Aristoteles spricht hier mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. ^Grut" und „begehrbar" sind ihm gleichbedeutende Ausdrücke. „Der Gegenstand des Begehrens" (t6 oQexTov)^ sagt er in seinen Büchern von der Seele, „ist das Gute oder das als gut ferscheinende"; und am Anfange seiner Ethik erklärt er: „Jede Handlung und jede Wahl scheint nach einem Gute zu streben; wesshalb man mit Kecht das Gute als dasjenige bezeichnet hat, wonach Alles strebt"^). Daher identificirt er auch die Zweckursache mit dem Guten*). Dieselbe Lehre erhielt sich dann im Mittelalter. Thomas von Aquin lehrt mit aller Klarheit, dass, wie das Denken zu einem Object als erkennbarem, das Begehren zu ihm als gutem in Beziehung trete. So könne es geschehen, dass ein und dasselbe Gegenstand ganz heterogener psychischer Thätigkeiten sei^).
>) Vgl. Mendelssohn, Gesammelte Schriften IV. p. 122 S. 3) De Anim. HI, 10. Eth. Nie. I, 1. Metaph. ui, 7. Vgl. auch Khet. I, 6.
316 Buch II. Von dea psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Wir sehen an diesen Beispielen, wie die hervorragendsten Denker verschiedener Perioden hinsichtlich des Strebens und WoUens in der Anerkennung der von uns geltend gemachten Erfahrungsthatsache einig sind, wenn sie auch vielleicht nicht alle in gleicher Weise ihre Bedeutung würdigen, §. 4. Wenden wir uns zu den andern Phänomenen, um die es sich handelt, und namentlich zu Lust und Unlust, die am Meisten als Gefühle von dem Willen gesondert zu werden pflegen. Ist es richtig, dass auch hier die innere Erfahrung jene eigenthümliche Weise der Beziehung zum Inhalte, jenes „als gut Genehm -sein" oder „als schlecht Ungenehm - sein^* als Grundcharakter der Erscheinungen mit Klarheit erkennen lässt? Handelt es sich auch hier deutlich in ähnlicher Weise um den Werth und Unwerth, wie beim Urtheile um die Wahrheit und Falschheit der Gegenstände? — Was mich betrifft, so scheint mir dies bei ihnen nicht minder einleuchtend als beim Begehren.
Weil man aber glauben könnte, dass eine Voreingenommenheit hiebei im Spiele sei und mich die Erscheinungen missdeuten lasse, so will ich mich auch hier wieder zugleich auf die Zeugnisse Anderer berufen.
Hören wir auch in diesem Punkte vor Allem L o t z e. „War es eine ursprüngliche Eigenthümlichkeit des Geistes", sagt er in seinem Mikrokosmus i), „Veränderungen nicht nur zu erfahren, sondern sie auch vorstellend wahrzunehmen, so ist es ein ebenso ursprünglicher Zug desselben, sie nicht nur vorzustellen, sondern in Lust und Unlust auch des Werthes inne zu werden, den sie für ihn haben." Unmittelbar darauf äussert er sich ähnlich: „Im Gefühle der Lust wird die Seele sich der Uebung ihrer Kräfte als einer Steigerung in dem Werthe ihres Daseins bewusst.'' So wiederholt er noch öfter den Gedanken und hält bei höheren wie niederen Gefühlen gleichmässig ihn fest. Der eigentliche Kern des sinnlichen Triebes ist nach ihm immer nur „ein Gefühl, das Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 317 in Lust und Unlust uns den Werth eines vielleicht nicht zur bewussten Einsicht kommenden körperlichen Zustandes verräth" ^); und „die sittlichen Grundsätze jeder Zeit waren Aussprüche des werthempfindenden Gefühles^'; sie;,wurden stets von dem Gemüthe in einer anderen Weise gebilligt als die Wahrheiten der Erkenntniss*^*).
.Wie sich Lotze das Empfinden des W^rthes in dem Gefühle denkt, wage ich nicht mit voller Sicherheit zu bestimmen: dass er aber das Gefühl selbst nicht als die Erkenntniss eines Werthes ansah, ist unzweifelhaft, nicht bloss aus einzelnen Aeusserungen^), sondern auch schon daraus.
*) So setzte er in der eben mitgetbeilten Stelle die Billigung durch das Gefühl als eine „andere Weise der Billigung" jeder Anerkennung einer Wahrheit entgegen. Und p. 26)J sagt er, die Gefühle der Lust oder Unlust würden „immer von uns auf irgend eine unbekannte Förderung oder Störung gedeutet werden**. Die Annahme folgt also erst dem Fühlen, wenn auch vielleicht auf dem Fusse. — Fragen wir aber, warum jene Gefühle immer so gedeutet werden, so bekommen wir von Lotze, wie mir scheint, keine ganz genügende Antwort. Dass die Vorstellung einer Lust ohne eine gleichzeitige Förderung wie die, auf welche wir sie nach Lotze deuten, eine Contradiction enthalten würde, scheint nicht seine Ansicht; woher also jene Nothwendigkeit oder unüberwindliche Neigung? — Wir, auf unserem Standpunkte, können, glaube ich, die Frage beantworten. Mit derselben Nothwendigkeit, mit welcher Jemand dem Objecto eines anerkennenden oder verwerfenden Urtheils in Folge dieses Urtheils Wahrheit zuschreibt, mit derselben Nothwendigkeit schreibt er bei der Ausübung einer Thätigkeit der dritten Grundclasse in Folge dieser Thätigkeit ihrem Objecto einen Werth oder Unwerth zu (s. o. S. 313). So denn auch bei Lust und Unlust. Haben wir also eine von Lust begleitete sinnliche Empfindung, so schreiben wir der Empfindung einen Werth zu, und in so weit ist der Frocess ofionbar nothwendig Wir werden aber alsbald weiter geführt. Indem wir z. B. bemerken, dass die angenehmen Empfindungen von gewissen körperlichen Processen abhängen, werden uns nothwendig auch diese wegen ihrer Folgen werthvoll sein-, und vermöge der eigenthümlichen Gesetze, welche wir später für dieses Gebiet der Seelenerscheinungen festzustellen haben, wird es dann geschehen, dass sie allmälig auch ohne Berücksichtigung der Folgen 318 Ituch IL Von den psfchiaclien Phänomenen im Allgemeinen.
dass er es somt seiner ersten Classe untergeordnet haben würde. Danach acheint aber der Ausdruck nur mehr in einer Weise, und zwar im Sinne unserer Anschauung sich rechtfertigen zu lassen. Eis ist auch bemerkenswerth, dass Lotze nicht bloss sagt, dass das Gefühl Werth und Unwerth empfinde, und es so zu dem Gegenstand als gut und schlecht in iiezieliung setzt, sondern bei ihm auch ganz derselben Bezeicimung „bilügen" sich bedient, die er zuvor angewandt hatte, uin das „eigenthümliche Element, welches den Willen zum \Villen macht", zu benennen. Umgekehrt sagt er ein anderes Mal für „Wollen" „herzliche Theilnahme'"), ein Ausdruck, der gewöhnlich für Phänomene von Lust und Leid gebraucht wird. Wie sollte nicht in dieser Uebertragung der aiii Meisten charakteristischen Benennungen des einen Gebietes auf das andere ein unwillkürliches aber bedeutungsvolles Zeugniss für die wesenthche Verwandtschaft in der Bezieliungsweise der beiderseitigen Erscheinungen zu ihren Objecten und somit für ihre Zusammengehörigkeit zu einer Grundclasse liegen?
Hamilton — denn auch diesen grossen Vertheidiger der Sonderstellung der Gefühle wollen wir nicht unberücksichtigt lassen — nennt mit ganz ähnlichen Ausdrücken GegenstÄnd unserer Liebe und Werthochätiung werden. Ja es kann dazu kommen, dass wir ihnen Vorzüge beilegen, für deren Annahme niT nicht den mindesten vemünffigen Anhalt besitzen, wie wenn wir ohne Jede Erfahrung, daas wohlschmeckende Speisen der Gesundheit zuträglicher seien, ihnen um ihres WohlgewhmackeB willen auch diese gute Eigenschaft znschriebcn. Hat ja der Aberglauben des Volkes in dem Golde, weil es in anderer Hinsicht eich vielfach werthvoll und nützlicji emies, in Folge dcsEen auch ein treffliches Heilmittel Termuthct. Doch gibt es in unserem Falle auch specifieche Erfahrungen, die einen sehr weitgehenden Zusammenhang von Lust und organischer Fiirdei'ung erkennen lassen, und so eine verDÜnftigere Vermuthung gestuttcn, es möge auch in dem einzelnen, vorliegenden Falle dasselbe gelten. Auch diese mögen, wenn nicht allgemein, doch in der Regel zu den vorher besprochenen Motiven hinzukommen und mit ihnen zusammen wirken.
Capitel 8. Einheit der Grandclasse für GeffM und Willen. 319 wie Lotze „Lust und Unlust^^ „eine Schätzung des relativen Werthes der Objecte"^), wobei wir es freilich ihm selbst überlassen müssen, diesen Ausspruch mit dem, wie er uns lehrte, „subjectivisch subjectiven" Charakter der Gefühle in Einklang zu bringen. Solche Aeusserungen, welche die Beziehung der Gefühlsphänomene auf die Gegenstände als gut und schlecht deutlich anerkennen, kehren bei ihm auch anderwärts, ja sehr häufig wieder 2).
Kant endlich, in seiner Kritik der ürtheilskraft, bezeichnet gerade da, wo er Gefühl und Begehren scheiden will, beide als ein Wohlgefallen, nur das eine als uninteressirtes, das andere als praktisches. Näher' untersucht, läuft dies darauf hinaus, dass man in dem Gefühle bloss an der Vorstellung eines Gegenstandes, in dem Begehren an der Existenz eines Gegenstandes ein Interesse habe; und auch dieser Unterschied würde aufgehoben, wenn es sich zeigen sollte, dass was Kant hier. Gefühl nennt, in Wahrheit auf jene Vorstellung selbst als seinen Gegenstand gerichtet ist. In einer früheren Schrift aber sagt Kant geradezu: „Man hat es in unseren Tagen allerst einzusehen angefangen, dass das Vermögen, das Wahre vorzustellen, die Erkenntniss, dasjenige aber, das Gute zu empfinden, das Gefühl sei, und dass beide ja nicht miteinander müssen verwechselt werden"^).
Solche Zeugnisse aus dem Munde der am Meisten hervorragenden Gegner sind gewiss von unleugbarer Bedeutung. Und auch hier verbinden sich mit den modernen*) die über- ') Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral (I. S. 109), eine Schrift aus dem Jahre 1763.
*) Einige andere, freilich sehr unfreiwillige neuere Zeugnisse für den übereinstimmenden Charakter von Gefühl und Willen führt Herbart an. Wenn man die Psychologen nach dem Ursprünge der Grenze zwischen Fühlen und Begehren fragt, sagt er: „drehen sich ihre Erklärungen im Cirkel** „Maass in dem Werke über die Gefühle (S. 39 des I. Th.) erklärt Fühlen durch Begehren („ein Gefühl ist angenehm, so fern es um seiner selbst willen begehrt wird'*), aber .-^fii 'm 320 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
J4 m v^ it^f einstimmenden Aussagen längst vergangener Perioden. Wie wenig es richtig ist, dass man, wie Kant meinte, erst zu seiner Zeit ein besonderes Vermögen, welches sich auf etwas als gut bezieht, dem, welches auf etwas als wahr gerichtet ist, zur Seite zu stellen anfing, hat uns unser historischer Ueber« blick gelehrt. Die ältere Psychologie, so weit und so lange Aristoteles sie beherrschte, schied ja in diesem Sinne Denken und Begehren. In dem Begehren — so sehr entschränkte sie den Ausdruck — waren auch die Gefühle von Lust jund Unlust und überhaupt alles, was nicht ein vorstellendes oder urtheilendes Denken ist, begriffen. Hierin lag, was uns bei unserer Frage vorzüglich interessirt, die Anerkennung, dass die Relation zu den Objecten als guten oder schlechten, die wir als den allgemeinen wesentlichen Grundcharakter der Gefühle behaupten, bei ihnen nicht minder als. beim Begehren und Wollen gegeben sei. Dasselbe zeigen die Aussprüche des Aristoteles über die Beziehung der begleitenden Lust zur Vollkommenheit des Actes, die man in der Nikomachischen Ethik findet, und die wir bei der Untersuchung über das Bewusstsein erwähnt haben, sowie einige Stellen seiner Rhetorik^). Die Peripatetische Schule des Mittelalters, insbesondere Thomas vonAquin in seiner tot tot eben derselbe, in dem Werke über die Leidenschaften (S. 2, vgl. S. 7> sagt: es sei ein bekanntes Naturgesetz, zu begehren was als gut, zu verabscheuen, was als böse vorgestellt werde. Wobei die Frage entsteht, was denn gut, und was denn böse sei? Darauf nun erhalten wir die Antwort: die Sinnlichkeit stelle als gut vor das, wovon sie angenehm afficirt werde u. s. w. Und hiemit sind wir im Cirkel herum geführt, — Hoffbauer, in seinem Grundrisse der Erfahrungsseelenlehre, fängt die Capitel vom Gefühlsvermögen und Begehrungsvermögen so an: „Wir sind uns mancher Zustände bewusst, welche wir uns bestreben hervorzubringen, diese nennen wir angenehm; gewisse Vorstellungen erzeugen in uns das Bestreben ihren Gegenstand wirklich zu machen, dies nennen wir Begehren" u. s. w Hier ist einerlei Grund, das Bestrebea, den Gefühlen und Begierden untergelegt*' (Lehrbuch zur Psychologie Th. 2, Abschn. 1, Cap. 4, §. 96). *) S. 0. Buch n. Cap. 3. §. 6 und Khet I. 11, besonders p. 1370,, Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 321 interessanten Lehre von dem Zusammenhange der Gemüthsbewegungen vertritt aufs Unzweideutigste dieselbe Anschauung^).
Auch die Sprache des gewöhnlichen Lebens deutet darauf hin, dass bei Lust und Unlust eine Beziehung. zum Gegenstand bestehe, die derjenigen des Wollens wesentlich ' verwandt ist. Sie liebt es, Ausdrücke, die sie zunächst ' ' auf dem einen Gebiete anwandte, dann auf das andere zu übertragen. So nennen wir angenehm das, was uns Lust, unangenehm das, was uns Unlust gewährt, wir sprechen aber auch von einem Genehm -sein und einer Genehmigung auf der Seite des Willens. Ebenso wurde das;,Placet" im Sinne einer Gutheissung offenbar aus dem Gebiete des Gefühls auf einen Willensentschluss übertragen; und nicht minder deutlich hat der deutsche Ausdruck,,Gefallen^' in „thue, was dir gefällt!" oder;;ist Ihnen etwas gefällig?^ u. s. f dasselbe erfahren. Ja selbst das Wort „Lust" wird in der Frage:,,hast du Lust?" zur unverkennbaren Bezeichnung einer Willensrichtung. Andererseits ist der;,Unwillen" kaum ein Willen zu nennen, obwohl der Ausdruck daher entlehnt ist, und der „Widerwillen" als Bezeichnung gewisser Erscheinungen des Ekels ist unverkennbar der Namen eines Gefühls geworden.
Die Sprache thut aber mehr als dass sie gewisse Namen von Erscheinungen des einen auf Erscheinungen des anderen Gebietes überträgt. Sie hat in den Ausdrücken „Liebe" und „Hass" ein Mittel der Bezeichnung, das in ganz eigentlicher Weise bei jedem Phänomen in dem gesammten Bereiche anwendbar ist. Denn, sind sie auch, in dem einen oder anderen Fäll minder üblich, so versteht einer doch, wenn man sie gebraucht, was damit gemeint ist, und erkennt, dass sie ihrer eigentlichen Bedeutung nicht entfremdet werden. Das Einzige, was in solchen Fällen gegen sie spricht, ist, dass der Sprachgebrauch hier specielleren Bezeichnungen den Vorzug zu geben pflegt. Denn in Wahrheit sind sie in einem sehr gewöhnlich, obwohl nicht ausschliesslich damit verbundenen Brentano, Psychologie. I. 21 ^ 322 Buch II. Von den paychisch^i Fl^Sndmeaen im Allgemeinen.
Sinne Ausdrucke, welche die unserer dritten Grundclasse eigenthümliche Weise der Beziehui^ zum Gegenstande in ihrer Allgemeinheit kennzeichnen.
Die Zusammenstellungen von,fLust und Liebe" „lieb und leid" und dgl. zeigen den Ausdruck „Liebe" auf die entschiedensten Gefühle angewandt. Und wenn wir sagen „liebhch" „hässlich", was meinen wir Anderes als eine Lust oder Unlust erweckende Erscheinung? Andererseits weisen Aeusseningen wie „es behebt mir", „thue was dir lieb ist" deutlieh auf Phänomene des Willens hin. In dem Satze „er hat eine Vorliebe für wissenschaftliche Beschäftigung" ist etwas ausgesprochen, was vielleicht Manche zu dem Gefühle rechnen, während es Andere für eine habituelle Richtung des Willens erklären werden. Ebenso überlasse ich es Anderen zu entscheiden, ob bei Namen wie „missliebig" „unliebsam" „Liebling" („Lieblingapferd" und „Liebling^tudium" miteinbegriffen) mehr Gründe für die Einordnung des Liebens, von dem die Rede ist, in das Gebiet, das sie Gefühle nennen, oder in das, welches sie dem Willen zuweisen, sich anfuhren lassen. Was mich betrifit, so glaube ich, dass es als allgemeinerer Ausdruck auch in diesem einzelnen Falle beide umspannt.
Wer sich nach etwas sehnt, der liebt es zu haben: wer über etwas trauert, dem ist das unlieb, worüber er trauert; wer sich über etwas freut, liebt, dass es so ist; wer etwas thun will, liebt es zu thun (wenn nicht an und für sich, so doch in Rücksicht auf diese oder jene Folge) u. s. f., und die genannten Acte sind nicht etwas was bloss mit einem Lieben zusammen besteht, sondern sie selbst sind Acte der Liebe. So zeigt sich, dass „gut sein" und „irgendwie zu lieben sein" so wie andererseits „schlecht sein" und „irgendwie zu hassen sein" dasselbe besagen, und wir sind gerechtfertigt, wenn wir den Ausdruck „Liebe" zum Namen unserer dritten Grundclasse wählten, indem wir dabei, wie schon bemerkt, wie man bei Begehren und Wollen ähnlich zu thun pflegt, den Gegensatz miteinbegritfen.
Als Ergebniss unserer Erörterung dUrfen wir also aus Capitel 8. Einheit der Grutidclasse für Gefühl uad Willen. 323 sprechen, dass die innere Erfahrung deutlich die Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen offenbart. Sie thut es, indem sie uns zeigt, dass nirgends zwischen ihnen eine scharf gezogene Grenze ist, und dass ein gemeinsamer Charakter ihrer Beziehung auf den Inhalt sie von den übrigen psychischen Phänomenen untcjrscheidet. Was die Philosophen der verschiedensten Richtung und selbst die, welche das Gebiet in zwei Grundclassen sondern, darüber äusserten, wies deutlich auf diesen gemeinsamen Charakter hin und bestätigte, ebenso wie die Sprache des Volkes, die Richtigkeit unserer Beschreibung der inneren Erscheinungen. \ §. 5. Verfolgen wir weiter den Plan unserer Untersuchung.
Als es sich darum handelte, Vorstellung und Urtheil als zwei verschiedene Grundclassen psychischer Phänomene zu erweisen, begnügten wir uns nicht damit, das directe Zeugniss der Erfahrung anzurufen; vielmehr haben wir auch gezeigt, dass der grosse Unterschied, der unleugbar zwischen dem einen und anderen Phänomene besteht, gänzlich auf Rechnung der verschiedenen Weisen ihrer Beziehungen zum Objecto zu setzen ist. Von diesem Unterschiede abgesehen, würde jedes Urtheil mit einer Vorstellung sich gedeckt haben und umgekehrt. Werfen wir jetzt in Betreff der Gefühle und des Willens die gleiche Frage auf. Wäre, wer keinerlei Unterschied in der Weise des Bewusstseins zwischen einem Fühlen von Freude und Schmerz und einem Wollen anerkennte, vielleicht ebenfalls ausser Stande irgend etwas als unterscheidend namhaft zu machen? würde auch zwischen ihnen jede Verschiedenheit dann ausgeglichen sein? — Sicher ist dieses nicht der Fall.
Wir haben früher gesehen, wie zwischen dem Fühlen einer Freude oder eines Schmerzes und dem Wollen im eigentlichsten Sinne eine Reihe von Seelenzuständen so zu sagen in der Mitte steht, von welchen man nicht recht weiss, ob sie bei einer Scheidung des Gebietes in Gefühl und Willen besser der einen oder anderen Seite zugerechnet werden.
324 Buch n. Von den psychisclieii Phänomenen im Allgemeinen.
Sehnsucht, Hofifnung, Muth und andere Erscheinungen gehören hleher. Gewiss wird Niemand behaupten, jede dieser Classen sei von der Art, dass sich ausser einer etwaigen Besonderheit der Beziehung zum Objecte kein Unterschied dafür angeben lasse. Eigenthttmlichkeiten der Vorstellungen und Eigenthtimlichkeiten der Urtheile, die ihnen zu Grunde liegen, dienen dazu, die eine von der anderen zu unterscheiden; und an solche Unterschiede hat man sich darum. gehalten, da man in älterer wie neuerer Zeit Versuche machte, sie definirend gegen einander abzugrenzen. Dies hat schon Aristoteles in seiner Rhetorik, so wie in d^ Nikomachischen Ethik gethan, und Andere wie z. B. Cicero im vierten Buch der Tusculanae Quaestiones sind seinem Beispiele gefolgt. Später finden wir ähnliche Versuche bei Kirchenvätern wie Gregor von Nyssa, Augustinus und anderen, und in einem vorzüglichen Maasse im Mittelalter bei Thomas von Aquin in seiner Prima Secundae. Wiederum begegnen sie uns in der Neuzeit bei Descartes in seiner Abhandlung über die Leidenschaften, bei Spinoza im dritten Theile seiner Ethik, wohl dem verdienstvollsten des ganzen Werkes; femer bei Hume, Hartley, James Mill u. s. f. bis auf unsere Zeit.
Natürlich konnten solche Definitionen, indem sie die einzelne Classe nicht bloss gegen eine, sondern gegen jede andere abgrenzen wollten, nicht immer von dem Gegensatze absehen, welcher dieses Gebiet, wie Anerkennung und Leugnung das der Urtheile durchdringt, und ebenso mussten sie auf die Unterschiede in der Stärke der Phänomene mitunter Kücksicht nehmen. Mehr aber ist in der That nicht nöthig, um im Uebrigen mit den zuvor erwähnten Mitteln bei der Bestimmung eines jeden zu diesem Gebiete gehörigen Classenbegriffes vollkommen auszureichen; womit selbstverständlich nicht gesagt sein soll, dass jeder Versuch, den man mit ihrer Hülfe gemacht hat, auch wirklich gelungen sei.
Lotze, der in seiner medicinischen Psychologie hinsichtlich verschiedener Classen, die er zu den Gefühlen rechnet, denselben Weg der Definition betritt, enthält sich dagegen in Betreff der Besonderheit des WoUens eines jeden solchen , Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Geföhl und Willen. 325 Versuches, indem er ihn für nothwendig erfolglos hält. „Vergeblich", sagt er, „sucht man das Vorhandensein des Wollens zu leugnen, ebenso vergeblich, als wir uns bemühen würden, seine einfache Natur, die nur unmittelbar sich erleben lässt, durch umschreibende Erklärungen zu verdeutlichen ^)". Dies ist auf seinem Standpunkt consequent geurtheilt*); richtig aber scheint e& mir in keiner Weise. Jedes Wollen participirt an dem gemeinsamen Charakter unserer dritten Grundclasse; und wer darum das Gewollte als etwas was Jemand heb ist bezeichnet, hat dadurch schon einigermassen und in äusserster Allgemeinheit die Natur der Willensthätigkeit gekennzeichnet. Fügt man dann Bestimmungen über die Besonderheit des Inhaltes, über die Eigenthümlichkeit der Vorstellung und des Urtheils hinzu, die dem Wollen zu Grunde liegen, so ergänzt sich die erste Angabe in ähnlicher Weise zu einer genau abgrenzenden Definition, wie in anderen Fällen die einer Classe von Gefühlen. Jedes Wollen geht auf ein Thun, von dem wir glauben, dass es in unserer Macht liege, auf ein Gut, welches als Folge des Wollens selbst erwartet wird. An diese specialisirenden Bestimmungen hat schon Aristoteles gerührt, indem er das Wählbare als ein durch Handeln zu erreichendes Gut bezeichnete. Eingehender haben James Mill und Alexander ^ain die besonderen Bedingungen des Phänomens, die in den zu Grunde liegenden Vorstellungen und Urtheilen gegeben sind, analysirt. Diese Analysen, selbst wenn einer das Eine oder Andere noch daran auszusetzen fände, werden doch, glaube ich, in jedem, der sie beachtet, die Ueberzeugung erwecken, dass man wirklich auch *) Kant und Hamilton haben freilich die Consequenz nicht gezogen; aber einerseits waren sie bei ihren Versuchen wenig glücklich, andererseits so weit sie Erfolg hatten,.geben sie dadurch nur selbst gegen ihren Grundgedanken eines fundamentalen Classenunterschiedes Zeugniss. So Kant, wenn er das Wohlgefallen des Willens, als Wohlgefallen am Sein, dem Wohlgefallen des Gefühles als dem uninteressirten Wohlgefallen, welches durch die blosse Vorstellung befriedigt ist, gegenüberstellt, (s. o. S. 319.)
326 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im AllgE das Wollen in ähnlicher Weise und mit ähnlichen Mitteln wie die einzelnen Classen der GefEthle deöniren kann, and dass es nicht so unbesehreiblich einfach ist, wie Lotze uns lehrte ')■ §. 6. Wenn wir indessen sagten, dass das Wollen durch HinzufUgung von solcherlei Bestimmungen zum allgemeineu Begriffe der Liebe definirbar sei, so meinen wir damit nicht, dass Jemand, der das specielle Phänomen nie selbst in sich erfahren hätte, durch die Definition zu yoIIkommener Klarheit darüber gelangen könnte. Dies ist keineswegs der Fall. Es besteht in dieser Beziehung ein grosser Unterschied zwischen der Definition des Wollens und der Begriffebestimmung einer besonderen Classe von Urtheilen durch Angabe derGattnng des Inhaltes, aufweichen sie anerkennend oder verwerfend gerichtet sind. Wenn man nur irgendwelche bejahende und verneinende Urtheile gefällt hat, so kann man sich jedes andere TJrtheil anschaulich vorstellen, so bald man weiss, worauf es bejahend oder verneinend gerichtet ist. Hätte sich dagegen Jemand auch noch so häufig liebend und hassend bethätigt und in mannigfachen Abstufungen der Stärke, so würde doch für ihn, wenn er nie in specie etwas gewollt hätte, aus der Angabe der Besonderheit des Wollens in den erwähnten Beziehungen das Phänomen in seiner eigenthümlichen Natur nie vollkommen vorstellbar werden. Wenn Lotze nichts Anderes hätte sagen wollen, so würden wir uns vollkommen mit ihm einverstanden erklären.
Aber dies ist nichts, was nicht ebenso für andere specielle Classen, die man gewöhnlich dem Gefühle unterordnet, gelten würde; denn auch von ihnen zeigt, um mich eines Ausdruckes von Lotze selbst zu bedienen, jede eine besondere Färbung. Wer nur Gefühle der Freude und der Trauer gehabt hätte, dem würde durch eine Definition des Hoffen? oder Fürchtens dessen innere EigenthUmlichkeit unmöglich voll- *) Im fünften Buche weiden wir nn* eingehend mit dec IVage i beschäftigen haben.
\ Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 327 kommen anschaulich werden; ja schon hinsichtlich verschiedener Arten von Freude gilt dasselbe: die Freude des guten Gewissens und die Lust bei angenehmer Erwärmung, die Freude beim Anblick eines schönen Gemäldes und die Lust beimo Whigeschmacke einer Speise sind nicht etwa bloss quantitativ, sie sind qualitativ von einander verschieden, und ohne eine specifische Erfahrung würde die Angabe des besonderen Objects zur Erweckung einer vollkommen entsprechenden Vorstellung nicht fahren können.
Um dieser qualitativen Verschiedenheiten willen wird man allerdings zugeben müssen, dass innerhalb des Gebietes der Liebe noch Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objecte bestehen. Aber damit ist nicht gesagt, dass nicht die Einheit derselben Grundclasse alle Phänomene der Liebe umfasse. Wie vielmehr zwischen qualitativ verschiedenen Farben, so besteht auch zwischen qualitativ verschiedenen Phänomenen der Liebe eine wesentliche Verwandtschaft und Uebereinstimmung. Auch der Vergleich mit dem Gebiete des Urtheils macht dies deutlich. Fehlen hier andere Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objecte, so sind doch wenigstens Anerkennung und Verwerfung zwei verschiedene Weisen der Beurtheilung; man nennt sie mit Kecht qualitativ verschieden.
Denrioch erstreckt sich, da sie in ihrem allgemeinen Charakter miteinander übereinstimmen, die Einheit derselben Grundclasse über beide, und ihre Scheidung, obwohl ebenfalls durch die Natur vorgezeichnet, ist doch keine, welche auch nur annähernd eine ähnhch fundamentale Bedeutung wie die zwischen Vorstellung und Urtheil hätte. Ganz dasselbe gilt in unserem Fallei Ja es ist wo möglich noch einleuchtender, dass bei einer Grundeintheilung der psychischen Phänomene die qualitativen Unterschiede specieller Weisen des Liebens nicht in Betracht kommen können, als dass die Unterschiede der Qualität der Urtheile nicht dabei zu berücksichtigen sind. Die höchsten Classen würden ausserordentlich zahlreich oder vielmehr geradezu unzählig werden, namentlich da dasjenige, - was zu einem geliebten oder gehassten Gegenstande in Beziehung tritt, selbst wieder Gegenstand einer Liebe oder eines Hasses wird, und sehr gewöhnlich mit f tf.i r.
328 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
einer veränderten Färbung des Phänomenes. Auch würde die enge Umgrenzung, die jede von diesen höchsten Classen erhielte, dem Zwecke einer ersten und fundamentalen Eintheilung entgegen sein.
Darum haben auch diejenigen, welche das von uns einheitlich umschriebene Gebiet in mehrere Grundclassen zerlegten, bei ihrer Eintheilung nicht allen diesen Unterschieden Kechnung getragen. Sie scheiden nur zwei Classen, Gefühl und Willen; alle speciellen Färbungen der Phänomene der Liebe und des Hasses, welche innerhalb des Gebiets, das sie Willen nennen, und zahlreicher noch innerhalb des Bereiches der Gefühle bestehen, lassen sie dagegen unberücksichtigt. So erkennen sie durch ihr praktisches Verhalten in der bei weitem grösseren Zahl der Fälle an, dass solche untergeordnete Unterschiede nicht eine Sonderung in verschiedene Grundclassen rechtfertigen, und hiemit ist, wenn unsere Auseinanderr Setzung richtig ist, auch die Verwerfung ihrer Unterscheidung von Gefühl und Willen als höchster Classen im Principe zuge:,eben.
§. 7. Wir kommen zu einer dritten Reihe von Erörterungen, welche die von uns behauptete Zusammengehörigkeit von Gefühl und Willen zu einer natürlichen Grundclasse bestätigen wird.
Da es sich um die Feststellung der fundamentalen Verschiedenheit von Vorstellung und Urtbeil handelte, zeigten wir, wie alle Umstände darauf hinweisen, dass ein grundverschiedenes Verhältniss zum Inhalte das eine von dem anderen Phänomen unterscheidet. Wo das Urtheil zur Vorstellung hinzutritt, findet man eine ganz neue Gattung von Gegensätzen, eine ganz neue Gattung von Intensität, eine ganz neue Gattung von Vollkommenheit und UnvoUkommenheit imd eine ganz neue Gattung von Gesetzen der Entstehung und Aufeinanderfolge. Auch die Classe der Liebe und des Hasses, als Ganzes genommen, zeigte sich uns damals der Vorstellung und dem Urtheile gegenüber in dersßlben allseitigen Weise durch Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet. Sollte Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 329 innerhalb dieser Classe selbst noch ein fundamentaler Unterschied in der Beziehungsweise zum Objecte bestehen, so dürfen wir demnach erwarten, dass auch hier in ähnlicher Art das eine Gebiet von dem anderen in jeder der angegebenen Richtungen die Besonderheit seines Charakters offenbaren werde.
Aber in keiner Weise ist dies der Fall.
Vor Allem wird man sich leicht überzeugen, dass innerhalb des ganzen Gebietes von Gefühl und Willen nirgends eine Verschiedenheit von Gegensätzen auftritt, von denen das eine Paar dem anderen so heterogen wäre, wie es der Gegensatz von Liebe und Hass dem von Anerkennung und Leugnung ist. Auch wenn wir Freude und Traurigkeit mit Wollen und Nicht-wollen vergleichen, erkennen wir, dass hier und dort im Grunde genommen derselbe Gegensatz von Liebund ünlieb-sein. Gefallen und Missfallen uns entgegentritt. Allerdings erscheint er in jedem der beiden Fälle etwas modificirt, entsprechend der verschiedenen Färbung der Phänomene: aber der Unterschied ist nicht grösser als der, welcher zwischen den Gegensätzen von Freude und Trauer, Hoffnung und Furcht, Muth und.Verzagen, Verlangen und Fliehen und vielen anderen in der Classe gefunden wird.