Hat sich so gezeigt, dass die logische Seite des Trägheitsgesetzes selbst bei einem der fruchtbarsten theoretischen Physiker der neuesten Zeit schwere Unklarheiten — u. zw. zum Teil in derselben Richtung wie Kant's Lehre vom Trägheitsgesetze — aufweist, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn sich das Problem alles in allem auch heute noch überhaupt in vollem Flusse zeigt. Es seien daher noch einige weitere Beiträge zur jedenfalls wünschenswerten Schlichtung des ganzen Streites um das Trägheitsgesetz hier versucht.
Beginnen wir mit dem oben (S. 84) vorläufig zurückgestellten Restglied des ganzen Problems: dass nämlich der experimentelle Beweis nur Annäherung, nicht Genauigkeit — nur Wahrscheinlichkeit, nicht Gewissheit geben kann. Man hat mit Recht das Trägheitsgesetz einen Uebergang zur Grenze genannt — es ist ein solcher sogar in mehr als einer Hinsicht; und wie bei allen unendlichen Reihen und Grenzübergängen beansprucht ja gerade das Restglied das grösste Interesse, bereitet aber freilich fast immer auch die grössten Schwierigkeiten.
Man könnte das soeben gebrauchte Gleichnis vom Restglied als den leitenden Gedanken von Poske's oben (S. 84) angeführter Abhandlung: „Der empirische Ursprung und die allgemeine Gültigkeit des Beharrungsgesetzes", bezeichnen. Es werden hier zunächst die Versuche von (Euler, Kant, Laplace, Poisson, Lotze, Wündt, Lasswitz (in gewissem Sinn auch Webnicke, ib. S. 392), das Beharrungsgesetz rein deductiv, rein a priori zu beweisen, der Reihe nach abgelehnt, und dann wird gefragt: „Wenn nun aber auf keinem der bisher eingeschlagenen Wege ein unanfechtbarer Beweis für die apriorische Geltung des Beharrungsgesetzes erbracht ist, so bleibt noch immer die erkenntnistheoretische Grundfrage zu beantworten, wie der empirische Ursprung desselben mit seiner apodiktischen Giltigkeit in Einklang zu setzen ist. Es kommt darauf an, „„Rechenschaft zu 92 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
geben über den wahren Grund der Evidenz"", den wir jenem Erfahrungssatz beilegen" (S. 392).
Poske's Antwort ist darin gegeben, dass er, anknüpfend an die schon oben hervorgehobenen Worte Galilei's „mente concipio", in dem „Begriff der gleichförmigen Bewegung" eine „empirische Idee in demselben Sinne, in welchem dies neuerdings von den Grundbegriffen der Geometrie [durch B. Erdmann] dargethan worden ist" (S. 396), ersieht. — Vom Satze der Trägheit oder Beharrung sagt Poske (S. 399): „DasBeharrungsgesetz ist., eine Maxime, welche die Anwendung einer „„empirischen Idee"" auf die Erfahrung betrifft" (S. 399). Es lässt sich von dem Beharrungsgesetze im Widerspruch mit einem von Kant besonders betonten Satz *) behaupten, „dass der Verstand das Gesetz aus der Natur geschöpft hat, um es dieser vorzuschreiben" (S. 401).
Enthalten wir uns vorerst der im letzten Satz angeregten Vertiefungen in den Gedankenkreis des Kriticismus, so besagen Poske's Termini „empirische Idee" und „Maxime" in elementarpsychologischer Terminologie jedenfalls folgendes: Die „(empirischen) Ideen" sind Vor Stellungsinhalte, die infolge von Thatsachen der Unterschiedsschwelle nur „in dir e et", durch „Relationsübertragung"**) zu gewinnen sind; und der Ausdruck „Maxime" bezeichnet hierein Urteil, das logisch genommen nur Hypothese, vor der nächstbesten solchen aber dadurch ausgezeichnet ist, dass sie unserem Evidenzbewusstsein in einer noch näher zu prüfenden Weise ganz besonders nahe liegt, unserem Bedürfnis nach „Erklärung" besonders entgegenkommt. — Poske's Termini „Idee" und „Maxime" (welche u. a. jedenfalls nicht mit den von Kant so oft und gern gebrauchten gleichbedeutend sein wollen) machen eigentlich aber doch erst recht stark das Bedürfnis näherer Untersuchung lebendig, welcher besonderen Art die Eigentümlichkeiten jener Vorstellung und dieses Urteiles seien.
Ohne dass hier diese Untersuchung voll durchgeführt werden könnte, glaube ich als ihr Ergebnis das anführen zu sollen, dass es *) Es ist der KANT'sche Satz in den „Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik", §36: „Der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vo r." Dies die berühmte Antwort auf die berühmte Frage, welche den Titel jenes Paragraphen bildet: „Wie ist Natur selbst möglich?"
**) Uober den Sinn und die Tragweite dieser MEINONG'schen Termini vgl. meine Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 93 nur der Gedanke denkbar grösster „objectiver Einfachheit"*) sei, welcher zum empirischen Ursprung des Trägheitsgesetzes das *) Damit die nachfolgendeD Betrachtungen zu Gunsten der Einfachheit gleich von vornherein nicht die Gefahren eines solchen Princips unterschätzen lassen, stelle ich ihnen folgende Worte FRESNEL's voran (mit welchen WÜLLNER sehr passend den sein Lehrbuch der Physik einleitenden Abschnitt über die Methode der Physik abschliesst): „Dans le choix d'un systhne on ne doit avoir egard qu'ä la simplicite des hypotheses; celle de cdlcüle ne peut etre d'aucun poids dans la bdlance des probabilites. La nature ne s'est pas embarrassie des difficidte's d'analyse, eile w'a eviti que la complication des moyens. Elle parait s'etre propose" de faire beaucoup avec peu: c'est un principe que le perfectionnement des sciences physiques appuie sans cesse de preuves nouvelles."
Wie trügerisch das Princip der Einfachheit bei aller Fruchtbarkeit für die Heuristik in seinen Ergebnissen doch sein kann, dafür ist gerade GALILEI ein, wie immer so auch in seinen Irrthümern classisches Beispiel. Er erzählt am Beginn des dritten Tages der Discorsi („Vorr. u. Einl." S. 4), es habe ihn „zur Erforschung der natürlich beschleunigten Bewegung die Beobachtung der Gewohnheit und Einrichtung der Natur bei all6n ihren anderen Vorrichtungen gleichsam selbst an der Hand geführt; sie pflegt sich bei deren Ausübung der nächstliegenden einfachsten und leichtesten Hilfsmittel zu bedienen, denn nach meiner Meinung wird niemand glauben, das Schwimmen oder Fliegen könne auf einfachere und leichtere Art bewirkt werden, als es die Fische und Vögel aus natürlichem Instinct bewerkstelligen. Wenn ich also bemerke, dass ein Stein, der aus der Höhe von der Ruhelage aus fällt, später neue Geschwindigkeitszuwüchse erfahrt, warum soll ich nicht glauben, dass solche Zuwüchse auf die einfachste und nächstliegende Art geschehen? Wenn wir aufmerksam zusehen, werden wir keine Vermehrung, keinen Zuwachs finden, der einfacher wäre, als ein solcher, der immer in gleicher Weise hinzukommt." — Nun wissen wir aber, dass das so gefundene Geschwindigkeitsgesetz v = gt und das aus ihm deducirte s = 1/2gt2 nur gilt, wenn das Kraftfeld der Erde ein constantes ist. Und seit NEWTON wissen wir, dass diese Voraussetzung der Constanz thatsächlich nicht erfüllt ist. Bei GALILEI selbst findet sich nirgends eine Bemerkung darüber, dass er diese bloss bedingte Berechtigung seines Gedankens der Einfachheit bemerkt habe (vgl. meine Vorbemerkung S. IV der „Vorr. u. Einl."). Ich möchte daher gerade diesen Zug nicht als Beispiel eines specifisch philosophischen Scharfblickes GALILEI's angeführt sehen. — Vielmehr steht diese stillschweigende Voraussetzung auf einer Stufe z. B. mit dem Dogma, nur die gleichförmig kreisende Bewegung sei die „vollkommenste" und daher nur sie den himmlischen Bewegungen angemessen; ein Dogma, das sich zwar auch schon in HlPPARCH's Theorie der excentrischen Kreise von Sonne und Mond als ein, wiewohl nicht richtiges, doch überaus fruchtbares bewährt hatte (vgl. WHEWELL's Vergleichung der excentrischen Kreise und der Epicykel mit FOURIER's Zerlegung in Kreisfunctionen), und mit dem auch noch nicht KOPERNIKUS, sondern erst KEPLER gebrochen hat, weil es eben, bei aller Fruchtbarkeit, doch mit den Thatsachen, den elliptischen Bahnen, nicht in Einklang zu bringen war; was wir jenen beiden grossen Vätern der theoretischen Astronomie zwar auf keine Weise zum Vorwurf, aber auch nicht zu einem besonderen Ruhmestitel machen dürfen. — Uebrigens er- 94 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
gesuchte apriorische Complement liefern soll — und, wie ich unter gewissen Vorbehalten meinerseits hinzufügen zu dürfen glaube, auch wirklich liefert.
Wenn Poske den phoronomischen Begriff der geradlinig gleichförmigen Bewegung in mehrfache Parallelen stellt zum geometrischen Begriff der Geraden, so sind vor allem diese Analogien völlig unanfechtbar. Sie sind auch alle a priori einleuchtend, streng gewiss und, was nicht überflüssig zu bemerken ist,*) sie sind durchaus objectiver Natur. Ich meine damit, es sei auch für den erklärtesten Subjectivisten oder Skeptiker nicht gut, nicht mit einem dauernden Schein von Berechtigung, zu leugnen, dass die gerade Linie „einfacher" als irgend eine krumme, die gleichförmige Bewegung „einfacher" als irgend eine ungleichförmige sei. Es ist nicht Geschmackssache, erste Differentialquotienten „einfacher' als zweite, Constanz einfacher als Inconstanz u. s. f. zu finden. Schliesslich ist eben doch 1 „einfacher" als 2 oder als 22 u. s. f. Ich nannte auch jene geometrischen und phoronomischen Unterschiede objective; dies verträgt sich ganz wohl mit dem Festhalten an der erkenntnistheoretisch so fruchtbaren Unterscheidung, dass ebenso wie die Geometrie auch die Phoronomie es nur mit unseren Vorstellungs- Inhalten von geraden Linien, constanten Bewegungen zu thun hat und eben deshalb mit lauter apriorischen, d. h. auf Grund dieser Vorstellungen allein schon evidenten Relationsurteilen ausreicht (dies alles in dem oben, S. 15, analysirten und gerechtfertigten Sinne des „Apriori" verstanden).
streckt sich die Analogie noch weiter, indem GALILEI's Bevorzugung der gleichmassigen Beschleunigung doch ebenfalls wieder ein ebenso wertvolles mathematisches Mittel wird, wie die reinen (excentrischen oder epicyklischen) Kreise: wie diese der FOURIER'schen Zerlegung entsprechen, so lässt sich auch jede ungleichmässige Beschleunigung auf gleichmässige zurückführen.
*) In der Philosophischen Gesellschaft an der Universität Wien wurde gegen Ende des Jahres 1898 an zwei Besprechungsabenden von je zwei Stunden die Frage discutirt: „Ist unsere Voraussetzung einer Einfachheit der letzten Naturgesetze logisch berechtigt?" Wie zu erwarten, gab der Gegenstand Anlass zum Aufeinandertreffen diametraler logischer und erkenntnistheoretischer Gegensätze. Von subjectivistischer Seite wurde der Begriff der Einfachheit als überhaupt willkürlich und als logisch nicht fest zu fassen bezeichnet, und als Anwendung dieser These z. B. behauptet, auch die Gerade sei nicht an sich „einfacher" als etwa die Schraubenlinie: denn das Krümmungsmaass beider sei constant. — Es scheint aber auch hier nicht schwer, objective Gradunterschiede der Einfachheit aufzuzeigen. Ein constantes Krümmungsmaass Null ist denn doch immerhin „einfacher" als irgend ein von Null verschiedenes. Auch giebt der Einwurf selbst implicite zu, dass ein constantes Krümmungsmaass einfacher sei als irgend ein nicht constantes.
Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 95 Gerade auch in unserem besonderen Probleme aber wird eben dieser Unterschied fruchtbar, ja er macht das Problem eigentlich erst zum Problem. Nämlich: Wie können wir wissen, dass die nach ihren Vor stellungs- Merkmalen als „einfach" ausgezeichnete Bewegung auch „in rerum natura'1 eine ausgezeichnete Stellung einnehme? Auch hier erlaube ich mir mit Uebergehung der Untersuchung selbst (welche wesentlich in der Ablehnung gegentheiliger Beantwortungsversuche zu bestehen hätte *) das Ergebnis auszusprechen, dass dieser Fortschritt von dem Vorstellen „einfachster" Bewegung zu dem Glauben an ihr Realisirtsein — d. i. also hier: von der Phoronomie zur Dynamik der „GALiLEi'schen Bewegungen" — nicht anders zu erreichen sein dürfte, als indem wir auf das Trägheitsgesetz das „Gesetz der Einfachheit der letzten Naturgesetze" anwenden. Dazu gehört, dass wir einerseits das speciell physikalische Trägheitsgesetz als ein „letztes"**) Naturgesetz gelten lassen, ander- *) Aehnlich wie MEINONG in seiner grundlegenden Abhandlung „Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses" (Vierteljahrschrift für wiss. Philos., X. Jahrg. 1886, S. 7—33) den Beweis seiner These, dass die Gedächtnisurteile in letzter Instanz „evidente Vermuthungen" seien, wesentlich durch Ablehnung der Versuche, mit Induction u. dgl. auszureichen, erbracht hat.
— Gegen Schluss der Abhandlung (ib. S. 32) wird die Frage aufgeworfen, „ob es möglich sein wird, die zunächst so gross erscheinende Mannigfaltigkeit unmittelbar evidenter Vermuthungen in eine verhältnismässig kleine Zahl von Classen zu ordnen." Es wird nur ein Beispiel, das sogenannte Gesetz der Gleichförmigkeit des Naturlaufes (nicht zu verwechseln mit dem Causalgesetz), der Gedächtnisevidenz an die Seite gestellt. — In meiner Logik (§ 78, Giebt es unmittelbar evident wahrscheinliche Urteile?) habe ich (neben einigen anderen Beispielen, welche die Bejahung dieser Frage nahelegen) darauf hingewiesen, dass ähnlich „aller Naturforschung ein Vertrauen auf die Einfachheit der letzten Naturgesetze zu Grunde liegt". — Da die Logik der Wahrscheinlichkeit ein nach dieser Richtung noch sehr wenig bebautes Gebiet ist, harren alle diese hiermit wenigstens formulirten Fragen noch der strengen theoretischen Untersuchung und Beantwortung. — Umso wertvoller ist es, darauf hinweisen zu können, dass auch auf exact mathematischer Seite das Bedürfnis empfunden wird, der Wahrscheinlichkeitsrechnung solche vertiefte Fundamente zu geben. In einem Vortrage, welchen Professor EMANUEL CzüBER in der Philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien gehalten hat (abgedruckt in der Zeitschrift f. d.
Realschulwesen, Jhg. XXIII), gelangt CZÜBER zu Forderungen an die Grundlegung der Wahrscheinlichkeitslehre, welche sich sehr nahe berühren mit denjenigen, welche MEINONGt zuerst in der Anzeige von KßlES' Wahrscheinlichkeitstheorie (Gott. Gel. Anz. 1890, S. 56-75) angedeutet hat.
**) In der oben (S. 94 Anm.) erwähnten Discussion der Philosophischen Gesellschaft war behauptet worden, dass es ganz ebenso gut möglich sei, im 96 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
seits, dass wir eben jenes allgemeine ontologische Gesetz der „Einfachheit" selbst für logisch zu rechtfertigen halten. — Das blosse „Ueber zeugt sein" von diesem oder was immer für sonst einem „Gesetze" hätte noch keine erkenntnistheoretische Dignität; wir müssten „Evidenz" von jenem allgemeinen Gesetz haben; unter „Evidenz" hiebei ein Merkmal des Urteils, nicht der Vorstellung verstanden. Ich vermag aber nicht abzusehen, wie das Evidenz der Gewissheit sein sollte; wir werden uns günstigenfalls mit Evidenz der Wahrscheinlichkeit zu begnügen haben. — Hiebei ist nun freilich auch für das Trägheitsgesetz nur Wahrscheinlichkeit, nicht Gewissheit gewonnen. Aber wenigstens ist es evidente Wahrscheinlichkeit, nicht evidenzlose Gewissheit.
Indem wir also dem apriorischen Complement zum empirischen Ueberzeugtsein vom Trägheitsgesetz die „Evidenzciasse"*) eines „mittelbar evident wahrscheinlichen Urteile s" anweisen, haben wir freilich nicht ganz soviel erreicht, als man durch die aus Kant's Erkenntnislehre gewohnten Steigerungen „Allgemeingiltigkeit", „unbedingte Giltigkeit", „Notwendigkeit", „absolute Notwendigkeit", „Apodikticität" u. s. f. hat auszeichnen wollen. Um aber die Grösse des Deficits genauer zu ermessen, welches ich dem Trägheitsgesetze auferlege, wenn ich es in die Evidenzciasse der „evident wahrscheinlichen Urteile" (oder kürzer „Vermuthungsevidenzen") einreihe, sei zuerst daran erinnert, " dass alle jene Steigerungen so Gesetze der Massenanziehung f = >{ sei n = 2, wie NEWTON gelehrt hatte, als dass n = 2 • 000 000 162, wie es z. B. neueste Untersuchungen zu verlangen scheinen (vgl. u. a. Ztschr. „Himmel und Erde", X. Jahrg., Berlin 1898, S. 183). — Gewiss, wir müssen uns am Ende, d. h. wenn die Beobachtungsdaten und ihre rechnerische Verarbeitung dies verlangten, auch n = 2 -f- irgend einer Ziffer in irgend einer Decimalstelle gefallen lassen. Gerade daraus aber würden wir dann doch womöglich schliessen, dass die Thatsachen der angeblichen „Massenanziehung" eben keine „letzten" seien, und in der That würden ja z. B. „Gravitationswellen" mancherlei feinere Abweichungen vom typischen Ausbreitungsgesetz -j geradezu verlangen. Noch näher läge freilich der Gedanke an eine Superposition der Massenanziehung und elektrischer oder magnetischer Anziehungen oder Abstossungen. — Auf die nach anderer Richtung gehenden Gründe gegen die Allgemeingiltigkeit und Genauigkeit des NEWTON'schen Gesetzes, wie sie neuestens SEELIGER unter allgemeiner Spannung der wissenschaftlichen Welt entwickelt, ist in vorliegendem Zusammenhange nicht, einzugehen.
*) Ueber den Begriff der „Evidenzclassen" und einige der obersten solcher vgl. meine Logik § 54.
Nachwort zu Kant, HI. Hauptstück: Mechanik. 97 ziemlich wie gleichbedeutend promiscue gebraucht zu werden pflegen — was zwar nichts verschlägt, solange es sich um blosse epithäa ornantia handelt, aber für Denjenigen misslich ist, der fester termini technici für feste logische und erkenntnistheoretische Merkmale je einer „Kenntnis" oder „Erkenntnis" bedarf und jenem Vorrath von Bezeichnungen womöglich nicht noch neue anreihen möchte. — Nehmen wir also jene auszeichnenden Termini einen nach dem anderen beim Wort und fragen wir, worin es dem Trägheitsgesetz an höchster erkenntnistheoretischer Dignität der einen oder anderen Art gebricht, so wird dies nicht gerade die „Allgemeingiltigkeit" sein. Denn nicht darum handelt es sich ja, ob das Trägheitsgesetz in 1000 Fällen gilt und erst im 1001. Falle nicht ( — oder in einem ganz heterogenen Sinne von „Allgemeingiltigkeit": ob es 1000 Denkende gelten lassen und der 1001. nicht), sondern ob es überhaupt ein „Gesetz" giebt (dieses Wort hier ausschliesslich im Sinne der Zuordnung zweier Grössenreihen genommen, wo also der Gedanke an „Ausnahmen" überhaupt keinen Platz mehr hat), gemäss welchem dem Uebergang zur Grenze Null auf Seite der dynamischen „Umgebung" auch ein Uebergang genau zur Grenze Null auf Seiten der phoronomischen Erscheinung, nämlich der Abweichung von constanter Geschwindigkeit und Richtung, entspricht. Nicht also auf der „Allgemeingiltigk e i t", sondern auf der „G e n a u i g k e i t" der Zuordnung dieser zwei strengen Nullwerte scheint mir der Ton bei allen wirklichen oder möglichen Zweifeln an dem herkömmlichen Trägheitsgesetz zu liegen (von Denjenigen natürlich jetzt abgesehen, die das „Gesetz" als „logischen Cirkel" oder aus sonstigen Gründen überhaupt für inhaltsleer und sinnlos halten).
Es ist gelegentlich die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht „ein anderes Trägheitsgesetz" geben könnte als das, dass der Kraft Null auch die Beschleunigung Null entspricht. Ich kann nicht umhin, die Frage nach einer solchen „Möglichkeit" durchaus zu bejahen, hierin also der von Poske (S. 402) beanspruchten „unbedingten Giltigkeit für jede mögliche Erfahrung" einigen Abbruch zu thun. Zunächst die logische „Möglichkeit": Eine Abweichung vom herkömmlichen Trägheitsgesetz wäre logisch nicht möglich, wenn dieses eine Tautologie, wenn der Begriff Kraft nur die logische Kehrseite zum Begriffe Trägheit wäre. Dass dieses logische Verhältnis nicht besteht, wurde oben (S. 86) zu zeigen versucht. — Sodann aber eine physikalische oder metaphysische oder transscendentale „Möglichkeit": Ich gestehe, dass ich keinerlei Evidenz dafür besitze, warum nicht eine 93 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
umgebungsfreie Bewegung eine Verzögerung z. B. von 0- 000001 cm sec-2 oder von 10 ~ *° cm sec - 2 haben „könnt e". Wäre dies so, so würde sich diese feine Abweichung von der Constanz der Bewegung der ausserwissenschaftlichen Beobachtung vielleicht nie verrathen, wissenschaftlich aber würde sie bei hinreichender Grösse früher oder später ermittelt, und die Grösse 10 _6 cm sec-2 wäre dann eine so interessante Constante des Universums, wie die Gravitationsconstante oder die für das mechanische Wärmeäquivalent.
Ich weiss, dass ich mich durch das Zugeben dieser physikalischen Möglichkeit nicht erst mit dem gesammten KANT'schen Kriticismus in vollen, sondern vielleicht auch schon mit Poske'S Auffassung unseres Trägheitsgesetzes als einer „Maxime" in teilweisen Gegensatz setze. Aber — mag man das Folgende auch ein allzu rücksichtsloses, allzu wenig differenzirendes Handhaben der logischen und erkenntnistheoretischen Typen nennen: Ich meine, wenn man einmal zugesteht, dass wir den concreten Inhalt des Trägheitsgesetzes „aus der Erfahrung B haben, so müssen wir auch den Muth haben, zuzugeben, dass die Erfahrung uns auch Gegenteiliges zu dem hätte lehren können, was sie thatsächlich gelehrt hat. Ich bekenne mich, indem ich Kants Satz von der „bloss comparativen Allgemeinheit der Induction" für unwiderleglich halte (vgl. oben S. 51), rückhaltslos zu Hertz' Paradoxon: „Was aus Erfahrung stammt, kann durch Erfahrung wieder vernichtet werden." Auch das Deficit gegenüber Poske« allgemeinster These, „dass es ein sicheres Wissen von den Dingen und Vorgängen der Wirklichkeit giebt" *), ist hiermit *) Vgl. das Referat (Ztschr. f. d. physik. u. ehem. Unterr., XII. Jahrg. 1899, S. 365) über H. KLEINPETER „E. Mach's und H. Hertz' principielle Auffassung der Physik". — Ich stehe gewiss der antiskeptischen Auffassung des Referenten viel näher, als der skeptischen des Verfassers, möchte aber eben deshalb noch folgendes hinzufügen: Jeder Erkenntnistheoretiker wird gut thun, das heftige Widerstreben nicht zu unterschätzen, welches jene HüME — HERTZ'sche These bei jedem Erkenntnispraktiker zu erregen pflegt, wenn mit ihr in concreto Ernst gemacht werden soll. Soeben wieder findet ein physikalischer Freund in der Lehre, dass der aus der Erfahrung stammende Satz „Alle Körper fallen" durch die Erfahrung je noch widerlegt werden könnte, höchstens ein Sophisma durch den Doppelsinn des Wortes „könnte"; nur der Logiker bilde sich eiu, das könnte auch anders sein, weil ihm das „muss" noch nicht demonstriert ist. Aber wenn man dies als eine „reale Möglichkeit" hinstelle, so sei es „ein Mangel an gesundem Gefühl für das Wirkliche." — Man sieht, es rollt sich wieder das Problem der Evidenz für Notwendigkeiten aus Regelmässigkeiten auf, dessen wir oben S. 50 ff. in anderem Zusammenhange zu gedenken hatten. Mochte dort mein Eintreten für Notwendigkeiten zu antiskeptisch, zu kantisch geschienen haben, so darf ich dafür jetzt Nachwort zu Kant, III. Hauptstück:Mechanik. 99 eingestanden, sofern „Wissen" = evident gewisses Urteil und „Wirklichkeit" eine andere als meine eigene psychische (gemäss dem Satze von der Evidenz der inneren Wahrnehmung) bedeutet.
Ist nun hiemit die Auszeichnung, welche Poske dem Trägheitsgesetz, wie wir es zunächst aus der Hand der Erfahrung empfangen haben, durch das Wort „Maxime" zuerkennt, nicht „grob empiristisch" wieder völlig vernichtet? Ich glaube doch nicht. Ich habe freilich junge Physiker positivistischer Richtung sich rühmen hören, sie würden es sich ganz ebenso gern gefallen lassen, wenn ein allen äusseren Einflüssen entzogener Körper „von selbst" in den verwickeltsten Krümmungen und nach den tollsten Weg - Zeit - Gesetzen s = f(t) sich bewegte (etwa wie eine Kugel mit excentrischer Massenverteilung auf wagrechter Ebene ruckweise in Schlangenlinien rollt); wobei sich nach der Leugnung jedes Begriffes „objectiver Einfachheit" natürlich versteht, dass es auch den Unterschied von tollen und nicht tollen Bewegungsgesetzen eigentlich schon gar nicht mehr gäbe. Ich kann aber auf solches Rühmen nur mit Aristoteles' Worten gegen Heraklit's Leugnung des principium contradidionis sagen: „Es ist nicht nöthig, dass einer das wirklich annimmt, was er sagt." Ich glaube, es ist ein zwar subjectives, aber als solches objectiv zu constatirendes Factum, dass unser, das G-ALiLEi-NEWTON'sche Trägheitsden entgegengesetzten Schein des Allzuskeptischen auf mich nehmen. Fast möchte ich meine Freude laut werden lassen, dass die Erkenntnistheorie doch Probleme besitzt, die auch den Erkenntnispraktiker auf die Nägel brennen können. Wie aber das erkenntnispraktische Sträuben gegen die „reale Möglichkeit" eines gelegentlichen künftigen Nichtfallens eines freien Körpers oder an das Nichtsterblichsein eines Menschen u. dgl. erkenntnistheoretisch nicht nur zu begreifen und hiemit jedenfalls zu entschuldigen ist, habe ich in meiner Logik § 53 S. 126 gesagt: „Dass sich die Meisten in concreten Fällen schwer entschliessen, die sogenannte physische Sicherheit nur als einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit anzusehen, lässt sich nicht nur psychologisch aus der bei solchen Urteilen meist sehr festgewordenen Gewohnheit erklären, sondern auch logisch in gewissem Masse rechtfertigen: Ist nämlich der Wahrscheinlichkeitsgrad, der einem Urteile logischerweise gebührt, schon ein sehr hoher, so begehen wir in der That einen weniger grossen Fehler, wenn wir es wie ein gewisses, als wenn wir es wie ein wahrscheinliches Urteil behandeln, dem zur Gewissheit noch ein für uns direct (gleichsam „anschaulich") vorstellbares Maass fehlt (Analogie zur Unterschiedsschwelle). — Gleichwohl ist es unerlässlich, sich des Unterschiedes zwischen physischer Sicherheit und mathematischer Gewissheit wenigstens theoretisch (gleichsam unanschaulich) immer bewusst zu bleiben" u. s. f. — Auf nicht mehr als auf diesem un anschaulich kleinen Deficit gegen ein „sicheres Wissen" inuss ich meinen physikalischen Freunden gegenüber noch immer bestehen.
7* 100 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
gesetz mit seinem Zusammentreffen der Kraft Null und der Beschleunigung Null uns selbst dann immer noch besser, und zwar sozusagen unendlich besser zusagt, gleichsam anheimelt, wenn wir diese unsere — vielleicht in gleichem Masse ästhetische wie logische — Bevorzugung für's erste noch nicht erkenntnistheoretisch vor uns selbst und Anderen völlig zu rechtfertigen wissen. Wir können jenes psychologische Factum aber auch so beschreiben: Wir „begreifen" zwar nicht, warum gerade dieses und nicht ein anderes Trägheitsgesetz realisirt ist, und würden ein anderes nur ebenso wenig, nicht noch weniger begreifen; denn wir wissen ja um jenes Gesetz nur aus der Erfahrung und würden uns auch damit abfinden müssen, wenn uns die Erfahrung ein anderes Trägheitsgesetz gelehrt hätte. Wir begreifen unser Trägheitsgesetz nicht. Aber auch selbst unbegriffen lässt es uns alle übrige Erfahrung mechanischen Inhaltes besser, — man kann wegen der in's Spiel kommenden Nullwerte geradezu sagen: unendlich besser — begreifen, als wenn uns die Erfahrung ein minder einfaches Trägheitsgesetz aufgenöthigt hätte, nämlich eines, bei welchem dem Null werte der „ Kraft" (phänomenal genommen: der „Umgebungslosigkeit") regelmässige oder regellose Abweichungen von dem Nullwerte der Beschleunigung zugeordnet wären. — Mehr als dieses apriorische Complement scheint mir aber in der That der empirische Ursprung unseres Trägheitsgesetzes nicht zu gestatten, und ich kann nicht so weit gehen wie Poske, dessen in den Worten „für jede mögliche Erfahrung" concentrirtes Ergebnis ausführlicher so lautet (S. 401): „Der empirische Ursprung des Gesetzes schliesst somit seine apriorische Giltigkeit nicht aus, vielmehr muss demselben eine ebenso unbedingte Giltigkeit für jede mögliche Erfahrung zuerkannt werden, wie sie den Grundbegriffen der Geometrie in Bezug auf die räumlichen Verhältnisse der Körper weit zukommt. Sehr klar spricht dies Dührinq aus, indem er das Gesetz zu den Axiomen rechnet, die „„etwas aus der allgemeinen Erfahrung Entnommenes, aber nichts desto weniger von absoluter Notwendigkeit sind"". Den Grund dafür findet Dührinq darin, dass wir durch die empirische Zergliederung die letzten Bestandteile der Naturconstitution gewinnen, doch hebt er auch an anderer Stelle den ergänzenden Schluss hervor, der zur blossen Zerlegung hinzutreten muss, ohne indessen auf die eigentümliche Art des Grenzüberganges Gewicht zu legen, durch welche die Gewinnung des Axioms sich von anderen