Aber nicht nur „denkbar" ist die absolute Bewegung, auch irgendwie „erkennbar" ist sie — auch absolute Translations-Bewegung von Punktsystemen, auch absolute geradlinig gleichförmige Bewegung von einzelnen Punkten ist erkennbar; nämlich das macht eine, wenn auch manchmal nur insgeheim gehegte Ueberzeugung sogar der nach Bezugskörpern um jeden Preis Suchenden aus, dass Punkte und Punktsysteme, für deren Bewegungen die Unabhängigkeit von allen speciellen Bezugskörpern nachgewiesen ist (und das glauben wir ja doch von blossen Farbenflecken u. dgl.), die Eigenschaften ihrer Bewegung nicht von den Bezugskörpern „zu Lehen tragen", sondern dass die Art der Relationen hier, bei der Bewegung wie sonst überall, letztlich doch von den Aenderungen, die mindestens je ein in sich absolutes Fundament, hier die absolute Ortsbestimmung erleidet, abhänge.
Indem wir so die oben S. 137 geschilderte vorwissenschaftliche Neigung, relative Bewegungen auf absolute zu deuten, einer nachträglichen wissenschaftlichen Sanction — sowohl physikalischer, wie erkenntnistheoretischer Art recht wohl fähig halten, sei zur Versöhnung eines sonst allzuweit von der verbreiteten Beschränkung auf Relativitäten abweichenden Gegensatzes noch auf Folgendes hingewiesen: Gewiss sind die relativen Bewegungen ausnahmslos das ttq6t£qov tiqqq wäg, der Erkenntnisgrund, auf den sich all unser nicht bloss abstract unanschauliches Wissen um die Bewegung und ihre Gesetze gründen muss. Hiermit aber verträgt sich ja hier wie sonst überall, dass unser Erkennen über sich selbst hinaus an Realgründe, an ein Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 155 ngoTEQov Ttj yvou, denkt; wofür das simple Beispiel *) das vom Thermometer ist, aus dessen Steigen wir auf Erwärmung schliessen, eben indem wir denken, dass erst aus der Erwärmung das Steigen hervorgegangen sei. Nichts wesentlich anders als diese unentbehrlichste Logik ist es, keineswegs schon dunkle Metaphysik, wenn wir die relativen Bewegungen unseres physikalischen Wissens aus absoluten Bewegungen hervorgegangen denken, von denen wir freilich viel weniger wissen, als von jenen relativen — nämlich, wie oben schon wiederholt zugegeben wurde, schlechterdings nichts Concretes über die absoluten Richtungen und Geschwindigkeiten solcher Translationsbewegungen, bezw. geradlinig gleichförmiger Bewegungen von Punkten, ohne doch diese abstracten Begriffe selbst los werden zu können. Auch jenes unser Wissen, dass wir über jene concreten Bestimmungen nichts wissen und nichts wissen können, hätten wir ja nicht ohne logisch tadellose Begriffe von dem Nichtzuwissenden.
Indem ich hoffe, den nicht mir allein, sondern trotz aller gegenteiligen Versicherungen doch den Allermeisten vorschwebenden Begriff der absoluten Bewegungen vor dem Vorwurf der Inhaltsleere gerade dadurch einigermaassen gesichert zu haben, dass wir seine Inhaltsarmuth zugeben, möchte ich nun noch vor einem Auskunftsmittel warnen, welches sich in den Aeusserungen der Relativisten aus den letzten Jahrzehnten immer häufiger herangezogen findet und das mir beinahe wie die Stimme eines bösen Gewissens zu klingen scheint. Es ist der „Aether", welcher, weil es mit dem Neümannschen Körper Alpha und ähnlichen Auskunftsmitteln nicht vorwärts wollte, den Bezugskörper um jeden Preis abgeben soll. Ich gestehe nun, in dieser Sache ein viel anspruchsvollerer Eelativist zu sein, als alle diejenigen, welche den Aether als Bezugskörper empfehlen oder doch gelten lassen. Denn das verlangt ja die dritte (S. 130), die Hauptbedeutung der These: „Alle Bewegung ist relativ", dass auch das zweite Relationsfundament direct für sich, sozusagen absolut, wahrnehmbar sein müsse; und nur dort, wo es mit den Wahrnehmungen nicht mehr vorwärts will, wird ja der Aether angerufen. Mag nun aber der Licht-, der elektrische, der Schwere-Aether (vielleicht auch die Identität dieser zur Erklärung verschiedener Erscheinungskreise ersonnenen Hilfs-Stoffe) aus directen Daten mit so hoher Wahrscheinlichkeit erschlossen sein, dass der Physiker mit ihnen wie mit direct ') Weitere Beispiele vgl. Logik, § 68.
156 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
wahrnehmbaren und wahrgenommenen Grössen arbeitet (über das Maass der Berechtigung einer derart festen Ueberzeugung vom Aether sind bekanntlich die Meinungen immerhin noch geteilt): jedenfalls hätte aber dann der nicht den Licht-, den elektrischen, den Schwere -Phänomenen zuliebe, sondern nur dem Dogma zuliebe, jede Bewegung müsse relativ sein und daher müsse es auch, wenn keinen wahrnehmbaren, so einen unwahrnehmbaren Bezugskörper geben, angenommene Aether zum allermindesten erst irgendwie darüber sich auszuweisen, dass er, dieser „Relativitäts-Aethe r", wirklich mit einem jener physikalischen Aether oder allen zugleich identisch sei. — Zudem könnte, wer nicht schon dogmatischer Relativist ist, auch hier die Frage nicht unterdrücken, ob dieser Aether als Ganzes absolut ruhe oder sich absolut bewege; natürlich wird er sofort hinzufügen, dass auch für dieses Aetheruniversum die absolute Eichtung und Geschwindigkeit seiner Bewegung nicht erkennbar wäre. — Schon die Möglichkeit eines solchen Weiterfragens dürfte den Eindruck bekräftigen, dass wir durch die Annahme eines Relativitäts-Aethers wenigstens um nichts physikalisch — und ich glaube freilich: womöglich noch weniger philosophisch — weitergekommen sind und je weiterkommen werden.
Gilt es nicht Fictionen zu erkenntnistheoretischen Zwecken, sondern physikalische Wirklichkeiten, so zweifle ich keinen Augenblick — ganz mit Mach, der der Einzige ist, welcher statt aller fingirten Körper Alpha, gyroskopischen Compasse u. s. f. auf den F i x s t e r n h i m m e 1 als das einzige physikalisch brauchbare Bezugssystem sich beschränkt hat —, dass wirklich niemals ohne sehr wesentliche Mitbeteiligung gerade nur dieser Relation in einer physikalischen Mechanik gearbeitet worden ist oder gearbeitet werden wird.
Mit dieser Ueberzeugung aber ist noch gar nichts entschieden zwischen zwei Möglichkeiten: der einen, dass schon zum Begriff der Bewegung, unmittelbar oder mehr oder minder mittelbar, eine Beziehung auf den Fixsternhimmel gehöre; und der anderen, dass wir den Fixsternhimmel deshalb und nur deshalb so brauchbar als Universal-Coordinatensystem finden, weil wir aus der — von den auf „ Tischen" rollenden „Kugeln" ausgehenden, bis zum Theorem von der „invariablen Ebene" des Planetensystems ausgebauten und endlich auf alle leuchtenden und nichtleuchtenden Weltkörper ausgedehnten — Mechanik wissen oder mit evidenter Wahrscheinlichkeit vermuthen, dass auch der Fixsternhimmel sammt allen Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 157 für uns unwahrnehmbaren kosmischen Massen als Ganzes nicht anders als translatorisch im absoluten Raum sich bewege (oder vielleicht ruhe, was aber nur e i n Fall unter unendlich vielen gleich möglichen wäre).
Ich habe schon dargelegt, welche Gründe mir nur für die zweite Möglichkeit zu sprechen scheinen. Ich möchte aber noch einen Grund gegen die erste Auffassung geltend machen, und erlaube mir ihn in die Form der etwas paradoxen Frage zu kleiden: Hätten wir heute eine Mechanik, und zwar wesentlich unsere, die GALiLEi-NEWTON'sche Mechanik, wenn sich bei Galilei's Geburt derHimmel bewölkt und seither nichtwieder geklärt hätte? Die Frage müsste offenbar verneint werden, wenn wirklich schon zu allen denjenigen Begriffen, welche, wie der der „Bewegung" in dem Gegenstand der Mechanik, und wie die phoronomischen Unterschiede einer gleichförmigen und ungleichförmigen, einer geradlinigen und krummlinigen in den allerersten Principien der Mechanik, die Beziehung zum sichtbaren Fixsternhimmel als ein constitutives Merkmal gehörte. — Ich glaube aber, die Wenigsten werden jene Frage wirklich verneinen wollen, und sie werden sich auch nicht einschüchtern lassen durch den Einwand, dass wir „nicht wissen können", was bei so anhaltend schlechtem Wetter alles passirt und nicht passirt wäre. Billard gespielt z. B. wäre wahrscheinlich erst recht fleissig worden, und so wäre zunächst das Trägheitsgesetz weder unentdeckt noch unausgesprochen und unangewendet geblieben. Aber auch das Kanonenschiessen hätte sich weiter entwickelt, und so wäre jedenfalls die westliche Deviation bei weiten Schüssen nach Süden bemerkt, hiedurch die Drehung der Erde entdeckt, später durch ein Foucault'sches Pendel bestätigt worden u. s. f.: kurz, es fehlte wahrscheinlich auch dann nichts zu unseier heutigen physikalischen und mathematischen Mechanik...Eher noch als in logisch-begrifflicher Hinsicht wäre jener bedeckte Himmel dem Fortschritte der Wissenschaft dadurch schädlich gewesen, dass das anhaltend trübe Wetter die zum Forschen nöthige Heiterkeit beeinträchtigt hätte...
Um was aber bei Wegfall unseres (trotz Eigenbewegungen der Fixsterne, Veränderlichkeit des Sterntages*) und dgl.) durch keinen *) Ich bin auf alle den Einwürfen gegen einen absoluten Raum mehr oder weniger ähnlichen gegen eine absolute Zeit und ihre Messung nicht eingegangen, zunächst weil auch KANT in unserer Schrift sie nicht berührt. (Einiges hierüber in meiner Psychologie, § 52, S. 360.
158 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
gyroskopischen Compass an Orientirungswert übertroffenen Coordinatensystems, des Fixsternhimmels, die physikalische Mechanik an numerischer Genauigkeit unvermeidlich ärmer wäre, um ebensoviel wäre die „Philosophie der Mechanik" reicher. Denn die des Blickes auf den glitzernden Sternhimmel beraubte „Sensation" (im Sinne Locke's) hätte dann wohl längst der „reflection" neben sich den dieser gebührenden Platz eingeräumt: dieser psychologischen, logischen, erkenntnistheoretischen Reflexion bleibt eine eigenartige Freude vorbehalten an der wunderbar complicirten psychischen Formen der Vorstellungs- und Urteilsbildung, die uns über blosse „Empfindung" hinaus bei unserem Wissen und Verwerten mechanischer Realitäten und Relativitäten zur Verfügung stehen, und die uns zu einem erst aus den Relationen zu gewinnenden Begriff von und Wissen um einen absoluten Raum und eine absolute Bewegung*) überhaupt verhelfen.
Indem ich der Mechanik die Philosophie der Mechanik gegenüberstelle, rühre ich an den alten Streit, ob es eine Philosophie neben den anderen Wissenschaften überhaupt geben könne *) Dass ich nicht eine phsyikalisch ganz verlorene Position durch obige Beiträge zur Philosophie des Absoluten zu halten versucht habe, darüber beruhigen mich — ausser zahlreichen mündlichen Aeusserungen, die ich seit vielen Jahren bei Physikern und Mathematikern einzuholen nicht versäumt habe — auch so manche furchtlose litterarische Kundgebungen für absoluten Raum und absolute Bewegung. Ich führe hier nur zwei an: VOLK MANN („Ueber Newton's Philosophiae naturalis principia mathematica und ihre Bedeutung für die Gegenwart", Vorträge, gehalten zu Königsberg 1898, 17 S.), sagt zunächst unter Hinweis auf die Untersuchungen von LAPLACE, DELAUNAY und ADAMS über die Veränderlichkeit unserer dem Fixsternhimmel entnommenen Zeitsecunde: „Wenn man im Hinblick auf jene neueren Untersuchungen das liest, was NEWTON am Ende seiner Definitionen unter „Scholium4 über die absolute, wahre mathematische Zeit auf der einen Seite, über die relative, scheinbare, gewöhnliche Zeit auf der anderen Seite sagt, kann ich nicht finden, dass dabei NEWTON unter dem Einfluss mittelalterlicher Philosophie zu stehen scheint, oder dass er sich mit müssigen, metaphysischen Begriffen beschäftigt.
Aehnlich werden wir NEWTON's Aeusserungen über den absoluten und relativen Raum aufzufassen haben. Es ist ja ganz richtig, dass wir uns räumlich zunächst nur relativ Orientiren können, aber beim Ausbau des wissenschaftlichen Systems erhebt sich die Forderung, ein weiteres Orientirungselement einzuführen. Von dieser Forderung durchdrungen erscheinen moderne Untersuchungen, wie die über den Unterschied der Grundgleichungen der Elektrodynamik für ruhende und Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 159 ( — um das einstige „über" streitet ja heute kein wissenschaftlicher Philosoph mehr); speciell, ob es eine Erkenntnistheorie neben dem Erkennen geben kann und soll. Nicht einen allgemeinen Beweis bewegte Körper — und wenn wir NEWTON daraufhin studiren, werden wir in seiner Darstellung sehr verwandte Tendenzen mit modernen Untersuchungen auffinden können. Mag der Ausdruck „Spatium absolutum* zu Bedenken Anlass geben, mag der damit zu verbindende Begriff NEWTON nicht gleich anfänglieh mit voller Klarheit entgegengetreten sein; wir werden um so weniger berechtigt sein, den Ausdruck NEWTON's zu seinen Ungunsten zu interpretiren, wenn wir sehen, wie er in der Unterdrückung metaphysisch so verdächtiger Stellen, wie „Centrum systematis mundani quiescere", von der ersten zur zweiten Auflage fortgeschritten ist.
Bleiben wir, wie MACH es thut, bei der Thatsache der relativen Orientirung stehen, dann erscheint die geocentrische Auffassung nach PTOLEMÄUS gleichwertig mit der heliocentrischen Auffassung nach KOPERNIKUS. Sehen wir uns beide Auffassungen im Lichte der NEWTONschen Darstellung an, dann kann man sagen, es ist die Forderung NEWTONS nach Orientirung im Raum, welche zu Gunsten von KOPERNIKUS entscheidet — oder auch umgekehrt, die ganze NEWTONsche Gravitationsanschauung entscheidet zu Gunsten der inneren Berechtigung der Forderung nach Rauinorientiruog im Sinne von KOPERNIKUS.
Auch hinsichtlich der Unterscheidung einer absoluten und relativen Drehung muss ich den NEWTONschen Standpunkt vertreten. Ebenso wie wissenschaftlich die Standpunkte des KOPERNIKUS und PTOLEMÄUS sich gegenseitig ausschliessen, trotzdem beide sinnlich von einander nicht zu unterscheiden sind und demnach beide Fälle für denselben Fall gehalten werden könnten, wird wissenschaftlich auch die Drehung de3 Wasserglases NEWTONS gegen den Fixsternhimmel unterschieden werden müssen von der Drehung des Fixsternhimmels gegen das Wasserglas. Das directe sinnliche Unvermögen einer Unterscheidung beider Fälle wird allerdings die Entscheidung der Frage ganz offen lassen müssen, ob der systematische Fortschritt der Wissenschaft eine solche Unterscheidung vielleicht einmal fordert. So aufgefasst hat aber die NEWTON'sche Forschung dagegen entschieden, dass der Fixsternhimmel als sich im Kreise drehend angesehen werden kann, mit anderon Worten: die Drehung des Fixsternhimmels um die ruhende Erde setzt ein überaus künstliches System von Kräften im Sinne NEWTON's voraus, und die Auseinandersetzungen NEWTON's über Zeit, Raum und Bewegung können in diesem Zusammenhange gar nicht als müssige metaphysische Speculationen aufgefasst werden. Es sind Forderungen der Forschung, welche NEWTON in seiner Darstellung vorwegnimmt." — Für die absolute Bewegung ist ferner jüngst POSKE eingetreten in seiner schon oben (S. 83) erwähnten Anzeige von JOHANNESSON's Programm über „Das Beharrungsgesetz". Indem ich hier diejenige Hauptstelle, in welcher POSKE seine eigene Auffassung in kurzen Andeutungen darlegt, wiedergebe, darf ich es dem Leser überlassen, die wenigen, fast untermerklichen Nuancen zwischen POSKE's und meiner Auffassung zu vermerken: „Man verwirrt die ohne Frage hier vorhandenen Schwierigkeiten bis zur 160 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik: für die Bejahung dieser Streitfrage gedenke ich hier anzutreten, denn alles hiefür Nöthige scheint mir seit Langem aufs überzeugendste gesagt*) Dass zum mindesten Logik, Ethik und Psychologie völligen Unlösbarkeit, wenn man die KANT'sche Lehre von der Transscendentalität des Raumes in die Untersuchung hineinzieht. Auch KANT gesteht dem Raum „empirische Realität" zu und giebt demnach der Physik die Möglichkeit, einen realen Raum (entgegen der DESCARTES sehen Auffassung) bei ihren Festsetzungen zu Grunde zu legen. Die Frage nach der Denkbarkeit einer absoluten Bewegung ist für die Physik mit dem Zugeständnis eines realen Raumes ohne weiteres in bejahendem Äinne beantwortet...Auch für die Drehbewegung wird sich der absolute Charakter füglich nicht wegdisputieren lassen. Ein Versuch des Verfassers, die Relativität der Drehbewegung experimentell zu beweisen [vgl. o. S. 123], ist missglückt und würde voraussichtlich auch bei sorgfältigerer Versuchsanordnung zu keinem andern Resultate führen. Wenn nun eine absolute Bewegung auch denkbar ist, so ist sie doch ohne Bezugskörper oder Achsensystem weder erkennbar, noch einer genauen Beschreibung zugänglich. Nach allen darüber stattgehabten Diskussionen ergibt sich, dass man nichts weiter thun kann, als ein nach den Fixsternen orientirtes Achsensystem zu Grunde zu legen. Wollte man hiergegen die Veränderungen in der Lage der Fixsterne gegen einander ins Feld führen, so wäre damit doch nichts gegen die Möglichkeit eines absoluten Achsensystems bewiesen, sondern nur die Aufgabe gestellt, jede spätere Lage der als Bezugskörper gewählten Fixsterne auf die frühere zurückzuführen. Ueber die Noth wendigkeit der Wahl eines Bezugssysteme^ sobald es sich um Aussagen über irgendwelche Bewegung handelt, kann nach C. NEUMANN's Auseinandersetzungen kein Zweifel mehr bestehen."
*) Sehr entschieden hat diese Beziehung zwischen Philosophie und Psychischem LlPPS in seiner Psychologie von 1883 betont, und dann ähnlich, ohne damals hievon zu wissen, MEINONG in seinem Buche „Ueber philosophische Wissenschaft und ihre Propädeutik", 1885. — Die erste mir bekannte Bestimmung des Gegenstandes der Philosophie als sich deckend mit dem Psychischen als solchem, den Gegenständen der inneren Erfahrung, finde ich in den Philosophischen Monatsheften, 1876 S. 346, wo MEINONG (gelegentlich einer Anzeige von SPlCKER's „Kant, Hume und Berkeley") sagt: „Referent muss also auf die alte Frage zurückkommen: ist die Philosophie bei der Teilung der Erde wirklich eer ausgegangen? Zum Glück richtet sich kein Ding nach den Definitionen, die man von seinem Begriffe aufstellt, und so ist auch der Philosophie, wie Referent meint, ein ganz eigenthümliches Gebiet geblieben, das ihr keine andere Wissenschaft streitig machen kann; sie hat es darum auch nicht nöthig, aus der Reihe der empirischen Wissenschaften herauszutreten, dagegen wird ihr aber der eigenthümliche Charakter ihres Gebietes in der That zuweilen gestatten, in ihren Folgerungen grössere Allgemeinheit als andere Disciplinen zu erzielen. Referent trägt also kein Bedenken, die Philosophie unter dieErfahrungs Wissenschaften zu zählen, nur mit dem Zusatz, dass die Erfahrung, mit der sie sich beschäftigt, nicht äussere, sondern innere Erfahrung ist. Auf diesem Gebiete hat die Philosophie, vor allem in der Psychologie und Logik, alle wirklichen Erfolge errungen, die sie aufzuweisen hat; und soll sie anderen Wissenschaften ebenbürtig Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück -.Phänomenologie. 161 wissenschaftliche Disciplinen sind und allgemein „philosophische Disciplinen" genannt werden, bildet den der Willkür des Einzelnen entrückten Beweisgrund dafür, dass „man" unter Philosophie, thatsächlich einen Inbegriff von Disciplinen verstehe, welche den verschiedenen Aeusserungen des Psychischen — die Logik dem richtigen Deüken, die Ethik dem guten Wollen und die Psychologie allen Elementarformen des Geistes- und Gemüthslebens — näher stehen, als die anderen, specielleren Geisteswissenschaften und als umsomehr die Naturwissenschaften.
Kant hat, indem er die ganzen „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" hindurch (von wenigen Ausnahmspunkten abgesehen) die Wesensverschiedenheit zwischen den mechanischen Lehren selbst und der erkenntnistheoretischen (oder wie er es nennt, kritischen, transscendentalen) Reflexion auf den Erkenntnis Vorgang festhält und einschärft, ein charakteristisches Beispiel dafür gegeben, dass das Auseinanderhalten von Naturwissenschaften und Philosophie bei aller Schärfe des Unterschiedes keinerlei Gegensatz bedeutet. Und speciell durch den an sich etwas befremdenden Titel „Phänomenologie" des IV. Hauptstückes hat er angedeutet, dass das Hauptproblem der ganzen theoretischen Philosophie, das Verhältnis des Erkennens zu seinem Gegenstande, eben schon dort anfängt, wo man auch nur von „Phänomen" spricht. Denn was wäre das für ein „Erscheinen", zur Seite stehen (mehr wünscht Referent ihr gar nicht), so wird das nur durch ebenso exacte empirische Forschung zu erreichen sein, als die war, welehe die anderen Wissenschaften auf ihre gegenwärtige Höhe emporhob."
Indem ich mich zu dieser Abgrenzung der Philosophie nach einem bestimmten Gegenstande, dem Psychischen und was mit ihm zusammenhängt, bekenne, kann und will ich an dieser Stelle nicht eingehen auf die Gründe und Bedenken, welche dagegen protestieren, dass man »die Philosophie in Psychologie aufgehen" lasse. Von allem, was hiegegen zu sagen wäre, nur die Feststellung, dass durch den erkenntnistheoretisch näher zu begrenzenden, dann aber auch verbürgten Primat des Psychischen der Philosophie wirklich sogar etwas, wie ein »Über" den Einzeldisciplinen (sogar ihren eigenen) sozusagen wider ihren Willen zufällt. Es lässt sich nämlich im Contraste gegen die Thatsache, dass die im engeren Sinne sogenannte Naturwissenschaft als ganze und in joder ihrer Disciplinen grundsätzlich vom Psychischen, von der „psychischen Natur", abstrahiert, darauf hinweisen, dass nicht ebenso die Philosophie vom Physischen abstrahieren kann — so dass man vielleicht sogar sagen könnte: „Philosophie ist die Wissenschaft, die von nichts abstrahiert; welche Bestimmung aber nun freilich nicht etwa als strenge Definition, sondern mit einigem Humor genommen sein will.
162 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
zu dem man kein Denken denken dürfte, dem es erscheint? Diejenige neueste Philosophie freilich (z. B. Münsterberg's, auch wieder Cornelius' in seiner Psychologie), welche von psychischen „Inhalten" spricht und dabei nicht merkt, dass schon das Wort „Inhalt" zu viel gesagt ist, wenn man die Correlation zum psychischen „Act" zugleich mit diesem gestrichen hat, mag freilich zusehen, wie sie sich auch nur mit dem Namen des „Phänomens" abfindet. — Aber auch was nun den besonderen Gegenstand dieser KANT'schen Phänomenologie betrifft, so dürfte vielleicht nur zu sehr sich bestätigt haben, was eingangs dieses Hauptstückes gesagt wurde: dass uns gerade die Probleme des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung zu einer auch vor Subtilitäten nicht zurückschreckenden psychologischen Analyse unserer Vorstellungen von „Gegenständen höherer Ordnung" noch unerbittlicher zwingen, als selbst die Probleme der Masse, der Kraft und was sonst an Begriffen der Mechanik allezeit die philosophische Reflexion herausgefordert hat.
Aber auch abgesehen von dem speciellen Problemkreise, den Kant in dem letzten und den vorausgegangenen Hauptstücken seiner Schrift behandelt hat, und namentlich abgesehen von allen Mängeln seiner Lösungen im Einzelnen, dürfte sich aus ihr für das Verhältnis von Mechanik und Philosophie der Mechanik ganz allgemein noch dieses lernen lassen: Ist der Philosophie als einem Inbegriff von Disciplinen eine gemeinsame Eigenthümlichkeit ihres Gegenstandes gesichert und macht sich die Eigenart dieses Gegenstandes, die unmittelbare Beziehung zum Psychischen, auch dann noch geltend, wenn eine dieser Disciplinen, die Erkenntnistheorie, dem Erkennen eines physischen Thatsachenkreises, wie es die Principien der Mechanik sind, zugewendet ist, so ergeben sich für den gedeihlichen Betrieb speciell einer „Philosophie der Mechanik" naheliegende Rathschläge. Den Blick auf die jeweilig neueste Phase des sozusagen innermechanischen Denkens gerichtet zu halten und jeder Wandlung in den Forschungsergebnissen selbst oder auch des blossen Geschmackes der Forscher an der wandelbaren Form der Darstellung mit ausreichendem Sachverständnis zu folgen, ist auch für den Erkenntnistheoretiker als solchen selbstverständliche erste Pflicht. Sollte es also richtig sein, dass innerhalb der Mechanik ein neues Weltbild auszureifen beginnt, so hat der Philosoph als solcher in diesen Process nichts dreinzureden, sondern sein Ergebnis einfach zur Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 163 Kenntnis zu nehmen (vorausgesetzt, dass diese Wandlung selbst aus innermechanischen, nicht aus philosophischen oder pseudophilosophischen Motiven sich vollzieht). Während aber das Erkennen mechanischer Dinge seinen eigenen Wegen folgt, entwickeln sich — so wollen wir hoffen — auch Psychologie und Logik, und soweit es eine von diesen Disciplinen verschiedene Erkenntnistheorie giebt, auch diese. Es verfeinert sich die Technik der psychologischen Analyse, es vermannigfaltigen sich die Gesichtspunkte und Maassstäbe, nach denen früher von der Logik wenig beachtete Denkformen (das Hauptbeispiel ist noch heute die Wahrscheinlichkeitslehre und ihr häufigst genanntes Anwendungsgebiet, die Logik der Induction) mehr und mehr gewürdigt werden. Die Erkenntnistheorie endlich sucht sich nicht nur den einzelnen Stoffen der Einzeldisciplinen immer inniger anzupassen, sondern auch ihre eigenen Leitbegritfe vermannigfaltigen sich im Hinblicke auf die Vermannigfaltigung von Inhalt und Form jener Disciplinen; und mancher Gegensatz, wie der einst überschraubte des Apriori und Aposteriori, behält zwar immer noch den Wert einer durch die Thatsachen des Erkennens gebotenen Unterscheidung, ohne dass ihm der (für wissenschaftliche Dinge immer beschämende) Zug, Parteisache zu sein, anhaften bliebe.
So müssen wir uns denn jeden Arbeiter, der die Philosophie der Mechanik will mit fördern helfen, als einen Mann mit vorwärtsgewendetem Antlitz vorstellen. „Rückkehr zu Kant", oder „Rückkehr zu Hume", oder zu Locke oder zu wem sonst, wird für den nicht nöthig sein, der das gute Gewissen hat, auch als Philosoph nicht Autoritäten, sondern bestimmten Thatsachen, eben den psychischen (einschliesslich denen alles Erkennens), ins Gesicht zu schauen: will ich aber schauen, so darf zwischen mir und dem zu Schauenden nichts, auch nicht die Gestalt des grössten Philosophen, stehen. Unsere philosophische Jugend muss sich den Muth des Bewusstseins aneignen, an der Spitze zu marschiren. Aber ehe wir uns als philosophische Jugend betrachten, müssen wir uns freilich das Bewusstsein erworben haben, etwas gelernt zu haben — bei Solchen gelernt zu haben, die einst ihrerseits zwischen eich und den Thatsachen keinen Mittelsmann geduldet haben. Man hat an Kant oft und mit Recht den Mangel an historischem Sinn beklagt — dass ihn ein starker Glaube an die Mannigfaltigkeit und feine Articulation der Thatsachen des schärfsten Erkennens wie der des ethischen Wollens beseelt habe, darf auch derjenige zugeben, dem sich eben diese Thatsachen oft so ganz anders als jenem eigenartigen Manne darstellen.
164 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" sind ein Beispiel dafür, dass Kant erkenntnistheoretische Probleme von einer Mannigfaltigkeit und Zuspitzung, wie er sie von keinem Vorgänger hätte historisch ablernen können, sogar in demjenigen Stoffgebiete gefunden hat, das materiell zu seiner Zeit noch viel weniger angezweifelt war als in unseren Tagen. Die vorstehenden Andeutungen zu einer von der KANT'Schen fast durchwegs abweichenden Behandlung jener Probleme nach der Technik einer jungen Erkenntnistheorie haben nach der stofflichen Seite die grössere Chance des Weiter- und Ueberlebens auf Seiten der alten, der Galilei-Newtonschen Mechanik gefunden, und sie haben die Wurzel der heute so häufig — am schärfsten von Hertz — ausgesprochenen Unbefriedigung mit dem Gesammtzustande der Mechanik nicht in jenem Inhalte, sondern in seiner hergebrachten logischen Form — genauer: in den zur logischen Verarbeitung jenes Inhalts verwendeten erkenntnistheoretischen und metaphysischen Leitbegriffen zu finden geglaubt. Es dürfte so am vorsichtigsten ebensowohl der von uns für wahrscheinlich gehaltenen künftigen Rehabilitirung jener alten, wie auch der von uns als minder wahrscheinlich, aber immerhin als möglich zugegebenen, stofflich mehr oder minder neuen Mechanik gedient sein, wenn sich für einige Zeit die Arbeit der Philosophen als solcher auf die immer wieder erneute Prüfung jener logischen*) Form der bisherigen Mechanik concentrirt. Will diese Arbeit Muth gewinnen, es sich nicht leicht, sondern wie jede ernste Forschung so schwer zu machen, als es der edle Gegenstand nur immer verlangen kann, so giebt es für diesen sozusagen ethischen Vorsatz kein strengeres Beispiel als den — wie ihn jüngst Edmund Pfleiderer, keineswegs Kantianer von Observanz, genannt hat — „transscendentalen Bohrer und Bergmann Kant".
*) Dass das Bedürfnis nach logischer Tadellosigkeit eines gegebenen oder werdenden Wissensstoffes — ich möchte es wissenschaftlichen Reinlichkeitssinn nennen — nicht immer „Scholastik" sein muss, sondern sich sehr wohl mit sachlichster Productivität verträgt, darüber beruhigen uns die Worte des letzten Verkünders einer neuen Mechanik. HEINRICH HERTZ', der die Vorrede seiner posthumen „Mechanik" mit den Worten schliesst: „Was, wie ich hoffe, neu ist, und worauf ich einzig Wert lege, ist die Anordnung und Zusammenstellung des Ganzen, also die logische oder, wenn man will, die philosophische Seite des Gegenstandes. Meine Arbeit hat ihr Ziel erreicht oder verfehlt, je nachdem in dieser Richtung etwas gewonnen ist oder nicht."
Inhalts-Übersieht.
Vorbemerkung S. 3—9. Seite Das physikalische und das philosophische Interesse an KANT's Schrift.. 7—9 Zur Vorrede S. 10—18.
Was heisst a priori? \\ Die relationstheoretische Definition von n priori 15 Sind KANT's Kategorien Relationen? 16 Zum ersten Hauptstück: Phoronomie S. 19—24.
KANT's Summierung von Geschwindigkeiten und der Streit um FECHNER's psychisches Maass 20 Addition von Gestaltqualitäten 24 Zum zweiten Hauptstück: Dynamik S. 25—67.
Dynamik im engeren und weiteren Sinne 26 KANT's Kräfte als Fluida 27 Zwei Fehler in der Definition: „Kraft ist die Ursache einer Bewegung".. 28 Teilursache statt Ursache 29 Energie und evi^yeia 30 Die physikalische Definition: „Kraft ist, was man in Dyn messen kann". 30 Kraft als Teilursache von Beschleunigung und von mechanischer Spannung; Kraft im phänomenalen und im nicht phänomenalen Sinne...31 HELMHOLTZ für nicht-phänomenale Kräfte 32 Beschleunigung als kinetische, Spannung als statische Wirkung von Kräften 33 MAX PLANCK für drei mechanische Grund-Phänomene 34 Kategoriale Quanta werden masszahlengleich gesetzt den ihnen correlativen phänomenalen Quantis 35 Zwei Bedenken von HERTZ gegen den Kraftbegriff 36—40 KlBCHHOPF über „die Unklarheit, von der die Begriffe der Ursache und des Strebens sich nicht befreien lassen" 40 Der psychologische Begriff „Streben" gehört nicht in den Inhalt des erkenntnistheoretischen Begriffes Ursache 41 Dagegen ist Notwendigkeit ein konstitutives Merkmal von Ursache...41 Was Notwendigkeit nicht leistet 41 — 45 Denknotwendigkeit und Naturnotwendigkeit 47 Regelmässigkeit als Erkenntnisgrund für Notwendigkeit als Realgrund.. 50 Notwendigkeiten zwischen Zahlen 53 — 56 Anthropomorphistische Elemente sind weder der Causal-Relation selbst, noch ihren Gliedern wesentlich 57 Kraft und Energie 57 OSTWALD's Energie als eine Art Materie 58—60 Energie und Causalität 61—63 Zum Begriff des Atoms 66—67 Die gegenwärtige Atomistik schliesst stetige Raumerfüllung nicht mehr aus 67 Zum dritten Hauptstück: Mechanik S. 68—119.
Zum Massenbegriff 69—78 Masse als Eigenschaft oder als Ding? 70 Mechanische Masse und thermische Masse 71 Die specifischen Sinnesenergien und der Körper- und Massenbegriff...74 Massen als Körper, der Begriff der Spannung dem der Masse primär...76 Zum Trägheitsgesetz 78—119 KANT's Trägheitsgesetz nicht inhaltsgleich mit dem NEWTON'schen...78 KANT's „ innere BestimmuDgen" und MAXWELL's „so far as in it lies*.. 79 MAXWELL's experimenteller Nachweis des Trägheitsgesetzes 82—89 MAXWELL's Apriori-Beweis für das Trägheitsgesetz 89 Das erkenntnistheoretische Restglied im Probleme des Trägheitsgesetzes 91 — 104 Die objektive Einfachheit als das apriorische Complement zum empirischen Trägheitsgesetz 93 Es könnte auch ein anderes Trägheitsgesetz geben 97 HERTZ' Paradoxon: „Was aus Erfahrung stammt, kann durch Erfahrung wieder vernichtet werden" 98