SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

German

Page 22 of 25

Das sind hochfliegende Speculationen, die aber Niemanden ■^ / I 302 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Aligemeinen.

mehr mit sich über die Wolken erheben werden. Bezeichnend ist es aber, dass ein eminenter Denker, wie Thomas von Aquin sicher einer war, wirklich mittels eines solchen Beweises die unendliche Vollkommenheit des Urgrundes der Welt dargethan zu haben glaubte. Ich brauche hienach nicht mehr auf die allbekannten Beispiele der neueren Metaphysik zu verweisen, welche den nachtheiligen Einfluss irriger Anschauungen über die Urtheile und das, was damit in nächstem Zusammenhange steht, nicht minder anschaulich machen können *).

§. 15. Auch in der Logik hat die Verkennung des Wesens der Urtheile mit Nothwendigkeit weitere Irrthtimer erzeugt. Ich habe den Gedanken nach dieser Seite in seine Consequenzen verfolgt und gefunden, dass er zu nichts Geringerem als zu einem völligen Umsturz aber auch zu einem Wiederaufbau der elementaren Logik führt. Und Alles wird dann einfacher, durchsichtiger und exacter. Nur in einigen Beispielen will ich den Contrast zwischen den Regeln dieser reformirten Logik und der althergebrachten nachweisen, indem uns hier die vollständige Durchführung und Begründung natürlich zu lange aufhalten und zu weit von unserem Thema abführen würde 2).

^) Einwirkungen auf Kantus Transcendentalphilosophie wurden im Vorausgehenden berührt.

*) Zum Behuf meiner Vorlesungen über Logik, die ich im Winter 1870/71 an der Würzburger Hochschule hielt, habe ich eine auf die neue Basis gegründete logische Elementarlehre vollständig und systematisch ausgearbeitet. Da sie nicht bloss bei meinen Zuhörern, sondern auch bei Fachmännern in der Philosophie, denen ich davon Mittheilung machte, Interesse erregte, so ist es meine Absicht, sie nach vollendeter Herausgabe meiner Psychologie nochmals zu revidiren und zu veröffentlichen. Die Regeln, die ich hier im Texte beispielsweise folgen lasse, werden, mit den übrigen, in dieser Schrift jene sorgfältige Be gründung ünden, die man bei einem Widerspruch gegen die gesammt Tradition seit Aristoteles gewiss zu verlangen berechtigt ist. UebrigenK werden Viele vielleicht von selbst die nothwendige Verkettung mit dei dargelegten Ansicht von der Natur des Urtheils erkennen.

Capitei 7. Vorstellung u. Urthfdl zwei verschiedene Grundciassen. 303 An die Stelle der früheren Regeln von den kategorischen Schlüssen treten als Hauptregeln, die eine unmittelbare Anwendung auf jede Figur gestatten, und für sich allein zur Prüfung eines jeden Syllogismus vollkommen ausreichend sind, folgende drei: 1. Jeder kategorische Syllogismus enthält vierTermini, von denen zwei einander entgegengesetzt sind und die beiden andern zweimal zu stehen kommen.

2. Ist der Schlusssatz negativ, so hat jede der Prämissen die Qualität und einen Terminus mit ihm gemein.

3. Ist der Schlusssatz affirmativ, so hat die eine Prämisse die gleiche Qualität und einen gleichen Terminus, d^ie andere die entgegengesetzte Qualität und einen entgegengesetzten Terminus.

Das sind Regeln, die ein Logiker der alten Schule zunächst nicht ohne Grauen hören wird. Vier Termini soll jeder Syllogismus haben: — und er hat die Quatemio terminorum immer als Paralogismus verdammt^). Negative Schlusssätze sollen lauter negative Prämissen haben: — und er hat immer gelehrt, dass aus zwei negativen Prämissen nichts gefolgert werden kann. Auch unter den Prämissen des affirmativen Schlusssatzes soll sich ein negatives Urtheil finden: — und er hätte darauf geschworen, dass er unum- ^) In der ailemeuesten Zeit hat auch ein englischer Logiker, B oole, richtig erkannt, dass manche kategorische Syllogismen vier Termini haben, Yon denen zwei einander contradictorisch entgegengesetzt seien. Andere haben ihm beigepflichtet, und auch A. Bain, der in seiner Logik ausfuhrlich über Boole's Zusätze zur Syllogistik berichtet, gibt seine Zustimmung unzweideutig zu erkennen (I. p, 205). Obwohl Boole diese Syllogismen mit vier Terminis nur neben Syllogismen mit drei Terminis stellt, statt dieQuaternio terminorum als allgemeine Regel anzuerkennen, und obwohl die ganze Weise seiner Ableitung mit der meinigen keine Aehnlichkeithat: so war sie mir doch interessant als ein Zeichen, dass man auch jenseits des Canals an dem Gesetze der Dreiheit der Termini zu zweifein anfängt.

n 304 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

gänglich zwei affirmative Prämissen verlange. Ja, für einen kategorischen Schluss aus affirmativen Prämissen ist gar kein Raum gelassen: — und er hatte dodrt, dass die affirmativen Prämissen die vorzüglichsten seien, indem er, wo eine negative sich dazu gesellte, diese als die „pejor pars'' bezeichnete. Von „allgemein" und „particulär" endlich hört man in den neuen Regeln gar nichts: — und ihm waren diese so zu sagen nicht aus dem Munde gekommen. Und haben nicht seine alten Regeln sich bei der Prüfung der Syllogismen so geeignet erwiesen, dass nun umgekehrt wieder die tausend an ihrem Maassstabe gemessenen Schlüsse für sie selbst Probe und Bewährung sind? Sollen wir den berühmten Schluss r „Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, also ist Cajus sterblich", und alle seine Begleiter nicht mehr als bündig anerkennen? — Das scheint ejne unmögliche Zumuthung.

Doch so schlimm steht die Sache auch nicht. Da die Fehler, aus welchen die früheren Regeln der Syllogistik entsprangen, in der Verkennung der Natur der Urtheile nach Inhalt und Form bestanden, so glichen sie, bei der Anwendung derselben consequent festgehalten, meistens ihre nachtheilige Wirkung selber äus^). Von allen Schlüssen, die man nach den bisherigen Regeln für richtig erklärte, waren nur die nach vier Modis gefolgerten ungültig, wogegen auf der anderen Seite freilich auch eine nicht unbedeutende Zahl riehtiger Modi übersehen wurde ^).

Schädlicher waren die Folgen in der Lehre von den so genannten unmittelbaren Schlüssen. Nicht bloss ist z. B. die richtige Regel für die Conversion, dass jeder kategorische Satz simpliciter convertibel ist (man muss nur über das wahre ^) Sagte man z. B. in Folg« des Missverständnisses der Sätze: zum richtigen kategorischen Schlüsse gehören drei Termini, so bewirkte dasselbe Missverständniss, dass man im einzelnen Schlüsse drei Termini sah, wo in Wahrheit vier gegeben waren.

') Letzteres wurde auch von den vorerwähnten englischen Logikern bereits erkannt. Die vier ungültigen Modi, von denen ich spreche, sind in der dritten Figur Darapti und Felapton und in der vierten Bamalip und Fesapo.

Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 305 Subject und über das wahre Prädicat im Klaren sein), sondern man erklärte nach den alten Begeln auch viele Conversionen für gültig, die in Wahrheit ungültig sind, und umgekehrt. Bei den so genannten Schlüssen durch Subaltemation und Opposition ergibt sich dasselbe ^). Auch stellt sich, wenn man kritisch die alten Regeln mit einander vergleicht, seltsam genug heraus, dass sie zuweilen miteinander im Widerspruch stehen, so dass, was nach der einen als gültig nach der anderen als ungültig zu bezeichnen wäre.

§. 16. Doch wir überlassen es einer künftigen Revision der Logik, dies im Einzelnen auszuführen und zu bewähren. Uns gehen hier weniger die nachtheiligen Folgen an, welche die Verkennung der Natur des Urtheils für Logik oder Metaphysik hatte, als diejenigen, welche für die Psychologie sich ergaben und, wegen des Verhältnisses der Psychologie zur Logik,: allerdings auch für diese ßin neues Hinderniss fruchtbarer Entwickelung wurden. Die bisherige Psychologie hat, man kann sagen, durchwegs die Erforschung der Gesetze der Entstehung der ürtheile in ungebührlicher Weise vernachlässigt; und dies kam daher, weil man immer Vorstellen und Urtheilen als „Denken" zu einer Classe zusammenrechnete, und mit der Erforschung der Gesetze der Aufeinanderfolge der Vorstellungen auch für die ürtheile das Wesentliche gethan glaubte. So sagt selbst ein so eminenter Psychologe wie Hermann Lotze: „In Bezug auf die ürtheilskraft und Einbildungskraft werden wir ohne Bedenken zugeben, dass diese beiden nicht zu dem angeborenen Besitze der Seele gehören, sondern Fertigkeiten sind, die sich durch die Bildung des Lebens, die eine langsam, die andere schnell entwickeln. Wir werden zugleich zugestehen, dass zur Erklärung ihrer Entstehung nichts als die Gesetze des Vorstellungs- *) Unzulässig ist die Conversion eines so genannten allgemein bejahenden in einen particulär bejahenden Satz. die gewöhnlichen Schlüsse durch Subaltemation sind sämmtlich ungültig, und von denen durch Opposition die Schlüsse auf die Unwahrheit der s. g. conträren so wie die auf die Wahrheit der s. g. subconträren Ürtheile.

Brentano, Psychologie. I. 20 306 Buch II. Von den psychischen Phäoomeaeii im AUgemeinen.

laufes nöthig sind"*). Hier zeigt sich der Grund des grossen Versäumnisses unverhullt. £r lag in der mangelhaften Classification, die Lotze von Kant überkommen hatte.

Bichtiger hat hier J. St. Mill geurtheilt. In den früher von uns citlrten Stellen sahen wir ihn mit Nachdruck eine specifische Erforschung der Gesetze des für-wahr-Haltens als unumgängliches Bedürfoiss betonen. Eine blosse Ableitung aus den Gesetzen des Vorstellungslaufes schien ihm in keiner Weise genügend. Aber die Vorstellungsverbindung, die Zusammensetzung von Subject und Prädicat, die er bei sonst sehr richtigen Ansichten über die Natur des Urtheils inamer noch für wesentUch hielt, liess den Charakter desselben als einer besonderen, den andern ebenbtlrtigen Grundclasse nicht hinreichend hervortreten. Und so ist es gekommen, dass nicht einmal Bain, der Mill so nahe stand, die von ihm gegebenen Winke zur Ausfüllung einer weitklaffenden Lücke der Psychologie benützt hat.

Das Wort, welches die Scholastik von Aristoteles ererbt hatte, „parvus error in principio maximus in fine" hat also in unserem Falle nach jeder Seite hin sich bewährt.

.( Achtes Capitel.

Einheit der Grnndclasse für Gefähl und Willen.

§. 1. Nachdem Vorstellung und Urtheil als verschiedene Grundclassen psychischer Phänomene festgestellt sind, haben wir uns noch in Betreff unserer zweiten Abweichung von der herrschenden Classification zu rechtfertigen. Wie wir Vorstellung und ürtheil trennen, so vereinigen wir Gefühl und Willen.

Hier sind wir nicht so sehr wie im früheren Punkte Neuerer: denn von Aristoteles bis herab auf Tetens, Mendelssohn und Kant hat man allgemein bloss eine Grundclasse für Fühlen und Streben angenommen; und unter den psychologischen Autoritäten der Gegenwart sahen wir Herbert Spencer nur zwei Seiten des Seelenlebens, eine cognitive und eine affective, unterscheiden. Doch dies soll uns bei der Wichtigkeit der Frage nicht abhalten, mit der gleichen Sorgfalt und unter Benützung der sämmthchen uns zu Gebote stehenden Hülfsmittel unsere Lehre zu begründen und zu sichern.

Wir halten hier denselben Gang wie bei der Untersuchung über das Verhältniss von Vorstellung und Urtheil ein; wir berufen uns daher vor Allem auf das Zeugniss unmittelbarer Erfahrung. Die innere Wahrnehmung, sagen wir, zeigt deutUch hier den Mangel, wie dort das Vorhandensein eines fundamentalen Unterschiedes; und hier eine weseat- 303 Buch II. Von den pejchiBctiea Phänomenen im ÄUgemeinen.

liehe Uebereinstimmung, wie dort eine völlige Verschiedenheit in der Weise der Beziehung zum Object.

Wenn wirklich der rückständige Theil der psychischen Phänomene, von welchem wir jetzt handeln, einen ähnlich tiefgreifenden Unterschied wie das vorstellende und urtlieilende Denken zeigte; wenn wirklich auch zwischen Fühlen und Streben von der Natur selbst eine scharfe Grenzlinie -yorgezeichnet wäre: so könnten vielleicht in die Bestimmung der eigenthümhchen Natur der einen und anderen Classe!frrthümer sich einmischen; aber die 'Abgrenzung der Gattungen, die Angabe, welche Erscheinungen der einen und welche der anderen Gattung angehörten, würde sicher ein Leichtes sein. So wird man ohne Zögern sagen, dass „Mensch" eine blosse Vorstellung, „es gibt Menschen" ein für-wahr- Halten ausdrücke, auch wenn man über die Natur des ürtheils völlig im Unklaren ist; und Aehnliches gilt für das ganze Gebiet der einen und anderen Gattung des Denkens. Aber bei der Frage, was ein Gefühl und was ein Begehren, Wollen oder Streben sei, verhält es sich ganz anders; und ich wenigstens weiss in Wahrheit nicht, wo die Grenze zwischen beiden Classen eigentlich liegen sollte. Zwischen den Gefühlen der Lust und Unlust und dem, was man gewöhnlich Wollen oder Streben nennt, stehen andere Erscheinungen in der Mitte; und zwischen den Extremen mag der Abstand gross erscheinen: wenn man aber die mittleren Zustände mit in Betracht zieht; wenn man immer nur das nächststehende mit dem nächststehenden Phänomene vergleicht: so zeigt sich auf dem gesammten Gebiete nirgends eine Kluft, sondern ganz alluiälig finden die Uebergänge statt.

Betrachten wir als Beispie! die folgende Eeilie: Traui'igkeit — Sehnsucht nach dem vermissten Gute — Hoffnung, dass es uns zu Theil werde — - Verlangen, es uns zu verschaffen — Muth, den Versuch zu unternehmen ^ Willensentschluss zur That. Das eine Extrem ist ein Gefühl, das andere ein Willen; und sie scheinen weit von einander abzustehen: aber wenn man auf die Zwischenglieder achtet und Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. $09 immer nur die nächststehenden miteinander vergleicht, zeigt sich da nicht überall der innigste Anschluss und ein fast unmerklicher Uebergang? — Wenn wir classificirend in Gefahle und Strebungen sie scheiden wollen, zu welcher von beiden Grundclassen sollen wir die einzelnen rechnen? — Wir sagen: „ich fühle Sehnsucht", „ich fühle Hoffnung", „ich fühle ein Verlangen, mir dieses zu verschaffen", „ich fühle Muth, dieses zu versuchen"; — nur, dass er einen Willensentschluss fühle, wird wohl keiner sagen: ist darum vielleicht hier die Grenzmarke und gehören alle Mittelglieder noch der Grundclasse der Gefühle an? Wenn wir durch den Sprachgebrauch des Volkes uns bestimmen lassen, werden wir allerdings so urtheilen; und in der That verhalten wenigstens die Traurigkeit über die Entbehrung und die Sehnsucht nach dem Besitze sich etwa so, wie sich die Leugnung eines Gegenstandes und die Anerkennung seines Nichtseins zu einander verhalten: aber liegt nicht demungeachtet schon in der Sehnsucht ein Keim des Strebens? und spriesst dieser nicht auf in der Hoffnung, und entfaltet sich, bei dem Gedanken an ein etwaiges eigenes Zuthun, in dem Wunsche zu handeln und in dem Muthe dazu; bis endlich das Verlangen darnach zugleich die Scheu vor jedem Opfer und den Wunsch jeder längeren Erwägung überwiegt und so zum Willensentschluss gereift ist? — Sicher, wenn wir diese Reihe von Phänomenen nun doch einmal in eine Mehrheit von Grundclassen zertheilen wollen, so dürfen wir die mittleren Glieder ebensowenig mit dem ersten Gliede dem letzten imter dem Namen Gefühl, als mit dem letzten Gliede dem ersten unter dem Namen Willen oder Strebung entgegensetzen: vielmehr wird nichts übrig bleiben, als jedes Phänomen für sich als eine besondere Classe zu betrachten. Dann aber, glaube ich, ist es für Jeden unverkennbar, dass die Unterschiede. der Classen hier keine so tief einschneidenden Differenzen wie die zwischen Vorstellung und ürtheil, oder zwischen ihnen und allen übrigen psychischen Phänomenen sind; und so nöthigt uns der Charakter unserer inneren Erscheinungen, die Einheit derä*v ■^ m ilf-; 310 Bach II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

selben natürlichen Grundclasse über das ganze. Reich des Fühlens und Strebens auszudehnen^).

^) Es ist interessant und lehrreich, das vergebliche Bemühen der Psychologen um eine fecte Grenzbestimmung zwischen Gefühl und WiUen oder Streben zu beobachten Sie widersprechen dabei dem herkömmlichen Sprachgebrauche; und der eine widerspricht dem anderen^ ja nicht selten sogar sich selbst. Kant rechnet schon die hoffnungslose Sehnsucht nach anerkannt Unmöglichem zum Begehrungs vermögen, und ich zweifle kaum, dass er auch die Keue dazu gerechnet haben würde; und doch stimmt dies ebensowenig mit der gewöhnlichen Weise der Bezeichnung, da man von einem Gefühle der Sehnsucht spricht, als mit seiner Definition des Begehruogsvermögens als^ „Vermögens durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu csin^' (s. o. S. 253). Hamilton wundert sich über die, wie er anerkennt, sehr häufige Confusion von Erscheinungen der beiden Classen, da es doch so leicht sei, die natürliche Grenzscheide zwischen ihnen zu erkennen (Lect. on Metaph. ü.

p. 433): aber seine wiederholten Bemühungen, eine genaue Bestimmung dafür zu geben, zeigen, dass dies keineswegs eine leichte Sache ist Er bestimmt, wie wir schon hörten, dass die Gefühle objectlos im vollen Sinne des Wortes, dass sie „subjectivisch subjectiv" seien (II, 432; vgl. o. S. 249), während nach ihm die Strebungen alle auf ein Object gerichtet sind; und hierin, soUte man meinen, werde man ein einfaches und leicht anwendbares Kriterium besitzen: aber so sicher dies der FaU sein müsste, wenn die Bestimmung der Eigenthümlichkeit der Erscheinungen entspräche, so wenig konnte Hamilton bei ihrer that. sächlichen Unrichtigkeit mit ihr ausreichen; selbst bei den entschiedensten Gefühlen, wie Freude und Trauer, wird eben jeder sagen, auch sie schienen ih^ ein Object zu haben. Da macht denn Hamilton noch einen anderen Unterschied, obwohl vielleicht nicht ohne einigen Widerspruch zum ersten^ geltend; er bestimmt, dass das Gefühl es bloss mit Gegenwärtigem zu thun habe, während die Strebung auf Zukünftiges sich richte. — „Lust und Unlust^', sagt er, „als Gefühle, gehören ausschliesslich der Gegenwart an, während die Strebung sich einzig und allein auf die Zukunft bezieht; denn Strebung ist ein Verlangen, ein Trachten, entweder den gegenwärtigen Zustand dauernd zu erhalten^ oder ihn gegen einen anderen zu vertauschen^^ (II. p. 638). Diese Bestimmungen sind nicht wie die vorigen in der Art verfehlt, dass der einen von ihnen in Wahrheit kein psychisches Phänomen entspräche.

Das ist aber auch ihr einziges Lob; denn die Scheidung des Gebietes nach Gegenwart und Zukunft ist sowohl unvollständig als willkürlich. Sie ist unvollständig, denn wohin sollen wir jene Gemüthsbewegungeu Capitel 8. Einheit der Grundclassen für Gefühl und Willen. 311 §. 2. Wenn die Grundclasse für die Phänomene des Gefühls und Willens dieselbe ist, so muss, nach dem von uns angenommenen Principe der Eintheilung, die Weise der rechnen, die nicht auf Gegenwärtiges oder Zukünftiges, sondern wie die Heue und das Dankgeiühl auf Vei'gangenes sich beziehen? — Man müsste wohl für sie eine dritte Classe bilden. Doch das wäre das geringere üebel; viel schlimmer ist die Willkürlichkeit, mit welcher, in Rücksicht auf verschiedene Zeitbestimmungen, der Objecte, psychische Erscheinungen, die sich vorzüglich nahe stehen, hier in verschiedene Grundclassen zu sondern wären. So z. B. gehen die. Phänomene, die man als Wünsche zu bezeichnen pflegt, theils auf Zukünftiges, theils auf Gegenwärtiges, theils auf Vergangenes. Ich wünsche dich oft zu sehen; ich möchte, ich wäre ein reicher Mann; ich wünschte, ich hätte das nicht gethan; das sind Beispiele, welche die drei Zeiten vertreten; und wenn die letzten beiden Wünsche unfruchtbar und aussichtslos sind, so bleibt doch, wie Kant, Hamüton's vorzüglichste Autorität^ anerkennt, der allgemeine Charakter des Wunsches dabei gewahrt. Es, kann aber sogar geschehen, dass, indem einer wünscht, sein Bruder sei glücklich in America angekommen, sein Wunsch sich auf Vergangenes bezieht, ohne darum auf etwas zu gehen, dessen Unmöglichkeit offenbar ist. Sollen wir nun die psychischen Zustände, welche die Sprache hier unter dem Namen der Wünsche vereinigt, als in keiner Weise enger verwandt betrachten? sollen wir sie von einander scheiden, um einen Theil mit den Willensacten, einen anderen mit Lust und Unlust, einen dritten mit der für die Vergangenheit zu bildenden Classe zu vereinigen? Ich glaube, keinem entgeht, wie ungerechtfertigt und widernatürlich ein solches Verfahren wäre. Es ist demnach auch dieser Versuch einer Grenzbestimmung zwischen Gefühl und Willen völlig verunglückt.

Kein Wunder daher, wenn die Confusion zwischen Gefühlen und Strebungen, die Hamilton an Andern tadelte, ihm selbst in keiner Weise erspart bleibt. Hört man die Begrifi^sbestimmungen, die er von den specielleren Erscheinungen gibt, so wird man oft schwerlich errathen, zu welcher von seinen zwei Grundclassen er die eine oder andere rechnen wollte. Die Eitelkeit definirt er als,,den Wunsch Anderen zu gefallen aus Begierde von ihnen geachtet zu werden** und rechnet sie — zu den Gefühlen (II. p. 519); und ebendazu rechnete er die Reue und die Scham, d. i. „die Furcht und Sorge, die Missachtung Anderer sich zuzuziehen*'; als ob nicht bei beiden ihre Bichtung auf ein Object, und — bei der einen an sich schon, bei der anderen nach der Definition, die Hamilton gibt — ihre Beziehung auf etwas nicht Gegenwärtiges aufs Deutlichste ersichtlich «wäre. Dieser vollständige Misserfolg eines so angesehenen Denkers bestätigt, glaube ich,' in einer schlagen- 312 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Beziehung des einen und anderen Bewusstseins eine wesentlich verwandte sein. Was aber sollen wir als den gemeinsamen Charaktelr ihrer Richtung auf die Gegenstände angeben? Auch hierauf muss, wenn unsere Ansicht richtig ist, di^ innere Erfahrung antworten. Sie thut dies wirklich und liefert so noch unmittelbarer den Beweis für die Einheit der höchsten Classe.

Wie die allgemeine Natur des Urtheils darin besteht, dass eine Thatsache angenommen oder verworfen wird: so besteht nach dem Zeugnisse der inneren Erfahrung auch der allgemeine Charakter des Gebietes, welches uns jetzt vorliegt, in einem gewissen Annehmen oder Verwerfen; nicht in demselben, aber in einem analogen Sinne. Wenn etwas Inhalt eines Urtheils werden kann, insofern es als wahr annehmlich oder als falsch verwerflich ist: so kann es Inhalt eines Phänomens der dritten Grundclasse werden, insofern es als gut genehm (im weitesten Sinne des Wortes) oder als schlecht ungenehm sein kann. Es handelt sich, wie dort um Wahrheit und Falschheit, hier um Werth und Unwerth eines Gegenstandes.

Ich glaube Niemand wird meine Worte so verstehn, als wollte ich sagen, die Phänomene dieser Classe seien Erkenntnissacte, vermöge' deren Güte oder Schlechtigkeit, Werth oder Unwerth in gewissen Gegenständen wahrgenommen werde; doch bemerke ich ausdrücklich, um jede solche Auslegung vollends unmöglich zu machen, dass dies eine gänzliche Verkennung meiner wahren Meinung wäre. Einmal, würde ich ja sonst diese Phänomene zu den Urtheilen rechnen; ich trenne sie aber von ihnen als eine besondere Classe; und dann, würde ich die Vorstellungen von Güte und Schlechtigkeit, Werth und Unwerth für diese Classe von Phänomenen allgemein voraussetzen, während dies so wenig der Fall ist, dass ich vielmehr zeigen werde, wie alle derartigen Vorstellungen erst den Weise, was ich über den Mangel einer von der Natur selbst vorgezeichneten, deutlichen Abgrenzung zwischen den angeblichen zwei Grundclassen bemerkt habe.

/ Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und WiUen. 313 aus der inneren Erfahrung dieser Phänomene entspringen. Auch die Vorstellungen von Wahrheit und Falschheit werden, wie wohl Niemand bezweifelt, im Hinblick auf Urtheile und unter Voraussetzung ihrer uns zu Theil. Wenn wir sagen, jedes anerkennende Urtheil sei ein für - wahr - Halten, jedes verwerfende ein für - falsch - Halten, so bedeutet dies also nicht, dass jenes in einer Prädication der Wahrheit von dem für -wahr -Gehaltenen, dieses in einer Prädication der Falschheit von dem für -falsch -Gehaltenen bestehe; unsere früheren Erörterungen haben vielmehr dargethan, dass, was die Ausdrücke bedeuten, eine besondere Weise intentionaler Aufnahme eines Gegenstandes, eine besondere Weise der psychischen Beziehung zu einem Inhalte des Bewusstseins ist. Nur das ist richtig, dass, wer etwas für wahr hält, nicht bloss den Gegenstand anerkennt, sondern dann, auf die Frage ob der Gegenstand anzuerkennen sei, auch das Anzuerkennen - sein des Gegenstandes, di h. (denn nichts Anderes bedeutet der barbarische Ausdruck) die Wahrheit des Gegenstandes ebenfalls anerkennen wird. Und damit mag der Ausdruck,^für wahr halten" zusammenhängen. Der Ausdruck „für falsch halten" aber wird in analoger Weise sich erklären.

Ebenso bedeuten uns denn die Ausdrücke, die wir hier in analoger Weise gebrauchen, „als gut genehm sein", „als schlecht ungenehm sein" nicht, dass in den Phänomenen dieser Classe Güte einem als - gut - Genehmen, oder Schlechtigkeit einem als - schlecht - Ungenehmen zugeschrieben werde, vielmehr bedeuten auch sie eine besondere Weise der Beziehung der psychischen Thätigkeit auf einen Inhalt. Nur das ist auch hier richtig, dass einer, dessen Bewusstsein sich in solcher Weise auf einen Inhalt bezieht, die Frage, ob der Gegenstand von der Art sei, dass man zu ihm in die betreffende Beziehung treten könne, in Folge davon bejahen wird; was dann nichts Anderes heisst, als ihm Güte oder Schlechtigkeit, Werth oder Unwerth zuschreiben.

Ein Phänomen dieser Classe ist nicht ein Urtheil: „dies ist zu lieben", oder „dies ist zu hassen" (das wäre ein Urtheil ti;.

SÄ.

y; 314 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Über Güte oder Schlechtigkeit); aber es ist ein Lieben oder Hassen.

Im Sinne der gegebenen Erläuterung wiederhole ich also jetzt ohne Besorgniss missverstanden zu werden, dass es sich analog wie bei den Urtheilen um Wahrheit und Unwahrheit bei den Phänomenen dieser Classe um Güte und Schlechtigkeit, um Werth und Unwerth der Gegenstände handelt. Und diese charakteristische Beziehung zum Objecto ist es, die, wie ich behaupte, bei Begehren und Wollen so wie bei allem, was wir Gefühl oder Gemüthsbewegung nennen, die innere Wahrnehmung in gleich unmittelbarer und evidenter Weise erkennen lässt.

§. 3. Beim Streben, Begehren und Wollen darf, was ich sage, als allgemein anerkannt betrachtet werden. Hören wir darüber einen der hervorragendsten und einflussreichsten Vertheidiger der fundamentalen Scheidung von Gefühl und Willen.

Lotze, wo er diejenigen bekämpft, welche das Wollen als ein Wissen fassen und sagen, das „ich will" sei gleich einem zuversichtlichen „ich werde", setzt das Wesen des WoUens in eine Billigung oder Missbilligung, also in ein gut-Finden oder schlecht-Finden. „Nur die Gewissheit vielleicht, dass ich handeln werde", sagt er^ „mag gleichgeltend sein mit dem Wissen meines Wo Ileus, aber dann wird in dem Begriffe des Handelns jenes eigenthümliche Element der Billigung, der Zulassung oder Absicht eingeschlossen sein, welches den Willen zum Willen macht." Und wiederum, gegen diejenigen gewendet, welche den Willen als eine gewisse Macht zum Wirken begreifen wollen, erklärt er: „Diese Billigung nun, durch welche unser Wille den Entschluss, welchen die drängenden Beweggründe des Vorstellungslaufes ihm darbieten, als den seinigen adoptirt, oder die Missbilligung, • mit welcher er ihn von sich zurückweist, beide würden denkbar sein, auch wenn keiner von beiden die geringste Macht besässe, bestimmend und verändernd in den Ablauf der Capitel 8. Einheit der Grundciasee für Gefühl und Willen. 315 inneren Ereignisse einzugreifen"^). — Was ist diese Billigung oder Missbilligung von der Lotze spricht? Es ist klar, dass er nicht ein gut- oder schlecht- Finden im Sinne eines praktischen Urtheils meint, da er die ürtheile, wie wir sahen, zur Classe der Vorstellungen rechnet. Was lehrt er also Anderes, als dass das Wesen des WoUens in einer besonderen Beziehung der psychischen Thätigkeit auf den Gegenstand als gut oder schlecht bestehe?

Aehnlich könnten wir Stellen von Kant und von Mendelssohn, den vorzüglichsten Begründern der üblichen Dreitheilung, anführen, die dafür sprechen, dass eine solche Beziehung auf den Gegenstand als gut oder schlecht den Grundcharakter eines jeden Begehrens ausmache^). Doch wir greifen lieber sogleich in das Alterthum zurück, um das Zeugniss der antiken Psychologie mit dem der modernen zu verbinden.