniss begleitet ist, so glaubt Hamilton, ein Erkennen sei der Ordnung nach das Erste in uns, und unterscheidet, indem er das Vorstellen mit ihm in Eines fasst, nur noch für Gefühl imd Streben besondere Classen. In der That ist es aber nicht richtig, dass eiiji Erkennen der Ordnung nach das Erste ist, da ein solches zwar, in jedem und darum auch in dem ersten psychischen Acte auftritt, aber nur secundär. Das primäre Object des Actes ist nicht immer erkannt (sonst könnten wir nie etwas falsch beurtheilen) und auch nicht immer beurtheüt (sonst würden die Frage und Untersuchung darüber wegfallen), sondern oft und in den einfachsten Acten nur vorgestellt. Und auch hinsichtlich des secundären Objects bildet die Erkenntniss in gewisser Weise nur das zweite Moment, indem sie wie jedes Urtheil die Vorstellung des Beurtheilten zur Vorbedingung hat, also diese (wenn auch nicht zeitlich, doch der Natur nach) das Frühere ist.
Auf dieselbe Weise, ^ wie Hamilton für die Erkenntniss, könnte man auch für das Gefühl den ersten Platz in der Ordnung der Phänomene in Anspruch nehmen und in Folge davon auch dieses mit Vorstellung und Urtheil confundiren. Denn, wie wir gesehen haben, kommt auch ein Gefühl als secundäres Phänomen in jedem psychischen Acte vor 2). Wenn dieses nicht oder doch nicht so häufig wie die Allgemeinheit der begleitenden inneren Wahrnehmung zu einem ähnlichen Missgriflfe veranlasste: so erklärte sich dies nur daraus, dass einerseits die Allgegenwart der Gefühle nicht so allgemein erkannt wurde; und andererseits gewisse Vorstellungen uns wenigstens relativ gleichgültig lassen, und dieselbe Vorstellung zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen, ja entgegengesetzten Gefühlen begleitet ist^). Die innere ^) Lectures on Metaphysics 1. p. 187. •) Vgl. ebend.
29o Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Wahrnehmung dagegen besteht immer und wechseDos mit derselben Fülle der Ueberzeugung, und wenn sie einem Unterschiede der Intensität unterliegt, so ist es ein solcher der mit einer Intensität des von ihr begleiteten Phänomens in gleichem Grade steigt und fällt ^).
Dies also ist, was ich den psychischen Grund des Irrthums nannte.
§. 12. Zu ihm kommt, wie gesagt, auch ein sprachlicher.
Wir können nicht erwarten, dass Verhältnisse, die sogar scharfsinnigen Denkern der Anlass einer Täuschung wurden, nicht auch auf die gewöhnlichen Ansichten einen Einfluss gewonnen haben sollten. Aus diesen aber erwächst die Sprache des Volkes. Und so müssen wir von vorn herein vermuthen, dass unter den Namen, mit welchen das gemeine Leben die psychischen Thätigkeiten zu bezeichnen pflegt, sich einer finde, welcher auf Vorstellungen wie Urtheile, aber auf kein anderes Phänomen anwendbar, beide wie zu einer einheitlicheti, weiteren Classe gehörig zusammenfasst. Dies zeigt sich in der That. Wir nennen Vorstellen und Urtheilen mit gleicher Ungezwungenheit ein Denken; auf ein Fühlen oder Wollen dagegen können wir den Ausdruck nicht wohl anwenden, ohne der Sprache Gewalt anzuthun. Auch finden wir in fremden Sprachen, antiken wie modernen, Bezeichnungen, die in demselben Umfange gebräuchlich sind.
Wer die Geschichte der wissenschaftlichen Bestrebungen kennt, wird mir nicht widersprechen, wenn ich diesem Umstände einen hindernden Einfluss zuschreibe. Wenn sehr berühmte Philosophen der Neuzeit, ein um das andere Mal, sogar dem Paralogismus der Aequivocation erlegen sind: wie soHte nicht eine Gleichheit der Benennung bei der Classification eines Erscheinungsgebietes verführerisch für sie gewesen sein? Whewell in seiner Geschichte der inductiven Wissenschaften zeigt solche Versehen und andere ihnen verwandte Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Crrundclassen. 299 Fehler in reichen Beispielen; denn wie zu einem. Verbinden, wo keine Gleichheit, so führte die Sprache oft zu einem Unterscheiden, wo keine Verschiedenheit vorlag, und die Scholastiker waren nicht die einzigen, die Distinctionen auf blosse Worte gründeten. Es ist also sehr natürlich, wenn die Homonymie des Namens „Denken" in unserem Falle nachtheilig gewirkt hat.
§. 13. Aber weit mehr ohne Zweifel hat eine andere Eigenheit des sprachlichen Ausdrucks die Erkenntniss des richtigen Verhältnisses erschwert.
Die Aussage eines Urtheils ist, man kann sagen, durchgehends ein Satz, eine Verbindung mehrerer Worte, was sich auch von unserem Standpunkte leicht begreifen lässt. Es hängt damit zusammen, dass eine Vorstellung die Grundlage eines jeden Urtheiles ist, und dass bejahende und verneinende Urtheile hinsichtlich des Inhalts auf den sie sich beziehen übereinstimmen, indem das negative Urtheil nur den Gegenstand leugnet^ den das entsprechende affirmative anerkennt. Obwohl der Ausdruck des Urtheils der vorzügliche Zweck sprachlicher Mittheilung war, so war es daher sehr nahe gelegt, den einfachsten sprachlichen Ausdruck, das einzelne Wort, nicht für sich allein dazu zu verwenden. Benützte man es für sich als den Ausdruck der einem Urtheilspaare gemeinsam zu Grunde liegenden Vorstellung, und fügte man, um Ausdrücke für die Urtheile selbst zu erhalten, eine doppelte Art von Flection oder auch eine doppelte Art von stereotypen Wörtchen (wie „sein" und „nicht sein") hinzu: so ersparte man durch diesen einfachen Kunstgriff dem Gedächtniss die Hälfte der Leistung, indem dieselben Namen in den affirmativen und in den entsprechenden negativen Urtheilen Verwendung fanden. Ausserdem hatte man den Vortheil, bei der Weglassung jener Ergänzungszeichen den Ausdruck einer anderen Glasse von Phänomenen, der Vorstellungen, rein für sich zu besitzen, welcher, da die Vorstellungen auch für Begehren und Fühlen die Grundlage sind, in Fragen, in Ausrufungen, in 300 Buch II. Von den psTcliiechen Phäu^enen im Allgemein en.
Befehlen u. s. f. noch weitere treffliche Dienste leisten konnte.
So konnte es nicht fehlen, dass längst vor den Anfänge» eigentlich wissenschaftlicher Forschung der Ausdruck des Urtheils eine Zusammensetzung aus mehreren unterscheidbaren Bestandtheilen geworden war.
Danach bildete man sich die Ansicht, das TJrtheil selbst müsse ebenfalls eine Zusammensetzung, und zwar — da die Mehrzahl der Worte Namen, Ausdrücke von Vorstellungen, sind — eine Zusammensetzung von Vorstellungen sein ^). Und stand einmal dieses fest, so schien ein unterscheidendes Merkmal des Urtheils von der Vorstellung gegeben, und man fohlte sich nicht au^efordert näher zu untersuchen, ob dies der ganze Unterschied zwischen Vorstellung und Urtheil sein könne, ja ob ihre Verschiedenheit nur irgendwie in dieser Weise sich begreifen lasse.
Nach allem dem vermögen wir es uns recht wohl zu erklären, wesshalb das wahre Verhältniss zwischen zwei fundamental verschiedenen Classen psychischer Erscheinungen so lange Zeit verborgen blieb.
§. 14. Inzwischen hat natürlich die falsche Wurzel mannigfache Schösshnge des Irrthums hervoi^etrieben, welche in weiter Verzweigung nicht bloss über das Gebiet der Psychologie, sondern auch Über das der Metaphysik und Logik sich ausbreiteten. Das ontologische Argument fiir das Dasein Gottes ist nur eine ihrer Früchte, Die gewaltigen Kampfe, welche die mittelalterlichen Schulen über essentia und esse, ja über esse essentiae und esse existentiae führten, geben von den convulsivischen Anstrengungen einer energischen Denkkraft Zeugniss, welche sich müht des unverdaulichen Elementes Herr zu werden. Thomas, Scotus, Occani, Suarez — aDe betheiligen sich lebhaft an dem Kampfe; jeder hat in der Polemik, keiner in seinen positiven Aufetelluiigen ') Man Tergleicbe zum Beleg daB erste Capitel der Arütotelüchen Schrift De Interpretetione.
Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grrandclassen. 301 Eecht, Immer dreht sich die Frage nur darum, ob die Existenz des Wesens eine andere, oder ob sie dieselbe Realität wie das Wesen sei. Scotus, Occam, Suarez leugnen mit Eecht, dass sie eine andere Realität sei (was besonders Scotus sehr hoch anzurechnen und schier bei ihm wie ein Wunder zu betrachten ist); aber sie fällen in Folge dessen in den Irrthum, die Existenz eines jeden Dinges gehöre zum Wesen des Dinges selbst, sie betrachten dieselbe als seinen allgemeinsten Begriff. Hier war nun der Widerspruch der Thomisten im Rechte, obwohl ihre Kritik den eigentlich schwachen Punkt nicht traf und sich vornehmlich auf die Grundlage gemeinsamer irriger Annahmen stützte. Wie, riefen sie, die Existenz eines jeden Dinges sein allgemeinster Begriff? — Das ist unmöglich! — Würde doch seine Existenz sich dann aus seiner Definition ergeben, und folglich die Existenz des Geschöpfes so selbstevident und von vom herein nothwendig wie die des Schöpfers selber sein. Aus der Definition eines creatürlichen Seins ergibt sich nicht mehr, als dass es ohne Widerspruch, also möglich ist. Das Wesen einer Creatur ist demnach ihre blosse Möglichkeit, und jede wirkliche Creatur ist aus zwei Bestandtheilen, aus einer realen Möglichkeit und einer realen Wirklichkeit zusammengesetzt, deren eine von der anderen im Existentialsatz ausgesagt wird, und die sich ähnlich wie nach Aristoteles Materie und Form in den Körpern zueinander verhalten. Die Grenzen der Möglichkeit sind natürlich auch die der in ihr aufgenommenen Wirklichkeit. Und so ist die Existenz, die an sich etwas Schrankenloses und Allumfassendes wäre, in der Creatur eine beschränkte. Anders ist es bei Gott. Er ist das in sich selbst nothwendig Seiende, auf welches alles Zufällige zurückweist. Er ist also nicht aus Möglichkeit und Wirklichkeit zusammengesetzt. Sein Wesen ist seine Existenz; die Behauptung, dass er nicht sei, ein Widerspruch. Und eben darum ist er unendlich. In keiner Möglichkeit aufgenommen, ist die Existenz bei ihm unbeschränkt; und so ist er der Inbegriff aller Realität und Vollkommenheit.